Kultur - Kunst

1/2015 - Medienpädagogik und E-Learning

Südtirols Medienlandschaft

AutorIn: Judith Klein

Judith Klein betrachtet für uns die vielfältige Medienlandschaft Südtirols. Über einen Abriss der Südtiroler Mediengeschichte führt sie uns durch die unterschiedlichen Presseprodukte der drei Sprachgruppen hin zu den Voraussetzungen, durch welche diese pluralistische Medienlandschaft Südtirols geschaffen worden ist.

Judit Klein

Massenkommunikation durchwebt unser Leben in vieler Hinsicht. Durch die moderne Kommunikationstechnik ist sie so weit Teil unseres Lebens geworden, dass unsere Welt ohne ihre Einwirkung nicht mehr vorstellbar ist. "Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien. Das gilt nicht nur für unsere Kenntnis der Gesellschaft und der Geschichte, sondern auch für unsere Kenntnis der Natur." (Luhmann 2004: 9) Die Medien vermitteln die Welt, holen sie zu uns nach Hause, informieren und unterhalten uns in jeder Lage unseres Lebens. Dabei fallen den Massenmedien noch andere wichtigen Aufgaben zu: Medien werden als Vermittler und Anbieter von Kultur betrachtet. In erster Linie durch die Definition des öffentlich-rechtlichen Mediensystems werden Medien als Transportmittel für Themen der Politik, der Wirtschaft und für Kulturprodukte angesehen. Medien werden aber auch länderspezifisch betrachtet: jedes Land hat ein eigenes Medienangebot, Nutzungsformen für eine eigene Medienkultur. Medien transportieren nicht nur Kultur, sie beeinflussen sie auch. (Faulstich 2004) Doch Medien erfüllen nicht nur diese Vermittlerfunktionen, sie tun viel mehr als nur informieren und unterhalten, sie tragen zur sozialen Integration bei, prägen und beeinflussen persönliche Werthaltungen. "Medien begleiten und beschäftigen uns Tag für Tag von morgens bis abends und beeinflussen unser scheinbar 'privates' Wahrnehmen, Fühlen, Agieren ganz fundamental, noch vor aller Virtualisierung von Wirklichkeit durch die neuen digitalen Medien." (Faulstich 2004: 7)

Die Rolle der Massenmedien ist besonders für Minderheiten von Bedeutung: es kommen nämlich noch weitere Funktionen hinzu, wie die Konstruktion von national, ethnisch und kulturell definierten Identitäten. Minderheitenmedien kommunizieren begrenzt, die von ihnen geschaffene Öffentlichkeit enthält Themen, die nur für eine gewisse sprachlich oder geografisch eingegrenzte Gruppe relevant sind. "Es wird damit eine Kommunikation mit eine Beziehungsgruppe geschaffen, die nur teilweise mit jener des Alltagslebens identisch ist, und damit die Möglichkeit, jenseits der physischen sozialen Umgebung, in der man sich in einer Minderheitenposition befindet, an der Selbstdefinition zu arbeiten." (Busch 1999: 224) Minderheiten brauchen mehr als eine andere gesellschaftliche Gruppe die Möglichkeit der erfolgreichen, effektiven Kommunikation untereinander, gereade auch in Massenmedien. Neben der zentralen Informationsfunktion der Medien und der von Faulstich zitierten Sozialisationsfunktion spielt die Integrationsfunktion eine besondere Rolle. Verhaltensweisen, Normen und Rollen der Gesellschaft werden durch die Medien vermittelt. Eine Leistung der Massenmedien ist außerdem die Herstellung von Öffentlichkeit. Durch die Öffentlichkeit werden Informationen zugänglich gemacht. Die Mitglieder einer Gruppe in einer differenzierten Gesellschaft fühlen sich durch die Medien in die Gesellschaft integriert, fühlen sich als deren Teil, erfahren aber durch ihre "eigenen" Medien die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft.

"In Anlehnung an Konzeptionen von McLuhan und McQuail formuliert Ronneberg den Gedanken, dass der Grad der Integration komplexer Gesellschaften abhängig sei vom Vorhandensein und von der Flexibilität genügend zahlreicher und effizienter technischer Kommunikationseinrichtungen, über die Einzelpersonen, Organisationen und Institutionen miteinander in Beziehung treten können. Massenmedien sind in dieser Sicht als eine Art informationelle Infrastruktur zu verstehen." (Vlasic 2004: 57)

Südtirols deutschsprachige Medien erfüllen diese Kriterien, aber gehen auch weiter. Sie erfüllen ihre Aufgaben in einer Region, in der die deutschsprachige Bevölkerung in der Mehrheit lebt und größtenteils über sich selbst bestimmen kann, agiert aber in einem Staat, in dem die Gruppe, deren Muttersprache Deutsch ist, einen kleinen Prozentsatz der Gesamtbevölkerung ausmacht. Deshab sind für die Minderheitenmedien die nun folgenden Eigenschaften charakteristisch: Sie widerspiegeln die Struktur der Gesellschaft und sind nicht imstande, die Kluft zwischen der italienischen und deutschen Sprachgemeinschaften zu überbrücken. Die deutschsprachige Presse agiert als Mainstreampresse, dabei kann die Vergangenheit und die Minderheitensituation in einem gesamtitalienischen Rahmen nicht außer Acht gelassen werden.

