Schwerpunkt

4/2014 - Steuerung, Kontrolle, Disziplin/Medienpädagogische Perspektiven auf Medien und/der Überwachung

Zwang und Verführung in der Kontrollgesellschaft

Selbstvermessung und Wunscherfüllung im digitalen Datenraum

AutorIn: Konrad Becker

Konrad Becker untersucht in seinem Essay, wie Zwang und Verführung in unseren Kontrollgesellschaften funktionieren und bezieht dieses Problemfeld u. a. auf die Debatten zu Big Data ... Welche Rolle spielen Informationstechnologien und Sozialstatistiken bei der Erfassung des gläsernen Menschen?

1. Einleitung

Der inzwischen etablierte Begriff der Kontrollgesellschaft wurde Anfang der 1990er-Jahre von Gilles Deleuze, vor allem auch durch sein Postscript on Societies of Control bekannt gemacht. Er stammt aus dem 1970 erschienen Buch The Electronic Revolution von William S. Burroughs in dem er über neue Methoden der Machtausübung schreibt, von "Assoziationslinien, durch die Monopole durchgesetzt werden". Der Künstler setzt sich darin in visionärer Weise mit den weitreichenden Wirkungen von Kommunikationsformeln auseinander sowie der Politik von Sprache, Information und Kategorisierung. Im Gegensatz zu den von Michel Foucault in den 1970er-Jahren beschriebenen Disziplinargesellschaften, die Strukturen der Manipulationen von Macht und Gewalt in den Vordergrund stellen, werden die Machtverhältnisse in Kontrollgesellschaften freischwebend und kodifiziert wirksam. Von Codes organisierte flexible Systeme der Erfassung, die sich schnell und einfach neu konfigurieren lassen, regeln den Zugang zu Netzwerken. Nicht feste Eingrenzungen sind jetzt das vorrangige Ziel, sondern ein Regime der Modulation von Durchlässigkeit. Diese grundlegende Verschiebung in den Strategien der Machtausübung und Kontrolle sind eng mit der Entwicklung neuer Informationstechnologien verbunden. Selbststeuerung löst Fremdkontrolle ab und Maschinen bewerten das individuelle Streben nach Selbstoptimierung. Informationsarchitekturen lenken diese digitale Selbstvermessung und Selbstdokumentation zwischen den Polen von Angst und Wunscherfüllung. Anthropologen wie Claude Lévi-Strauss, beispielsweise in "Tristes Tropiques" aus dem Jahr 1955, sind der Ansicht, dass die Kulturtechnik der Schrift vor allem zur Unterdrückung, und Verwaltung von Abhängigkeiten entwickelt wurde. Aus dieser Sicht sind Wissenschaft und Kunst vor allem Sekundärphänomene, die den ursprünglichen Zweck ergänzen oder verschleiern sollen. Bei neuen Informationstechnologien und Datenverarbeitungsprozessen, deren grundlegende Entwicklungen aus der akademisch-militärischen Forschung kommen, ist es nahliegend, sie auch aus dieser Perspektive zu betrachten. Schon im 19. Jahrhundert thematisierte Gabriel Tarde die gesellschaftlichen "Gesetze der Nachahmung" in Bezug auf Anpassung und Identität. Sie sind in sogenannten sozialen Netzwerken, wo sich internalisierter Zwang zur Selbstdarstellung und Selbstvermarktung kanalisiert, gut zu beobachten. Aber bereits 1574 beschrieb Etienne de la Boetie in seinem berühmten Essay "Von der freiwilligen Knechtschaft" seine These über die Politik des Gehorsam, dass in der Tyrannei die Unterdrückten die Unterdrückung paradoxerweise freiwillig akzeptieren. Statt Verweisen auf angebliche Sicherheit reicht vielfach schon Bequemlichkeit, Konsumbereitschaft und sozialer Gruppenzwang zur Einwilligung an der Teilnahme dubioser Regime.

