Bildung - Politik

4/2014 - Steuerung, Kontrolle, Disziplin/Medienpädagogische Perspektiven auf Medien und/der Überwachung

Medienbildung - bitte warten?

Die politische Landschaft der Medienbildung in Österreich

AutorInnen: Anu Pöyskö / Katharina Kaiser-Müller

Wie hoch oben steht Medienpädagogik auf der bildungspolitischen Agenda in Österreich? Um das herauszufinden, hat die Initiative Medienbildung JETZT! in diesem Herbst BildungssprecherInnen aller Parteien kontaktiert und sie um ein Gespräch und eine Stellungnahme zum Thema Medienbildung gebeten.

1. Zusammenfassung der (partei)politischen Diskussion

Nach anfänglich spärlichen Rückmeldungen kamen – mit etwas Nachurgieren – doch gute Begegnungen zustande: Elisabeth Grossmann (SPÖ) und Heinz Vettermann (SPÖ Wien) luden VertreterInnen der Initiative Medienbildung JETZT! zu einem Treffen ein, ebenfalls Matthias Strolz, der Parteiobmann und Bildungssprecher der NEOS, sowie Mitarbeiter im Parlamentsclub der FPÖ. Eine ausführliche schriftliche Auseinandersetzung mit den Themen der Initiative gab es von Harald Walser (DIE GRÜNEN), eine knapper gehaltene von Ursula Haubner (BZÖ).

Matthias Strolz (NEOS) bezeichnet Medienkompetenz als "eine der unabdinglich notwendigen Kulturtechniken unseres täglichen Arbeits- und Privatlebens." Den größten Entwicklungsbedarf, um "Medienbildung für alle" sicher zu stellen, sieht er im Schulsystem als solchem: "Moderne Medien und unser 'aktuelles' Schulsystem aus der Zeit von Maria Theresia sind aus meiner Sicht schwer kompatibel."

Harald Walser (DIE GRÜNEN) diskutiert in seiner Stellungnahme unser verändertes Informationsverhalten im Zeitalter des Internets und der sozialen Netzwerke und weist auf die vielen Möglichkeiten der digitalen Medien hin: "Diese können – richtig eingesetzt – per se zu einer bildungsmäßigen und gesellschaftlichen Demokratisierung beitragen: im Bildungsprozess, indem etwa die zentrale Stellung der Lehrpersonen schwindet und die Autonomie der Lernenden gestärkt wird. Auf der gesellschaftlichen Ebene, indem beispielsweise Bürgerbeteiligungsprozesse (Stichwort 'e-Patizipation') gefördert werden."

Elisabeth Grossman (SPÖ) sieht Medienkompetenz primär in der Eigenverantwortlichkeit verortet: "Medienbildung ist ein sehr aktuelles Thema und ein Querschnittsthema, welches nicht nur die Schulbildung, sondern auch oder vor allem den Alltag prägt. Das Vorleben eines verantwortungsvollen Umgangs kostet am wenigsten. Die Herausforderung liegt an und in der Gesellschaft im täglichen Umgang mit Zeit, Wissen, Wertschätzung und Technik. Institutionelle Medienbildung ist eine unverzichtbare Ergänzung, ein wesentlicher Schwerpunkt liegt aber meiner Ansicht nach im verantwortungsvollen Umgang im Alltag."

Walter Rosenkranz (FPÖ) bekennt sich zu Medienbildung als Unterrichtsprinzip: "Medienkompetenz als Befähigung zur kritischen Rezeption kann sicherlich auch im politischen Bereich zu einem abgerundeten, differenzierteren Umgang mit Medien und deren Inhalten einen wertvollen Beitrag leisten. Da – wie Sie wissen – Medienbildung zu den Unterrichtsprinzipien gehört … soll Medienbildung nicht etwa in Form eines eigenen Unterrichtsfaches stattfinden, sondern fächerübergreifend in den Unterricht einfließen – ob im schulischen Bereich oder auch im Bereich der Erwachsenenbildung."

Ursula Haubner (BZÖ) stellt einen steigenden Bedarf fest: "Es ist meiner Überzeugung nach von elementarer Bedeutung, den Bereich der Medienbildung insbesondere bei Kindern und Jugendlichen auf einer möglichst breiten Basis voran zu treiben und zu forcieren, da nicht zuletzt die rasanten Entwicklungen der letzten Jahre dies in jeder Hinsicht notwendig machen."

