Neue Medien

4/2014 - Steuerung, Kontrolle, Disziplin/Medienpädagogische Perspektiven auf Medien und/der Überwachung

Rezension: Österreichische Archivgeschichte. Vom Spätmittelalter bis zum Ende des Papierzeitalters

von Michael Hochedlinger

AutorIn: Valerie Strunz

Valerie Strunz hat für die LeserInnen der MEDIENIMPULSE die 'Österreichische Archivgeschichte' von Michael Hochedlinger rezensiert. Der Band ist eine Fundgrube für alle, die sich für Geschichte und das Archiv interessieren ...

Verlag: Böhlau-Verlag; Oldenbourg-Verlag
Erscheinungsort: Wien/München
Erscheinungsjahr: 2013
ISBN: 978-3-205-78906-2 (Böhlau)
ISBN: 978-3-486-71960-4 (Oldenbourg)
522 Seiten, 39,80 €


Cover: Österreichische Archivgeschichte. Vom Spätmittelalter bis zum Ende des Papierzeitalters,
von Michael Hochedlinger,
Quelle: Amazon

Der Autor dieses Werkes, Michael Hochedlinger, Archivar im Österreichischen Staatsarchiv und lange Zeit Lehrbeauftragter am Institut für Geschichte an der Universität Wien, hat nach seiner Einführung in die Aktenkunde ("Aktenkunde. Urkunden- und Aktenlehre der Neuzeit"; 2009) nunmehr ein weiteres, sehr umfangreiches Werk vorgelegt: Im vorigen Jahr erschien seine "Österreichische Archivgeschichte. Vom Spätmittelalter bis zum Archivzeitalter". Dieses Buch wagt den – sehr gelungenen – Versuch der Vollständigkeit und ist dementsprechend "klassisch" gegliedert. Es besteht aus den drei großen Abschnitten: "Organisationsgeschichte des staatlichen Archivwesens" (A), "Andere Archivtypen" (B) und schließlich "Querschnitte" (C).

Im ersten großen Kapitel, "Organisationsgeschichte des staatlichen Archivwesens" (A), stellt der Autor die Entwicklung der Archive seit dem Mittelalter in überaus genauer Form und sehr anschaulich dar. Er versucht damit dem Leser die Wichtigkeit zu verdeutlichen, die den Archiven von Anfang an zugekommen ist. Denn dabei ist zu beachten: "Archive sind nicht als Quellensammlung für die Geschichtsschreibung entstanden, sondern bilden zunächst und in erster Linie das schriftliche Gedächtnis des jeweiligen Archivträgers, sind gleichsam Waffenlager für die Verteidigung seiner Rechte."

Im nachfolgenden Kapitel "Andere Archivtypen" (B) beschreibt der Autor speziell die Vielfalt und Entwicklung der österreichischen Archivlandschaft. Hier bearbeitet Hochedlinger die Entwicklung der Archive der verschiedenen Religionsgemeinschaften, die – abgesehen von jenen der katholischen Kirche – jedoch erst ab den 1780er-Jahren beginnt. Des Weiteren behandelt er hier auch Familienarchive, jene der Parteien, der Wirtschaft, der Universitäten sowie (in aller Kürze) die Medienarchive. Zu Letzteren zählt Hochedlinger beispielsweise die Presse-, Rundfunk- und Filmarchive und erläutert im Folgenden namentlich etwa das Tagblattarchiv, Phonogrammarchiv, Filmarchiv, Filmmuseum, ORF-Archiv und die Mediathek etwas näher.

Immer wieder schafft es der Autor, den Zeitgeist gut einzufangen. So schreibt er in seinem Kapitel über Kommunalarchive von der "spätjosephinischen Aktenfeindlichkeit" und den damit einhergehenden großen Verlusten für die Institutionen und die heutige Forschung. Der Autor berichtet in diesem Zusammenhang treffend etwa von Unachtsamkeiten und der (beinahe) Entsorgung wertvoller Bestände.

