Bildung - Politik

4/2014 - Steuerung, Kontrolle, Disziplin/Medienpädagogische Perspektiven auf Medien und/der Überwachung

ÖZIV-Medienpreis - Inklusion durch differenzierte Medienberichte fördern

Noch bis zum 31. Dezember können eigene Medienbeiträge eingereicht werden

AutorIn: Klaudia Mattern

Seit 2006 zeichnet der ÖZIV (Österreichischer Zivil-Invalidenverband) gemeinsam mit dem ÖJC (Österreichischer Journalistinnen und Journalisten Club) Medienbeiträge aus, die Menschen mit Behinderungen als aktive und selbstbestimmte Mitglieder unserer Gesellschaft zeigen. Klaudia Mattern berichtet ...

Schnellentschlossene können noch bis zum 31. Dezember 2014 eigene Beiträge einreichen. Nochschneller-Entschlossene sind eingeladen, die ruhigeren Tage zum Jahresausklang zu nutzen, um vielleicht noch den einen oder anderen Kurzbeitrag zu erstellen. Ich hab den ÖZIV-Medienpreis zum Anlass genommen, ein paar hilfreiche Hinweise zur Gestaltung inklusionsfördernder Medienbeiträge aus erster Hand zu bekommen. Die Tipps sollen aber nicht nur die Chancen auf eine Auszeichnung erhöhen, sondern generell den Blick schärfen, warum die allgemein übliche Darstellung von behinderten Menschen, einer inklusiven Gesellschaft - in der jeder Mensch gleichwertig seine vorhandenen Fähigkeiten einbringen kann – im Wege steht. Im Folgenden sind daher Mitmach-Details zum ÖZIV-Medienpreis – und was "Der Schuasch" damit zu tun hat – mit konkreten Einblicken und engagierten Ausblicken zum Weitermachen verknüpft.

1. Medien gestalten Bilder im Kopf

Andere Bilder abseits von Mitleid und Schicksalschlägen zeichnen

Das Bild, das in Medien von behinderten Menschen gezeichnet wird, beeinflusst stark die öffentliche Meinung, das öffentliche Verhalten und was Menschen mit Behinderungen an Eigenschaften und Fähigkeiten zugesprochen und überhaupt zugetraut wird.

"Die Idee hinter dem Medienpreis damals [im Jahr 2006, Anm. d. Red.] war, dass Journalistinnen und Journalisten dazu angeregt werden sollten, ein anderes Bild von behinderten Menschen in den Medien zu zeichnen", erklärt Doris Becker-Machreich, die als Kommunikationsleiterin beim ÖZIV für den Medienpreis zuständig ist. "Üblicher Weise geht es in Beiträgen über Menschen mit Behinderungen immer noch um einen Mitleid-Aspekt, um schreckliche Schicksale die dargestellt werden, oder darum, dass die betroffenen Menschen trotzdem ihr Leben meistern."

So bitte nicht (mehr)!

Für diesen Artikel habe ich auch eine kurze Umfrage unter Personen gemacht, die sich von dieser "üblichen" Berichterstattung betroffen fühlen. Die Antworten waren sehr eindeutig und zeigen ganz gut aus erster Hand, was konkret an den aktuellen, veröffentlichten Medienbildern über Menschen mit Behinderung verärgert:

  • "Mich ärgert, dass Behinderte allgemein als hilfsbedürftig hingestellt werden – und dass sie für alles so dankbar sind."
  • "... wenn nicht aus der selben Augenhöhe berichtet wird."
  • "Dass in den Medien immer noch der Begriff 'Besondere Bedürfnisse' verwendet wird."
  • "... dass das Thema immer negativ behaftet kommuniziert wird."
  • "Also das Wort 'Behinderung' stört mich meistens auch, weil es sind nur eingeschränkte Fähigkeiten, die viele Menschen haben. Und meine Erfahrung damit ist, dass man nur von außen behindert wird."
  • "Mich ärgert, wenn z.B. in Berichten über Rollstuhlfahrer 'an den Rollstuhl gefesselt' vorkommt – das ist so eins von den absoluten NO-GOs."
  • "Dass es oft heißt 'barrierefrei', aber für die Person selbst sind schon noch ganz große Barrieren vorhanden, die von außen nicht gesehen werden."
  • "Dass nicht in den Hauptsendezeiten über Menschen mit Behinderungen gesprochen wird und das grundsätzlich zu wenig ... berichtet wird."
  • "Mich ärgert, dass wir nach wie vor als Randgruppe gesehen werden."

