Neue Medien

3/2015 - Handeln mit Symbolen

Rezension: Europa im Bild – Imaginationen Europas in Wochenschauen in Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Österreich 1948–1959

von Eugen Pfister

AutorIn: Paul Winkler

Auf Grundlage eines Katalogs von Europabildern als imaginierte Bausteine europäischer Integrationsprozesse von 1948 bis 1959 fragt Eugen Pfister nach dem Bild, welches sich EuropäerInnen jenseits intellektueller Zirkel in Wochenschauen von der Einigung machten.

Verlag: V&R unipress
Erscheinungsort: Göttingen
Erscheinungsjahr: 2014
ISBN: 978-3-8471-0198-7


Cover: Europa im Bild
von Eugen Pfister,
Quelle: Amazon

In Band 14 der Reihe „Schriften zur politischen Kommunikation“ herausgegeben von Angela De Benedictis, Gustavo Corni, Brigitte Mazohl, Daniela Rando und Luise Schorn-Schütte rekonstruiert der 2013 an den Universitäten Trient und Frankfurt promovierte Autor Eugen Pfister die audiovisuelle Repräsentation Europas der 1950er Jahre als gleichsam Ergebnis und Teil eines politischen Diskurses, der zu jeder Zeit einer ikonografischen Tradition verpflichtet blieb. Französische, westdeutsche, britische und österreichische Wochenschauen der Nachkriegszeit erweisen sich als lohnende Untersuchungsquellen, wenn es darum geht Wahrnehmungen des Integrationsprozesses bei den ArbeiterInnen und KleinbürgerInnen Europas zu verorten.

Ausgehend von der Frage welche Bilder sich EuropäerInnen vom Integrationsprozess machten reflektiert Pfister in seiner Einleitung über europäische Imaginationen als Ausdruck einer Dominanz visueller Quellen im 20. Jahrhundert sowie Unsicherheiten im historisch-bildwissenschaftlichen Forschungsbereich. Abschnitt zwei widmet sich im Bewusstsein von Bildwirkung im Sinne der ikonischen Wende Methodik und Umgang mit der Quelle Film in den Geschichtswissenschaften. Anschließend macht eine Produktionsanalyse der Wochenschauen in historischem Kontext das Format als Quelle lesbar, bevor der europäische Integrationsprozess in Wochenschauen über die Rezeption von Identitätsangeboten und Legitimationsstrategien inszenierter Politik wiedergegeben wird. Kapitel fünf sammelt – nach ihrer kommunizierten Botschaft sortierte – transnationale europäische Imaginationen, denen der Abschnitt Europabilder im Spannungsfeld zwischen Symbolischer Politik und nationalen Agenden genuin nationale Imaginationen Europas gegenüberstellt. In Pfisters Ausblick und Schlussfolgerungen werden letztlich die Aussagen des Integrationsprozesses aufgeschlüsselt und die Forschungsfragen abschließend stringent beantwortet.

Einer Danksagung – die sich auch explizit an die wissenschaftlichen Mitarbeiter diverser Medienarchive richtet – folgend reflektiert der Autor darüber, wie eine öffentliche Wahrnehmung des europäischen Integrationsdiskurses mittels ikonographisch-semiotischer Analyse zu rekonstruieren ist. Im Hinweis auf eine dem Medium eigene Bildmacht wird dem Europabild attestiert gleichsam Informationsträger und Baustein des Integrationsprozesses zu sein. Ziel des Autors ist es einen Katalog dieser Europabilder anzubieten, wobei einem Quellenkorpus von über 300 Wochenschauberichten die Akten des Presse- und Informationsdienstes der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl beigefügt werden. Dabei bearbeitet der Autor nicht nur aufgrund des Seltenheitswerts von Untersuchungen zur Geburtsstunde europäischer Integration wissenschaftliches Neuland. Wenngleich er unter Anleihe filmanalytischer Modelle von Helmut Korte und Marion Müller eine klare Struktur findet, indem er seine Arbeit in eine Produktions- und eine Produktanalyse gliedert, trägt sein Eingehen auf Methoden bildhistorischer Untersuchungen vorab – wie der Autor selbst bemerkt – dem Umstand Rechnung, dass Film- und Bildquelle in der Historiographie noch immer als Fremdkörper verstanden werden. Derart rechtfertigt Pfister die Wochenschauen als unerlässliche Quelle für Überlegungen zur Öffentlichkeit und Medienpolitik in der Anfangszeit europäischer Integration, stellt in einem Abriss des iconic turns Bilder als Konstrukte ihrer Zeit dar und bespricht ihre wirklichkeitskonstituierende Macht, bevor er sich schließlich dem Film als geschichtswissenschaftliche Quelle zuwendet. Trotz bildlicher Polysemie könne unter Berücksichtigung des historischen Kontexts eine konventionelle Rezeption entschlüsselt werden, womit Pfister seine historische Rekonstruktion der Rezeption von Europabildern legitimiert.