2. Informatisierung sozialer Räume

Die urbanisierte Umwelt wird zunehmend von Netzwerken informationeller Technologien geformt. Nicht nur Verkehrsleitsysteme, Energieversorgung, Infrastruktur und Planungsmodelle bauen immer mehr auf komplexe digitale Systeme. Auch die Arbeitswelt, soziale Räume und kulturelle Prozesse stützen sich auf ein vielschichtiges Gefüge elektronisch gesteuerter Abläufe. Städte sind nicht mehr von Mauern und Befestigungsanlagen bestimmt, sondern von einer Logik der Produktion von Raum und intelligenten Systemen für die Organisation dieses Raums. Statt aus Mauerwerk oder Wällen bestehen die neuen Architekturen der Kontrolle aus Software-Algorithmen, Satelliten und elektronischen Tracking-Systemen. Befestigungsanlagen wandeln sich in globale Assemblagen kontinuierlicher Verknüpfung von Datenbanken und Sensoren. Weltumspannende sozio-technische Sicherheitsarchitekturen im städtischen Leben ersetzen traditionelle nationalstaatliche Grenzen. Immaterielle Ordnungssysteme fragmentieren, zonieren und stratifizieren städtische Räume. Freihandelszonen, Export-Zonen, Zollfreilager und Sonderwirtschaftszonen, Gated Communities, Privatisierung öffentlicher Plätze, "Sicherheitszonen" oder Flughäfen. Überall entstehen neue städtische Grenzlinien, wo die Ströme der Stadt durch "Checkpoints" gezwungen werden und militarisierte Überwachungsnetzwerke die Grenzen zwischen "Außen" und "Innen" organisieren.

3. Globale Sicherheitsarchitekturen

Eine informatisierte Produktion von Raum mobilisiert den Einsatz von Sensoren und Softwaresystemen, u. a. durch biometrische Pässe, globale Logistik und E-Commerce, Airline-Profiling oder Navigations-und Zielsuchsysteme. Zunehmend werden "intelligente" Materialien in das Gefüge sozialer Räume und Infrastrukturen gewebt und elektronische Schaltkreise in das Ambiente eingebettet. Diese Steuerungsmechanismen beeinflussen Verhalten, indem sie die Regeln des Spielfelds gestalten. Einschlägige Großkonzerne vermarkten ihre diesbezüglichen digitalen Technologie- und Sicherheitskonzepte unter dem Schlagwort "Smart City". In einer zunehmenden Verschmelzung von Industrie und Polizei, Eventmanagement und Grenzkontrollen, urbaner Sicherheit und Unterhaltung, verschwindet die traditionelle Trennung zwischen militärisch und zivil, zwischen einem "Innen" und einem "Außen". Der globale Wanderzirkus temporärer Sicherheitszonen von G8-Treffen, Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften wird zur Normalität. Gipfelkonferenzen, Massenevents und Gladiatorenkämpfe, die durch Heerscharen von umherziehenden Spezialisten eingerichtet und überwacht werden. Die Erhaltung von Informationsdominanz, die neue Generation der asymmetrischen Konflikte und der so genannte "Lange Krieg" dauerhaft militarisierter Zonen, stützen sich aber auch auf die psychologische Kraft von Bildern. Kulturelle Friedenssicherung bedeutet in diesem Zusammenhang Verhaltenssteuerung durch Beeinflussung der Imagination und die ständige Echtzeit-Übertragung von Videos, Bildern und Texten über TV und Netz.

4. Kultur der Kontrolle

Seit den 1990er-Jahren wird in sicherheitspolitischen Strategiepapieren vermehrt darauf hingewiesen, dass sich die Trennung zwischen militärischen und nicht-militärischen Operationen auflöst. Dies findet sich auch in US-Konzepten eines Kriegs ohne definierten Schauplatz und "omni-direktionalen" Kampfhandlungen, die auf Informationstechnologie und unkonventioneller Kriegsführung in low-intensity Konflikten basieren. Diese Konflikte sind nicht mehr dominiert von Stahl und blutigen "Schlachtfeldern", sondern verlagern sich zunehmend in den Bereich der Infosphäre, auf die psychologische Positionierung von Ideen. In der Kulturalisierung von Konflikten wird Realität zur soziotechnologischen Ingenieursleistung einer operativen truth projection. Dominanz in der Informationssphäre bedarf einer Instrumentalisierung von Kultur, Kunst und Ideologie, um Kritik und Widerstände zu dämpfen und die Kontrolle auf die symbolische Ebene zu erweitern. Ähnlich wie Spielregeln, definiert Kultur Werte und Rollenbilder, indem sie anzeigt, was anstrebenswert und was abzulehnen ist. Diese Spielregeln vermitteln nicht nur, welche Züge und Bewegungen möglich sind, sondern auch Sinn und Zielvorstellungen, das Warum, und die Erwartung an den Spieler selbst. Kultur hält nicht nur die Spieler "auf Linie" und entlastet dadurch die Notwendigkeit zur Disziplinierung, sondern legitimiert auch die Durchsetzung von Regeln.