2. Differenzierte Bilder zeichnen

Differenzierung durch Themenfokus und nichtdiskriminierende Wortwahl

"Es ist wichtig, dass die Medien ein differenziertes Bild von Menschen mit Behinderung zeichnen", betont Becker-Machreich ein wesentliches Ziel des ÖZIV-Medienpreises. Dieser wird deshalb auch ganz bewusst und speziell für Berichte über Menschen mit Behinderung im "eher unüblichen Kontext" von Arbeitswelt und Wirtschaft vergeben wird. Dadurch wird aufgezeigt, dass Menschen mit Behinderung – genau wie andere ohne Behinderung auch – berufstätig sind, "und ihr Leben nicht nur unter dem Aspekt ihrer Behinderung oder eines Schicksalsschlags gesehen werden soll."

"Zum differenzierten Bild gehört auch, dass es sehr viele Begriffe oder Phrasen gibt, die diskriminierend, beleidigend oder die für behinderte Menschen verletzend sind", erklärt Becker-Machreich. Das erkennen Journalistinnen und Journalisten – aber auch viele andere – oft gar nicht, weil sie sich mit dem Thema meist gar nicht so intensiv und aus verschiedenen Perspektiven auseinandersetzen. Mal ehrlich: Wer – ob mit oder ohne Behinderung – will schon öffentlich in den Medien mit seinen Einschränkungen und nicht mit seinen Fähigkeiten dargestellt werden?

Ein paar "Klassiker" - endgültig zum Ablegen

Verbreitete Begrifflichkeiten kurz geklärt und dann endlich für immer abzulegen.[1]

"Der Behinderte / Die Behinderte" - Es geht darum, dass man ein Mensch ist, der eine Behinderung hat – und dass man nicht auf dieses eine Kriterium, diese eine Eigenschaft reduziert wird. Es ist nicht der Behinderte, sondern der behinderte Journalist, der behinderte Sportler, der auch Vater etc. ist.

"Menschen mit besonderen Bedürfnissen" – Bei der Formulierung "Menschen mit Behinderung" ist das Wort "Behinderung" nicht das Problem. Das glauben aber viele und kommen dann mit Wörtern wie "besondere Bedürfnisse" daher. Das ist aber nichtssagend, weil doch jeder Mensch besondere Bedürfnisse hat.

"An den Rollstuhl gefesselt sein" – Wenn man mit einem Rollstuhlfahrer spricht, dann wird einem der sagen, das ist völlig falsch, denn der Rollstuhl ist keine Fessel sondern im Gegenteil, er ist das Mittel, das ihn mobil macht und ihm erst ermöglicht rauszukommen und an der Gesellschaft teilzunehmen.

Es geht auch anders – wie folgendes Statement klar macht

Eine Frau im Rollstuhl erklärt mir im Rahmen der Kurzumfrage, warum ihrer Meinung nach, noch immer so viele unsensible und diskriminierende Begriffe kursieren: "Erstens müsste das in der Gesellschaft viel mehr besprochen werden, was die Wortwahl für Auswirkungen hat. … Wobei ich schon sagen muss, ich bin fanatische Ö1-Hörerin und da fällt das schon auf, dass dort anders gesprochen wird als in 'normalen' Medien. Und dann lese ich Zeitschriften die von Menschen mit Beeinträchtigungen gemacht sind – und da kommt das auch nicht so vor, drum fällt mir Negatives sehr auf – vor allem in Fernsehbeiträgen fällt mir das schon oft auf."

Weitere Begriffe von Expertinnen und Experten in eigener Sache erklärt:
Download: "Buch der Begriffe" http://www.bizeps.or.at/shop/buch_der_begriffe.pdf

3. Ausgezeichnete Vorbilder

Der ÖZIV-Medienpreis geht 2014 bereits in die neunte Runde


Der Schuasch steht für ausgezeichnete Medienberichte über Menschen mit Behinderungen.

