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3/2015 - Handeln mit Symbolen

Rezension: Kunst am Ursprung. Das Nachleben der Bilder und die Souveränität des Antiquars

von Hans Christian Hönes

AutorIn: Raffaela Rogy

Wo liegt der Keim, der Ansatz, der Ursprung der Kunst? Dieser Frage, die die Geburt und das "Nachleben" der Bilder gleichermaßen verbindet, geht Hans Christian Hönes in seiner nun publizierten Dissertationsschrift mit Hilfe von schillernden Antiquaren nach.

Verlag: Transcript
Erscheinungsort: Bielefeld
Erscheinungsjahr: 2014
ISBN: 978-3-8376-2750-3


Cover: Kunst am Ursprung
von Hans Christian Hönes
Quelle: Amazon

Der Titel "Kunst am Ursprung" prangt gemeinsam mit der Abbildung eines fiktiven und verfallenen Grabmals, das dem sebsternannten Baron d’Hancarville als Denkmal dienen sollte, groß am Buchumschlag. Die Akkumulation von Bild und Schrift zeichnet hier bereits den Weg vor, den Autor Hans Christian Hönes in dem vorliegenden Buch geht, um die vielseitigen Ursprünge der Kunst und die damit hinterbliebenen Spuren näher zu betrachten. Die Reise führt ihn in Hinblick auf die kunsthistoriographische Forschung ins dunkle 18. Jahrhundert. Die in dieser Zeit entstandenen historiographischen Narrative, die sich auf Bilder als Medien der Erinnerung und der Überlieferung stützten, untersucht Hönes eingehend und spricht dabei von einem "Nachleben der Bilder". Das Modell des Nachlebens zielt nicht darauf ab Geschichte als historisierbare Vergangenheit zu sehen, sondern schließt stets die "eigene Gegenwart betreffende, lebendige Überlieferung" (S. 11) mit ein. Drei im englischen Raum tätige Hauptdarsteller der Kunstgeschichtsschreibung namens Pierre d’Hancarville, Richard Payne Knight und James Christie liefern Hans Christian Hönes den Forschungsgegenstand zum Nachleben der Bilder. Diese drei Protagonisten, die in der bisherigen Forschung oftmals als Scharlatane deklariert wurden, bezeichnet Hönes als Antiquare und weist darauf hin, dass diese bestrebt waren nicht in einem Konglomerat eines gemeinsamen historiographischen Narrativs aufzutreten, sondern stets Gegengeschichten zu entwerfen. Gegengeschichte meint hier, dass sich die eigene Geschichtsschreibung polemisch in das Gegenteil der Geschichte des Vorgängers verkehrt. Auf der Suche nach dem Ursprung der Kunst bedienten sich die Antiquare einer metahistorischen Kunstgeschichtsschreibung, die u. a auf die unreflektierte Tradierung von Bildern und Symbolen sowie auf einer selbstbezüglichen Perspektive beruhte.

Schließlich führen Hans Christian Hönes’ Betrachtungen von den Antiquaren des 18. Jahrhunderts zu Aby Warburg, den er als "kunsthistorischen Nachleben-Theoretiker par excellence" (S. 278) bezeichnet. Bei Warburg wird deutlich, so Hönes, dass eine Verbindung zwischen der Idee des Nachlebens der Bilder und der eigenen Biografie besteht: "Die Spur der Bilder zu verfolgen bedarf der selbst zurückgelegten Wegstrecke" schreibt Hönes und bemerkt, dass dies das beständige Motto für jede Geschichte der Bilder sein könnte. Dabei arbeitet der Autor Hönes in Auseinandersetzung mit den drei genannten Antiquaren und deren Geschichtsschreibungen zu den Ursprüngen der Kunst, den Begriff des Bildes und die damit verbundenen Zeichensysteme heraus. Letztlich sind das Amalgam und die Zirkulation zwischen Sehen, Interpretieren und eine darauf neu bezogene Darstellung – also eine neue Projektion auf die Geschichte als Ganzes – entscheidend bei der Kunstgeschichtsschreibung.

Wer mehr über die umtriebigen Antiquare d’Hancarville, Knight und Christie und deren Umfeld der "Society of Dilettanti" sowie deren Gedanken zu den Ursprüngen von Zeichen, Schriften, Texten und Bildern, die bis zu Priapus und Homer reichen und schließlich auf Warburg, Freud und Derrida treffen, erfahren möchte, ist mit dem vorliegenden Werk von Hans Christian Hönes in guten Händen. Der am Warburg-Institute London forschende Hönes versteht es wissenschaftliche Theorien, Ansätze und Fragestellungen, die sich durch eine profunde Recherche auszeichnen, auf eine gut leserliche und spannende Art zu schildern und ein neues Nachleben der Bilder bei der Leserschaft zu hinterlassen.

Tags

kunstgeschichte, antiquare, 18. jahrhundert, aby warburg institut