1. Abriss der Mediengeschichte Südtirols

Die Situation der Medien widerspiegelt die gesellschaftlichen Verhältnisse und die Geschichte des Landes. Im September 1919 wurde in Saint Germain über das Schicksal Südtirols entschieden, es wurde Teil Italiens ohne entsprechende Vorsorge für eine Minderheit zu treffen. Italien annektierte Südtirol ein Jahr später. Die Situation der Südtiroler verschlechterte sich rapide. Während der Zeit des Faschismus wurden zahlreiche Maßnahmen zur Italianisierung der Bevölkerung eingeführt. Schon seit 1923 durfte nur noch Italienisch als Amtssprache verwendet werden, das bezog sich auch auf Aufschriften und Ankündigungen. Ab 1925 wurde die Autonomie der Gemeinden abgeschaffen. Auch in den Schulen wurde Italienisch eingeführt, 1928 wurde mehrheitlich nur noch Italienisch unterrichtet, Deutsch blieb noch in einem Bruchteil der Schulen erhalten. Als 1927 Bozen zur eigenen Provinz wurde, hat man hier als neues Element die 'Majorisierung' eingeführt. Durch die Einwanderung von Italienern, besonders aus dem Süden, versuchte der Staat die Identität der Südtiroler zu vernichten, sie durch eine italienische Mehrheit zu assimilieren. Das Leben wurde immer unerträglicher, bis am Ende als einziger Ausweg, die Option als Lösung stand: das Verlassen des Landes. So hätte am Brenner nicht nur eine Staats-, aber auch eine Nationengrenze stehen können. 1939 fielen die Südtiroler dem Bündnis von Hitler und Mussolini zum Opfer. Sie mussten zwischen der deutschen Staatsbürgerschaft oder für die Beibehaltung der italienischen Staatsbürgerschaft entscheiden. 86% entschieden sich für das Verlassen Südtirols. Eine beträchtliche Zahl der deutschsprachigen Bevölkerung verließ Südtirol, aber durch die Kriegsgeschehnisse konnten viele, die für die Option gestimmt haben, nicht gehen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges stand man wieder vor einer ungelösten Aufgabe: Wie weiter mit Südtirol? Nach Verhandlungen zwischen Österreich und Italien wurde das Gruber-De Gasperi-Abkommen unterzeichnet, in dem eine volle Gleichberechtigung der deutschsprachigen Einwohner der Provinz Bozen proklamiert wurde. Das Abkommen wurde zwar 1946 unterzeichnet, aber Südtirol wurde mit Trentino zusammengelegt und die deutschsprachige Bevölkerung bildete erneut eine Minderheit. Trotz des Abkommens verbesserte sich die Lage nicht, und die Südtiroler sahen sich gezwungen nach Unterstützung außerhalb Italiens zu suchen. Österreich nahm die Rolle der Schutzmacht auf sich und brachte die Südtirol-Frage 1960 vor die UNO. Ab 1959 wurden auch die Südtiroler aktiv und übten Attentate auf verschiedene Objekte von wirtschaftlicher und kultureller Wichtigkeit aus. Als Ergebnis inner- und außerstaatlichen Bemühungen wurde 1969 dann von italienischer Seite ein Paket angeboten, das von der SVP (Südtiroler Volkspartei) angenommen wurde. Der Weg stand frei für den Ausbau einer Autonomie. Es dauerte wieder Jahrzehnte bis 1992, dass der Streit über die Selbstbestimmung sein Ende fand. Südtirol wurde nunmehr vom Trentino abgetrennt und konnte mit einer Mehrheit der deutschsprachigen Bevölkerung beginnen, seine Autonomie nach eigenen Vorstellungen auszubauen.

Das Zusammenleben beider Sprachgruppen war Jahrzehnte lang nicht problemfrei. So ist es nicht verwunderlich, daß beide mit der neuen gesellschaftlichen und politischen Situation nicht reibungslos umgehen konnten. Die Veränderungen in der Gesellschaft haben sich in der Presse widerspiegelt. Zu den Aufgaben der Medien gehört unter anderem die Darstellung der Ereignisse in der Gesellschaft und die Journalisten selbst, besonders wenn es um die Situation einer Minderheit geht, haben einen Auftrag, dieser zu entsprechen. Die Kluft in der Gesellschaft zwischen den deutschsprachigen und italienischsprachigen Südtirolern ist existent. Nicht einmal der Erfolg der Autonomie konnte daran etwas ändern. Obzwar die politische Elite, die Akademiker, miteinander zusammenarbeiten, und auch die beiden Sprachen auf einem guten Niveau sprechen, kommt es in der restlichen Gesellschaft kaum zu Berührungen. Die drei Sprachgruppen – Deutsche, Italiener, Ladiner - werden durch den Proporz getrennt, was – bei seiner Einführung – als Instrument der Konfliktlösung angesehen wurde. Aber auch in der Medienlandschaft führte diese Trennung zum Herausbilden einer Pressestruktur in der eigenen Muttersprache: Jede Sprachgruppe besitzt und konsumiert die eigenen Presseprodukte.

