Neue Medien

2/2015 - Begründungen und Ziele der Medienbildung

Rezension: Habsburgs schmutziger Krieg – Ermittlungen zur österreichisch-ungarischen Kriegsführung 1914 – 1918

von Hannes Leidinger, Verena Moritz, Karin Moser und Wolfram Dornik

AutorIn: Paul Winkler

Ein AutorInnenkollektiv hat sich mit dieser Publikation dem schmutzigen 1. Weltkrieg der Habsburger zwischen 1914 und 1918 gewidmet und präsentiert dabei bedeutende Ergebnisse. Paul Winkler hat für die MEDIENIMPULSE rezensiert ...

Abstract

Beschlüssen, Kalkulationen und Kontrollverlust spüren Hannes Leidinger, Verena Moritz, Karin Moser und Wolfram Dornik in ihrer problemorientierten Untersuchung der dunkelsten Kapitel des letzten Waffengangs der Habsburger nach. Eine erschreckende Vielzahl dokumentierter Pflichtverletzungen und Gräuel erhellt Mechanismen der Gewalteskalation gegen pauschal verdächtigte Massen. Eine quellenorientierte Pionierleistung mit zweifelsohne nachhaltiger Beeinflussung einer österreichischen Erinnerungskultur – auch über das Gedenkjahr 2014 hinaus.


Verlag: Residenz
Erscheinungsorte: St. Pölten – Salzburg – Wien
Erscheinungsjahr: 2014
ISBN: 978-3-7017-3200-5


Cover: Habsburgs schmutziger Krieg
von Hannes Leidinger, Verena Moritz, Karin Moser und Wolfram Dornik,
Quelle: Amazon

Den Opfern, die in Vergessenheit geraten sind, widmet ihr Werk das wissenschaftliche Autorenteam rund um Mag. Dr. Hannes Leidinger, der an seine historischen Forschungsschwerpunkte Erster Weltkrieg und Kriegsgefangenenproblematik anknüpft. Je einen Abschnitt steuern Mag.a Karin Moser als Expertin der Film- und Mediengeschichte sowie der österreichischen Identitätskonstruktion, Mag.a Dr.in Verena Moritz für den Bereich Kriegsgefangenenproblematik und Mag. Dr. Wolfram Dornik mit Blick auf die Besatzungsgebiete Osteuropas bei.

Wurde der Erste Weltkrieg in Wien losgetreten? Machten österreichisch-ungarische Streitkräfte sich in den Besatzungsgebieten Kriegsverbrechen schuldig? Solcherart spezifischen Fragestellungen geht das Autorenteam in vorliegendem 325 Seiten starken Werk nach und dringt in neun Abschnitten unter Orientierung an Phänomenen der Transformation punktuell, doch äußerst tief in eine Materie ein, in der über quellenbezogene Feinarbeit Gewaltexzesse schlaglichtartig erhellt werden.

Über eine sich wandelnde kollektive Geschichtswahrnehmung leitet Hannes Leidinger in seinen Vorbemerkungen in die k.u.k. Kriegsführung ein, präzisiert Themenschwerpunkte und Fragestellungen, bevor er im zweiten Kapitel die Kriegsschuld auf einem rücksichtslosen Kurs in den Abgrund verortet und im Zuge der Strafexpedition der Eskalation der Gewalt nachgeht. Im Abschnitt Gefangenschaft widmet sich Verena Moritz Elend und Massensterben der Internierten, woraufhin Hannes Leidinger im Kapitel Ordnung schaffen Ansätze des Umdenkens thematisiert und Wolfram Dornik mit Blick auf die Haltung der k.u.k. Armee und der wirtschaftlichen Ausnutzung okkupierter Gebiete Besatzungswirklichkeit(en) unter die Lupe nimmt. Welches Recht es ist, in dem sich Verantwortung, Rechtfertigungsversuche und juristische Auseinandersetzung mit militärischen Pflichtverletzungen bewegen, versucht wiederum Hannes Leidinger aufzuzeigen und verbindet anschließend lokal wie temporär divergente Erinnerungskulturen zwischen Verzerrung und Ausblendung mit aktuellen Forschungsansätzen. Abschließend reflektiert Karin Moser mit Blick auf die filmische Verarbeitung des Großen Krieges nach 1918 über visuelles Erinnern.