5. Instrumentalisierte Partizipation

Obwohl neue Konzepte der Governance, wie Soziometrie und Sozialstatistik, sich aus emanzipatorischen Strömungen entwickelt haben, ist sie zu einer Grundlage der Machtausübung konservativer Eliten geworden. Governance mit demselben griechischen Wortstamm wie Kybernetik beruht auf technokratischen Modellen der Lenkung und bedeutet regieren durch Kontextsteuerung. Eine sozialaufklärerische Idee wie die Soziometrie von Jacob Moreno, Grundlage der Sozialen Netzwerkanalyse, oder Otto Neuraths statistische Wissensvermittlung, die Anfang des 20. Jahrhunderts einer größeren Freiheit der Menschen verpflichtet waren, kehrt sich schon bald in ihr Gegenteil um. In einem Regime der Communities und Selbststeuerungsumgebungen funktioniert Gruppendruck, unter freiwilliger Ausübung und Unterwerfung, sogar noch besser als individueller Druck von außen. Über den Effekt der sozialen Befriedung und Kohäsion hinaus ist Teilhabe instrumentalisiert. Partizipation wird in einer verengten Bahn von Möglichkeiten der Problemlösung sowie in reduktionistischen Vorstellungen von Effizienz formalisiert. Illusionäre Gemeinschaften, wo in der Festlegung von Verfahrensabläufen eine Fülle undurchsichtiger und informeller Regeln durchgesetzt wird, ersetzen etablierte und zumindest rechenschaftspflichtige Jurisdiktion.

6. Kontrollregime und Lenkungsprozesse

Immer öfter wird daher darauf hingewiesen dass zeitgemäße Machtausübung nicht mehr vorwiegend repressiv, sondern durch Verführung wirkt. Lenkungseffekte durch emotionelle Steuerung und kontrollierte Wunscherfüllung gewinnen als psychopolitische Herrschaftstechniken an Bedeutung. Techniken der Beeinflussung durch die sanfte Dominanz der Kontrolle der Bezugsysteme und die Wirkungsmacht von Fiktion in der Wissenschaft menschlicher Manipulation. In der Konfiguration des Raums der Beziehungen entwickeln Oberflächenstrukturen, Interfaces und Protokolle kausale Wirkungen. Durch Selbstausbeutung und Selbstoptimierung statt äußerem Zwang. Menschen dazu zu bringen sich aus innerem Antrieb einem Herrschaftszusammenhang unterzuordnen ist eine effizientere Strategie. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Die scheinbare Freiwilligkeit wird durch massive Ausgrenzungs- und Disziplinarisierungsinstrumente ergänzt. Je nach Bedarf und, wenn möglich, diskret. Der Sicherheitsexperte und langjährige Direktor von Privacy International Steve Wright vergleicht die globale Kontroll- und Surveillance Assemblage mit einem Nervensystem und die damit verbundenen Drohnen und mehr-oder-weniger-tödlichen Waffensysteme als einen Muskel der im Bedarfsfall eingesetzt wird. Der Gute Polizist gibt freundliche Empfehlungen, aber der Böse Polizist steht schon bereit. Big Data-Überwachungstechnologie zielt zunächst nicht auf das Individuum, sondern auf statistische Korrelate zu Verhalten, Weltbild und Besitz von Bevölkerungssegmenten. Aber der frühere NSA- und CIA-Direktor Michael Hayden stellte im April 2014 am Johns Hopkins Foreign Affairs Symposium unmissverständlich fest: "Wir töten Menschen auf der Grundlage von Metadaten."

7. Datenfluten und Horizonte des Wissens

Die gesammelten Werke Shakespeares benötigen weniger als 5 MB Speicher, heute passen alle seine Werke zigtausend Male auf jedes Smartphone. Hatte ein Buch noch eine erste und eine letzte Seite, so sind in den gegenwärtigen Informationsumgebungen diese Grenzen nicht mehr deutlich definiert. Unklar wird nicht nur wo ein Text beginnt oder aufhört, sondern auch wie Faktizität und Narrativ auf vielfältige Art verflochten sind. Nicht nur gibt es mehr zu wissen als je zuvor, mehr als Mensch wissen kann, es wird immer eindrücklicher, wie klein der Zugriff auf Wissen bleibt. Es ist weder menschenmöglich noch glaubwürdig, wie zu Zeiten der Encyclopédie von Denis Diderot eine Übersicht über das vorhandene Wissen haben zu können. Nicht nur gibt es mehr Druckwerke, sondern zahlreiche andere Kanäle, von denen das Internet immer wichtiger wird. Daneben gibt es Milliarden von Datensätzen aus elektronischen Transaktionen, digitalen Verhaltensspuren, aus Sensoren und Kontrollsystemen.