Wenn es um Presse in Südtirol geht, dann versteht man in erster Linie die Tageszeitung ‘Dolomiten’, die Zeitung, die eine lange Zeit lang allein als "die deutschsprachige Zeitung" Südtirols galt. Die Gründung des Athesia Verlages reicht in das Jahr 1888 zurück. In dem Jahr wurde das Katholisch-politische Kasino für Brixen und Umgebung gegründet und dem entwuchs der Presseverein Tyrolia 1899 und 1907 dann die Verlagsanstalt Tyrolia. Sie gaben die Presseprodukte 'Brixener Chronik' und 'Tiroler Volksbote', aber auch andere Zeitschriften heraus. 1923 wurde in Südtirol der Name Tirol generell verboten, so musste Tyrolia in Athesia umbenannt werden und aus dem 'Tiroler' wurde 'Landsmann', später 'Dolomiten'. In dieser Periode gab es noch bis 1925 deutschsprachige Zeitungen und Zeitschriften, als die Vorzensur über alle deutschen Zeitungen verhängt wurde. Die Zeitungen bekamen sehr schnell Verwarnungen, die dann in Verbote mündeten. 1925 wurde der 'Landsmann' eingestellt, ein Jahr später gab es keine deutschsprachigen Presseprodukte mehr. Die Faschisten haben dann selbst an die Informierung der deutschsprachigen Südtiroler gedacht, und ab 1926 ist sodann die 'Alpenzeitung' erschienen. 1927 gelang es Kanonikus Michael Gamper mit Hilfe der Bischöfe von Brixen und Trient die Wiederzulassung der 'Dolomiten' und des 'Volksboten' zu erreichen. Die Zeitungen durften dreimal pro Woche erscheinen, wurden aber streng zensiert und mussten ihre Berichterstattung danach ausrichten. 1943 wurde die 'Dolomiten' verboten und das Verlagshaus Athesia beschlagnahmt. Erst ab 19. Mai 1945 durfte die Zeitung wieder erscheinen. Die 'Dolomiten' arbeitete eng mit der SVP zusammen und waren dadurch eine lange Zeit hindurch – besonders während der Periode des Kampfes um die Autonomie – das eigentliche Sprachrohr der Südtiroler. Aber auch Südtirol ist von den Strömungen in der Gesellschaft nicht unberührt geblieben. Die gesellschaftlichen Veränderungen der Nachkriegszeit beeinflussten auch die mit ihrem Minderheitenstatus ringenden Südtiroler Gesellschaft. Es wurde die Zeitschrift die 'Brücke' gegründet, in der zum ersten Mal die scheinbar undifferenzierte Leitkultur und das Monopol des Verlagshauses Athesia und der 'Dolomiten' in Frage gestellt wurde. "Die seit der SVP-Gründung 1945 im Autonomiekampf verinnerlichte 'Geschlossenheit' von Volk, Partei und Zeitung wurde von den Brücken-Leuten nicht mehr als Notwendigkeit für das Überleben von Südtirol empfunden, sondern als Einheitszwang." (Forcher/Peterlini 2010: 366) Es gab noch einige Versuche, Wochenzeitungen oder Monatszeitschriften zu gründen, wie die 'Volkszeitung' oder 'Tandem', aber sie blieben in ihrem Wirken begrenzt. Bis 1980 besaßen die 'Dolomiten' ein absolutes Monopol, erst 1980 änderte sich die Lage mit der Gründung der Wochenzeitschrift 'FF – Die Südtiroler Illustrierte'. Diese entwickelte sich zu einem politischen Wochenmagazin und setzte auf einen ideologiefreien Journalismus. Sie beeinflusste in großem Ausmaß die journalistische Arbeit in Südtirol und bildete eine Konkurrenz zu den 'Dolomiten'. Zugleich entstand eine Vielzahl deutschsprachiger Medien, manchmal aus Privatinitiative, aber auch als strategischer Schritt vom Athesia Verlag, sie erlangten jedoch keine bedeutende Wirkung. Seit 1996 gibt es die 'Neue Südtiroler Tageszeitung' kurz 'Tageszeitung'. Seitdem erscheinen beide Zeitungen sechsmal die Woche. Der Athesia Verlag gibt seit 1989 noch die Sonntagsausgabe 'ZETT' heraus, die von einer selbstständigen Redaktion geschrieben wird. Ebenfalls von Athesia stammt eine Vielzahl von Presseprodukten (s. Anhang 1.), die Marktanteile für sich zu sichern suchen, doch eine wahre Konkurrenz zu anderen Presseprodukten aus Deutschland und Österreich stellen sie nicht dar. Die Vielfalt der Presseprodukte ist die Reaktion auf die immer weiter vorangeschrittene Autonomie, die das geschlossene Auftreten der Minderheit gegen Rom, immer überflüssiger machte.

Eine wichtige Zäsur im italienischen Pressewesen setzte das am 07.08.1990 verabschiedete Pressegesetz. Demnach werden Zeitungen der Parteien, aber auch der Minderheiten vom Staat subventioniert. Es gibt einige Bedingungen, die aber nicht schwer zu erfüllen sind: die Zeitung muss fünfmal die Woche erscheinen und die Mindestauflage von 10.000 Exemplaren errichen. Zeitungen bekommen die staatlikche Unterstützung erst dann, wenn sie seit mindestens 5 Jahren bestehen. Beide Tageszeitungen – die 'Dolomiten' und die 'Tageszeitung' – erfüllen diese Kriterien und bekommen daher als Minderheitenzeitung Unterstützung aus dem Staatsbudget. (s. Anhang 2.)

