Neue Medien

2/2015 - Begründungen und Ziele der Medienbildung

Rezension: John Heartfield. Ein politisches Leben

von Anthony Coles. Übersetzt von Gerard Goodrow.

AutorIn: Johanna Lenhart

Lange fehlte eine kritische Biografie zum legendenumrankten 'Monteur' John Heartfield, dessen Montagen von großer Bedeutung für die Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts sind. Johanna Lenhart rezensiert für die MEDIENIMPULSE Anthony Coles' Versuch, diese biografische Lücke zu schließen.

Verlag: Böhlau
Erscheinungsort: Köln/Weimar/Wien
Erscheinungsjahr: 2014
ISBN 978-3-412-20999-5


Cover: John Heartfield. Ein politisches Leben,
von Anthony Coles,
Quelle: Amazon

Die Geschichten und Anekdoten, die über John Heartfield erzählt werden, sind zahlreich und schillernd: Bei Nacht und Nebel von den Eltern verlassen, durch einen Nervenzusammenbruch vor der Einberufung gerettet, spektakuläre Flucht vor den Nationalsozialisten und – nicht zuletzt – Erfinder der Fotomontage. Das Richtigstellen dieser Heartfield Mythen, die besonders durch Heartfields Bruder Wieland Herzfelde, mit dem er zeit seines Lebens eng zusammenarbeitete, und dessen – bestenfalls kreativ zu nennende – Biografie John Heartfield: Leben und Werk (1962) propagiert wurden, ist Anthony Coles ein besonderes Anliegen. Diese lange Zeit so maßgebliche wie fragwürdige Quelle zu Heartfields Leben, auf die sich auch die Wissenschaft immer wieder gerne beruft, ist der Versuch Herzfeldes "die Biografie John Heartfields zur Geschichte eines der bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts auszugestalten. "Mit der tatkräftigen Unterstützung von Heartfield selbst wird unter der Berufung auf zweifelhafte Quellen Heartfields Leben ausgeschmückt, Bilder nachbearbeitet und so Legenden gebaut – unnötigerweise wie Coles Buch belegt, spricht Heartfields Werk doch auch ohne die kreative Buchführung der "Gebrüder Heartfield Herzfelde" für sich.

Herausragend in ihrer Konsequenz und Treffsicherheit war Heartfields Arbeit im Bereich der politischen Fotomontage. Neben frühen Arbeiten im Umkreis der Berliner Dadaisten, Buchgestaltung für den Malik-Verlag von Wieland Herzfelde und gelegentlichen Ausflügen auf das Theater als Bühnenbildner für Max Reinhardt und Erwin Piscator, waren es vor allem seine politischen Arbeiten für die KPD und die AIZ, die Arbeiter Illustrierte Zeitung, die Heartfield bekannt machten. Arbeiten wie "Adolf, der Übermensch: Schluckt Gold und redet Blech" (1932), die eine 'Röntgenaufnahme' Hitlers mit einem Rückgrat aus Goldmünzen zeigt, oder die 'Hyäne des Kapitals', "Krieg und Leichen – die letzte Hoffnung der Reichen" (1932), auf der eine zähnefletschende Hyäne mit Zylinder und Medaille über ein mit Toten übersätes Schlachtfeld schreitet, sind es, die als Mittel der Satire und Kritik ihre Wirkungsmacht entfaltet haben und deren Spuren bis heute etwa in den Arbeiten von Klaus Staeck zu finden sind. Fest in der Zeit verankert und mit Zeitgenossen verbandelt, arbeitet Heartfield mit George Grosz und Kurt Tucholsky oder streitet mit "Kunstlump" Kokoschka und findet in der Fotomontage ein einflussreiches Medium, das ihm, in einer Mischung von Bild und Text, Satire und kritischem Kommentar, ermöglicht, Zusammenhänge, jenseits dessen, was mit 'bloßem Auge' zu erkennen ist, aufzuzeigen.

Coles Buch liest sich über weite Strecken eher wie eine Werkschau, als eine Biografie – aber eine durchaus kritische: Bei der schieren Menge an Material finden sich auch weniger gelungene Arbeiten Heartfields – etwa jene zur Unterstützung des sowjetischen Gedankens, die in ihrer humorlosen Gestaltung eher in Richtung von sozialistischem Kitsch driften – und werden von Coles dementsprechend besprochen. In beeindruckender Zahl beschreibt er sehr detailliert einzelne Montagen, erklärt Bezüge und Anspielungen und geht auch auf die Arbeitsweise Heartfields ein, sodass in dem über Jahrzehnte extensiv recherchierten Buch gleichzeitig auch ein Stück kritische Mediengeschichte vorliegt, die am Beispiel Heartfield von den Anfängen der politischen Fotomontage erzählt.

Der Kunsthistoriker Coles liefert so eine Analyse des politischen Künstlers Heartfield, weitgehend ohne in die Falle der Spekulation über Privates zu tappen und räumt gleichzeitig mit den Legenden zu Heartfields Leben und Werk auf. Der Fokus auf die politischen Arbeiten Heartfields führt jedoch dazu, dass Coles Phasen in Heartfields Leben in denen er, etwa weil ihm das Publikum fehlte wie im englischen Exil oder weil er als 'Westflüchtling' in seinen Jahren in der DDR einen schwierigen Status hatte, weniger politisch aktiv war, eher stiefmütterlich behandelt.

Die Montage war für Heartfield als neues Medium mit neuen Möglichkeiten und neuem (Massen-) Publikum jenseits des verstaubt bürgerlichen Kunstbetriebs attraktiv, fasziniert hat sie ihn jedoch vor allem, weil sie Bedeutung erzeugt, sie ist "konstruierte Wahrheit", so auch Günther Anders in einer Rede zur Eröffnung der Heartfield-Ausstellung, die bereits 1938 in New York stattfand: "Aber wenn Heartfield 'fälscht', wenn er die Wirklichkeit entstellt und auf ungewöhnliche Art zusammenstellt, tut er es nur, um sie richtig zu stellen. Wenn er konstruiert, konstruiert er nicht, um von der Wirklichkeit abzuführen wie die Konstrukteure üblicher Phantasiebilder […], sondern um erst die wirkliche und dem unbewaffneten Auge unsichtbare Welt sichtbar zu machen."

Tags

heartfield, biografie, montagen, malik-verlag