In eingehenden Bemerkungen zu den Ermittlungen zur österreichisch-ungarischen Kriegsführung 1914–1918 sensibilisiert Hannes Leidinger vorab für Gefahren der Vereinfachung und Polarisierung im Umgang mit der diesbezüglichen Erinnerungskultur. Den über dokumentarische Spuren angestrebten Fokus richtet er folglich auf das Verschmelzen ziviler und militärischer Sphäre und das Ineinandergreifen regulärer und irregulärer Formen der Gefechte – Multiplikatoren auf dem Weg zu einem schmutzigen Krieg. Schuldfragen werden im historischen Kontext analysiert und unangebrachten Gleichsetzungen sowie Idealisierung entgegengetreten.

Der Kriegsschuld spürt der Autor ausgehend von einer durch Widersprüchlichkeiten geprägten Epoche nach. Detailliert werden die Schritte in den Abgrund nachgezeichnet, wobei einer gesamteuropäischen Proporzlösung der geteilten Schuld, ein klarer Kurs der hardliner in Wien gegenüberstellt wird, der – trotz Warnungen und Bemühungen Spielraum für Verständigung zu schaffen – ohne Rücksicht auf Konsequenzen und in kategorischer Ablehnung deeskalierender Diplomatie gehalten wird. Das Vabanquespiel der Eliten, den Waffengang trotz Kenntnis europäischer Verwicklungen zu riskieren, wird solcherart ins Licht eines erweiterten Suizids von gigantischem Ausmaß gerückt.

Über gewaltgeschichtliche Transformationsphänomene ordnet Hannes Leidinger den Weltbrand innerhalb alter und neuer Kriege ein und stellt Nationalitätenkonflikte, Irredentismus, Balkankrisen, Spionitis sowie mediale Hetze als idealen Nährboden weiterer Radikalisierungsschübe dar. Panikmache und Pauschalisierung gehen der Eskalation der Gewalt mit dem Vordringen der k.u.k. Armee voraus, die in verschärften ethnischen Konflikten unter Kriegsbedingungen zum Vollstrecker parteilicher Interessen verkommt, wobei die Befehle der Vorgesetzten, die Hervorhebung nationalistischer Feindklischees sowie das Schüren kollektiver Angstzustände tendenziell auf eine Systematisierung der Gewaltdynamik verweist.

Ausgehend vom Racheurteil gegen die Drahtzieher des Attentats von Sarajewo widmet sich Verena Moritz der Paranoia in den Besatzungszonen und der Tendenz keineswegs nur Feindstaatenausländer, sondern zunehmend eigene Staatsbürger als illoyale Elemente zu stigmatisieren. Einmal im Visier der misstrauischen k.u.k. Behörden stehen die Opfer den Kontrollfantasien bürokratischer Totalität ohnmächtig gegenüber. Die tragischen – den Verwaltungsapparat überfordernden – Gefangenenzahlen schlüsselt Moritz auf und nähert sich über Schilderungen der Betroffenen sowie Berichte der Parlamentarier dem Elend in den Lagern, wo sich das Schicksal der Zivil- sowie Militärinternierten, als Opfer humanitärer Katastrophen zunehmend gleicht.

Im Anschluss an einen Bildteil, der simile den Arbeiten im Werk diverse Diskurse punktiert, hebt Leidinger Ansätze eines Umdenkens von höchster Seite hervor, die von paranoid misstrauischen Behörden kaum beachtet werden. Systembedingte Repressionsbereitschaft einer Militäradministration, der eine Sanierung des Staatengebildes vorschwebt und Tempo als oberstes Gebot der Kriegsjustiz leisten Radikalisierungswellen Vorschub, welche die Armee in zähe Kleinkriege verwickelt, während der Standpunkt der Heeresleitung durch Prozessurteile bestätigt, aber das energische Vorgehen nur selten überprüft und Zerstörungen nicht entschädigt werden.

