Neue Medien

2/2015 - Begründungen und Ziele der Medienbildung

Rezension: Geburtsurkunde. Die Geschichte von Danilo Kiš

von Mark Thompson

AutorIn: Thomas Ballhausen

Der 1989 verstorbene jugoslawische Schriftsteller Danilo Kiš ist eine fixe Größe der mitteleuropäischen Literatur – und doch immer noch ein großer Unbekannter. Die Biografie des Historikers Mark Thompson lädt zur lohnenden (Wieder-)Begegnung ein.

Verlag: Carl Hanser Verlag
Erscheinungsort: München
Erscheinungsjahr: 2015
ISBN: 978-3-446-24727-7


Cover: Geburtsurkunde. Die Geschichte des Danilo Kiš,
von Mark Thompson
Quelle: Amazon

Danilo Kiš liebte offenkundig das literarische Spiel mit Texttypen, das Zuschreiben und Herauslocken neuer Bedeutungsebenen. Dieser Umstand ist in seinem vielfältigen Werk deutlich spürbar, werden hier doch am laufenden Band Fakten und Fiktionen miteinander verbunden, persönliche Impressionen und historische Betrachtung nebeneinander montiert. Nur sechs Jahre vor seinem frühen Tod schrieb er unter dem Titel "Geburtsurkunde" eine autobiografische Miniatur, die den gleichen Prinzipien folgt. Der als Eintrag für ein Nachschlagewerk geplante Text, der dann bezeichnenderweise aber niemals erschien, unterläuft alle konventionellen Erwartungshaltungen, die der Titel aufruft und legt vielmehr die literarische Kraft des vermeintlichen Dokuments frei. Experimente dieser Art waren Programm bei Kiš – ein Ansatz, dem der Historiker Mark Thompson in seiner nun auch in deutschsprachiger Übersetzung vorliegenden Studie nur zu gerne aufgenommen hat.

Die kurze Eigendarstellung des Schriftstellers, die wenig mehr als zwei Druckseiten umfasst, hat er an prominenter Stelle integriert und zum Ausgangspunkt seiner Untersuchungen gemacht. Seine Annäherung an Kiš ist deshalb auch keine klassische Biografie, denn vielmehr ein eigenwilliger, verspielter Zugriff auf ein nicht weniger eigenwilliges, verspieltes Oeuvre: Thompson schlüsselt die historischen Kontexte eines Lebens und Werks auf, das sich aus dem Schatten des Zweiten Weltkriegs und der Shoah herausentwickelt hat und in denen das Echo der realen Gewalt spürbar geblieben ist. Der von Kiš selbst betriebenen Verflechtung von Existenz und Schaffen entspricht auch die Struktur von Thompsons von erläuternden Exkursen durchzogener Arbeit: Einerseits entfaltet er, unter ständiger Rückkopplung an den ursprünglichen "Geburtsurkunde"-Text, Satz für Satz den biografischen Verlauf eines auf Literatur ausgerichteten Lebens. Andererseits unterbricht er mit sogenannten "Zwischenspielen" die vermeintliche Linearität der zu schreibenden Biografie und setzt detaillierte Einzeluntersuchungen der literarischen Werke in der Reihenfolge ihres Erscheinens dazwischen.

So ergibt sich im Verlauf der Lektüre der Eindruck eines enzyklopädischen Netzes, das durch interne Verweise noch zusätzlich gestützt wird. Thompson imitiert auf freundschaftliche Weise die Schreibhaltung von Kiš; er bewegt sich sprunghaft, doch immer nachvollziehbar, durch die Existenz eines Literaten, der die eigene Biografie immer als Verhängnis und die Geschichte (bzw. die Geschichtsschreibung) als Herausforderung zur Auseinandersetzung verstanden hat: Als Sohn eines ungarischen Juden und einer Montenegrinerin wird Kiš 1935 im Königreich Jugoslawien geboren, seine Kindheit ist von der Flucht nach Ungarn und der Verschleppung des Vaters nach Auschwitz geprägt. Die Deportation bleibt zentrales Thema bei Kiš, der die Verweigerung seiner jüdischen Identität nicht selten im literarischen Spiegelbild des orthodox getauften Kindes, das er selbst war (und zugleich auch nicht), auftreten lässt. Der Wunsch zu Schreiben prägt schon seine Schulzeit und verdichtet sich während seines Studiums der Literaturwissenschaft, manifestiert sich auch in seiner Arbeit als Lektor in Paris. Als Emigrant wollte sich Kiš dabei aber nie verstanden wissen, mehr als literarischer Kosmopolit, der sich zwischen Bruno Schulz und Jorge Luis Borges positionierte. Das Persönliche und das Allgemeine prallen in seinen Arbeiten aufeinander, die integrierten Bezüge zwischen dem Lokalen und dem Europäischen prägen seine Aufarbeitung der eigenen Familiengeschichte. Nicht zufällig stehen die Werke "Garten, Asche", "Frühe Leiden" "Sanduhr" für ihn auch unter dem facettenreichen Übertitel des "Familienzirkus". Hier fand Kiš in deutlicher Abgrenzung zu simplem Provinzialismus zu einer spezifischen Form der Autofiktion, die wie auch sein Frühwerk unter dem deutlichen Einfluss von Gide und Proust steht. Von Buch zu Buch entwickelt er ein Werk weiter, das, so Thompson, auf die "immanente Anwesenheit von Kulturen in Form von Anspielungen, Reminiszenzen, Zitaten aus dem gesamten europäischen Erbe" setzt. Neben der Auseinandersetzung mit dem abwesenden Vater verplichtete sich Kiš in leidenschaftlicher Ablehnung nationalistischer Vereinnahmung zu einem Abarbeiten an einem mythisch überformten Mitteleuropa, das für ihn unter dem Namen Pannonien firmiert. Es ist ein Raum der Grenzüberschreitungen und Verwischungen, dem er sich mit einer tastenden, kartografisch anmutenden Literatur annähert.

Bei allen Verwirrspielen ist sich Kiš, wie Thompson schlüssig nachweist, durchaus der historischen Tiefendimension dieser römischen Namenswahl bewusst, positioniert er sich damit doch deutlich abseits des von ihm abgelehnten marxistischen Geschichtsverständnisses, dem er sein alternatives Modell eines Heimatlosen entgegenstellt. Seine von Verweigerung geprägte Ablehnung von Ideologien findet sich wohl nirgendwo so deutlich wie im vieldiskutierten, ebenfalls wieder zugänglichen Roman "Ein Grabmal für Boris Dawidowitsch", in dem sich Kiš mit dem Terror des Stalinismus auseinandersetzt. Ausgerechnet der Konflikt um dieses Buch stärkte seine internationale Bekanntheit und führte zu einer Selbstverteidigung in Form eines weiteren Buchs: Mit "Anatomiestunde" legte Kiš kenntnisreich seine literarischen Methoden dar – die Neuauflage dieses wunderbaren Texts steht noch an. Mark Thompons Werkbiografie als auch die literarischen Arbeiten von Danilo Kiš, zu denen er wieder hinführt, verlangen nach einer aufmerksamen, den Leser durchaus fordernden Lektüre. Sie haben es sich verdient.

Tags

danilo kiš, pannonien, literatur