Der Verein Blauer Würfel & kidsmobil, der in Kärnten medienpädagogische Angebote setzt, bat den dortigen Landeshauptmann Peter Kaiser (SPÖ) um eine Stellungnahme. Aus seinen Antworten wird ersichtlich, wie unterschiedlich "Medienkompetenz" verstanden werden kann und wie wichtig es daher ist, dass man sich auf solche Grundbegriffe verständigt. Auf die Frage, inwieweit Medienkompetenz zur gesellschaftlichen und politischen Teilhabe beitragen kann, antwortet Kaiser: "Kommunikation ist Voraussetzung um präsent zu sein. Man muss den Bürgerinnen und Bürgern auf möglichst einfache aber aussagekräftige Weise vermitteln können, worum man tagtäglich ringt." Hier wird Medienkompetenz mit kompetentem Umgang der politischen Funktionäre mit Medien gleichgesetzt.

Das Institut für Medienbildung in Salzburg kontaktierte die BildungssprecherInnen der dort im Landtag vertretenen Parteien – Reaktionen blieben leider aus. Alle vollständigen Stellungnahmen sowie die Fragen dazu sind unter http://www.medienbildungjetzt.at/?cat=13 nachzulesen.

2. Die Initiative Medienbildung JETZT!

Medienbildung JETZT! ist eine österreichweite, unabhängige Initiative von medienbildungsaktiven Einzelpersonen, Institutionen und Organisationen aus schulischen und außerschulischen Bildungsbereichen. Das Ziel der Initiative ist es, eine differenzierte Auseinandersetzung zu Medien im Kontext Bildung voranzutreiben. Lesen Sie mehr.

In den letzten Jahren sind die Medienformen und damit auch die Erfahrungen, die mit und über Medien gemacht werden, vielfältiger geworden. Eine Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Chancen dieser Entwicklung ist heute eine der zentralen bildungspolitischen Aufgaben. Medienbildung ist demnach essenziell, um sich in einer Wissens- und Informationsgesellschaft zurechtzufinden und um schlussendlich mündig zu agieren. Jedoch gibt es eine große Diskrepanz: Obwohl einerseits die Notwendigkeit für Medienbildung dargelegt werden kann, findet sie andererseits viel zu wenig statt! Es fehlt an einer medienpädagogischen Grundversorgung.

Wofür wir stehen

Medienbildung ist ein elementarer Bestandteil eines neuen Verständnisses des Lernens und reflektiert die sich stets verändernden Medienwelten. Medienbildung erweitert das persönliche Repertoire, um Kultur mittels vielfältiger medialer Ausdrucksformen zu genießen, mit anderen zu teilen und den eigenen Bedürfnissen entsprechend zu erneuern. Medienkompetenz ist eine Schlüsselkompetenz, die hilft, bessere Entscheidungen zu treffen. Wir alle brauchen Medienkompetenz, um fundiert zwischen Medien wählen zu können, um Inhalte und Informationen kritisch bewerten zu können und in vielfältigen Medienkontexten kommunizieren zu können.

Was bereits geschah

Die Initiative entstand im Jahr 2010 im Rahmen eines eduCamps, als sich die teilnehmenden MedienpädagogInnen dazu entschlossen, weiterhin vernetzt zu bleiben, um auf die Bedeutung von Medienbildung in der heutigen Gesellschaft hinzuweisen und die AkteurInnen und ihre vielfältigen medienpädagogischen Angebote sichtbar zu machen. Seitdem finden – neben dem jährlichen Barcamp (Nachlese des 3. Barcamps) – regelmäßige Vernetzungstreffen und Aktionen statt. Beispielsweise:

  • 2011 verfassten wir ein Grundsatzpapier zum Thema Medienbildung. Nachzulesen in den MEDIENIMPULSEN – Ausgabe 4/2011.
  • 2013 starteten wir die österreichweite "Aktionswoche Medienbildung JETZT!" und bündelten verschiedenste Institutionen sowie Personen, die sich den Prinzipien von Medienbildung in Österreich verpflichtet fühlen. Das vollständige Programm finden Sie hier.
  • Der Winter 2013/2014 stand ganz im Zeichen des Urheberrechts. Wir reagierten auf die "EU-Konsultation Urheberrecht" und haben die für medienpädagogisches Arbeiten relevanten Fragen ausgearbeitet und Positionen formuliert (link: http://www.medienbildungjetzt.at/?p=1806). Darüber hinaus haben Simone Mathys-Parnreiter (link: http://www.medienimpulse.at/articles/view/626) und Hannes Heller (link: http://www.medienimpulse.at/articles/view/681) in den MEDIENIMPULSEN über Problematiken und Herausforderungen in der Medienarbeit mit Blick auf das Urheberecht berichtet.