Innerhalb der historischen Kontextualisierung von Wochenschauen im Zuge der Produktionsanalyse zeichnet Pfister die Konsolidierung des Genres als Massenmedium sowie seine politische Instrumentalisierung nach, um in einem weiteren Schritt auf Wochenschauunternehmen nach 1949 einzugehen. Die periodisch kommunizierte Informationskondensation in Bild und Ton – von den europäischen Demokratien erneut als systemstabilisierendes Medium erkannt – reiht Pfister mithilfe von Kommentaren ehemaliger Mitwirkender zwischen Unterhaltungs- und Informationsmedien als Soft News-Format ein. Die Beschreibung dessen narrativer Ordnung, emotionalen Designs, Assoziationsmontagen sowie Einsatz von Ton und Musik weckt dabei unweigerlich gedankliche Verknüpfungen mit heute wiederum sehr modernen Flash-Versionen von TV-Nachrichtenmagazinen.

Kapitel vier geht auf die Visualisierung des Integrationsprozesses in den Wochenschauen ein, der ein historischer Bogen einer aus dem Kriegserlebnis geborenen Friedensidee bis hin zur Unterzeichnung der Römischen Verträge vorausgeht. Als Träger politischer sowie kultureller Identitätsangebote stellen sich die Berichte selbst als Legitimationsakte einer symbolischen Politik dar, der Pfister in Abkehr wertender Verständnisse einen Platz innerhalb demokratischer Systeme gibt. Der Autor bespricht daraufhin allgemeine Fragen der Rezeption von Wochenschauberichten, deren Bilder ohne von einer visuellen Politik zentral gesteuert zu werden, transnationale Öffentlichkeiten kreierten. Ihre dominanten Botschaften sind Helmut Korte folgend im Rahmen einer historischen Kontext- und Produktanalyse rekonstruierbar, wobei Pfister – trotz Hervorhebung psychologischer Faktoren des Kinoerlebnisses – die Wirkungsmacht der Bilder als Teil mehrstufiger Kommunikationsprozesse relativiert.

Innerhalb seiner Bildersammlung geht der Autor auf vier dominante Imaginationen Europas ein. An erster Stelle finden sich Imaginationen Europas als politische Gemeinschaft – publikumswirksame Inszenierungen diplomatischer Höhepunkte. Bilder von mächtigen Industrieanlagen, Produktionsabläufen prometheischer Qualität und Konsumgütern prägen die Imagination Europas als Wirtschaftsgemeinschaft. Ein zeitgenössischer Modernitätsdiskurs wird mit dem Abbau interner Grenzen bedient – illustriert durch aufgehende Grenzbalken und lachende Zöllner. Viertens wird Europa – durch Karten bebildert – als geografisch logisches Ergebnis vorgestellt. Alle Imaginationen greifen dabei auf bestehende Bildtraditionen zurück. Seinen Katalog abrundend sammelt der Autor rezessive Europabilder, welche zwar in zeitgenössischen Europadiskursen von Bedeutung waren, aber keine dauerhafte Präsenz in Wochenschauberichten entfalten konnten.

Anschließend untersucht Pfister, ob sich genuin nationale Europabilder von diesen transnationalen Imaginationen abgrenzen lassen und, ob es zu einer Instrumentalisierung der Supranationalität im Sinne nationalstaatlicher Politik gekommen ist. So werden für Westdeutschland etwa Selbstbestimmung, Westkurs und Schutz vor sowjetischer Bedrohung als Agenden europaorientierter Politik Konrad Adenauers sichtbar. Und während sich der Diskurs in Frankreich vor allem um die Beziehung zum Erbfeind Deutschland und der Frage nach der Konkurrenzfähigkeit nationaler Industrie dreht, diagnostiziert der Autor Großbritannien eine Ambuiguity bei vager Berichterstattung und wohlwollender Aufnahme des Einigungsprozesses. Österreich beschreibt Pfister in Bezug auf die europäische Integration als hin- und hergerissen zwischen wirtschaftlicher Notwendigkeit und politischer Unmöglichkeit am Integrationsprozess teilzunehmen. Ohne genuin österreichische Imaginationen Europas wird die Einigung derart im Sinne der Regierung als etwas Fremdes aber Erstrebenswertes wahrgenommen.

Abgesehen von Österreich läuten ausführliche Berichte für das Jahr 1959 eine neue Phase des Integrationsprozesses ein, die laut Pfister mit einer endgültigen Herausbildung eines Katalogs europäischer Imaginationen eigener ikonografischer Traditionen einhergeht. Pfister schlussfolgert aus seiner Gegenüberstellung transnationaler und nationaler Imaginationen, dass auf nationale Diskurse, ungeachtet unterschiedlicher nationaler Agenden, ein zweiter europaweiter Diskurs aufbaut, dessen Aussage durch nationale Motive nicht verändert wurde. Derart konnten punktuelle europäische Öffentlichkeiten entstehen. Abschließend lässt sich der Autor doch noch auf eine Wirkungsanalyse ein, wobei er – trotz relativierter Bildmacht – davon ausgeht, dass die Soft News in Koppelung an angenehme Kinoerfahrungen und durch Vermittlung erfolgreicher Entwicklungen eine positive Grundstimmung in Richtung eines permissive consensus generieren konnten und der Katalog von Imaginationen aus den 1950ern bis heute die politische Kommunikation der europäischen Integration mitbestimmt.

