Neue Medien

4/2014 - Steuerung, Kontrolle, Disziplin/Medienpädagogische Perspektiven auf Medien und/der Überwachung

Rezension: Die Do-it-yourself-Karrieren der DJs. Über die Arbeit in elektronischen Musikszenen

von Rosa Reitsamer

AutorIn: Stefanie Wild

Stefanie Wild rezensiert die soeben publizierte Dissertation von Rosa Reitsamer, die sich der Geschichte und Gegenwart der Wiener DJ-Kultur widmet. Dabei wird erneut die Fruchtbarkeit von Pierre Borudieus praxeologischer Kultursoziologie deutlich ...

Abstract

Rosa Reitsamer verfasst ihre Dissertation zu „When Will I Be Famous? Die Do-It-Yourself-Karrieren von DJs“ an der Universität für angewandte Kunst in Wien. Ihr aktuelles, beinahe gleichnamiges, Werk lädt WissenschaftlerInnen, Interessierte wie Praktizierende der elektronischen Musikszene dazu ein, den Tätigkeiten der Wiener DJs auf den Grund zu gehen.


Verlag: transcript
Erscheinungsort: Bielefeld
Erscheinungsjahr: 2013
ISBN 978-3-8376-2323-9


Cover: Die Do-it-yourself-Karrieren der DJs,
von Rosa Reitsamer,
Quelle: Amazon

In ihrer neuesten Publikation widmet sich Reitsamer den ökonomisch erfolgreichen Do-It-Yourself DJs der Wiener Musikszenen für Techno, experimentell-elektronische Musik sowie Drum'n'Bass. Den Schwerpunkt ihrer qualitativen Untersuchung, setzt sie dabei auf deren Karriereverläufe, wobei sich die Autorin insbesondere für die Distinktion- bzw. Selbstrepräsentationsstrategien der DJs interessiert, die sie dementsprechend in den Mittelpunkt ihrer Arbeit stellt.

Die Grounded Theory wählt die Autorin als geeignete Form der Datenerhebung. Dabei betont sie keine Hypothesen und Theorien zu überprüfen. Ausgehend von einem theoretischen Sampling entscheidet sie, welche Daten innerhalb ihres Forschungsfeldes erhoben werden. Das empirische Datenmaterial erschließt sie aus zahlreichen Beobachtungen, Interviews und unsystematischen Erhebungen wie Recherchen zu den DJs im Internet, Magazinen oder Mailinglisten.

Reitsamer untersucht ein Feld das sich Ende der 1980er-Jahre erstmals zu formieren beginnt. Mittlerweile ist elektronische Musik nicht mehr aus den gängigen Wiener Musikszenen wegzudenken. Vielmehr entwickelten sich in diesen Jahren zahlreiche Genres und Subgenres innerhalb der Clubkultur. Die Aufgaben der DJs sind vielfältig und implizieren für eine ökonomisch erfolgreiche DJ-Karriere eine Reihe an Tätigkeiten wie das Musiksammeln, die Musikproduktion, die Aneignung von Spezialwissen zur Ausübung der DJ-Tätigkeit, die Selbstorganisation, die Eingliederung in das Szenenetzwerk und schließlich auch die Selbstvermarktung. All diese Schritte beruhen auf einem hohen Maß an Selbstständigkeit und einer Leidenschaft für den Beruf oder eher die Berufung des DJs. Die DJ-Frauen bzw. Männer investieren viel Zeit und Ressourcen, um als MusikproduzentInnen Anerkennung bei Publikum und KollegInnen zu erlangen. Dabei ist dieser Weg zum Erfolg nicht, wie sonst üblich, über einen institutionalisierten Ausbildungsweg geebnet. Das Wissen, das nötig ist, um der Arbeit als DJ erfolgreich nachgehen zu können, erarbeitet sich die DJ-Frau bzw. der DJ-Mann in jahrelanger Praxis.