3. Medienbildung – ein nettes Extra?

In den 1980ern, wo Medienbildung – allen voran durch die UNESCO angetrieben – im Bildungsbereich international ein großes Thema war, genoss Österreich den Ruf eines medienpädagogischen Musterlandes. Mit dem ersten "Grundsatzerlass zur Medienerziehung" wurde hier bereits 1973 eine Grundlage geschaffen, die alle PädagogInnen ungeachtet ihrer fachlichen Spezialisierung dazu aufforderte, medienpädagogische Methoden und Inhalte in ihren Unterricht zu integrieren.

Der Erlass wurde mehrmals überarbeitet; im Jahr 2001 ergänzt man ihn um einen noch deutlicheren Appell an alle PädagogInnen: "Der Anteil von Medien an der Welt/Wirklichkeitserfahrung nimmt stetig zu – eine neue Dimension von Wirklichkeit ist mit dem Aufkommen von hoch entwickelten Technologien entstanden. Wenn nun die reflektierende Begegnung und Auseinandersetzung mit Wirklichkeiten ein grundlegender Bestandteil von Pädagogik ist, dann ergibt sich daraus der Schluss, dass Medienpädagogik die gesamte Pädagogik wesentlich stärker durchdringen soll. Pädagogik muss gleichzeitig auch Medienpädagogik sein." (Zum aktuellen "Grundsatzerlass Medienerziehung")

In der Praxis sind wir jedoch von einer breitenwirksamen Umsetzung des Grundsatzerlasses weit entfernt, Medienbildung bleibt ein "nettes Extra" und ein Beschäftigungsfeld von einzelnen, engagierten PädagogInnen.

"Die Diskussion verläuft immer immer wieder in den gleichen Bahnen: ja, LehrerInnen sind durch den Erlass dazu verpflichtet, Medienpädagogik zu implementieren, aber sie sind dafür nicht ausgebildet. Es wurden im Laufe der Jahre sehr gute Vorschläge für eine Medienpädagogik-Ausbildung für PädagogInnen entwickelt, zuletzt durch die Wiener Medienpädagogik an der Uni Wien, die nicht einmal diskutiert wurden", sagt Susanne Krucsay, die lange die Abteilung Medienpädagogik des Unterrichtsministeriums geleitet hat. Zuletzt hat sie an der EU-Empfehlung zu Medienkompetenz im digitalen Zeitalter mitgearbeitet, die 2009 verabschiedet wurde, in Österreich jedoch wenig Widerhall fand.

Die Hoffnung, welche die medienpädagogische Szene in das Projekt "PädagogInnenbildung NEU" setzte, blieb unerfüllt. Zu groß war die Anzahl der Themen, die nach Berücksichtigung verlangten, zu leise die Stimme der Medienpädagogik in diesem Chor der Erwartungen und Forderungen. Der Katalog der Kompetenzen, die PädagogInnen fachübergreifend benötigen, erwähnt u. a. interreligiöse, Gender- oder Gesundheitskompetenzen. Medienbildung kann man sehr wohlwollend unter digitale Kompetenz subsumiert sehen – es ist jedoch anzunehmen, dass damit allen voran die technische Nutzungskompetenz gemeint ist.

4. Deutschland – steter Tropfen höhlt den Stein?

Ein schneller Blick in das benachbarte Deutschland lässt einen mitunter neidisch werden: im aktuellen deutschen Koalitionsvertrag kommt der Begriff "Medienkompetenz" 37 Mal vor. Über die Wichtigkeit der Medienkompetenzförderung scheint dort über Parteigrenzen hinweg ein hoher Konsens zu herrschen. Doch Vorsicht, sagt Ida Pöttinger, Vorsitzende der GMK, Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur:

"Häufig ist nicht die umfassende, pädagogische Medienkompetenz in unserem Sinne gemeint, sondern ausschließlich die technische Mediennutzungskompetenz."

Auch Rüdiger Fries, Sprecher der Initiative „Keine Bildung ohne Medien“, sieht die Initiative noch lange nicht am Ziel: "Die Häufigkeit der Erwähnungen täuscht drüber hinweg, was konkret an Maßstäben, Meilensteinen und Budgets passiert … nämlich noch relativ wenig."

Im Vergleich zu Österreich sind die medienpädagogischen Netzwerke in Deutschland stärker und blicken auf eine längere Tradition zurück. Die GMK, der größte medienpädagogische Dachverband Deutschlands, feierte im November 2014 sein 30jähriges Bestehen. In den Anfangsjahren war man laut Ida Pöttinger noch sehr damit beschäftigt, sich selbst zu vergewissern: "Ähnlich wie in Österreich hatten wir verschiedene Projekte, die unabhängig voneinander gestartet sind. Bei den jährlichen GMK-Foren hat man sich getroffen und konnte sich untereinander versichern, man ist auf dem richtigen Weg."

Die GMK wurde zu einem Dreh- und Angelpunkt einer wachsenden Szene, die mit Veranstaltungen, Projekten, Publikationen und Fachzeitschriften auf sich aufmerksam machte.

