Bildung - Politik

2/2015 - Begründungen und Ziele der Medienbildung

Grundbildung Medien für alle pädagogischen Fachkräfte

AutorInnen: Rüdiger Fries / Sven Kommer

Die Initiative "Keine Bildung ohne Medien" fordert eine Bund-Länder-Initiative für Grundbildung Medien in allen pädagogischen Studien- und Ausbildungseinrichtungen und diskutiert diese Forderungen mit VertreterInnen verschiedener pädagogischer Handlungsbereiche.

Abstract

Das folgende Positionspapier wurde von der Initiative "Keine Bildung ohne Medien" entwickelt und im November 2014 auf dem GMK-Kongress "Doing politics: Politisch agieren in der digitalen Gesellschaft – Konzepte und Strategien der Medienpädagogik und Medienbildung"[1] in einem Workshop mit Vertretern verschiedener Praxisfelder diskutiert. Grundpositionen des Papieres fanden Eingang in die Pressemitteilung[2] vom 27.11.2014.


Internet, Kommunikation über soziale Netzwerke und digitale Dienstleistungen sind längst fester Bestandteil unseres Alltags und haben diesen unwiederbringlich und grundlegend verändert. Um eine adäquate Teilhabe an unserer mediatisierten Gesellschaft zu ermöglichen, kommt dem Bildungswesen eine zentrale Rolle bei der Förderung von Medienbildung zu. Zu viele pädagogische Fachkräfte werden den an sie gestellten Aufgaben jedoch noch nicht gerecht, da die notwendigen Kompetenzen in der Ausbildung (und in der Fortbildung) nicht ausreichend vermittelt werden. Es besteht akuter Handlungsbedarf, soll die Zukunftsfähigkeit der pädagogischen Ausbildung sowie Chancengleichheit und Teilhabe entlang der Bildungskette und dem lebensbegleitenden Lernen gesichert werden.

Die Forderung nach einer Grundbildung Medien für alle pädagogischen Fachkräfte wurde von der Initiative "Keine Bildung ohne Medien" bereits auf dem medienpädagogischen Kongress 2011 formuliert und danach von verschiedenen Gremien aufgegriffen, z.B. von der Enquetekommission "Internet und digitale Gesellschaft" des Deutschen Bundestags. Auch Äußerungen der Bundeskanzlerin und des Vizekanzlers und die programmatische Stellungnahme der im August vorgelegten Digitalen Agenda lassen eine Sensibilisierung für das Thema erkennen. Die von ihnen angedachte Ausrichtung auf ein Schulfach Informatik oder Computing genügt aber bei Weitem nicht der Notwendigkeit einer umfassenden Medienbildung, welche die Menschen in einer mediatisierten Gesellschaft zu mündigen, aktiv am politischen und gesellschaftlichen Leben teilhabenden Menschen befähigen möchte. Durch eine Verengung von Medienbildung auf eine Informationstechnologische Grundbildung würden grundlegende Bildungsziele wie die Förderung eines selbstbestimmten, sozial verantwortlichen und solidarischen Handelns, die ethische Reflexion und der kritische Blick auf die technisierte und kommerzialisierte Lebenswelt zu kurz kommen.

Um mit Medien eigenständig, sozial verantwortlich und kreativ umgehen, sie verstehen und verwenden, Inhalte gestalten und Informationen bewerten zu können, sind dauerhafte Angebote der Medienbildung notwendig, die verbindlich in die Bildungsstrukturen eingebunden werden. Grundlage dafür ist die Qualifizierung pädagogischer Fachkräfte im Bereich Medienkompetenz und medienpädagogischer Kompetenz.