In seinem Ausblick stellt der Autor fest, was der Leserschaft seines Werkes schon während der Lektüre klar wird. Seine Untersuchung kann dazu dienen, heutige Europadiskurse, die auf den Integrationsprozesses in den 1950ern und die politische Kommunikation der Nachkriegszeit rekurrieren besser zu verstehen. Die historische Kontextualisierung des zugrunde liegenden Quellenkorpus sowie allgemeine Überlegungen zum Platz von Bildquellen in der Geschichtswissenschaft erlauben ein tieferes Verständnis der Quelle, ihrer Botschaft sowie möglichen Wirkungsweisen. Gleichzeitig fragt sich Leserschaft – wie der Autor –, wann der Zeitpunkt gekommen ist, Einführungen in den Umgang mit Bild- und Filmquellen innerhalb der Geschichtswissenschaft einer spezifischen Fachliteratur überlassen zu können, weil sich ein natürlicher Umgang mit diesen Medien eingestellt hat. Solange dem aber nicht so ist, stellt sich Pfisters ausgiebige Einführung als wichtig und richtig für eine bildhistorische Darstellung der europäischen Integration heraus, deren diskurstheoretische Anfänge der Autor exakt und verständlich nachzeichnen kann. Seine Ausführungen bleiben dabei zu jedem Zeitpunkt quellennahe und werden von Wochenschauberichten aus Frankreich, Großbritannien, Westdeutschland und Österreich flankiert, deren Analysen stets lebendig bleiben. Dass der europäische Einigungsprozess mit Filmbildern derart anschaulich nachvollzogen werden kann, wertet den Quellenkorpus sowie Pfisters Katalog selbst als wertvollen Fundus der Geschichtswissenschaft auf, wenn es darum geht die Integrationsgeschichte aus Perspektive einer breiteren Öffentlichkeit zu untersuchen. Pfisters Europaalbum wäre für sich alleine bereits eine besondere Leistung für nachfolgende Studien; dass er sich dabei dem europäischen Einigungsprozess in den 1950ern widmet und sich in Auseinandersetzung mit Bild- und Filmquellen auch nicht scheut unter Heranziehung der entsprechenden Literatur auf psychologische Faktoren einzugehen ist zusätzlicher Ausdruck geschichtswissenschaftlicher Pionierarbeit. In der bildhistorischen Aufarbeitung der Integration lässt er dabei auch eine Reihe zeitgenössischer Politiker in Zitaten – wiedergegeben im nicht übersetzten Originalwortlaut – zu Wort kommen. Auch so werden Diskurse nachvollziehbar und verständlich, die noch das Europa von heute beschäftigen. Assoziationen von dominanten Botschaften der 1950er zu Fragen, denen sich die Union im Augenblick stellen muss ergeben sich ohne dass Pfister auf ihre aktuelle Brisanz hinweisen müsste. Imaginationen einer politischen Gemeinschaft stehen derart einem angeprangerten Demokratie- und Identitätsdefizit gegenüber; Bilder der Wirtschaftsgemeinschaft werden durch Berichte der Eurokrise konterkariert vor denen sich eine Rede von Gregor Gysi am 23. April 1998 im deutschen Bundestag zur Euro-Einführung retrospektiv als geradezu hellsichtig ausnimmt. Eine vermeintliche wirtschaftliche Hegemonie Deutschlands – von einigen Kommentatoren als viertes Reich umschrieben – tut ihr übriges; Die Vision eines grenzenlosen Europas sieht sich von Zäunen und der geplanten Wiedereinführung von Grenzkontrollen herausgefordert, während die Asylpolitik tiefe Risse innerhalb der Bevölkerung zieht. Schließlich scheint die Integrität der geografischen Gemeinschaft durch Grexit, Brexit sowie den Ukrainekonflikt in Frage gestellt. Der Autor gibt dabei zu bedenken, dass es nicht reichen wird eine funktionalistische Integration vergangener Tage anzuklagen, sondern vielmehr zu fragen sei, weshalb sich eine politische Kommunikation sich wandelnden Bedürfnissen nicht adäquat anzupassen vermochte.

Eugen Pfisters quellenorientiertes Pionierwerk trägt nicht nur seinen Teil zur Normalisierung bildhistorischer Untersuchungen in der Geschichtswissenschaft bei. In seinem Katalog, den er auf sehr lebendige Art und Weise zugänglich gemacht hat, verbinden sich zeitgenössische Diskurse zur Geburtsstunde der europäischen Integration in den 1950ern – so wie von einer breiten Öffentlichkeit wahrgenommen – mit den Ursprüngen moderner Europapolitik in all ihrer aktuellen Brisanz.

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europa, europabilder, europapolitik, wochenschauen, imaginationen