Die Geschichte der Massenmedien ist immer etwas komplizierter, in erster Linie wegen des Ausbaus technischer Voraussetzungen, die besonders am Beginn ihrer Verbreitung ein Monopol des Staates war. Radio Bolzano startete am 12.Juli 1928 als viertes Studio im Land und sendete bis 1945 nur in italienischer Sprache. Die Faschisten räumten der Propaganda eine wichtige Rolle ein, das Radio wurde zu einem wichtigen Instrument, doch erreichte dieses die deutschsprachige Bevölkerung gar nicht. Am 1. Oktober 1945 hat daher das Bozner Studio angefangen, Deutsch zu senden. Es gab zweimal am Tag Nachrichten in deutscher Sprache von etwa 20 Minuten, in einer Ära, in der es noch keinen Pariser Vertrag, kein Gruber – De Gasperi Abkommen und kein Sonderstatut gab. Die Sendungen wurden auf Aufforderung der Alliierten produziert und befriedigten die Bedürfnisse der deutschen Hörerschaft kaum. Es gab Protestaktionen seitens der 'Dolomiten', aber eine Lösung konnte nicht gefunden werden und so blieb Radio Bozen den Hörern fremd. Am 12. Oktober 1960 wurde das Rundfunkgebäude am Mazziniplatz in Bozen eingeweiht. Damit eröffneten sich neue Möglichkeiten und so konnte auch das deutschsprachige Programm ausgebaut werden. Das deutsche Programm wurde von 3 Stunden 45 Minuten auf 8 Stunden und 35 Minuten an Werktagen erweitert, an Sonntagen von 4 Stunden 20 Minuten auf 10 Stunden 55 Minuten. Weil es gegen die eigenen Interessen gerichtet war, verhinderte die Rai auf dem Rechtswege, dass deutschsprachige Programme aus der Schweiz, Deutschland und Österreich empfangen werden konnten. Doch kam sie dadurch selbst unter Druck, auch der deutschsprachigen Bevölkerung ein Fernsehprogramm zu bieten, was 1966 zu den ersten Fernsehprogrammen in deutscher Sprache führte. Der wichtigste Teil des Programms wurde die 'Tagesschau', die neben den 'Dolomiten' zur wichtigen Informationsquelle wurde. Zwei Journalisten in Rom und zwei in Bozen haben die Sendungen fertig gestellt, die dann von den Chefredakteuren in Rom kontrolliert wurden. Die Zufriedenheit mit den Programmen wuchs damit noch nicht, denn die Personalpolitik bevorzugte in dem Sender eindeutig Italiener. Rai beschäftigte lange Zeit keine deutschsprachigen Journalisten. Beim Rai Sender Bozen wurde erstmals 1975 der erste deutschsprachige Programmchef ernannt und 1977 dann der erste Chefredakteur. Da die staatliche Rundfunkanstalt Rai eine komplizierte Struktur hatte, saß der Chefredakteur in Rom und war von dort aus für die Inhalte der Programme zuständig. Bis zum heutigen Tag besteht diese Doppelstruktur des Chefredakteurs und des Programmkoordinators, bei der die Zuständigkeitsbereiche unklar geblieben sind. Das entsprechende Personal stand überhaupt erst in den 90er Jahren zur Verfügung. Der Durchbruch beim deutschen Programm erfolgte dann mit der Aufhebung der Kontrolle aus Rom. Ab 1987 mussten die Sendungen zur Kontrolle nicht mehr nach Rom überspielt werden, sie wurden in Bozen abgenommen. Einige Rubriken verblieben aber in der Zentrale wie die internationalen, nationalen und Sportnachrichten. Auch die Sendezeit wurde erhöht und ab dem 15. April 1991 konnte die erste Tagesschau aus Bozen ausgestrahlt werden. Währenddessen hat sich die Lage im Rai Sender Bozen stark verändert. Im Gegensatz zum wirtschaftlich schwer angeschlagenen Italien, geht es Südtirol relativ gut. Deshalb übernimmt die Provinz auch auf dem Gebiet der Medien deren teilweise Finanzierung. Da die Rai durch Gebühren und staatliche Subventionen finanziert wird, kann die Provinz aufgrund ihres Autonomiestatus direkt vor Ort in Bozen in die Finanzierung einsteigen. Dies geschah 2013, als die Provinz und die Rai einen Vertrag über die Finanzierung der deutschen Programme unterzeichneten. Das bedeutet natürlich mehr Unabhängigkeit von Rom, mehr Selbstbestimmung, aber auch eine größere Möglichkeit. vor Ort Einfluß auszuüben.

Zu den wichtigen Ereignissen auf dem Medienmarkt Südtirols gehört die 1975 gegründete Rundfunkanstalt Südtirol (RAS). Die Sendungen vom ORF, ZDF und SRG konnten von nun an auch in Südtirol empfangen werden und machten der Rai Konkurrenz. 1976 wurde das Staatliche Rundfunkmonopol aufgehoben und mehrere privat betriebene Radiostationen und eine private Fernsehanstalt wurden gegründet.

Durch das Internet eröffnete sich eine Vielzahl von Möglichkeiten, an die Öffentlichkeit zu treten. Dazu gehören verschiedene Webseiten, wie die des Athesia Verlages 'stol.it' oder 'suedtirolnews.it'. Aber auch die Tageszeitung bekamen ihre Webseite. Zu den am häufigsten besuchten gehören die Webseiten vom Athesia Verlag.

Natürlich gibt es zweisprachige Ausgaben, die versuchen, die zwei Sprachgruppen mit gemeinsamen Themen zu bedienen. 'Salto' oder 'Barfuss' sind eher Projekte im Internet, in Kreisen der Gebildeten bekannt und werden auch besucht. Periodika und Zeitschriften verschiedener Natur werden veröffentlicht, wie das neulich gegründete '39Null', das versucht für gemeinsame Themen von Südtirolern in und außerhalb der Provinz eine gemeinsame Plattform zu finden. Auch wenn das Produkt sowohl thematisch als auch visuell interessant gestaltet ist, eine breite Leserschaft erreichen sie weder auf dieser noch auf der anderen sprachlichen Seite.

