Schwerpunkt

2/2015 - Begründungen und Ziele der Medienbildung

(Lehr-)Film(-)lehren

Potenziale von Lehrfilmen für die Medienbildung

AutorIn: Christian Stewen

Christian Stewen schlägt in seinem Impulspapier vor, Lehrfilme im Unterricht nicht in erster Linie zur Vermittlung von Wissensinhalten einzusetzen, sondern anhand ihrer die medialen Prozesse der Entstehung und Vermittlung von Wissen in schulischen Unterrichtssituationen zu veranschaulichen und zu problematisieren.

"[T]he educational film is one which contributes to the achievement of desirable educational goals by making effective use of the motion picture as a medium of communication." (McClusky 1947: 372)

Dieser Definition des Lehrfilms ("educational film") folgend handelt es sich hierbei um eine filmische Form, welche eine spezifisch pädagogische Intention verfolgt und ihre medialen Gestaltungsmittel zur Erreichung eines erzieherischen Ziels einsetzt. Hierbei werden die Funktionspotenziale des Mediums Film auf jene der Kommunikation, der Vermittlung konzentriert. Lehrfilm und pädagogische Vermittlungssituation werden in dieser Logik deckungsgleich, es durchdringen sich mediale und erzieherische (schulische/universitäre) Strategien der Produktion und Vermittlung von Wissen. Begriffe wie "Lehr-Film" oder "Unterrichts-Film" sowie "Schul-Kino" oder "Schul-Fernsehen" verweisen auf diese Analogien, im Rahmen derer Film/Kino und Fernsehen gleichsam Schule sind oder zu Schule werden können.[1]

Dieses Impulspapier setzt nun nicht mit mediendidaktischem Interesse bei der Frage an, in welcher Weise sich die medialen Voraussetzungen des Films im Sinne rhetorischer Operationen einer pädagogischen Wissensvermittlung einsetzen bzw. instrumentalisieren ließen. Von Interesse ist hingegen die Frage danach, in welcher Weise sich der Lehrfilm als Gegenstand anbietet, mit dessen Hilfe Strategien einer pädagogischen Produktion und Vermittlung von Wissen selbst anschaulich, diskutier- und gestaltbar werden können. Der Lehrfilm eignet sich dieser Perspektive folgend also nicht in erster Linie zur Veranschaulichung historischer, sozial- oder naturwissenschaftlicher Gegebenheiten und Verhältnisse, sondern dazu, die medialen Bedingungen von Unterricht bzw. Schule in den Blick zu nehmen, unter denen Wissen erst als Wissen entstehen kann. Somit ist das Verhältnis zwischen Film und schulischer Vermittlungssituation nicht als eines der Entsprechung oder Fortsetzung, sondern als eines der Reflektion und sogar Durchkreuzung zu beschreiben.

Der Lehrfilm zeichnet sich durch spezifische ästhetische Inszenierungsweisen und Funktionsmomente aus, die sich unschwer in Analogie zu jenen schulischer Lehre setzen lassen. Lehrfilme (re-)produzieren in den Differenzen zwischen ausführenden Wissenden (WissenschaftlerInnen mit weißem Kittel, die Blicke ermöglichen und lenken) und unwissenden Zuschauenden traditionelle schulische Machtordnungen, wobei Stimme und Schrift die dominanten Instanzen bleiben, die das betrachtete Phänomen in Worten und gedanklichen Sinnstrukturen fassbar machen. Aussagen, Schlussfolgerungen, Lehren stehen im Vordergrund bzw. sind die Ziele von Lehrfilmen, die auf Eindeutigkeit abzielen. Lehrfilme produzieren Sentenzen oder Lehrsätze in ihren sprachlichen und visuellen Strategien. Hierbei handelt es sich in der Regel um Bedeutungen, die im Sinne von Übereinstimmungen zwischen geschriebenem bzw. gesprochenem Wort und sichtbarem Gegenstand entstehen: Objekte und Phänomene werden gezeigt und zusätzlich sprachlich bezeichnet. Der Blick der Zuschauenden wird mithilfe von Kameraoperationen sowie durch zusätzliche Pfeile, Zeigestöcke etc. gelenkt. Anita Gertiser bestimmt die ästhetischen Inszenierungstraditionen des Lehrfilms folgendermaßen:

"Bevorzugt wird ein statischer Bildaufbau mit objektzentrierten Kompositionen und monothematischer Bildgestaltung; spezifische filmische Mittel der Inszenierung wie Perspektivenwechsel kommen kaum zum Einsatz." (Gertiser 2006: 60)

Der filmischen Darstellung schreibt sich die Vorstellung von einer objektiven Abbildbarkeit ein. Der Blick wird als suchender, entdeckender, erkennender, formulierender konstituiert, wobei der Film ausstellt, zu Erkennen gibt. Mithilfe dieses Blickarrangements schreibt sich in den Lehrfilm der Glaube bzw. das Wissen ein, dass Film Wirklichkeit, die 'Natur' zeigen könne und das mithilfe von Zeitlupen, Vergrößerungen etc. oftmals besser als das menschliche Auge. Die Position der Betrachtenden ist eine distanzierte, reflektierende, welche in der steten Bestrebung zur Identifizierung alles Gezeigte (Gegenstände, Tiere, Menschen) zu (Wissens-)Objekten werden lässt. Der dominante Erfahrungsmodus des Lehrfilms liegt in der kognitiven Durchdringung und Aneignung; filmische Erfahrbarkeiten im Sinne von Identifikationen, Einfühlungen, emotionaler Anteilnahme oder anderen körperlichen Filmerfahrungen werden weitgehend vermieden.[2]

Diese Stilistiken lassen sich in zahlreichen Lehrfilmen beispielsweise des Instituts für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht (FWU) finden, die im Unterricht im Hinblick auf die medialen Prozesse der Herstellung von Wissen betrachtet und diskutiert werden können. Als Beispiele für produktive Analysen bieten sich aber auch jene 'Lehrfilme' an, die im Sinne von Reflexionen oder Bearbeitungen dieses Formates funktionieren und die in ihren Inszenierungen selbst an den Grenzen der medialen/pädagogischen Strategien der Produktion von Wissen operieren. Beispielsweise greift die erste Staffel der BBC-Serie Look Around You (UK 2002) klassische Inszenierungsstrategien des Schulfernsehens auf, nutzt sie aber im Sinne einer Parodie. Dies geschieht unter Anderem durch Übertreibungen, bei denen Prozesse und Objekte sprachlich und bildlich über-identifiziert oder naturwissenschaftliche Experimente sichtlich verkompliziert werden. Zentraler noch sind die zweifelhaften Wissensinhalte und Forschungsergebnisse: Das Modul zu Schwefel 'zeigt' beispielsweise, dass eine Mischung aus Schwefel und Champagner ("Sulphagne") dazu führt, dass KonsumentInnen mit ihren Blicken Gegenstände verschwinden lassen können. Zudem finden sich Inkongruenzen in den Herstellungsprozessen (natur-)wissenschaftlicher Ordnungsstrukturen: "Musik" findet sich so im Periodensystem der Elemente oder in einem entsprechend beschrifteten Aufbewahrungsglas für Chemikalien. Als weiteres Beispiel eignet sich der ‚Aufklärungsfilm’ Någonting har hänt (Something Happened, SWE 1987) zum Thema AIDS, den das schwedische Gesundheitsministerium beim damaligen Werbefilmer Roy Andersson in Auftrag gab. Nach ersten Sichtungen des Materials wurde das Projekt jedoch vom Ministerium gestoppt. Neben provokanten Thesen zur Entstehung und Verbreitung des HI-Virus gibt der Film einem Wissenskonzept Raum, welches sich eindeutiger Aussagen und klarer Handlungsanweisungen entzieht und bestehende (mediale) Wissensordnungen außer Kraft setzt: Sprachliche Inhalte scheinen nicht dem Gezeigten zu entsprechen, wobei spezifische mediale Verfahren der Bezeichnung und Herstellung von Identität problematisiert und außer Kraft gesetzt werden: Die Reden von "Homosexuellen" oder "Prostituierten" werden von Bildern begleitet, die nicht den kulturell tradierten Stereotypen entsprechen und somit bekannte mediale Repräsentationssysteme verunsichern. Zudem reflektiert der Film in zahlreichen schulischen und universitären Vermittlungssituationen die Prozesse einer Wissensvermittlung und protokolliert sie in ihrem Scheitern.[3]