 

Rückblickend sind in den vergangenen 9 Jahren so einige ausgezeichnete Berichte über behinderte Menschen in Arbeitswelt und Wirtschaft zusammen gekommen. Diese vermitteln nicht nur ein differenzierteres Bild sondern können auch als Vorbilder für neue Beiträge dienen. Alle bisherigen Preisträgerinnen und Preisträger sind auf der ÖZIV-Webseite mit ihren prämierten Medienberichten aufgelistet.[1] Aufgrund rechtlicher Einschränkungen können dort jedoch leider nicht alle Beiträge direkt zum Nachgelesen bereitgestellt werden. Für erste Impulse zu eigenen Medienbildungsaktivitäten sind aber genügend Artikel, Links und Videos online verfügbar. Diese können gut als Einstieg in medienpädagogische Diskussionen und Analysen rund um "Mediale Bilder über Menschen mit Behinderungen" genutzt werden.[2] Besonders schön wäre es natürlich, diese Diskussionen nicht nur über sondern auch mit behinderten Menschen zu führen. Und wenn sich daraus ein weiteres differenzierteres Bild und ein neuer Medienbeitrag ergibt, dann … BITTE EINREICHEN!

4. Jetzt (noch schnell) einreichen!

Absolut alle medial Engagierten sind aufgerufen und eingeladen noch heuer beim ÖZIV-Medienpreis mitzumachen. Mensch muss dazu kein ausgebildeter Journalist bzw. keine Journalistin sein. Wesentlich ist, dass der Beitrag in diesem Jahr (also bis 31.12.2014) in einem österreichischen Print- oder Elektronischen Medium (dazu zählen natürlich auch Freie Redaktionen in allen Bürgermedien) erschienen ist. Inhaltlich sollte sich der Beitrag mit Behinderung im Kontext von Arbeitswelt und Wirtschaft beschäftigen – und idealerweise ein differenziertes, respektvolles Bild von Menschen mit Behinderung zeichnen.

"Am 32. Dezember ist es zu spät", motiviert Doris Becker-Machreich schnell-entschlossene EinreicherInnen mit einem Zwinkern und fügt hinzu: "Wir freuen uns wirklich sehr über alle gute Geschichten, die einen Beitrag dazu leisten, dass unser aller Blick auf die Gesellschaft etwas vielfältiger wird."

Pro TeilnehmerIn können bis zu 3 Beiträge bis 31.12.2014 eingereicht werden!
Weitere Details und erste Kriterien für die Bewertung sind auf der Webseite zum ÖZIV-Medienpreis zusammengestellt: http://www.oeziv.org/medienpreis

5. Inklusionsfördernde Kriterien für Medienbeiträge

Ein paar Hinweise, zur Steigerung der Chancen auf einen ÖZIV-Medienpreis

Die genaue Liste der Bewertungskriterien für auszeichnungswürdige Medienbeiträge ist online nachzulesen, doch eines vorweg: "Respekt statt Mitleid" lautet das Motto des ÖZIV-Medienpreises – und dieser Respekt ist der erste Knackpunkt, ob ein Beitrag überhaupt von der Jury in die engere Wahl für eine Auszeichnung kommt. "Wir bekommen auch viele gute Beiträge, die nur deshalb rausfallen, weil sie leider nicht aus dem Arbeitswelt/Wirtschaft-Kontext kommen", erzählt Doris Becker-Machreich, freut sich aber gleichzeitig darüber, "dass es offensichtlich bereits viele gute Beiträge gibt, die halt v.a. aus der Privatperspektive über Menschen mit Behinderung berichten."

Eine Jury aus namhaften Journalistinnen und Journalisten mit und ohne Behinderung entscheidet jedes Jahr unter dem Vorsitz des Österreichischen Journalistinnen und Journalisten Clubs (ÖJC) über die Preise und Auszeichnungen beim ÖZIV-Medienpreis. Die nächste Jurysitzung wird voraussichtlich im Februar 2015 stattfinden. Das wichtigste Entscheidungskriterium der JurorInnen dabei? "Also die journalistische Qualität ist schon wichtig. Es geht schon darum, dass der Beitrag gut recherchiert und gut zu lesen ist. Da hilft es nicht, wenn etwas nur gut gemeint ist ...", erläutert Becker-Machreich. "Und dann ist es wichtig, dass der Mensch, der da meist im Mittelpunkt des Berichts steht, in seiner Vielfältigkeit dargestellt ist und nicht auf seine Behinderung reduziert wird."

Der "Schuasch" steht für ausgezeichnete, journalistische Leistung

Für die GewinnerInnen des ÖZIV-Medienpreises gibt es bei der Preisverleihung (voraussichtlich im Mai 2015) neben der offiziellen Auszeichnung, die mit 1.000 Euro dotiert ist, auch die Statue "Schuasch" des Künstlers Rudi Pinter. Der "Schuasch" ist damit seit neun Jahren so einer Art "Oscar" für herausragende journalistische Leistungen zum Thema Menschen mit Behinderung im Arbeitsleben und in der Wirtschaft geworden.