Die Zeitung 'Alto Adige' ist ein Gegenpol der 'Dolomiten'. Sie wurde 1945 gegründet und bedient die italienischsprachigen Südtiroler. Neben 'Alto Adige' erschien von 1991 bis 1993 'Mattino dell’ Alto Adige' mit einer vierseitigen deutschen Beilage. Diese Zeitung wurde 2003 eingestellt, seitdem hat die ‘Corriere della Sera’ eine tägliche Beilage namens 'Corriere dell’ Alto Adige'. Der italienischsprachige Markt ist in Südtirol durch zwei Faktoren limitiert. Die Zahl der italienischsprachigen Südtiroler ist gering, außerdem bekommt man in Italien Presseprodukte, die die Bedürfnisse nach nationalen und internationalen Nachrichten bestens befriedigen. Nur wenn es um das Regionale und Lokale geht, greift man nach der lokalen italienischen Tageszeitung, sie spielt auch die wichtigste Rolle bei der identitätsstiftenden Funktion der Medien für die italienischsprachigen Südtiroler. Außerdem beliefert diese die Rai seit 1928 mit italienischen Hörprogrammen und seit 1956 auch mit Fernsehprogrammen.

2. Ein kurzer Exkurs – ladinischsprachige Medien

Die dritte Sprachgruppe in Südtirol bilden die Ladiner, die aber wegen ihrer geringen Zahl von ca. 4,53% der gesamten Bevölkerung nur eine marginale Rolle spielen. Sie haben auch ihre ladinischen Medien, die aber in der Öffentlichkeit eine auf die eigene Sprachgruppe zugeschnittene Rolle spielen. Die Rai startete 1946 sporadisch Radioprogramme in ladinischer Sprache, diese Sendungen wurden bis 1953 wöchentlich zweimal ausgestrahlt. Erst ab 1970 gab es eine feste Stelle für einen Programmgestalter im Rai Sender Bozen. Ab 1977 gab es wieder eine Erweiterung: jeden Tag wurden am Nachmittag und am Abend 20 Minuten in ladinischer Sprache ausgestrahlt. Die erste Fernsehsendung kam 1979 nur probeweise und musste nach einem halben Jahr für fast 10 Jahre pausieren. 1988 gab es 26 Stunden pro Jahr ladinischsprachiges Programm im Fernsehen und 238 Stunden im Radio. 1997 wurde die Länge des Programms im Hörfunk auf 352 Stunden, im Fernsehen auf 39 Stunden pro Jahr erhöht.

Die erste Zeitung wurde in ladinischer Sprache 1905 unter dem Titel 'L’ amik die Ladins' veröffentlicht, 1911 erschien dann der erste Kalender. Beide waren kurzlebig. Erst nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges meldeten sich die Ladiner wieder mit einem Presseprodukt, 1949 mit einer Monatszeitschrift. Seit 1972 erscheint regelmäßig die Wochenzeitung 'La Usc di Ladins'. In Südtirol können die Ladiner, um sich vollständig informieren, Medienprodukte in einer anderen Sprache benützen, da sie sowohl italienisch als auch deutsch können, eine sprachliche Barriere existiert für sie nicht. 'Dolomiten' bringt jeden Tag Berichte aus den ladinischen Tälern, manchmal ladinisch geschrieben, dadurch erreicht die Redaktion auch die dortigen, potentiellen Leser.

Es gibt also zwei bestimmende Volksgruppen in Südtirol, die über zwei "eigenen" Zeitungen verfügen, die sie über die Ereignisse der eigenen Sprachgruppe informieren. Auch die Rai hat eine ähnliche Struktur, die Sendungen der Sprachgruppen sind von einander getrennt und werden, den Bedürfnissen der jeweiligen Gruppe angepasst, produziert. Die Rai ist natürlich eine öffentlich-rechtliche Anstalt, die unter der Kontrolle des Staates steht, und Rom ist ziemlich weit. Aber die zwei Zeitungen sind regional eingebunden und ihnen wird viel mehr als nur die Funktion einer Zeitung zugewiesen: Sie stehen für die eigene Volksgruppe ein. Beide Tageszeitungen besitzen in der Sprache, in der sie arbeiten, beinahe ein Nachrichtenmonopol in ihrer Region.

3. Allgemeine Charakterisierung der Medienlandschaft

Mehrsprachige Angebote werden kaum genutzt. Die Zeitungen beider Sprachgruppen erreichen kaum die Leserschaft der anderen. (Tribus 2008) Die Dolomiten erreichen 70%, Alto Adige 60% der eigenen Sprachgruppe. Auch die Rai hat einen ähnlichen Wirkungsbereich: Die italienische Rai wird von 20% der deutschsprachigen Südtiroler und die deutsche Rai von 10% der Italiener verfolgt. Sowohl die Printmedien, als auch die Massenmedien informieren nur einen Teil der Gesellschaft, nur die eigene Sprachgruppe. So werden die Informationen auch anders strukturiert, nicht nur nach den journalistischen Kriterien (Relevanz, Valenz, Status etc.) sondern sie besitzen einen Pluswert hinsichtlich der Relevanz für ihre Sprachgruppe . Die Journalisten in Südtirol verstehen ihre Rolle in einem ethnischen bzw. "sprachlichen" Rahmen. In den deutschsprachigen Medien dominieren deutschsprachige Akteure, in den italienischsprachigen Medien italienische. Auch die Themen werden dementsprechend ausgesucht. Das hat mit der Siedlungsstruktur beider Sprachgruppen zu tun und weist eine gewisse geographische Zuordnung auf. Die bedeutende Mehrheit der Italiener wohnt in Südtirol in urbanen Gebieten, die Mehrheit der deutschsprachigen Bevölkerung dafür aber auf dem Land. Das zieht auch einen gewissen Filter der Themen mit sich und macht z. B. Themen aus der Landwirtschaft für die italienischsprachigen Medien uninteressant. Daraus ergibt sich eine eindeutige Trennung des Medienkonsums. Das kann natürlich zu einem Unverständnis und einer Unwissenheit über die andere Sprachgruppe führen. "Ethnisch fragmentierte Gesellschaften zerfallen aber in Teilgesellschaften, wenn es keine gemeinsame, sondern eine ethnisch getrennte Kommunikation gibt. […] Die unterschiedliche, vor allem massenmedial begründete Wahrnehmung von Realitäten kann zu unterschiedlichen Einschätzungen, Einstellungen, Verhaltensweisen unter den Sprachgruppen und dadurch zu einer asymmetrischen Legitimation des politischen Systems führen." (Pallaver 2008: 19)