Das dritte Kapitel "Querschnitte" (C) umfasst Ausführungen zu den Themen Archivare, Benutzung, Archive und Forschung und zur archivalischen Überlieferung. Generell gesagt beschäftigt sich dieser Abschnitt mit den Tätigkeiten, den Gebäuden und den Menschen, die eng mit dem Archiv im Allgemeinen verbunden sind. Nicht selten thematisiert er Probleme wie etwa jenes der Finanzierung; eine zu jeder Zeit große Schwierigkeit, die nicht selten auch zu beträchtlichen Schäden geführt hat. Auch für die nicht immer einfache Arbeit im Archiv wird etwa zu Beginn sehr treffend Ignaz Freiherr von Reinhart (1841) zitiert: "Die Arbeiten in einem Archiv sind schwierig, trocken und wenig lohnend, nur ein Individuum, das keine Opfer an Mühe und Zeit aus Liebe zur historischen Forschung scheut und dabei eine Selbstverleugnung besitzt, die sich damit begnügt, großentheils Andern in die Hände zu arbeiten, ihnen die Früchte seines Fleißes und seiner Mühen zu überlassen, kann und wird fortwährend gute Dienste zu leisten im Stande sein".

Für zeitgeschichtlich interessierte Leser ist es insgesamt erfreulich, dass sich der Autor in weiterer Folge auch der NS-Zeit in umfangreicher Weise widmet. Es scheint, als wäre ihm die Behandlung dieser Episode nicht etwa nur lästiges Pflichtprogramm, sondern vielmehr ein Anliegen. Denn die Archive, aber auch die damaligen Archivare selbst werden hier kritisch unter die Lupe genommen – und kommen in vielen Fällen gar nicht gut weg. Der Eindruck entsteht auch dadurch, dass sich in anderen Kapiteln immer wieder themenbezogene Rekurse auf diese Zeit eingeflochten finden. So wird etwa bei der Behandlung der Pfarrarchive die seinerzeitig wachsende Bedeutung dieser bei der "Rassenschnüffelei" hervorgehoben. Der NS-Staat plante deshalb schließlich sogar eine Zentralisierung der verschiedenen Matriken. Denn da die Matrikenführung – also die "Buchführung" über Taufen, Trauungen und Sterbefälle – in Österreich erst im Jahr 1939 von den Nationalsozialisten zu einer Aufgabe des Staates gemacht wurde, sahen sich die Pfarrarchive wegen des damals gesetzlich geforderten Abstammungsnachweises ("Ariernachweis") mit besonders vielen Anfragen konfrontiert.

Zu bemerken ist weiters, dass der Autor durch die Verflechtungen der Monarchie, aber auch jene der beiden Weltkriege – und die damit verbundenen Verbringungen bzw. Rückführungen von Archivgut – immer wieder internationale Bezüge herstellt. So wird dem Leser nicht selten auch ein Blick über die Grenzen des heutigen Österreichs hinaus eröffnet.

Was alle Teile des insgesamt sehr interessant zu lesenden, fast schon lexikalisch anmutenden Buches gemeinsam haben: sie sind spannend, umfangreich und gehen sehr weit in die Tiefe. Als Leser fragt man sich während der Lektüre mitunter, wie lange ein einzelner Autor wohl mit der Aufarbeitung dieser Mengen an Material beschäftigt war. Auch die 50 Seiten umfassende Auswahlbibliografie lässt den Umfang der dafür bearbeiteten Literatur nur erahnen. Bei ihrer näheren Betrachtung fällt auf, dass sich unter den angeführten Büchern nicht ein einziges vergleichbares Werk finden lässt, das als Vorbild hätte dienen können.