2011 berechnete die Fachzeitschrift Science die Datenmenge der Welt im Jahr 2007 mit rund 300 Exabyte oder 300 Milliarden Gigabyte. Ende 2012 wurde ein weltweites Datenaufkommen von etwa 1,8 Zettabyte, oder 1,8 Billionen Gigabyte, geschätzt, das sich schon bald verdoppelt haben wird. Verantwortlich für die digitale Datenflut ist die zunehmende maschinelle Generierung von Daten z.B. im eCommerce, Social-Media, CRM-Systemen, Geldautomaten, Kameras etc. Google bezifferte seinen Index im Jahr 2014 mit mehr als 100 Millionen Gigabyte (100.000 Terabyte). Weil solche Datenmengen und Informationskaskaden von Menschen nicht mehr verarbeitet werden können, entwickeln sich Technologien, um durch höhere Rechenleistung und algorithmische Genauigkeit große Datenmengen zu sammeln und zu analysieren. Diese Analyse versucht Muster zu identifizieren um daraus wirtschaftliche, soziale, technische und rechtliche Ansprüche abzuleiten.

8. Digitale Wahrsager

Proponenten der Big Data-Industrie behaupten gerne das Theoriebildung, im Sinne verallgemeinerbare Modelle, wie die Welt funktioniert, überholt ist. Statt Kausalitäten oder modellhaften Annahmen stehen Korrelationen im Vordergrund. So präsentieren es die Vertreter der Big Data-Industrie auf zahlreichen Kongressen der Branche. Bei Datenanalysen gehe es nicht mehr um die Nadel im Heuhaufen, sondern um den Heuhaufen. Chris Anderson, der Herausgeber von Wire Magazine, sprach schon 2008 vom "Ende der Theorie" im "Petabyte Zeitalter" der Korrelationen, wo die Zahlen für sich selbst sprechen. (Vgl. "The End of Theory – Will the Data Deluge Make the Scientific Method Obsolete? ") Die Mythologie von Big Data korreliert mit der Überzeugung, dass große Datenmengen eine höhere Form der Intelligenz darstellen. Einen Zugang zu Wissen mit einer Aura von absoluter Wahrheit, Objektivität und Genauigkeit der völlig neue und vorher unerreichbare Erkenntnisse bieten kann. Aber Big Data ist von Objektivität oder Zuverlässigkeit weit entfernt. Zur Extraktion der entscheidungsrelevanten Information ist nicht nur das fehlerfreie Herausrechnen der Daten nötig, sondern auch die Kenntnis aller damit verbundenen systemischen Mechanismen. Die Wahrscheinlichkeit systematischer Fehlern ist nicht quantifizierbar nimmt aber mit steigender Anzahl von Variablen zu. Fehler entstehen nicht nur, wenn grundlegend qualitative Erscheinungen mit Zahlen verbunden werden oder quantitativen Phänomenen falsche Zahlen zugeordnet sind. Die Prognosen sind prinzipiell unscharf, da sie auf Korrelationen und Wahrscheinlichkeiten beruhen. Abgesehen von fehlerhaften Rohdaten oder deren Aufzeichnung können Fehler in den Prognosemodellen oder falsche Klassifikationen massive negative Auswirkungen sowohl auf Einzelne als auch auf gesellschaftliche Gruppen haben.