Theoretischer Anhaltspunkt für Reitsamers qualitative Untersuchung wird Bourdieus Theorie der sozialen Felder, die danach fragt wie sich AkteurInnen im Feld, durch die unterschiedliche Verteilung von ökonomischem, sozialem, symbolischem wie kulturellem Kapital, positionieren und schließlich verhalten. Über die Produktion von kulturellem Kapital werden die Wissensformen Szene-, Musik- und Technikwissen erlernt, inkorporiert, produziert und dargestellt. Neben dem kulturellen Kapital ist vor allem das symbolische Kapital entscheidend, welches sich über Anerkennung beim Publikum und KollegInnen zeigt. Über soziale Netzwerke innerhalb der Clubkulturen bzw. Musikszenen wird das soziale Kapital produziert. Dieses kann schließlich auch ökonomisches Kapital übergehen. Diese sogenannte anti-ökonomische Logik verbindet sich mit einem vordergründigen Streben nach Selbstverwirklichung, ohne dass es direkt um eine ökonomisch erfolgreiche Karriere geht. Diese eigensinnige Form der Tätigkeit, die Kreativität und Geld zusammenführt, charakterisiert das „DJ-Dasein“ als flexibles Arbeitsgebiet und impliziert eine Vielfalt an Handlungen innerhalb der Musikszene.

Resultierend aus der empirischen Analyse erschließt sich für die Autorin die Annahme, dass das Geheimnis „guter“ DJs bzw. ökonomisch erfolgreicher DJ-Karrieren, in selbstständiger Organisation, richtiger Selbstvermarktung des DJ-Profils und der Anerkennung von Publikum und KollegInnen, liegt. Weiters beantwortet sie die zentrale Fragestellung der Arbeit, zu den Distinktionsstrategien der DJs, mit deren unterschiedlichen Arten der Selbstdarstellung bzw. -präsentation. Diese zeigen sich unter anderem im Musikgeschmack, im Erscheinungsbild oder in Pressetexten, also im DJ-Profil. In diesem Zusammenhang führt Reitsamer Bourdieus Konzept der Illusio ein, das die DJs mit dem „Glauben an das Spiel“ – und somit im Machtkampf um die beste Position innerhalb des praktizierenden Netzwerkes – in Konkurrenz zueinander bringt. Ausführlich beschreibt die Arbeit das mühselige „Spiel“ um Macht und Anerkennung vor allem für DJ-Frauen.

Reitsamers Fachgebiet liegt neben der Musiksoziologie in den Cultural sowie Gender Studies. Sie hat bereits mehrfach Publikationen zu DJ-Kulturen, Geschlechterverhältnissen und feministischen Netzwerken verfasst. Auch in diesem Werk geht sie speziell auf die Unterrepräsentanz von DJ-Frauen ein. Die bestehenden Geschlechterunterschiede zwischen Frauen und Männern im Alltag werden, nicht zuletzt durch die Kommentare der DJ-Frauen und DJ-Männer deutlich sichtbar und merklich im Wissenssystem der DJs reproduziert. Angefangen von Recherchen in Plattenläden bis hin zu Auftritten in Clubs sind Frauen mit obsoleten und unberechtigten Vorurteilen der männlichen Kollegen konfrontiert. Diese Angriffe machen es den DJ-Frauen insofern schwer, eine gleichberechtigte Anerkennung in der Szene zu erwerben, da sie aufgrund von Selbstzweifeln, Unsicherheit und schlechten Erfahrungen in ihrer Selbstdarstellung negativ beeinflusst werden. Auffällig ist, dass nicht alleine Frauen, sondern auch DJs mit Migrationshintergrund mit Vorurteilen konfrontiert werden, lediglich aufgrund ihres Geschlechts bzw. ihrer Herkunft. Um diesen Missständen entgegenzuarbeiten bietet Female Pressure DJ-Frauen die Möglichkeit über eine Internet-Plattform miteinander zu kommunizieren, sich auszutauschen und sich gegenseitig zu unterstützen. Als feministisches Kollektiv geht es gegen Diskriminierung vor, gleichzeitig fragt die Autorin danach, was das Netzwerk tut, um bestehende Geschlechterdifferenzen zu erodieren, eine Antwort dazu bleibt aus.

Rosa Reitsamer fordert nicht. Sie beschreibt die Situation der DJs bzw. der Betroffenen und ergänzt sie mit zahlreichen Kommentaren, die das Gefühl eines authentischen Bildes der Szenerie wiedergeben. Gedankenmodelle der Involvierten reproduzieren die bestehenden Differenzen und auch wenn viel über Gleichberechtigung sprechen, so ist doch der „Mächtigste“ im DJ-Dschungel der weiße Mann aus dem Westen.

Tags

dj-kultur, wiener musikszuene, bourdieu, kultursoziologie