Ida Pöttinger: „Wir (GMK) sind mittlerweile eingeladen, in vielen politischen Prozessen mitzuwirken. Unter anderem haben wir für das Familienministerium eine Bestandsaufnahme gemacht, mit der wir Vorschläge machen konnten, auf welchen Gebieten wir Medienpädagogik verbessern würden.“

Die Initiative "Keine Bildung ohne Medien", in der auch die GMK mitwirkt, startete im Jahr 2009 mit einer Unterschriftenkampagne. Seither hat sie mit einer Vielzahl an Aktivitäten zu mehr Außenwirksamkeit der medienpädagogischen Szene beigetragen. Rüdiger Fries listet auf:

"Der erste Kongress im Jahr 2011 hat bereits eine gewisse Resonanz erfahren, es wurden Politiker eingeladen und sie sind auch gekommen. Die Forderungen (vom Medienpädagogischen Manifest http://www.keine-bildung-ohne-medien.de/pages/medienpaed-manifest/) wurden konkretisiert, an die Politik verschickt und publiziert. Für die Bundestagswahl 2013 entwickelten wir Wahlprüfsteine http://www.keine-bildung-ohne-medien.de/pages/wahlpruefsteine-medienkompetenz/, die wir an alle Parteien geschickt haben. 3–4 Mal gab es Stellungnahmen zu aktuellen politischen Ereignissen."

Gute Wirkung zeigen nach Einschätzung Rüdiger Fries’ auch die Runden Tische der Medienbildung, die es in der Zwischenzeit in vielen Bundesländern gibt: "Wir (KBOM) haben die Einrichtung eines Runden Tisches Medienbildung je Bundesland empfohlen, die ersten Schritte mitgestaltet oder beratend unterstützt. Teilweise gab es solche runden Tische schon davor, u. a. Niedersachsen war sehr aktiv. Die Runden Tische sind je nach Bundesland sehr verschieden, zum Teil wurde sehr offen eingeladen, zum Teil sind nur die größten Player dabei. Es hat sich gezeigt, dass es wichtig ist, dass sich die Akteure untereinander kennen, um Strategien zu überlegen, wie man besser zusammenarbeiten kann und um gemeinsam ein landesweites Konzept zu erarbeiten."

5. Conclusio: Es bleibt viel zu tun!

Man ist oft verleitet zu denken, die Initiative Medienbildung JETZT! sollte eigentlich Medienbildung VORGESTERN! heißen – so längst überfällig wirken die Forderungen, so wenig hat sich in den letzten Jahren getan.

Mit diesem Artikel wollten wir aufzeigen, was es gibt – und was es nicht gibt. Das Ergebnis der Aktion "BildungssprecherInnen" war an sich nicht weiter überraschend: bis auf einige wenige Lichtblicke bleibt Medienbildung in Österreich ein Randthema. Wir glauben jedoch, dass es uns durch die persönlichen Begegnungen gelungen ist, dieses Thema etwas mehr in das Wahrnehmungsfeld der bildungspolitisch Verantwortlichen zu rücken. Es bleibt zu hoffen, dass auf unser aktives Angebot, die Initiative als eine Ressource für praxisnahe Expertisen in allen medienpädagogischen Belangen zu nützen, zurückgegriffen wird.

Die konkreten Andockmöglichkeiten, die sich durch die Begegnungen anboten, waren spärlich, aber doch vorhanden. Die von den NEOS initiierte überparteiliche Plattform "Talente Blühen" verfolgt Ziele, die mit jenen von Medienbildung JETZT! gut vereinbar erscheinen. Aus dem FPÖ-Parlamentsclub kam die Anregung, uns mit der parlamentarischen Bürgerinitiative für politische Bildung als Schulfach <www.politische-kultur.at> zu vernetzen.

Der wichtigste Beitrag, den Medienbildung JETZT! leistet, bleibt – nach außen hin weitestgehend unbemerkt – das Bemühen um eine bessere Vernetzung der medienpädagogischen Szene in Österreich.

"Austausch fördert Qualität und Innovation – mit mehreren Leuten denkt man leichter ‘out of the box’”, sagt Felix Studencki, Lehrer und Medienpädagogik-Verantwortlicher im Stadtschulrat Wien.

Die nächste Gelegenheit dafür gibt es von 10. bis 11. April 2015 beim jährlichen Barcamp http://www.medienbildungjetzt.at/?cat=12 der Initiative.

Der Artikel spiegelt die Standpunkte der Initiative Medienbildung JETZT! wieder – die beiden AutorInnen sind aktive Mitwirkende und MitgründerInnen der Initiative.

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medienbildung, medienkompetenz, bildungspolitik