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3/2015 - Handeln mit Symbolen

Rezension: Hauptwerke & Briefe von und an Hegel

von Georg Wilhelm Friedrich Hegel

AutorIn: Thomas Ballhausen

Der Felix Meiner Verlag macht mit Sonderausgaben der Hauptwerke und der Briefe zentrale Schriften des idealistischen Philosophen Hegel in vorbildlich edierter und erschwinglicher Form zugänglich. Zur Aktualität eines Klassikers der Philosophie.

Verlag: Felix Meiner
Erscheinungsort: Hamburg
Erscheinungsjahr: 2015
ISBN: 978-3-7873-2760-7 bzw. 978-3-7873-2818-5


Cover: Hegel Hauptwerke,
Quelle: Amazon


Cover: Hegel Briefe,
Quelle: Amazon

Sollen wir Klassiker lesen? Eine rhetorische Frage: Ja, wir sollen und müssen. Unabhängig von den regalfüllenden Kompendien zum sogenannten Kanon ist die Lektüre des eigentlichen Werks der Startpunkt lohnender Entdeckungen. Die verlegerische Großtat des Felix Meiner Verlags macht mit vorbildlich edierten Sonderausgaben der philosophischen Hauptwerke und Briefe Georg Wilhelm Friedrich Hegels (1770–1831) nun einen solchen Klassiker des europäischen Denkens umfassend zugänglich, der sonst oftmals ausschließlich über Sekundärvermittlungen rezipiert wird. Doch nicht nur seine unterschiedlichsten Aus- und Nachwirkungen, hin bis zur Philosophie unserer Tage lädt zum Studium seiner Schriften ein – Hegels Werk ist eigentlich Einladung genug. Die Zugänglichkeit zu seinem als totalen (und eben nicht: totalitären) System ausgearbeiteten Denkgebäude des prozessual angelegten, absoluten Idealismus ist aber nicht nur eine Frage der Verfügbarkeit, sondern auch des Erschließens eines Stils, der durchaus seine dunklen, unscharfen und fordernden Stellen hat. Schon ein Lehrbuch zur Geschichte der Philosophie aus 1825 – Hegel ist zu diesem Zeitpunkt mit einer wirkmächtigen Professur in Berlin auf dem Höhepunkt seiner Karriere angelangt – stellt in Bezug auf ihn fest: „In der Anwendung der fortschreitenden Methode zeigt sich großer Scharfsinn, aber die Darstellung hat eine Trockenheit und Härte, welche das Verständnis ungemein erschwert.“

Ausgehend von einem positiv zu wendenden Moment der Zeitgenossenschaft bietet es sich an, diesen als schwer zugänglich apostrophierten Denker über die Begriffe der „Gegenwart“ und des „Jetzt“ lesend zu erschließen. Die Leitlinie dafür ist schon in Hegels Werken, in seinen Schriften, Briefen und Vorlesungen, so angelegt. Neben einem Verständnis von Geschichte, das für ihn am Jetzt ausgerichtet ist und mit der Gegenwart abgeglichen werden soll, führt er mit seinen Arbeiten ja ein historisches Element in die Philosophie ein; damit ist nicht die Geschichtsschreibung der Philosophie gemeint – hier müssen wir Aristoteles und Diogenes Laertius den entsprechenden Vorzug lassen – denn vielmehr das Herausarbeiten der einzigartigen Perspektive der Philosophie auf die Geschichte an sich. Die Geschichte wird über das Werk hinweg als Gegenstand der Philosophie etabliert, das Prinzip von Geschichtlichkeit wird erstmals als Zusammenwirken von Fakt und zeitlicher Kontextualisierung formuliert und damit auch verhandelbar. Dass Hegel, ganz im Sinne seines idealistischen Programms, Geschichte in das progressionslineare Konstrukt einer prozesshaften Entwicklung von Vernunft, Geist und Freiheit stellt, mag (oder auch: muss) angesichts der historiografischen Wende in der Geschichtsphilosophie des 20. Jahrhunderts freilich überholt anmuten. Die Philosophie als erzieherischen Schlüssel zur Freiheit eines Bei-sich-seins anzusetzen – und sich damit sowohl von Kant als auch von Schiller kritisch abzusetzen – hat Hegel in seiner Wirkungsgeschichte nicht nur positive Resonanz eingebracht; man denke nur an den ewig skeptischen Cioran, der in ihm den „großen Verschulder des modernen Optimismus“ sieht.

