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1/2015 - Medienpädagogik und E-Learning

Rezension: Talking Heads Fear of Music. Ein Album anstelle meines Kopfes

Von Jonathan Lethem

AutorIn: Denise Sumi

Jonathan Lethem macht sich auf die Spur der wunderbaren Band Talking Heads, indem er die Geschichte ihres berühmten Album "Fear of Music" (1973) schreibt, mit dem er sich in seiner Jugend mehr als identifizierte ... Lassen Sie auch Ihren Kopf reden!

Abstract

Der amerikanische Autor Jonathan Lethem hat ein Buch über die Talking Heads geschrieben, genauer über deren drittes Album Fear of Music (1979). Ursprünglich erschien das gleichnamige als Teil der 33 ½ Buchreihe von Bloomsbery Publishing, wobei die Zahl 33 ½ auf die Abspielgeschwindigkeit einer Langspielplatte referiert. Denn man bedenke: dass die Identifikation des New Yorker Autors mit dem Album im Sommer 1979 und in den darauffolgenden Jahren so vollkommen war, dass er sich wünschte das Album an Stelle seines Kopfes zu tragen. Der vorliegende Text, eine selbstreferentielle Anstalt mit Neigung zum gesellschaftlich anerkannten Nerdtum liegt nun in deutscher Übersetzung von Johann Christoph Maass bei dem Tropen Sachbuch Verlag vor.


Verlag: Tropen
Erscheinungsort: Leipzig
Erscheinungsjahr: 2014
Print-ISBN 978-3-60850333-3


Cover: Talking Heads. Ein Album anstelle meines Kopfes,
von Jonathan Lethem,
Quelle: Amazon

1979 saß ein 15-jähriger Junge in seinem Zimmer in Brooklyn und hörte einen Radiospot auf FM 102.7 WNEW. Diese Erinnerung des Jungen an den Widerhall von David Byrnes Worten „Die Talking Heads haben eine neues Album. Es heißt Fear of Music“ markieren den Beginn des literarischen Gezeitenstroms, in dem die „noch wirkende Vergangenheit“ vom Rhythmus, dem Text und der Textur des Albums trotz der unaufhaltsamen Entropie in der Erinnerung des Autors und der Gegenwart des Buches weiterbesteht. Das uneingeschränkte Begehren des Autors gegenüber Fear of Music offenbart sich bereits im Kapitel Vorspiel II in der Beschreibung seines taktilen Verlangens gegenüber der „kühlen Autorität“ der plastischen Präsenz des Albums. Es wird bezeichnend für den nachfolgenden leidenschaftlichen Kontakt mit dem monumentalen schwarzen „Orgasmatron“ Fear of Music. Das Vorhaben wird deutlich: Wir sollen Fear of Music in Relation zu seiner Zeit als DAS künstlerisch-formalistische Gesamtkunstwerk begreifen.

Auf Grund der Monumentalität von Fear of Music begegnet Jonathem Lethem dem Album zunächst strukturell. Man stelle sich vor einfach einen Kreis von der exakten Größe einer LP auf ein Blatt zu malen und selbst hineinzusteigen. Im dem Kreis befinden sich nun der Junge, der Autor und eine ganze Liste an Songs sowie eine noch größere Liste an offenen Fragen. „Keine direkten Quellen irgendeiner Art“ haben hier noch Platz und deshalb belegt Lethem seinen methodisch autobiographischen, intuitiven und interpretativen Zugang zu dem Objekt mit einem von Donald Barthelme geprägten Begriff: dem „Not-Knowing“, der Unwissenheit zu Beginn so ziemlich jeder Unternehmung. Allerdings greift diese private im Kreis-Sitzen-Hermeneutik auf ein mit Romanen von Thomas Disch, J.G. Ballard oder Thomas Pynchon, ein mit Filmen von Stanley Kubrick und Nicolas Roeg flankiertes Kinderzimmer, auf die Schallplattensammlung im Elternhaus, auf ein angebrochenes Kunststudium und auf nächtliche Busausflüge im New York der 80iger Jahre – kurz auf ein monströses popkulturelles und privates Archiv zurück. Das Archiv etabliert gewissermaßen eine kulturanalytische Sicht des Autors auf das Objekt und demonstriert allerhand Bezüge, etwa zwischen den Tieren und dem eigenen Körper (»Always bumping into things«) oder zwischen dem abgründigen Nachhallen von Drugs mit der schweißtreibenden Arbeit von der Lee Dorseys Rock’n’Roll Song Working in the Coal Mine erzählt („Lord I am so tired, how long can this go on?“).