Zusammenführend lässt sich festhalten, dass sich im Rahmen von Lehrfilmen spezifische Darstellungskonventionen entwickelt haben, die – ganz im Sinne von McClusky – die Möglichkeiten des Mediums Film didaktisch für die erfolgreiche und nachhaltige Vermittlung von Wissen nutzen. Aus einer medienkulturwissenschaftlichen Perspektive betrachtet liegen die Potenziale des Lehrfilms jedoch weniger in ihren Strategien der Veranschaulichung und Vermittlung, sondern in ihren Tendenzen, die medialen/schulischen Strukturen der Produktion von Wissen, Wahrheit und Wirklichkeit sichtbar zu machen und kritisch zu hinterfragen. Lehrfilme legen die Prozesse der Herstellung von Bedeutung in den audio-visuellen Produktionen von Eindeutigkeiten und Evidenzen bloß. Wer oder was etwas ist und wie es funktioniert wird innerhalb eines Zeichensystems entscheidbar, welches seinerseits in medialen und schulischen (Macht-)Ordnungen verankert ist. Diese Ausführungen anhand des Lehrfilms lassen sich auch auf andere mediale Formen und Techniken übertragen und auf die folgenden schlagkräftigen Argumente für Medien und Medienbildung im Unterricht zuspitzen: Medien ermöglichen nicht nur den Zugang zu und die Verbreitung von Wissensinhalten, sondern reflektieren und problematisieren in vielfältiger Weise Prozesse der Wahrnehmung und der Entstehung von Bedeutung. Werden Medien in ihren je eigenen Strategien der Sinnstiftung erkennbar, ermöglicht die Beschäftigung mit ihnen im Unterricht letztlich Reflektionen und Rekonfigurationen der schulischen und universitären Bedingungen der Entstehung und Vermittlung von Wissen.


Literatur

Gerstiger, Anita (2006): Domestizierung des bewegten Bildes. Vom dokumentarischen Film zum Lehrmedium, in: Montage AV, Vol. 15, Nr. 1 (Gebrauchsfilm (2), 58–73.

Masson Eef (2012): Watch and Learn. Rhetorical Devices in Classroom Films after 1940, Amsterdam: Amsterdam University Press.

McClusky, Frederick Dean (1947): The Nature of the Educational Film. In: Hollywood Quarterly, Vol. 2, Nr. 4, 371–380.

Pauleit, Winfried (2007): Kinematograph und Zeigestock. Ähnlichkeit und Differenz der visuellen Anordnungen von Kino und Schule, in: Decke-Cornill, Helene/Luca, Renate (Hg.): Jugendliche im Film – Filme für Jugendliche. Medienpädagogische, bildungstheoretische und didaktische Perspektiven, München: KoPäd, 59–71.

Reichert, Ramón (2007): Im Kino der Humanwissenschaften. Studien zur Medialisierung wissenschaftlichen Wissens, Bielefeld: Transcript.


[1] Überlegungen dazu, dass spezifische Funktionen des/der Lehrenden mit den filmischen Strategien des Zu-Erkennen-Gebens zusammen fallen, finden sich u.a. in den Schriften von Geneviève Jacquinot, die Eef Masson intensiv aufarbeitet (vgl. Masson 2012), sowie in Winfried Pauleits Ausführungen zu Kinematograph und Zeigestock (vgl. Pauleit 2007).

[2] Äußerst detaillierte Analysen der Gestaltungen und der an sie gekoppelten Wahrheits- und Evidenzeffekte von Lehrfilmen legt Ramón Reichert vor; vgl. Reichert 2007.

[3] In ähnlicher Weise spielen unter anderen auch die Goofy-Cartoon-Reihe The Art of/How to (USA 1941-53) und der Ed-Wood-Film Glen or Glenda (USA 1953) mit den Gestaltungskonventionen des Lehrfilms.

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