Angesichts der auch politisch lesbaren Rezeption Hegels – die, wie seine Schüler, alle Extreme umfasst – ist es streckenweise sicherlich angeraten, dem Prinzip der Kontinuität innerhalb seines Systems nicht nur vorbehaltlos zu vertrauen. Von beeindruckender Stringenz und strategischer Schärfe ist es aber fraglos nicht zuletzt im Aufbau geprägt; ein Umstand, den auch die Ausgabe der Hauptwerke spürbar macht: Band 1 umfasst die Jenaer kritischen Schriften und gibt einen Eindruck von Hegels Auseinandersetzung seiner eigenen, kritikwürdigen Gegenwart im Verhältnis zur republikanischen Antikenvorstellung. Neben seinen Beiträgen zum Kritischen Journal für Philosophie findet sich mit der sogenannten Differenzschrift, der Auseinandersetzung mit Fichte und seinem Weggefährten Schelling, Hegels erste umfangreichere philosophische Arbeit. Schon in diesen Arbeiten wird der Wunsch nach Systematisierung des eigenen Denkens spürbar – die bahnbrechende Phänomenologie des Geistes (Band 2), die überblicksartig angelegte Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse (Band 6) und die Wissenschaft der Logik (Bände 3 und 4) sind deutlicher Ausdruck davon: Emanzipiert sich Hegel mit der Phänomenologie von Schelling – die Vorbemerkung zum Haupttext führt zum Bruch zwischen den beiden Studienfreunden – bietet die Wissenschaft die umfassende Grundlegung von Hegels System; freilich nicht, ohne erneut eine deutliche Absetzbewegung zu Kant und dessen „Gespenst des Ding-an-sich“ zu vollziehen.

Band 5 bietet mit den Grundlinien der Philosophie des Rechts eine der umstrittensten Arbeiten Hegels an. In der Ausformulierung eines auf Ausgleich zwischen individuellen Pflichten und übergeordneter Struktur zielenden Staatsentwurfs scheint er sich aber weniger an der Beschreibung preußischer Staatsrealität, denn vielmehr an der Gestaltung eines angestrebten Vernunftstaats abzuarbeiten. Hegels Rechtsphilosophie ist vielgestaltig, enthält es doch einerseits das Bekenntnis zum Rechtsstaat, die Forderung nach dem Schutz der Regierten oder Kritik einer maßlosen, asymmetrischen Bürgergesellschaft, andererseits aber auch den Ruf nach dem Staat als notwendiges Regulativ, deutlich konservative Einschlüsse oder einen fragwürdig großzügig gefassten Pflichtbegriff. Aufbauend auf Eric Weils Studie Hegel et l’Etat würde ich hier, durchaus im Zusammenwirken mit Hegels Phänomenologie, ein von metaphysischen Haken durchzogenes ethisches Projekt sehen wollen, in der man nicht zuletzt über das sich entfaltende Werk zu sich selbst kommt. Die zu leistende Arbeit zur Erschließung von Hegels Schriften und Briefen steht im Kontext der von ihm angesetzten Vorarbeiten des Subjekts um Philosophie sozusagen als Programm für alle (somit: für jeden einzelnen) wirksam werden zu lassen. Von der Askese der antiken Quellen, die ja durchaus ihre deutlichen Spuren in Hegels Denksystem hinterlassen haben, über die schlichte Evidenz des Descartes’schen Subjekts mit seinem „ego sum, ego existo“ gelangt man zur Fleißforderung Hegels, um sich Philosophie als Weg der Bildung und der Freiheit des Geistes denkend zu erarbeiten. Die Lektüre ist gewiss fordernd, doch auch überaus lohnend. Es muss ja nicht immer Žižek sein.

Tags

hegel, werke, briefe, deutscher idealismus, philosophie