Obwohl Medien eine durchaus integrative Funktion haben können, funktioniert dies nur, wenn dafür eine gemeinsame Plattform gefunden werden kann, die erlaubt gemeinsame Themen auszudiskutieren, so dass es für jeden verständlich wird und dadurch ein öffentlicher Raum entsteht mit dem sich jeder mehr oder weniger identifizieren kann. Wenn aber diese gemeinsame Öffentlichkeit nicht geschaffen werden kann, darf man nicht von einer einheitlichen Gesellschaft sprechen. Die Beibehaltung dieser Trennung ist aber im Fall Südtirols Fall nichts Verborgenes. Denn die deutschsprachige Sprachgruppe nutzte den - durch die Autonomie eingeführten - Proporz in vielerlei Hinsicht für die Herstellung einer Balance, die nach langen Jahren der Unterordnung für einen Ausgleich sorgen sollte. So gesehen ist es kein Wunder, wenn unter den Zielen der Tageszeitung 'Dolomiten' die nun folgenden stehen: Es gibt einen Kulturunterschied zwischen der italienischen und der deutschen Sprachgruppe, die Zeitung sammelt die Interessen der deutschsprachigen Bevölkerung und versucht sie als einheitliche darzustellen, wobei es letztendlich ums Überleben der deutschen Sprachgruppe geht. Ähnlich formuliert die Philosophie der Verleger der 'Tageszeitung': Es gibt keine Überlappung mit italienischen Zeitungen, niemand möchte eine zweisprachige Zeitung, außer eine Kulturelite, denn nur die ist zweisprachig, die Interethnizität wird in Südtirol als gescheitert angesehen. Das bedeutet, dass für Südtirols Tageszeitungen die sprachlich, sogar ethnisch getrennte Denkweise selbstverständlich ist. Natürlich ist diese Haltung verständlich, denn besonders die Generationen, die auch vor der Einführung der Autonomie Erfahrungen gesammelt haben, erinnern sich an eine Zeit, in der die Mitglieder der deutschen Sprachgruppe benachteiligt waren. Deswegen die Einstellung: die Tageszeitung ist das Sprachrohr der Minderheit, sie wird als Wachhund der Autonomie aufgefasst, denn die Rechte dürfen nicht genommen werden.

Die Situation vom Rai Sender Bozen ist etwas komplizierter. Einerseits ist er eine Anstalt, die einen öffentlich-rechtlichen Auftrag hat, aus den Geldern der Steuerzahler finanziert wird, und nicht zu vergessen ein Management in Rom hat. Die Aufgaben eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks sind vielfältig, werden meistens zentral geregelt und unterliegen den aktuellen politischen Machthabern. Daneben besitzen sie eine wichtige integrative Aufgabe. "Staatlicher Rundfunk kann auf diese Weise ein Gefühl der Einheit, aber auch der entsprechenden Grenzen rund um die Nation hervorbringen. Er kann die Peripherien mit dem Zentrum verbinden, soziale Ereignisse, die früher exklusiv waren, zu Massenerlebnissen machen. Vor allem dringt er in die häusliche Sphäre ein und stellt so eine Verbindung zwischen der nationalen Öffentlichkeit und dem Privatleben der Bürgerinnen her, indem er sowohl weihenvoller? Als auch alltägliche Momente der nationalen Vereinigung schafft." (Morley 2001: 23)

Die Rai Sendungen aus Rom genossen nie das Vertrauen der deutschsprachigen Südtiroler. Wolfgang Maier, der Chefredakteur formuliert die Ziele folgenderweise: Sie leisten den Südtirolern Hilfe durch ihre Arbeit sich als mündige Bürger zu fühlen und halten ihnen gleichzeitig einen Spiegel hin. Rai Sender Bozen ist ein Sprachrohr der Südtiroler Gesellschaft. "Wir empfinden uns als eine normale, große Gesellschaft, wir agieren auch so." Die Sendungen für die Region werden nicht als Minderheitenprogramme ausgefasst. Rai Sender Bozen darf auf eine stabile Hörerschaft und Zuschauerzahl bauen. Laut Zahlen konsumieren ihre Programme 180.000 Menschen im Schnitt, das ist für Südtirol eine beachtliche Zahl. Wolfgang Maier fasst den öffentlich-rechtlichen Auftrag als einen Dienst auf, den man für alle zugänglich machen muss und auch ein Garant für eine pluralistische Arbeit ist.

