Praxis

1/2015 - Medienpädagogik und E-Learning

Mit Webinaren die Bildung öffnen

AutorIn: David Röthler

David Röthler von WerdeDigital.at zeigt in seinem Beitrag die Vorteile und Einsatzmöglichkeiten von Webinaren auf. Dabei geht sein Beitrag davon aus, dass offen zugängliche Bildung – zumindest auf EU-Ebene – zu einem deklariert politischen Ziel erklärt worden ist.

Offen zugängliche Bildung ist – zumindest auf EU-Ebene – zu einem politischen Ziel erklärt worden. Zentral in dieser Hinsicht ist die Mitteilung der EU-Kommission vom 25.9.2013: "Die Bildung öffnen: Innovatives Lehren und Lernen für alle mithilfe neuer Technologien und frei zugänglicher Lehr- und Lernmaterialien." In dieser Erklärung wird insbesondere auf MOOCs und OER eingegangen. Der Begriff MOOC (Massive Open Online Course) beschreibt große, für alle zugängliche Onlinekurse. Unter OER (Open Educational Resources) werden offene, frei kopier- und üblicherweise auch veränderbare Bildungsmaterialien verstanden.

Im Detail wird in dieser Mitteilung die Förderung hochwertiger, innovativer Lehr- und Lernmethoden mithilfe neuer Technologien und digitaler Inhalte beschrieben. Es werden Maßnahmen für offenere Lernumgebungen vorgeschlagen, die Bildung verbessern und effizienter gestalten sollen: wie viele Vorhaben im Bereich der Bildungspolitik, soll auch durch offene Bildung ein Beitrag zur Erreichung der Europa-2020-Ziele geleistet werden: Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit und des Wachstums in der EU durch besser ausgebildete Arbeitskräfte.

Es wird aber nicht nur auf die wirtschaftlichen Ziele eingegangen. Auch die "Gerechtigkeitswirkung" des erweiterten Zugangs "für benachteiligten Gruppen" bei sinkenden Kosten durch den Einsatz offener Ressourcen und neuer Technologien findet Erwähnung. Voraussetzung dafür seien aber "nachhaltige Investitionen in Bildungsinfrastrukturen und Humanressourcen".

Darüberhinaus findet die Internationalisierung von Bildung Erwähnung:

"Vor allem können Bildung und Wissen so Grenzen sehr viel leichter überwinden, wodurch der Wert und das Potenzial der internationalen Zusammenarbeit um ein Vielfaches steigen. Dank OER und vor allem MOOCs können Lehrkräfte und Bildungseinrichtungen heute gleichzeitig Tausende Lernende auf allen fünf Kontinenten erreichen [...].”

Wie können nun Webinare zu einer Öffnung von Bildung beitragen?

Man könnte eine Webinar-Reihe als eine Spielart eines Mini-MOOCs verstehen: offen für alle, ohne jede Zugangsbeschränkung, Kurscharakter durch thematische Strukturierung sowie Vernetzung der Teilnehmenden durch begleitende Online-Communities. Darüberhinaus können durch Webinare offene Bildungsresourcen produziert werden. Nicht nur die Aufzeichnung kann als OER frei verfügbar gemacht werden, ebenso Präsentationen oder weiterer Lernmaterialien können als Gemeingüter bereitgestellt werden.

Eine Webinar-Reihe als Kooperationsprojekt und Beitrag zur Regionalentwicklung

Wie auch MOOCs werden Webinare erst dann interessant, wenn eine bestimmte Anzahl an Interessierten an diesen aktiv teilnimmt. Da Webinare an keinem bestimmten Ort stattfinden, bieten sich Kooperationen in besonderer Weise an. Zwei oder mehr Kooperationspartner können die Inhalte gestalten, zu einem Webinar einladen, es bewerben und auf Wunsch auch lokale Schnittstellen zur Teilnahme und Vernetzung anbieten. So ist es denkbar, dass sich Teilnehmende an einem Webinar auch vor Ort zur gemeinsamen Teilnahme treffen. Dies ist aber mit technischen Herausforderungen verbunden, da zum Beispiel mehrerer Mikrofone und Kameras benutzt werden sollten. Auch leiden die Interaktionsmöglichkeiten (z.B. Chat & Whiteboard), wenn nicht alle TeilnehmerInnen einen eigenen Computer verwenden.