Bei der großen Liebe zum Detail, die stets offensichtlich ist, wird auch der Beruf des Autors deutlich. Die Kapitel sind nicht nur attraktiv gestaltet, sondern zudem auch sehr akribisch aufbereitet. So enthält das Buch etwa eine genaue Beschreibung der sozialen Herkunft bedeutender österreichischer Archivare. Auch viele andere interessante Details, wie die Verluste des Kriegsarchivs während des Zweiten Weltkrieges in Tonnen (154!), beschweren das Buch höchstens in seinem Gewicht. Trotzdem schafft es der Autor, durch eingängige Formulierungen die gute Lesbarkeit und inhaltliche Ausgewogenheit weitestgehend zu erhalten. Dies erreicht er auch durch seine wenn notwendig kritische Sicht und durch die Auflockerung mit interessanten Zitaten.

Hochedlinger schafft es zudem bestens, auch die Ausbildung und die vielen Probleme des Berufstandes kritisch zu betrachten und sich der Thematik durchaus mit Humor und einer gewissen Selbstironie zu nähern. Neben seiner schon beschriebenen Fähigkeit, gut und verständlich zu formulieren, verfügt er dieserart auch über jene, den Leser gelegentlich zum Schmunzeln zu bringen. So zitiert er am Beginn seines Kapitels über Archivare im Zusammenhang mit der Wertschätzung, die Archivaren für gewöhnlich entgegengebracht wird, folgende Passage: "Der mährische Archivverantwortliche Peter von Chlumetzky meinte noch 1856, dass man das Wirken jener, die sich bevorzugt mit staubigen Pergament und vergilbten Papieren beschäftigten, kaum höher achtete 'als das jenes wunderlichen Kauzes, der nach jahrelanger Uebung die Fertigkeit erlangte, Erbsen durch ein Schlüsselloch zu werfen, ohne jemals sein Ziel zu verfehlen'".

Neben der beeindruckenden inhaltlichen Qualität stellt aber auch die überaus gelungene formale Gestaltung des Bandes ein Qualitätsmerkmal dar. So eignet sich das Buch auch wegen seiner übersichtlichen Gestaltung nicht nur für intensive Lektüre, sondern auch zum "Querlesen" und "Schmökern" hervorragend. Im Sinne des guten Überblicks stehen hier in Marginalien zur besseren Orientierung Überbegriffe zur Verfügung.

Hervorzuheben ist auch die Illustrierung des Bandes. Dem Autor ist es gelungen, das Bildmaterial – obwohl in schwarzweiß gehalten – in außerordentlich guter Qualität und ohne den Textfluss zu stören, zu integrieren. Schön ist es, dass auch in Kapiteln zu früheren Jahrhunderten, obwohl die Suche danach im Vergleich sicher schwieriger war, Illustrationen vorhanden sind, z. B. Abbildungen von zeitgenössischen Kupferstichen und Gemälden. Neben Bildnissen bedeutender Archivare aus verschiedensten Jahrhunderten, die sich durch das gesamte Buch ziehen, ist aber auch besonders das Bildmaterial späterer Kapitel interessant. So findet sich beispielsweise Material über die Bauphantasien der NS-Zeit, aber auch realisierte Archivbauten und Aufbewahrungsformen sowie Restaurierungen werden gezeigt. Beeindruckend sind auch die Fotos von den Verwüstungen und den daraus folgenden Schäden durch die Katastrophen des 20. Jahrhunderts.

Besonders zu empfehlen ist das Buch vor allem für StudentInnen der Geschichte, aber auch für jene Leser, die bisher wenig Berührungspunkte mit dieser Thematik hatten, bietet das Werk – obwohl ja als klassische Fachliteratur einzuordnen – einen guten Einstieg für alle Interessierten. Wenn auch das Thema auf den ersten Blick eher unzugänglich wirkt, bietet es sicher allseits eine angenehme, sehr bereichernde und spannende Lektüre. Denn, um es ein wenig überspitzt zu formulieren, spiegelt das vorliegende Werk in spezieller Weise den Umgang der Gesellschaft mit Erinnerung über die Jahrhunderte wieder. Fazit: Michael Hochedlinger ist mit seiner "Archivgeschichte" ein beeindruckendes und sehr zu empfehlendes Werk gelungen.

Tags

archiv, österreichische archivgeschichte, historie, geschichte