Praxis

2/2015 - Begründungen und Ziele der Medienbildung

MOOCs – ein Schritt zurück, ein Schritt nach vor?

AutorIn: Angelika Güttl-Strahlhofer

MOOCs boomen. Aber sind sie nicht ein Rückschritt beim Lernen mit digitalen Medien, diese Massenkurse mit überschaubarer Didaktik? Angelika Güttl-Strahlhofer hat sich für uns die Frage gestellt, ob bzw. inwieweit MOOCs das Lernen mit digitalen Medien voran treiben.

Aktuell nehme ich an dem MOOC von Futurelearn (www.futurelearn.com) der Open University, UK teil, zum Thema "Propaganda and Ideology in Everyday Life". Die Teilnahme ist kostenlos, nur für das Teilnahmezertifikat wird etwas verlangt. Angemeldet ist man in wenigen Minuten und nachdem das erledigt ist, wird man in einem hochklassigen Video von einer Universitätsprofessorin in das Thema eingeführt, nicht ganz 10 Minuten lang. Ich werde aufgefordert, meine Meinung im bereit gestellten Forum , wie das bereits etwa 1000 Personen vor mir gemacht haben, darzulegen, oder das unter dem angegebenen Twitter-Hashtag zu tun.

So oder so ähnlich laufen MOOCs ab. Unter einem MOOC, im Langtext: Massive Open Online Course, versteht man einen großteils kostenfreien Kurs, der für große Personengruppen entwickelt wurde und via Internet stattfindet. Landläufig sagt man, die MOOCs kommen aus Amerika. Spricht man mit europäischen, deutschsprachigen, Weiterbildnern wird klar: ähnliche Kurse gab es auch schon in den 2000er Jahren in Europa, nur der Terminus MOOC wurde in Übersee erfunden. War zu Beginn der "MOOC-Ära" insbesondere die Vernetzung der Teilnehmenden ein Ziel, hat dies im Laufe der Zeit verglichen mit der individuellen Wissensvermittlung an Bedeutung abgenommen. Die Qualität der MOOCs variiert, genauso wie eben die Bedeutung der Vernetzung im Kurs.

1. Ausgangspunkte für die Suche nach MOOCs

Möchte man an einem MOOC teilnehmen, dann bieten sich als Startpunkt z.B. folgende Plattformen an, die verschiedene Kursangebote sammeln:

2. Genauere Betrachtung

Nun zurück zur Frage, ob bzw. inwieweit MOOCs das Lernen mit digitalen Medien voran treiben.

MOOCs bieten einfallslose Lernszenarien. Oft läuft der Kurs nach dem Muster: Video ansehen – Aufgabe erledigen – Quiz durchführen, ab. Einfach durchschaubar und klar – könnte man wohlmeinend sagen. "Einfallslos und wenig motivierend, deshalb auch die hohen Drop-out-Quoten", sagen die Kritiker. Also eher ein Rückschritt?

MOOCs bieten keine Individualisierung. Ja, MOOCs sind vom Konzept her sehr standardisiert. Gerade deshalb bieten sie aber durchaus Raum zur Individualisierung, was z.B. die Zeitintensität betrifft. Niemand verlangt, dass ein Kurs beendet wird, auch Reinschmökern und Nutzung ausschließlich bestimmter Teile ist ohne "Gesichtsverlust" möglich.

MOOCs haben die Informationsweitergabe via Video voranangetrieben. Kurze, aussagekräftige Videos in hoher Qualität, die mit einem Spannungsbogen angelegt sind und auch Screencasts und Animationen beinhalten, sind häufig in MOOCs integriert. Wie von der Khan-Academy in den letzten fast 10 Jahren vorgezeigt, haben diese reduzierten, aber didaktisch überlegten, eher kurzen Video-Lehreinheiten auch Einfluss auf die Art des Lehrens (Stichwort "Flipped Classroom").

MOOCs haben eine Sogwirkung. Immer mehr Universitäten bieten MOOCs an. Angestoßen von den großen US-Unis wie MIT oder Stanford, die als Vorreiter dienten, folgen immer mehr Universitäten und andere renommierte Bildungseinrichtungen diesem Beispiel und bieten qualitativ hochwertige Kurse an. Noch nie gab es so viele kostenfrei zur Verfügung stehende Bildungsinhalte im Netz und man konnte sich – ohne den eigenen Computer zu verlassen – über den aktuellen Stand der Lehre an diversen Universitäten informieren.

MOOCs beleben die OER-Szene. Ein Teil der Institutionen stellen die erstellten Materialien auch als offene Bildungsressource (OER) zur Verfügung und diese können so in andere Lernkontexte eingebunden werden.

MOOCs fördern den Wissensaufbau insbesondere auch in den Entwicklungsländern. Ein Punkt, der immer wieder ins Treffen geführt wird. Durch MOOCs wird aktuelles Know How auch in entfernte Regionen verfügbar. Ein Argument, das insbesondere für MOOCs in Sprachen wie Englisch, Französisch und auch Spanisch gilt.

3. Fazit

MOOCs tragen nicht zur Individualisierung des Lernens mit digitalen Medien bei, aber ermöglichen durch ihren offenen Zugang und die damit verbundene große Anzahl an Teilnehmenden eine individuelle Gruppenbildung zum gemeinsamen Ablegens des Kurses. Beispiele dazu bieten etwa die "Open Airs" #1 und #2, in der interessierte österreichische Lehrende gemeinsam MOOCs besucht haben. Die Kurse wurden mit den Spezifika für Österreich, Zusammenfassungen und Zusatzinfos (Webinaren) ergänzt.

Die oft qualitativ hochwertigen Inhalte und Aufbereitung insbesondere in Videos ermöglichen, bedeuten, falls sie als OER zur Verfügung stehen, den Einsatz im eigenen Unterricht. Falls sie nicht als OER zur Verfügung stehen, ist es immer noch möglich, diese gemeinsam zu besuchen. So verbreitern MOOCs die "Toolbox" für die eigene Ausbildung oder auch Lehre.

Wie sich die MOOC-Szene weiter entwickelt lässt dieser Artikel des Wall Street Journals erahnen:. Wie lange die von renommierten Unis erstellten Kurse frei zur Verfügung stehen ist ungewiss. Wir befinden uns in der kurzen Zeitspanne des "Eldorados hochwertiger freier Onlinekurs-Angebote". Nützen wir diese, solange sie uns noch angeboten werden.

Tags

moocs, lernen, digitale medien, massenkurse