9. Rohdaten oder gekocht?

Der Begriff Rohdaten ist ein Widerspruch in sich selbst. Daten sind schon bei ihrer Erhebung einem Prozess unterworfen und Datensammlungen immer das Ergebnis von Bearbeitung. Konflikte beginnen schon bei der Frage, was und in welcher Weise sinnvollerweise auf Daten reduziert werden kann oder nicht. Jede Disziplin und jedes Fachinstitut entwickelt gemäß der jeweiligen Vorstellung eigene Normen und Standards der Datenerfassung und in unterschiedlichen Domänen der Untersuchung beeinflussen sich verschieden Arten von Daten gegenseitig. Ihre Interpretation ist zwangsläufig von subjektiven Filtern beeinflusst und von der Art und Weise, wie die Daten bereinigt und normalisiert werden. Domainspezifisches Fachwissen bleibt von großer Bedeutung im Umgang mit großen Datenmengen, denn wenn die methodischen Prozesse, die der Analyse dieser Daten zugrunde liegen nicht berücksichtigt werden, ergeben sich Verzerrungen. Auch wenn Computerlogik an Syllogismen perfekt angepasst ist, kann die Außenwelt nicht ganz so leicht auf eindeutige Aussagen reduziert werden, die sich dann problemlos kombinieren lassen.

Am besten funktioniert Big Data-Technologie bei der Analyse von sehr weit verbreiteten Erscheinungen, versagt aber umso kläglicher bei Dingen, die weniger verbreitet sind. So können zwar einerseits verlässliche Daten über Zusammenhänge im Sprachgebrauch gewonnen werden, weil sie im großen Umfang zugreifbar sind, aber gleichzeitig kann der Datenkörper niemals ausreichen, um der ständigen Veränderung von Sprache und ihren anhaltenden Erneuerungen zu entsprechen.

10. Scheinkorrelation und Mustererkennung

Je größer die Menge an Daten, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass sich Korrelationen zeigen. Zeitreihen, die sich ähneln, und doch wenig miteinander zu tun haben. Je mehr Variablen, umso mehr potenziell signifikante Verbindungen ergeben sich und Apophänie setzt ein. Der Begriff Apophänie wurde ursprünglich von dem Psychiater Klaus Conrad in Bezug auf Wahrnehmungsverzerrungen bei Psychosen geprägt. Es bezeichnet die Erfahrung, Muster und Beziehungen in zufälligen, bedeutungslosen Einzelheiten der Umwelt wahrzunehmen. Eine zwanghafte Rationalisierungslogik schlägt in ihr Gegenteil um. Die Webseite Spurious Correlations (http://tylervigen.com) sammelt Beispiele, um zu demonstrieren, wie unsinnig es sein kann, solche Korrelationen als kausale Zusammenhänge zu interpretieren. Etwa die beeindruckende Korrelation zwischen der Scheidungsrate in Maine und dem Pro-Kopf-Verbrauch von Margarine oder der Pro-Kopf-Verbrauch von Käse mit der Zahl von Menschen, die daran gestorben sind, dass sie sich in ihrem Bettlaken verheddert zu haben.

Big Data-Technologie eignet sich zur Erkennung von Korrelationen, vor allem bei Zusammenhängen die kleinere Datensätze gar nicht sichtbar machen könnten. Aber sie kann keine Aussage treffen, welche Zusammenhänge sinnvoll sind. "Lügen mit Zahlen" und der manipulative Einsatz statistischer Darstellungen hat eine lange Tradition, nun aber eröffnet sich ein Bereich, wo die unübersichtlichen Zahlenmengen eine Verifizierung immer weiter erschweren. Maschinelle Datenauswertung verlockt zu wissenschaftlich klingenden Lösungen für völlig ungenaue Fragestellungen. Aber die Magie der Nummern wird durch große Zahlen noch eindrucksvoller.

11. Technologien als Herrschaftswissen

Big Data-Technologien entwickeln einen Einfluss auf die Fragestellungen von Forschung und die sozialen Theorien, die damit verbunden sind. Nicht nur durch die Analysewerkzeuge selbst, sondern auch durch den asymmetrischen Zugang zu den großen Datensilos privater Firmen. Allein schon die Koordination solcher globaler Wissensströme schafft ein Ungleichgewicht zugunsten von Einzelinteressen durch ein neues, der Öffentlichkeit entzogenes Herrschaftswissen. Trotz dezentralisierter Überwachungsassemblagen produzieren digital beschleunigte Netzwerke immer stärkere Marktkonzentrationen zentralisierter Kontrolle. Daraus ergeben sich gefährliche Asymmetrien und eine Kluft zwischen öffentlichem Interesse und privaten Profitinteressen. Data-Mining und die neuen Technologien der Informationsmanipulation im Rahmen kostspieliger Software-Suiten bleiben weitgehend außerhalb der Möglichkeiten zivilgesellschaftlicher Organisationen, unabhängiger Forscher oder kritischer Initiativen. Das Herrschaftswissen einer Welt von Big Data bleibt in den Händen undurchsichtiger Akteure. Wissen wird dabei umdefiniert und setzt sich anders zusammen, sowohl die Bestandteile des Wissens als auch seine Auswertung und Konfiguration ändert sich. Wissen wird von unten nach oben umverteilt.