Kooperationswebinare können auch zu internationaler Zusammenarbeit zwischen Bildungseinrichtungen führen. Hier wird deutlich, dass es einen Mehrwert für die Teilnehmenden geben kann, der weit über – zum Beispiel – das Teilen von Kosten hinausgeht.


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Kooperationen bieten sich insbesondere auch für Bildungseinrichtungen in ländlichen Gegenden an. Sie können so die regionale Bildungslandschaft bereichern. Oft werden Präsenzkurse zu etwas spezielleren Themen in Regionen mit geringer Bevölkerungsdichte gar nicht erst angeboten oder sie kommen aufgrund der zu geringen Anzahl an Anmeldungen nicht zustande. Webinare können einen Beitrag zum Abbau des Gefälles beim Bildungsangebot zwischen Zeitralräumen und den Regionen leisten. Gleichzeitig mit der Etablierung dieses neuen Formats leisten Bildungseinrichtungen mit Webinaren einen Beitrag zur Erhöhung der Medienkompetenz der Teilnehmenden. Gerade diese ist notwendig, um die Anschlussfähigkeit von ländlichen Regionen aufrecht zu halten oder zu verbessern. Das Projekt "Campus Osttirol", an dem der Autor dieses Beitrags mitarbeitet, versucht Wege aufzuzeigen, wie entlegene Regionen von offener digitaler Bildung profitieren können.

Zeitgemäße Formate

Häufig zu erleben sind immer noch Webinare bei denen klassische One-to-Many-Settings verfolgt werden. Dabei werden PowerPoint-Präsentationen mit gesprochenem Kommentar gezeigt. Der Chat wird dabei oft auch moderiert. Das bedeutet, dass die Chatnachrichten nicht für alle sofort sichtbar sind. Die Teilnehmenden können dabei weder sehen, wer noch anwesend ist, noch können sie miteinander kommunizieren.

Dabei ist heute so viel mehr an synchroner Interaktivität möglich. Erst diese macht das Webinar als Live-Veranstaltung interessant. Ansonsten bietet der Live-Charakter kaum Mehrwert zur Aufzeichnung bzw. könnte gleich ein Screencast (Film vom Bildschirminhalt mit gesprochenen Kommentaren) produziert werden.


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Zeitgemäße Webkonferenz-Systeme erlauben allen TeilnehmerInnen über Video, Audio, Chat, Whiteboard, Umfragen und zahlreichen weiteren Interaktionstools zusammen zu arbeiten. Insbesondere Stimme und Video lassen Webinare zur persönlichsten und sozialsten Form des Online-Lernens werden. So können Elemente der Peer-Learnings oder konnektivistische Ideen in das Webinar-Format einfließen. Unterstützend können auch Social Networks, Weblogs, Wikis, Foren und viele weitere Werkzeuge eingesetzt werden.

Wie fühlen sich Webinar-TeilnehmerInnen willkommen?

Der wichtigste Aspekt ist die Identifikation der TeilnehmeInnen mit dem Online-Meeting. Partizipation ist dabei der Schlüssel für Identifikation.

Welche Möglichkeiten der Partizipation gibt es nun:

  • Diskussion über die Inhalte des Webinars vor der Veranstaltung z.B. in Social Networks oder Weblogs
  • Einsatz von Crowdsourcing-Tools wie tricider.com (Beispiel für die Entscheidungsfindung für ein Webinar-Thema: http://www.tricider.com/brainstorming/36Ro)
  • Teilnehmende sollen wirklich Beitragende werden: alle haben hat eine Geschichte zu erzählen und man kann ihnen eine Bühne – allerdings in einem klar definierten Rahmen – bieten. Sichtbarkeit wird so zum Motivationsfaktor.
  • Die Etablierung eines lebendigen Online-Community ist eine große Herausforderung. Wenn es aber gelingt, kann diese einen wichtigen Mehrwert für alle darstellen.

