Neue Medien

1/2015 - Medienpädagogik und E-Learning

Rezension: Ameisengesellschaften. Eine Faszinationsgeschichte

von Niels Werber

AutorIn: Raffaela Rogy

Raffaela Rogy rezensiert für die LeserInnen der MEDIENIMPULSE Niels Werbers "Ameisengesellschaften. Eine Faszinationsgeschichte" und lädt dazu ein, die Ameisen als einen Spiegel menschlicher Gesellschaften zu untersuchen.

Abstract

In der wissenshistorischen Studie „Ameisengesellschaften. Eine Faszinationsgeschichte“ gibt der Professor für Neuere Deutsche Literatur Niels Werber an Hand eines interdisziplinären Medienaustausches zwischen naturwissenschaftlicher Fachliteratur, Belletristik und ausgewählten Filmen, einen lohnenden Einblick auf den kollektiven Verbund von Ameisen, der als Spiegel für menschliche Gesellschaftsformen gesehen werden kann.


Verlag: S. Fischer
Erscheinungsort: Frankfurt/M.
Erscheinungsjahr: 2013
ISBN: 978-3-10-091212-1


Cover: Ameisengesellschaft. Eine Faszinationsgeschichte,
von Niels Werber,
Quelle: Amazon

Die aus dem Stamm der Gliederfüßer kommenden Ameisen zählen zu den erfolgreichsten Tierarten, da sie seit Millionen von Jahren eine komplexe arbeitsteilige Gesellschaft hervorbringen. Diesen Ameisengesellschaften geht der Literaturwissenschaftler Niels Werber im vorliegenden Buch auf den Grund und bezeichnet diese Lebensstruktur der Ameisen als Faszinationsgeschichte. Wodurch ist diese Faszination begründet? Dies lässt sich mit einem Blick auf die Menschheitsgeschichte erklären. Wenn es um die Beschreibung und Darstellung von Gesellschaften, Kollektiven, Massen, Formationen sowie Staatsformen beim Menschen geht, lassen sich meist Bezüge und Verweise auf Ameisengesellschaften ausmachen. Bereits im alten Testament bei Salomon findet die Ameise Erwähnung und auch bei Aristoteles wird das Ameisenvolk in Verbindung zur Polis gesetzt. Um die Analogie zwischen Ameisengesellschaften und menschlichen Gesellschaften und die damit verbundene Übertragungstätigkeit der Entomologie (Insektenkunde) und der Soziologie zu beschreiben, benützt Niels Werber den Begriff der „Passage“ von Michel Serres. Die Passage bei Serres steht für die Verbindung und den Übergang zwischen Wissensgebieten, die oftmals nur durch eine dünne Wand getrennt sind. Diese merklich dünne Trennwand besteht, so Werber,  ebenfalls zwischen Ameisen und Menschen, und kann die Perspektive dieser beiden Gesellschaften mittels der entomologisch-soziologische Passage aufzeigen. Dass Ameisen als politische, altruistische, fleißige und erfolgreiche Tiere gelten können, zeigt sich an ihrer Fähigkeit zur funktionalen Spezialisierung sowie zur Arbeits- und Aufgabenteilung, der ein Kastenwesen zu Grunde liegt. Dieser Gemeinschaftsverbund und die stete Errichtung eines Ameisenstaates, den die kleinen Gliederfüßer seit je her eingehen, wirft auch die Frage nach dem Individuum in einer Massengemeinschaft auf. Die Faszinationsgeschichte der Ameisengesellschaften dient stets als Referenz, wenn es um die Grundfrage „Was ist der Mensch?“ und um dessen kulturelle Grundlage sozialer Ordnung geht. Niels Werber gelingt es im vorliegenden Werk der Leserschaft mittels Romanen wie „Brave New World“ von Aldous Huxley, Filmen wie „Phase IV“ von Saul Bass und der Fachliteratur der Myrmekologie (Ameisenkunde) die historische und gegenwärtige Passage zwischen Ameisen und Menschen zu veranschaulichen und zu hinterfragen. Dabei arbeit Werber den experimentellen Einfluss der Entomologie und der Myrmekologie auf die Belletristik und den Film heraus: Dem Romancier Olaf Stapledon etwa gelingt es als Ersten in „Last and First Men“ (1930) eine schwarmintelligente Netzwerkgesellschaft zu skizzieren, die man gegenwärtig am Amazon-Algorithmus ablesen kann. Niels Werbers „Ameisengesellschaften. Eine Faszinationsgeschichte“ zeichnet sich durch profunde Recherche seitens des Autors aus und schafft es den umfassenden historischen Bogen mit dem Pfeil der Gegenwart auf erfrischende und lesenwerte Art zu spannen.

Tags

werber, ameisengesellschaft, zoologie