Neue Medien

3/2015 - Handeln mit Symbolen

Rezension: Die Entdeckung Deutschlands. Science-Fiction als Propaganda

von Britta Lange

AutorIn: Johanna Lenhart

Einer der ersten und wohl eigentümlichsten deutschen Propagandafilme des Ersten Weltkriegs Die Entdeckung Deutschlands war lange verschollen. Johanna Lenhart rezensiert Britta Langes Geschichte einer filmischen Wiederentdeckung.

Verlag: Verbrecher
Erscheinungsort: Berlin
Erscheinungsjahr: 2014
ISBN 978-3-95732-019-3


Cover: Die Entdeckung Deutschlands
von Britta Lange,
Quelle: Amazon

Im Winter 1916/17, dem sogenannten "Hungerwinter", waren sich die Propaganda der Entente-Mächte einig: Das Deutsche Reich ist am Ende. Die Bevölkerung hungert, die Industrie ist zerstört und steht still, Versorgungsschwierigkeiten dominieren die Heimatfront. Die deutsche Propaganda sieht das freilich anders und schickt, um den Behauptungen des Auslands etwas entgegenzusetzen, kurzerhand "neutrale" Kriegsbeobachter nach Deutschland: Die Marsbewohner Mavortin, ein Journalist, und Marsilius, ein Gelehrter, sowie dessen Tochter Marsiletta treten die lange Reise auf die Erde an, um zu überprüfen ob die Nachrichten, die sie von gegnerischen Mächten zur Lage Deutschlands empfangen haben, denn der Wahrheit entsprechen. Quer durch das Deutsche Reich reisend können sie sich aber bald vom Gegenteil überzeugen: Die Bevölkerung ist gut versorgt und wohlgenährt, Industrie und Wirtschaft produzieren ohne Unterlass und die zwischendrin bestaunten Kulturdenkmäler zeugen von der Größe Deutschlands – ein Bild, das so stark von der Realität abweicht, dass sich sogar die zeitgenössische deutsche Kritik mitunter etwas pikiert zeigte. Die Marsianer, die auf ihrer Erkundungstour durch Deutschland in diverse Abenteuer und Romanzen verstrickt werden,  sind dabei nicht die in Science-Fiction Filmen später so populären, kolonialistisch motivierten, angsteinflößenden, fremden Wesen von ‚outer space‘, sondern kaum vom Menschen zu unterscheidende Außerirdische, die als scheinbar unvoreingenommene, "neutrale" Kriegsbeobachter und -berichterstatter die Lage an der Heimatfront erkunden.

Dieser Film mit dem bezeichnenden Titel Die Entdeckung Deutschlands (1916, Regie: Georg Jacoby, Drehbuch: Richard Otto Frankfurter) – der erste offiziell als solcher produzierte Propagandafilm für die Heimatfront – war lange verschollen und vergessen bis die Berliner Kulturwissenschaftlerin Britta Lange bei Recherchen zum Ersten Weltkrieg über eine fragmentarisch erhaltene, niederländische Fassung stolperte. Mithilfe dieses im Filmmuseum Amsterdam aufgefundenen ca. 15 minütigen Fragments und mit den, durch die Zensurkarte einer deutschen Version von 1924 erhaltenen Zwischentitel, rekonstruiert Lange den ursprünglich etwa einstündigen Film – ein Film, der nicht nur die Anfänge der deutschen Filmpropaganda und die damit verbundene Diskussion reflektiert, sondern auch ein seltsamer Hybrid verschiedenster Genres und Elemente ist: Die Science-Fiction Rahmenhandlung, die von Einflüssen des frühen Films wie etwa Méliès’ Le voyage dans la lune zeugt, wird vermischt mit Elementen des propagandistischen Industriefilms und Versatzstücken von Trivialliteratur und Märchen und ist gleichzeitig ein pseudoethnographischer Reisefilm, "der Märchen und Wahrheit miteinander verbinden soll."

Vor dem Hintergrund von Langes Forschungen zu Kolonialismus und Medien, ist es kaum verwunderlich, dass ihr Interesse besonders diese Form des fingierten Reiseberichts trifft. Durch die Einbindung in eine Reiseerzählung werden die den Film dominierenden Aufnahmen von Industrie und Kulturbauten wie in einem Travelogue zusammengehalten, ein Verfahren, das in ethnografischen Filmen Anfang des 20. Jahrhunderts gang und gäbe war. Die Forschungsreisenden vom Mars beobachten das Leben im fernen Deutschland, zeigen durch die Verbindung mit dem Propagandafilm aber natürlich "keine Zustandsbeschreibung des Realen, sondern eine imaginäre Ethnografie, die Beschreibung einer imaginierten deutschen Gesellschaft."

Eine ethnografische Fiktion, die dem Film als Propagandawerk sehr zugutekommt: Die Beobachter vom Mars vermitteln dem Zuschauer die Illusion einer ‚neutralen‘ Schilderung der Lage in Deutschland – ein Durchhaltefilm über die Heimatfront für die Heimatfront. Gleichzeitig ist der Film aber auch an das ‚neutrale‘ Ausland gerichtet, um dort der Propaganda der Entente, die von der baldigen Niederlage Deutschlands ausging, etwas entgegenzusetzen.

So ist Die Entdeckung Deutschlands zwar ein Propagandafilm, aber keineswegs einer, der nur mit eindeutigen Bildern und Zuschreibungen hantiert, sondern der zum einen versucht das neue Medium Film als Kunstform, die es zu entschlüsseln gilt, zu zeigen. Zum anderen reflektiert der Film auch die zeitgenössische Diskussion um die langsam auch in Deutschland angenommenen Möglichkeiten und Bedingungen für Propaganda als "Krieg mit geistigen Mitteln" – ist doch bereits der Anlass der Marsianer für die Reise zur Erde die Entlarvung von falschen Agenturmeldungen, die den Journalisten Mavortin auf dem Mars erreichen. So muss der Film nicht nur den Spagat von der Kritik an der gegnerischen Propaganda zum eigenen Propagandacharakter machen, sondern auch zwei Aufgaben gerecht werden: "Er sollte diejenigen missionieren, die an die deutsche Niederlage glaubten, sowie diejenigen, die den Film nicht als Propaganda- und Kunstform akzeptierten."

Das ausgezeichnet recherchierte und genau gearbeitete Bändlein, das in der Filmliteratur-Reihe "Filit", einer Kollaboration des Verbrecher-Verlags mit der Deutschen Kinemathek, erschienen ist, macht durch Langes Analyse ein lange verlorenes, in seiner Konstruktion einzigartiges, Filmdokument wieder zugänglich und zeigt sehr anschaulich und detailreich, wie die zeitgenössische Diskussion um Nutzen und Bedingungen sowohl von Propaganda wie auch von Kino an sich in die filmische Produktion Eingang fand. Die zahlreichen Bezüge und Querverbindungen, die Lange aufmacht, beschreiben den Weg eines Films durch die Propaganda- und Filmlandschaft einer Nation im Kriegszustand, zu einer Zeit, in der die mediale Inszenierung von kriegerischen Auseinandersetzungen erst am Anfang stand.

Tags

propaganda, science fiction, deutsche geschichte, 1. weltkrieg