12 Maschinelle Bedeutungsproduktion

Menschliche Beziehungen verändern sich in mediatisierten Umgebungen, wo Entscheidungen von digitalen Befehlsketten getroffen werden. Statistische Auffälligkeiten und deviantes Verhalten werden von dafür programmierter "lernfähiger" Software identifiziert. "Intelligente" Überwachungs- und Kamerasysteme schlagen selbständig Alarm, wenn eine Person verdächtiges Verhalten zeigt. Die Bewertung von Relevanz wird zunehmend Maschinen übertragen. Das ist allein schon ein Grund, nicht auffallen zu wollen und sich möglichst normiert zu gebärden. Dieser zunehmende Entscheidungstransfer von Mensch zu Maschinenlogik ist eine Verarmung und jedes Anderssein wird zum Sicherheitsrisiko. Von Menschen geschaffene Automatisierungssysteme können einen offenen oder versteckten Einfluss ausüben. Es stellt sich aber auch die Frage inwieweit die inhärenten "Eigeninteressen" einer maschinellen Logik im Kompetenztransfer von Mensch zu Entscheidungsmaschinen zum Wirken kommen.

Durch eine mehr oder weniger freiwillige Partizipation in informationellen Netzwerken werden Menschen nicht nur in den eisernen Käfig der Maschinenlogik eingesperrt, sondern vielfach durch ihre Datendoppelgänger ersetzt. Ein Datenkörper, der durch die elektronischen Spuren des Individuums gebildet wird. Soziale Beziehungen basieren immer mehr auf Kategorisierung von sogenannten Tags und symbolischen Indikatoren des Datenkörpers – nicht auf menschlichem Austausch. Persönliche Strategien, um die steigende Anzahl solcher Interaktionen zu bewältigen, führen zur Entwicklung von Reaktionsroutinen und einer verinnerlichten Maschinenlogik des Umgangs mit anderen. Die Individualisierung des Risikomanagements in der ökonomischen Auswertung von persönlichen Lebensdaten als maschinelle Kennzahlen führt zu einer immer weitergehende Fragmentierung gesellschaftlicher Gruppen und steht im Gegensatz zu solidarischer sozialen Verbundenheit.

13. Unsichtbare Kontrolle

Kognitive Werkzeuge sind immer politisch und Klassifikationssysteme sind auch Träger einer Weltsicht. Technologien der Wahrnehmung maskiert als neutrale Codes sind nicht zuletzt Ausdruck politischer Philosophie. Informationsstrukturen in großen bürokratischen Organisationssystemen kodieren Intentionalität über das Individuum hinaus. In alltägliche Routine eingebettet, weben auch kleine Dienstprogramme kognitive Fäden in das Gewebe der Wirklichkeit, färben und formen auf subtile Weise die Wahrnehmung. Klassifizierung ist nicht nur Informationswerkzeug, sondern auch grundlegender Bestandteil der laufenden Konstruktion eines Arbeitskontexts und damit verbundener Prozesse und dynamischer Mechanismen. Klassifikationssysteme wiegen dabei schwerer als Fakten und schaffen Realitäten, die alles, was nicht in den Raster passt, ausschließen. Als unterstützende Strukturen des alltäglichen Lebens sind Klassifikationen sowohl konzeptionell als auch materiell und nicht nur eine Ressource für die Organisation von Abstraktionen, sondern eingeschrieben in die materielle Beschaffenheit physischer Objekte. Wenn technologische Systeme und kognitive Kategorisierungsmuster konvergieren, werden etablierte und weiträumig codierte Charakterisierungen schließlich als gegeben betrachtet. So wie in der neuronalen Adaption, dem Rückgang der Reaktion des sensorischen Systems auf einen konstanten Stimulus, werden Informationsstrukturen unsichtbar. Kategorien verwandeln sich in Gewohnheit und verschwinden unter gemeinsamen Annahmen. Je umfassender diese Formeln sind, umso schwerer sind sie zu erkennen. Eingewoben in Routinen des Alltags verblassen sie zu gespensterhafter Durchsichtigkeit.