Militärkontrolle, Pseudoautonomisierung, Heranziehung Verbündeter – Wolfram Dornik untersucht in der Folge diverse Formen der Kontrolle durch die k.u.k. Armeeführung, wofür er auf die Voraussetzungen in den okkupierten Gebieten sowie die Motive der Besatzer eingeht. Über wirtschaftlichen Nutzen und strategischen Wert wird für einzelne Besatzungsgebiete zwischen erfolgreicher oder gescheiterter Ausbeutung bilanziert. Anschließend wird die Haltung Österreich-Ungarns in einer Position zwischen imperialem und kolonialem Besatzer positioniert, während im Auseinanderdriften kolonialer Gelüste und realer Möglichkeiten der Spielraum als eigenständig agierendes Staatswesen gegenüber dem Hohenzollernreich schrumpft.

Fortschritt auf unsicherem Terrain bedeutet für Leidinger die schrittweise Kodifizierung internationaler Regeln, um Unrecht gegen ein Ius in Bello ahnden zu können. Diesbezügliche Interpretations- und Definitionsschwierigkeiten in Grauzonen der Gewalt leiten über zum schmutzigen Krieg der Donaumonarchie. Verbrechen der k.u.k. Armee – stets versucht über das Argument der Reziprozität zu legitimieren – werden dabei vom latent vorherrschenden Vorwurf des Völkermordes abgegrenzt. Mit Blick auf Kriegsschulddebatten der Nachkriegszeit werden anschließend österreichische Untersuchungen nachvollzogen, von denen lediglich ein juristisch kaum verwertbares Unbehagen bleibt, in welchem sich der Krieg abermals als anarchischer Zustand versteht.

Im Überblick einer nach Kriegsende einsetzenden – in vaterländischem Dienst stehenden – Rückschau auf das Massensterben geht der Autor im folgenden Kapitel Verzerrungen politisch-ideologisch, national und temporär divergenter Erinnerungen nach. Verdrängungsprozesse konservativer Eliten werden sichtbar gemacht, die an der Ständestaat-Ideologie sowie Goebbels-Propaganda anknüpfen und in Verniedlichungstendenzen unter der Marke Habsburg aufgehen. Für ein Umdenken im Trend internationaler Forschung nimmt der Autor das Gedenkjahr als Chance aus geschichtswissenschaftlicher und erinnerungskultureller Sicht wahr.

Auf das visuelle Gedächtnis an den Ersten Weltkrieg geht abschließend Karin Moser ein. Von Propagandabildern wird zu Sehnsüchten einer Nachkriegszeit übergeleitet, die das Kino in Verarbeitungen des Massensterbens nach 1918 zwischen Mythenbildung, Schuldzuschreibungen und nostalgischer Verklärung bedient. Militarisierung in den Dreißigern, Ausblendung nach 1945, abermalige Verklärung innerhalb eines tourismustauglichen Selbstverständnisses Österreichs – lediglich Spuren kritischer Ansätze kann die Autorin dabei verorten, bis auf differenziertere Darstellungen ab den 1980er Jahren sowie Produktionen im Zuge des Gedenkjahres 2014 verwiesen wird, denen Moser eine Bereicherung der visuellen Erinnerungskultur zuschreibt.