I Zimbra der erste Song des Albums und die dritte Überschrift im Buch rekurriert auf ein Gedicht von Hugo Ball, also auf das europäische Dada, collageartig und guttural (die KehIe betreffend) offenbaren sich auch die sprechenden Köpfe! Die „intellektuellen Gründungsprämissen“ von Dada und Punk oder No Wave persiflieren den menschlichen Impuls nach Kontrolle und Disziplin. I Zimbra katapultiert dabei den Zuhörer wie auch den Leser in die „Zukunft der Platte (dystopisch) und der Band (utpopisch)“ und des Buches (entopisch). Auf die Überschrift I Zimbra folgt die erste Frage „Ist Fear of Music eine Talking Heads Platte?“ Lethem begreift Fear of Music als abschließenden Status einer Band, die aus den New Yorker Clubformaten herausgewachsen ist, »This ain’t no Mudd Club, no CBGBs«, und die in Kürze mit Remain In Light (1980) mit Bernie Worell vom Funkadelik/Parliament und der Stimme von Norna Hendrix auf den großen Bühnen stehen würde. Während die ersten beiden Alben Talking Heads 77 (1977) und More Songs about Bulidings and Food (1978) Text und Stimme als eine zerbrechliche menschliche Einheit begriffen und der Ich-Sänger „passive-aggressive Anfälle und Predigten über Arbeit, Liebe, Kunst und Fernsehen“ vortrug, so ist das dritte Album Fear of Music von den Neurosen befreit, ohne darüber hinwegzutäuschen, dass nun die Paranoia deren Platz eingenommen hat.

Ist Fear of Music ein Text? „Die Gruppe von Songs“, heißt es, „ist schriftstellerisch“. Und so folgt man auch im Buch der Macht der Metaphern der Songtexte, den endlosen und ungeschliffenen Interpretationen und Textanalysen von Lethem: Mind verhöhne den Solipsismus »I need something to change your mind«, Paper schreibt Warnungen, in Cities kurve der Disco-Krankenwagen fliehend mit dem „Sound der dir die Schmerzen austreibt“ durch die Städte und Life During Wartime entpuppt sich als das Hohelied der gesteigerten Panik im verbarrikadierten Raum. „Memories Can't Wait ist ein verdammtes Katastrophengebiet“, Air nimmt sich als Angst-Ort des 20.Jahrhunderts mit alldem Senf-, Nerven- und Tränengas, der Strahlung, dem White Noise und dem Anthrax(-Müll) nicht so ganz ernst und wirkt rhythmisch ganz munter. Heaven „ertrinkt in seiner hinreißenden Beschränktheit“ und mit ihm vielleicht auch gleich die Angst vorm Nirgendwo. Animals, Electric Guitar und Drugs bilden die Schlußsuite: hier entsteht eine räumliche Weitläufigkeit. Das Innen-Außen-Problem der exakten Selbstbeobachtung wird offenkundig: »I'm barely moving...I study motion. I study myself...I fooled myself«. „Wie kommt man überhaupt von hier nach nirgendwo?“ Lethems Vorschlag: Platte umdrehen, Nadel wieder aufsetzen und sich mit dem dadaesken I Zimbra erneut jeglicher Sinnhaftigkeit verweigern! „Diesmal wirst du es es vielleicht kapieren.“

Jonatham Lethem war deutlich von der „neuen Realität“, welche das Album abbildete, geprägt: Die Sci-Fi-Realität des 15-jährigen Jungen war „technologisiert, medial gesättigt, urban und unheilvoll“. Die des gegenwärtigen Autors scheint dabei umso munterer und liebevoller, ironisch und witzig. Der Vorschlag eine Liste über die fröhlichsten Melodien mit den grimmigsten Texten zu erstellen, wobei The Happening von The Supremes oder John Lennons Cripples Inside den Song Air von den Talking Heads ergänzen würden und die Auflistung der Atemtechniken von James Brown, Diana Ross und Bob Dylan, eine Liste an Perfektionsperformances im Gegensatz zum keuchenden Big Suite Byrne bezeugen diese Fülle von Witz. Überhaupt schafft es Lethem in einem Absatz den Bogen von Lester Bang zu Jack Kerouac, den Ramones und Cary Grant zu ziehen.

Fear of Music. Ein Album anstelle meines Kopfes ist eine persönliche Generationenperspektive von Lethem auf das Phänomen der frühen Talking Heads. Das Interesse des Albums an Sprache, Namen, Kategorien und Konzepten übernimmt der Autor in seine private Hermeneutik. Das Buch stellt also weniger Tina Weymouth, Christian Franz oder Jerrey Harris, noch sonstige Live-Auftritte oder präzise Momente der Bandgeschichte in den Vordergrund als das es sich vielmehr als ein Ort der prosaischen Ansammlung aus dem privaten Archiv des kleinen Jungen und des Autors und des Albums selbst offenbart. Die Protagonisten von Fear of Music (sowohl des Albums als auch des Buches) sind die Erinnerungen (Mind / Memories Can't Wait), die Beobachtungen und Konfrontationen mit der Umwelt (Cities / Air / Animals),  das Erleben vom gefühlten Rhythmus der Songs und der Welt (Life During Wartime), die Liedtextblätter und das Schreiben an sich (Paper) und die Fähigkeit der Band und des Autors diese Einheiten zu einer atmosphärischen Grundstimmung (Fear of Music) zu transformieren.

Tags

talking heads, fear of music, musikgeschichte, populärkultur