14. Objektivierbare Rationalisierung

Es ist eine der großen Kränkungen der modernen Menschheit, erfahren zu müssen wie leicht berechenbar sie sein kann. Der Anstieg der statistischen Wissenschaft im 19. Jahrhundert wird von Darwins Cousin Francis Galton verkörpert, der auch den Begriff der Eugenik prägte. Unter Nervenzusammenbrüchen leidend und vom obsessiven Zwang besessen, ständig Messungen vorzunehmen zu müssen, entdeckte der viktorianischen Royal Society Fellow nicht nur mathematische Lösungen. Er war auch ein Pionier der forensischen Fingerabdrücke und der Biometrie zur Erfassung der dunkelhäutigen Untergebenen in den Britischen Kolonien.

Um in Märkten zu navigieren, werden statistische Kennzahlen verwendet und die operative Funktion der Märkte wurde zu einem bestimmenden Instrument der sozialen Kontrolle. Eine daraus genährte Obsession der Objektivierbarkeit verbindet sich mit einer Maschinenlogik von algorithmischen Prozessen, in der vor allem der irrationale Glaube an vermeintlich signifikante Zahlen zum Ausdruck kommt. Auch Soziologie und Geisteswissenschaften stehen unter dem Druck sich als quantitative Wissenschaft zu objektivieren, selbst wenn dies mit ihrem Anspruch in Widerspruch steht, nicht quantifizierbares Wissen im sozialen Bereich zu untersuchen.

15. Symbolischer Klassifizierungskampf

Eine sozialdarwinistisch enthemmte Ideologie westlicher Eliten postuliert Fortschritt vielfach als Resultat der Konkurrenz unter Individuen. Wirtschaftsideologien werden über wissenschaftliche Theorien und Technologien wieder auf die Gesellschaft zurückgespiegelt und verschaffen ihr damit ein scheinbar naturgesetzliches Fundament sowie den Anschein einer gleichsam natürlichen Wirtschaftsordnung. So wie die ökonomische Analyse des Manchester-Kapitalismus auf dem malthusianischen "Kampf ums Dasein" aufbaut, wird "natürliche" Auslese im Dienst politischer Ideologie zur universellen Entwicklungstheorie. Selektion und Konkurrenz als Grundlage gesellschaftlichen Fortschritts definiert. Allerdings wird in biologischen Systemen inzwischen weitgehend Kooperation als bestimmendes Prinzip erkannt. Nicht destruktiver Wettbewerb, sondern konstruktive Einschränkung von Konkurrenz ist charakteristisch für Evolution, und zwar auf allen Entwicklungsstufen. So sieht die Systemtheorie nicht Organismen als Individuen, die miteinander konkurrierend – wie auch immer – "ausgewählt" würden, sondern Populationen und Arten als systemische Einheiten. Nicht zuletzt, weil die theoretischen Grundlagen klassischer Marktwirtschaftsideologie deutlich unter Druck gerieten, wurde das Credo von "Markt und Wettbewerb" teilweise reformiert. Autonomie und Konsens wurden als neueste operative Herrschaftsstrategien instrumentalisiert und in das Arsenal der Macht aufgenommen.

16. Selbstbestimmte Kommunikation in offenen Systemen

Das Vorangegangene zeigt die Notwendigkeit einer kritischen Betrachtung der Wechselwirkungen von Technologie und Gesellschaft. Es zeigt nicht nur die Bedeutung einer interdisziplinären Technikfolgenabschätzung, sondern auch den Bedarf an breiter Förderung von Medienkompetenz und der Befähigung zur kritischen Dekonstruktion mediatisierter Wirklichkeiten. Dies erscheint am wirkungsvollsten durch die Stärkung unabhängiger zivilgesellschaftlicher Initiativen. Vor allem auch durch Rahmenbedingungen für offene Kooperationsformen und eine selbstbestimmte kulturelle Praxis außerhalb ökonomischer Zwänge. Nicht nur die Sichtbarkeit gesellschaftlicher Gruppen ist ein bestimmender Faktor von Urbanität. Freie Wahlen sind geheim und zu Recht wird davon ausgegangen dass Anonymität einen unverzichtbaren Schutz bietet. Abseits des "bösen Blicks" von Überwachungs- und Kontrollregimen müssen Räume als Orte soziale Praxis auch Unsichtbarkeit gewährleisten können.

Tags

sicherheit, lenkung, kontrolle, disziplin