Neue Medien

2/2015 - Begründungen und Ziele der Medienbildung

Rezension: Data Love

von Roberto Simanowski

AutorIn: Raffaela Rogy

Der Medienwissenschaftler Roberto Simanowski analysiert in seinem Buch "Data Love" den aktuellen Diskurs des Data-Minings und diskutiert dessen Beziehungen, Aus- und Einwirkung auf Regierungen, die Wirtschaft, die Gesellschaft und das Individuum.

Verlag: Matthes & Seitz
Erscheinungsort: Berlin
Erscheinungsjahr: 2014
ISBN: 978-3-95757-023-9


Cover: Data Love
von Roberto Simanowski,
Quelle: Amazon

Die Vermessung der Welt geht weiter. Bereits seit der Moderne lieben wir es Informationen und Daten zusammenzutragen und jeden weißen Fleck kartografisch auszumerzen. Heute wenden wir die Methode des "Selftrackings" – die Vermessung des eigenen Ichs – an, indem wir uns beispielsweise durch Apps dabei beobachten lassen, welche Strecke wir beim Joggen zurücklegen, um schließlich diese Informationen unserer eigenen Bewegungskarte auf Socialmedia-Plattformen wie Facebook zu teilen. Die stete Dokumentation unserer Aktivitäten begründet sich durch ein tief verwurzeltes Verlangen des Menschen nach Informationen, um die Welt deuten zu können.

Der Professor für Digital Humanities der City University Hong Kong Roberto Simanowski spricht in seinem gleichnahmigen Buch von "Data Love", wenn er die Begierde des Menschen nach Informationen beschreibt. Die Begeisterung mit der wir täglich Daten sammeln und Dritten zur Verfügung stellen verspricht nicht nur kulturellen Fortschritt und Positives. Die Nebenwirkungen unserer Datenobsession, die mit einer gewissen Bequemlichkeit und Narzissmus seitens der User einhergehen, bringen auch Enthüllungen wie etwa die NSA-Spionageaffären durch Edward Snowden zum Vorschein, die symbolträchtig für den gläsernen Menschen sind. Doch die Datensammellust der Menschen ebbt nicht ab. Das Gegenteil ist der Fall, denn der Großteil der Gesellschaft, so Roberto Simanowski, steht relativ versöhnlich und kooperativ den Kontroll- und Überwachungssystemen gegenüber. Autor Simanowski weist dabei auf die "Ich habe nichts zu Verbergen"-Mentalität der Menschen hin und macht dabei auf den unsichtbaren Hauptdarsteller des Data-Minings aufmerksam: Den Algorithmus. Die durch Suchmaschinen und Online-Portale evozierten Algorithmen operieren mit der Wenn-Dann-Logik: Wenn Sie diese DVD gekauft haben, dann wird Ihnen auch diese DVD gefallen. Die Gefahr, die sich durch die Algorithmisierung manifestiert, äußert sich laut Simanowski dadurch, dass Ironie, Ambivalenzen und Widersprüchlichkeiten keinen Platz im Wenn-Dann-Prinzip haben, und eine Verallgemeinerung zur Folge haben. Dabei bleibt die individuelle Entwicklungsmöglichkeit durch den Austausch mit dem Unbekannten auf der Strecke: "Personalisierungsalgorithmen unterdrücken den Zufall, die Begegnung mit dem anderen und generieren so eine informationsspezifische Fremdenfeindlichkeit, die einem zum Großteil nicht einmal bewusst wird." (S. 79) Die Kommunikation und die Fragestellungen beschränkten sich auf ein binäres Ja/Nein oder ein Gefällt/Gefällt-Nicht und durch die Berechnung der Software unserer fleißig angelegten Datenarchive werden Entscheidungen vorgegeben: Aus Denken wird also Rechnen.

Dieser ernüchternde Zustand, der aus dieser "stillen Revolution" der Gesellschaft durch Big Data resultiert, ist für Simanowski der Anlass und der kritische Aufruf, das Menschliche erneut zu verhandeln und zu denken. Der Essay "Data Love", der die "heikelste Liebesbeziehung des 21. Jahrhunderts" mit der Einbeziehung von geisteswissenschaftlichem sowie literatrischem Personal wie Adorno, Deleuze, Kehlmann oder Shakespeare verhandelt und hinterfragt, tritt dabei für die Debattenkultur ein und verdient nachdrücklich die Speicherung im Gedächtnis der LeserInnen.

Tags

data love, big data, social media