Letzteres Attest lässt sich auch für das vorliegende quellenorientierte Pionierwerk stellen, wenngleich der Publikationszeitpunkt wohl nicht grundlos gewählt ist und die Leserschaft stellenweise an bereits früher unter Mitarbeit von Hannes Leidinger publizierte Werke erinnert wird. Bei der Lektüre wird jedoch schnell deutlich, dass Habsburgs schmutziger Krieg – Ermittlungen zur österreichisch-ungarischen Kriegsführung 1914–1918 alles andere als ein Versuch ist, mit alten Ergebnissen in neuem Aufputz an der Medienaufmerksamkeit eines Gedenkjahres zu partizipieren. Die vier Autoren – Experten ihrer sich überlappenden Forschungsbereiche – liefern bei Weitem mehr als eine oberflächliche Bearbeitung einer Thematik en vogue, deren einzige raison d’etre sich aus dem hundertjährigen Gedenken an den Ausbruch des Ersten Weltkrieges versteht. Die vorliegende Bestandsaufnahme langjähriger Forschungsarbeit gliedert sich in neun Kapitel überschaubarer Länge, die sich – in thematische Abschnitte zerlegt – sehr locker präsentieren. Das gewählte Layout gibt den Autoren nicht nur die Freiheit ihre punktuellen Einblicke in lokal wie chronologisch eher lose zusammenhängende geschichtswissenschaftliche Diskurse zu bündeln; Die Leserschaft wird darüber hinaus durch den sehr locker und überschaubar gestalteten und zudem stilistisch sehr sauber gearbeiteten Text nicht überfordert – wenngleich durch wissenschaftliche Themenschwerpunkte herausgefordert. Derart richtet sich die Publikation nicht ausnahmslos an Spezialisten, sondern im Zuge des Gedenkjahres an eine breitere Öffentlichkeit von Interessenten. Letztere werden an den klar abgegrenzten und simpel formulierten Fragestellungen abgeholt, von wo aus Kennern der Materie wie Neueinsteigern gleichermaßen Einblicke in die historisch unterste Ebene des erweiterten Suizids des Doppeladlers gewährt werden. Derartige Schlaglichter auf die düsteren Spuren der österreichisch-ungarischen Besatzer wurden erst über Archivarbeit in England, Frankreich, Serbien und Österreich sowie auf einer äußerst breiten Basis gedruckter Quellen und relevanter Forschungsliteratur möglich. Zahlenangaben, die im Rückblick auf das Wüten des Großen Krieges vielerorts ihre Aussagekraft zu verlieren drohen, werden nicht nur präzisiert: Durch die große Menge an dokumentarisch aufgearbeiteten Szenen der Pflichtverletzungen und Gräueltaten – feinsäuberlich innerhalb einzelner Phasen der Radikalisierung verortet – wird den Opfern ein Gesicht und damit den erschreckenden Zahlen Gewicht und Wichtigkeit zurückgegeben. Gleichzeitig wird auf diversen Machtebenen die Verantwortung der Entscheidungsträger untersucht, deren Fokussierung sich bereits über das Personenregister am Werkende ausdrückt. Fernab eines retrospektiven blame game wird Vergehen dabei mittels dem juristischen Werkzeug zeitgenössischer Rechtspraxis beigekommen und auf diese Weise Rechtfertigungsstrategien und Versuche sich der Verantwortung bewusst herbeigeführter Gewaltzustände zu entziehen aufgedeckt.

Vor dieser detektivisch aufgedeckten Vielzahl menschenverachtender Verbrechen wendet sich das Haupt eines nostalgieverzerrten Habsburger-Idyll beschämt zur Seite, während die Arbeitsthemen angesichts aktueller Krisenherde nicht nur lokal, sondern auch politisch-ideologisch an brisante Diskurse anknüpfen, wenn etwa von Kleinkriegen, in denen zwischen regulären und irregulären Truppen kaum mehr zu unterschieden ist, von Gebieten – zerrissen zwischen diametral entgegengesetzten Machtgefügen, oder schwelenden ethnischen Konflikten in Gesellschaften vielschichtiger politisch-kultureller Loyalitäten die Rede ist. Das vorliegende Stück quellenbezogene Knochenarbeit macht Leid, Elend und das massenhafte Sterben der Opfer schmutziger Kriege an vergessenen Fronten, die selbst in Vergessenheit geraten sind, für eine dafür aufgeschlossene Erinnerungskultur erneut fassbar.

Tags

habsburg, 1. weltkrieg, autorinnenkollektiv, 1914, 1918