1. Notwendige Maßnahmen für eine Grundbildung Medien

Grundbildung Medien in allen pädagogischen Studien- und Ausbildungsrichtungen: Um Medienbildung flächendeckend verankern zu können, ist eine Grundbildung Medien verpflichtend und prüfungsrelevant in alle pädagogischen Studien- und Ausbildungseinrichtungen zu integrieren. Zu diesem Zweck ist eine Bund-Länder-Initiative einzuberufen, die die Inhalte und die Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium für Bildung und Forschung, den Wissenschafts- und Bildungsministerien der Länder, der Hochschulrektorenkonferenz und (akademischen) Fachorganisationen koordiniert.

Erfassung des IST-Stands sowie der Potenziale zur Weiterentwicklung: Zur Fundierung der Arbeit dieser Bund-Länder-Initiative ist umgehend eine Studie nötig, um den IST‐Stand der Verankerung von Medienbildungsthemen in pädagogischen Studien- und Ausbildungsgängen sowie den einschlägigen Ausbildungsbedarf aller relevanter Berufsgruppen ermitteln zu können.

Entwickeln von akkreditierungsrelevanten Standards: Es sind akkreditierungsrelevante Standards durch die akademischen Fachgesellschaften, die Hochschulrektorenkonferenz und die Kultusministerkonferenz zu formulieren sowie die KMK-Standards zur Lehrerbildung aus dem Jahr 2004 zu überarbeiten.

Kontinuierliche Weiterbildungsangebote im Bereich der Medienbildung: Die permanenten Entwicklungen im Bereich der Medien erfordern in besonderem Maße kontinuierliche Angebote der Weiterbildung von pädagogischen Fachkräften in allen Handlungsfeldern der Medienbildung. Hierzu bedarf es der Entwicklung innovativer Konzepte und einer strukturellen Verankerung medienpädagogischer Fort- und Weiterbildungsangebote.

Etablierung von medienpädagogischen Fachkräften in Aus- und Weiterbildung: Um eine fundierte Aus- und Weiterbildung zu gewährleisten, sind medienpädagogische Fachkräfte in allen Ausbildungsrichtungen zu etablieren sowie medienpädagogische Professuren und Stellen für wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an Hochschulen einzurichten. Eine fundierte Arbeit im Bereich der Medienbildung bedarf zusätzlich zum Fachpersonal einer entsprechenden räumlichen und technischen Infrastruktur.

2. Zentrale Kompetenzen für eine Grundbildung Medien

Um die ihnen anvertrauten Menschen kompetent beim Aufwachsen in einer mediatisierten Gesellschaft zu begleiten und sie für ein gelingendes Leben in dieser Gesellschaft vorzubereiten, sind vielfältige medienbezogene Kompetenzen nötig. Dazu gehören unter anderem:

  1. Reflexion der grundsätzlichen Medialität von Bildungs- und Lernprozessen, der eigenen Mediennutzung und der eigenen professionellen Rolle, um mediale Lernkulturen und -räume zu gestalten und Konzepte für Medienbildung zu entwickeln.
  2. Kenntnisse und Fähigkeiten, um Medienbildung im Kontext verschiedener Bildungsorte (z.B. in Kooperation mit Fachdidaktiken) und bildungsbiografischer Perspektiven fördern zu können.
  3. Professionelles Handlungswissen, um in allen pädagogischen Handlungsfeldern eine kritische Auseinandersetzung mit Medienentwicklungen und ihren technologischen, ästhetischen, sozial-kommunikativen, ethischen und wirtschaftlichen Dimensionen anzustoßen.
  4. Didaktische, technische und gestalterische Fertigkeiten, um Zielgruppen bezogen Medien als Mittel des Selbstausdrucks, der Kommunikation, des Lernens und der Artikulation zu nutzen.
  5. Methodenrepertoire, um Fähigkeiten im Hinblick auf Informationsbeschaffung und die Einschätzung von Quellen sowie ein Grundwissen zum Daten- und Persönlichkeitsschutz, zum Recht auf informationelle Selbstbestimmung sowie zum Kinder- und Jugendmedienschutz zu fördern.