Webinar-Reihe WerdeDigital.at

WerdeDigital.at ist eine im Jahr 2014 ins Leben gerufene Initiative. Ziel ist die Vermittlung von Medienkompetenz sowie zu eigenständigem und sicherem Umgang mit digitalen Medien sowie zur Reflexion anzuregen.

WerdeDigital.at bündelt die Aktivitäten des österreichischen Digital Champion: Meral Akin-Hecke ist Österreichs Digital Champion und wurde auf Ersuchen der damaligen EU-Kommissarin für die Digitale Agenda, Neile Kroes, vom österreichischen Bundeskanzleramt bestellt.

Ein erstes Projekt von WerdeDigital.at war die Erstellung des Leitfadens "Das neue Arbeiten". Diese Publikation, erschienen im Jänner 2015 unter CC-Lizenz, kann als eBook kostenlos heruntergeladen werden. Mehr als 60 Autorinnen und Autoren aus ganz Österreich haben sich mit ihrer Expertise an der Erstellung des umfangreichen Leitfadens beteiligt. Auf diese Expertise wird nun in wöchentlich stattfindenden Webinaren zurückgegriffen.

Der Start der Webinarreihe ist für März 2015 geplant. Mit den Webinaren können Menschen in ganz Österreich und darüber hinaus erreicht werden. Die interaktive Teilnahme ist auch über Smartphone oder Tablet möglich.

Die Webinar-Reihe soll alle zuvor genannten Elemente enthalten. Offener Zugang als Konzept, hohe Interaktivität und Partizipation, Wohlfühlfaktor und Vernetzung. Weitere Kooperationspartner sind willkommen.


Hinweise:

eBOOK "The Battle for Open" von Martin Weller kann kostenlos heruntergeladen werden, online unter: http://www.ubiquitypress.com/site/books/detail/11/battle-for-open/ [letzer Zugriff: 10.03.2014].

LINQ-Konferenz in Brüssel 2015: Learning Innovations and Quality steht unter dem Motto "The Need for Change in Education – Openness as Defalut?", online unter: http://2015.learning-innovations.eu/ [letzer Zugriff: 10.03.2014].

Effective Webinars: Skandinavisches Projekt zu Webinar-Didaktik, an dem der Autor dieses Beitrags beteiligt ist, online unter: https://effectivewebinars.wordpress.com/ [letzer Zugriff: 10.03.2014].


Glossar:

MOOC

Die Abkürzung MOOC steht für "Massive Open Online Course". Darunter versteht man große, für alle Interessierten offene Online-Kurse, die zumeist von Universitäten veranstaltet werden. Viele MOOCs lassen sich auf der von der Europäischen Union betriebenen Plattform Open Education Europa finden http://www.openeducationeuropa.eu/

OER

Als Open Educational Resources (englisch, kurz OER) werden freie Lern- und Lehrmaterialien in Anlehnung an den englischen Begriff für Freie Inhalte (open content) bezeichnet. Das Konzept von OER kann als eine neue Art der Informationserstellung und -(ver-)teilung im Bildungsbereich verstanden werden.

Webinar

Webinare verbinden alle Beteiligten live per Web-Videokonferenz. Die Synchronität führt zu einer neuen sozialen Interaktionsqualität. Allerdings erfordert die technisch hergestellte Unmittelbarkeit auch das Erlernen neuer Kompetenzen bei allen Beteiligten.

Die Kommunikation über Live-Online-Systeme hat viele Vorteile. So ist es nicht mehr notwendig sich an einem Ort zu befinden, um zeitgleich zu kommunizieren zu arbeiten und zu lernen. Dadurch können Reisekosten und Zeit gespart werden und die Umwelt wird geschont. Für Menschen in peripheren ländlichen Gebieten mit guter Internetverbindung sind Online-Veranstaltungen eine Möglichkeit zur Teilhabe an Vernetzung, Kommunikation und Bildung.

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