Wie bereits erwähnt, sind die Strukturen der Rai nicht einfach zu verstehen. So kommt es, dass neben dem Chefredakteur auch einen Programmkoordinator gibt, der in erster Linie die Kontrolle über die Programme ausübt. Solange der Chefredakteur über das Journalistische die Aufsicht ausübt und die Stelle reine journalistische Aufgaben zu erfüllen hat, hat der Programmkoordinator mehr eine "diplomatisch-politische" Funktion. Er verhandelt innerhalb der Rai, aber hält auch Kontakt nach außen. So muss vor seiner Ernennung die Provinz Südtirol konsultiert werden, die Stelle ist somit mit einer feinen Schicht der Politik überzogen.

Eine Ausnahme bildet im Ton und in der Einstellung die Wochenzeitung 'FF'. Als das Blatt 1980 gegründet wurde, war das Bedürfnis nach Medien mit einer von der SVP abweichenden Meinung sehr stark. Das Blatt sieht sich als Gegenmedium gegen die SVP; es ist im Privatbesitz und trägt sich wirtschaftlich selbstständig, finanziert sich aus Werbung und Verkauf. Das ermöglicht einerseits die unabhängige Einstellung, zwingt aber die Mitarbeiter dazu, überdurchschnittlich viel zu arbeiten. Laut dem Stellvertretenden Chefredakteur, Georg Mair, treiben sie regionalen Journalismus und auch deswegen achten sie sehr auf einen Bezug zu Südtirol.

Als Gegenstück möchte ich nur das 'Alto Adige' kurz beleuchten. Die Zeitung hat eine wichtige identitätsstiftende Funktion, ist in erster Linie für die italienische Politik bedeutsam. Im Gegensatz zu den deutschsprachigen Tageszeitungen muss sich die Tageszeitung selbst finanzieren, ihnen steht die staatliche Unterstützung nicht zu. Die Themen sind urban, beschäftigen sich weniger mit der Peripherie. Die Zeitung wird nur von einer kleinen interessierten Minderheit der deutschen Sprachgruppe gelesen.

4. Theoretische Konsequenzen

Die Medienlandschaft und die Gesellschaft beeinflussen einander gegenseitig. Die Presse widerspiegelt die Gesellschaft, versucht vielleicht eine meinungsbildende Funktion zu spielen, aber grundsätzlich verändert sie die Strukturen nicht. Im Falle vom Südtirol widerspiegelt die geteilte, zweisprachige Presse die Gesellschaft selbst. Dadurch festigt sie die Kluft zwischen den beiden Sprachgruppen. Wenn auch die Wirkung der Medien begrenzt ist, doch bestimmen sie die aktuellen Themen, die auf der Tagesordnung stehen. "Massenmedien mit ihren Inhalten und Themen [sind] ein wichtiges Bindeglied zwischen ansonsten voneinander isolierten Bevölkerungsgruppen […], indem sie gemeinsame Themen, Kenntnisse und Werte schaffen und damit den Zusammenhalt und demokratische Identität stärken." (Schweiger/Fahr 2013: 16.) Wenn diese Themen aber nicht identisch sind oder wenn sie doch dann nur aus der Perspektive einer Sprachgruppe dargestellt werden, kann keine gemeinsame Öffentlichkeit entstehen. "Die These, wonach die mangelnde Information über die jeweils andere Volksgruppe proportional zum Nationalismus stehe, konnte vom Österreichischen Institut für Friedensforschung auf Grund einer repräsentative Umfrage unter den in den Städten Bozen und Leifers wohnhaften Italienern verifiziert werden. Danach bildete das Vorhandensein von Fehlinformationen über die andere Volksgruppe nicht die Ausnahme, sondern die Regel." (Pallaver 1996: 130)

Sowohl die 'Dolomiten' als auch die 'Tageszeitung' sehen als Aufgabe für Minderheitenschutz zu sorgen. Chefredakteur Toni Ebner sieht unter den Aufgaben der Zeitung neben der klassischen Aufgabenstruktur von beobachten, berichten, analysieren und Kritik ausüben, auch die den Volksgruppenschutz. Dafür kommen aber in 'FF' keine Minderheitenthemen vor. Diese Themen werden nicht mehr als ideologisch relevant angesehen. ‘FF’ versucht gegen die Abgrenzung zu wirken und dabei eine Brücke gegenüber der italienischen Sprachgruppe auszubauen. Wie weit das in einer sprachlich fragmentierten Gesellschaft möglich ist, wo die Themen und die Einwohner der Provinz sowohl geographisch und als auch durch ihre Lebensweise von einander getrennt sind, bleibt eine offene Frage. "In ethnisch fragmentierten Gesellschaften können solche gemeinsamen Diskurse fehlen, weil es eine ethnisch geteilte Öffentlichkeit gibt. Ist aber die Öffentlichkeit fragmentiert, kann auch die Legitimität eines politischen Systems (ethnisch) fragmentiert und somit (theoretisch) unstabil oder jedenfalls einem ständigen legitimatorischen Erosionsprozess ausgesetzt sein." (Pallaver 2006: 320)