Grundlage für die professionellen, medienbildnerischen Kompetenzen ist eine umfassende Medienkompetenz. Ohne das Wissen über Funktionen, Strukturen und gesellschaftliche Auswirkungen digitaler Medien, die Reflexion medienethischer Prinzipien, eigene Informations- und Gestaltungskompetenz, Basiswissen zur Mediensozialisation von Kindern und Jugendlichen und zum Kinder- und Jugendmedienschutz und nicht zuletzt auch technische Fertigkeiten, können pädagogische Fachkräfte ihren anspruchsvollen Aufgaben nicht gerecht werden.

3. Diskussion der Forderung mit VertreterInnen der Handlungsbereiche

Am GMK-Workshop nahmen VertreterInnen verschiedener Handlungfelder teil. Für die Bearbeitung der dem Workshop zugrundeliegenden Fragen wurden sechs Gruppen gebildet, die die Breite der Praxisfelder abbildeten:

  • Pädagogik der frühen Kindheit
  • Außerschulische Jugendarbeit
  • Schule
  • Hochschule
  • Erwachsenenbildung/ Gerontagogik
  • Sonder-/Heil-/Förderpädagogik

Die Diskussion der einzelnen Handlungsbereiche zeigte neben einem großen Bedarf an Austausch, wie ausdifferenziert die Anforderungen in jedem einzelnen Feld ausfallen.

4. Leitfragen der Diskussion

4.1. Standards der Medienbildung

- Brauchen wir Standards der Medienbildung oder nicht?

Einheitlich wurde auf die Notwendigkeit der Verbindlichkeit, der Abgestimmtheit und der Etablierung von Standards in allen pädagogischen Bereichen hingewiesen. Standardisierung ist nicht nur in der Aus- und Weiterbildung, sondern ebenso in den pädagogischen Einrichtungen selbst (jeweils ausdifferenziert) notwendig. Auch die Folgen von Standards wie Zertifizierungsdruck sollten berücksichtigt und mit Berufsverbänden diskutiert werden.

4.2. Fort- und Weiterbildungsangebote

- Was gibt es? Was ist passend für Medienbildung?

Der Bereich ist äußerst diffus, es mangelt an Verbindlichkeit zur Fortbildung.

4.3. Politische Umsetzung

- Welche Anknüpfungspunkte für politische Handlungsperspektiven gibt es in eurem/ihrem Arbeitsfeld?

Als Anknüpfungspunkte wurden Berufsverbände und Gewerkschaften (DBSH, GEW, Verdi, IFSW) sowie Fachgruppen und Verbände (DGfE, DGSA, VDS, DHG, usw.) genannt.

4.4. Dringlichster Punkt

- Was ist das größte Problem bei der (fachlichen wie politischen) Umsetzung einer Grundbildung Medien?

Mehrfach wurde Unterstützungsbedarf von Pädagogen in der Umsetzung und Evaluation von Medienbildung als Erfordernis formuliert. Es wurde angemerkt, dass sehr häufig ausschließlich Überlegungen zur schulischen Medienbildung angestellt werden und andere Bereiche in ihrer jeweils spezifischen Situation nicht bedacht werden. Um diese unterschiedlichen Arbeits- und Berufsanforderungen in ihren methodischen und didaktischen Handlungskontexten in Bezug auf Medienbildung zu erfassen, seien mehrere Einzelstudien notwendig.

Als dringlichster Punkt wird die Grundlegung von Medienbildung in der Ausbildung und in Einrichtungskonzepten betrachtet.

Die Lenkungsgruppe der Initiative "Keine Bildung ohne Medien"


Hinweise

[1] http://www.gmk-net.de/fileadmin/pdf/Flyer/Programm_Forum2014.pdf

[2] http://www.gmk-net.de/fileadmin/pdf/Pressemitteilungen/pm_kbom_forderung_grundbildung27112014.pdf

Tags

grundbildung, fachkräfte, medienbildung, positionspapier, bildungspolitik, ausbildung, weiterbildung, pädagogen