Innerhalb der ethnisch/sprachlich geteilten Presse agieren die deutschsprachigen Medien als Mainstream-Medien. Mit den Jahrzehnten wurde die Autonomie in Südtirol so weit erfolgreich, dass sie innerhalb der Grenzen der Provinz einen ziemlich hohen Grad der Selbstbestimmung erreichen konnte. Hinzu kamen die wirtschaftlichen Faktoren Italiens und die Bereitschaft Südtirols, immer mehr Aufgaben der zentralen Regierung zu übernehmen und sie selbst dann nach eigenen Vorstellungen zu erfüülen. Heute wird diese Selbstständigkeit in der Gesellschaft in einem hohen Maße als selbstverständlich angenommen. So hat Südtirol nicht mehr für Rechte gegenüber Rom zu kämpfen, sondern es entstand sowohl im politischen, als auch im gesellschaftlich-sozialen Bereich ein Pluralismus. Es besteht nicht mehr die Notwendigkeit gegenüber Rom für die Rechte der deutschsprachigen Bevölkerung einzutreten. Denn die Möglichkeit besteht und wird genutzt, eine gesellschaftliche Öffentlichkeit auszubauen, in der viele Meinungen ihren Platz haben und nicht von der italienischen Mehrheit des Staates in Frage gestellt werden. Sowohl in den elektronischen Medien, als auch in der Presse haben die Journalisten der deutschen Sprachgruppe die Leitung inne oder haben wenigstens einen so weitgehenden Einfluss, dass sie über die meisten ihrer Angelegenheiten selbst bestimmen können. In Südtirol ist die deutschsprachige Presse eine Presse der Mehrheit, ihre Themen sind lokal oder die der Region. In ihrer Einstellung sind immer weniger die für die Minderheitenpresse so typischen Merkmale der Bildung gemeinsamer kultureller oder sozialer Identität zu finden.

Südtirol ist in vielerlei Hinsicht ein besonderer Fall, eine gut funktionierende Autonomie, mit breiten Rechten für die deutschsprachige Bevölkerung. Um so weit zu kommen sind Jahrzehnte vergangen, erst nach einem langen, erfolgreichen Kampf für die Autonomie sind die Voraussetzungen für eine pluralistische Medienlandschaft geschaffen worden. Über die Führungsrolle der Presseprodukte des Athesia Verlages besteht kein Zweifel, aber der kleine, deutschsprachige Markt kann dennoch seinen Pluralismus beibehalten. Um diese außergewöhnliche günstige Situation auch im Pressenwesen zu unterstreichen, möchte ich hier mit den Worten von Hans Karl Peterlini schließen: "Südtirol hat alles, was die anderen auch haben, und noch etwas dazu – eine dichte, auf die spezifischen Informationsbedürfnisse des Landes zugeschnittene Medienbetriebsamkeit, die Tirol nicht hat, die so auch Bayern nicht hat, die auf keinen Fall irgendein Landkreis in Deutschland mit einer Bevölkerung von 450.000 Einwohnern hat. […] In Südtirol haben wir eine unglaubliche Mediendichte und doch einen hinkenden, beinahe amputierten Pluralismus, eine sprachliche Vielfalt und doch ein Land, das abwechselnd auf einem Ohr taub ist, zwei ethnisch halbierte Medienrealitäten." (Peterlini 2008: 24)

Verfasst mit der Unterstützung der Autonomen Region Trentino-Südtirol im Rahmen der Kooperation mit der Andrássy Universität Budapest.


Literatur

Busch, Brigitte (1999): Der virtuelle Dorfplatz. Klagenfurt: Drava.

Barlai, Melani/Griessler, Christina/Lein, Richard (2014): Südtirol. Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft, Baden-Baden: Nomos:

Comploj, A./Pligger, H. (2001/1): Südtirols Medien und Journalistinnen, Diplomarbeit an der Universität Innsbruck.

Gögele, Hannes (2004): Mehr als nur schwarzweiß im Kasten. Minderheitenmedien, in Europa am Beispiel des RAI Sender Bozen. Diplomarbeit an der Universität Wien.

Faulstich, Werner (Hg.) (2004): Grundwissen Medien. Stuttgart: Wilhelm Fink Verlag.

Forcher, Michael/Peterlini, Hans Karl (Hg.) (2010): Südtirol in Geschichte und Gegenwart. Innsbruck: Haymon Verlag.

Luhmann, Niklas (2004): Die Realität der Massenmedien. Opladen: Westdeutscher Verlag.

Morley, David (2001): Nicht 'zu Hause' in der Mediennation, in: Busch, Brigitta/Hipf, Brigitte/Robins, Kevin (Hg.): Bewegte Identitäten. Medien in transkulturellen Kontexten, Klagenfurt: Drava.

Pallaver, Günther (1996): Nationalismus und Kommunikation: Der TV- und Zeitungsblick über den ethnischen Schrebergarten, in: Nick, Rainer-Wolf, Jacob (Hg.): Regionale Medienlandschaften. Tirol, Südtirol und Vorarlberg, Innsbruck: Studia, 129–145.

Pallaver, Günther (2006): Demokratie und Medien in ethnisch fragmentierten Gesellschaften, in: Pallaver, Günther (Hg): Die ethnisch halbierte Wirklichkeit, Innsbruck: Studienverlag.

Pallaver, Günther (2006): Demokratie, Partizipation und Kommunikation als Voraussetzung für eine ungeteilte Autonomie, in: Jahrbuch des italienisch-deutschen historischen Instituts in Trient, Band 32.

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Online Quellen:

http://www.press-guide.com/italy.htm (letzter Zugriff: 18.06.2014)

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Anhang 1.)

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Anhang 2.)

Staatliche Unterstützung für die Tageszeitungen in Südtirol im Jahr 2012, online unter: http://www.governo.it/DIE/dossier/contributi_editoria_2012/comma2.pdf (letzer Zugriff: 18.06.2013)

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