"Der Schuasch ist wirklich sehr schöne und herzeigbare Statue – es gibt andere Preise, die nicht so ansehnlich sind", freut sich Doris Becker-Machreich über das Kunstwerk, dass Rudi Pinter speziell für den ÖZIV entworfen hat.[3]

Neue Chance auf den "Schuasch" 2015 – und dazu noch ein paar Tipps aus erster Hand

Wer es heuer doch nicht mehr schafft, einen kurzen Medienbeitrag über Menschen mit Behinderung in der Arbeitswelt zum ÖZIV-Medienpreis 2014 einzureichen oder noch schnell zu gestalten, muss nicht traurig sein! Der "Schuasch" wartet auch 2015 wieder auf differenzierte, Inklusions-fördernde Beiträge in österreichischen Medien.

Wie also am besten an einen neuen, respektvollen Beitrag herangehen, der ein differenziertes Bild von Menschen mit Behinderung zeichnet? Ich hab dazu direkt jene Menschen um Rat gefragt, die von den Berichten betroffen sind!

Hier erste (ausgewählte) Tipps aus erster Hand:[4]

  • „Nicht über die Menschen schreiben sondern mit ihnen zu sprechen – über die tatsächlichen Bedürfnisse und die Möglichkeiten ..."
  • „Wesentlich ist der Blickwinkel und die Einstellung, wie man an ein Thema herangeht. Das Bild 'auf Augenhöhe' passt da sehr gut."
  • "Behinderte Menschen sollen selbst sagen können, was sie brauchen ... weil jeder andere Bedürfnisse hat – auch mit der gleichen Behinderung."
  • "Behinderung ist normal … auch wenn wir in einer Gesellschaft leben, wo reich, jung und schön noch sehr dominant ist ..."
  • "Indem sie vielleicht selber mal einen Tag mit behinderten Menschen verbringen … damit sie sehen, wie so ein Alltag wirklich abläuft."
  • "Mein Tipp wäre, einfach selbst mal so Situationen auszuprobieren – weil man einfach eine bessere Wahrnehmung bekommt. Sich vielleicht einfach mal die Ohren zuhalten, sich in einen Rollstuhl setzen oder die Augen verbinden und das testen, wie das wirklich ist, wenn man draußen auf der Straße steht."
  • Natürlich gilt wie immer: "Nichts über uns – ohne uns!"
  • "... und dann auch mal eine Rollstuhlfahrerin zeigen, ohne dass es um das Thema Behinderung geht."

[1] Diese Klassiker der diskriminierenden Wortwahl über Menschen mit Behinderung wurden mit Erläuterungen aus dem Interview mit Doris Becker-Machreich (Österr. Zivil-Invalidenverband, ÖZIV) zusammengefasst. Weitere Begriffsklärungen sind am besten in persönlichen Gesprächen mit Betroffenen aber auch im "Buch der Begriffe" (Link zum Buch in diesem Artikel bei "Es geht auch anders") zu finden.

[2] An dieser Stelle möchte ich auf die (aktuelle) Ausgabe 4/2014 des Verbandsmagazins "ÖZIV-Info", Nr. 212 hinweisen. Darin wird einerseits ausführlicher auf das Problem mit den diskriminierenden Begriffen eingegangen, andererseits – hinsichtlich der "Medialen Bilder" – ist darin auch ein Interview mit Bildbeispielen und Reaktionen zum Thema "Behinderte Cartoon, die zum Nachdenken und Lachen bringen sollen" zu finden. http://www.oeziv.org/medien/14120909023327.pdf (letzter Zugriff: 17.12.2014)

[3] Wer es ganz genau wissen will, warum Rudi Pinter die Preisstatue "Schuasch" genannt hat, ist hiermit herzlich eingeladen, mit der eigenen Medienkompetenz dieser Frage nachzugehen. Und wenn sich aus dem Interesse und der engagierten Recherche ein differenzierteres Bild über einen Menschen mit Behinderung in der Arbeitswelt ergibt, das sich auch als Medienbeitrag eignet, dann … BITTE BEITRAG GESTALTEN UND EINREICHEN!

[4] Ich bedanke mich bei allen GesprächspartnerInnen für die vielen Tipps und Hinweise aus erster Hand, wie "bessere" Medienbeiträge über Menschen mit Behinderungen oder Beeinträchtigungen entstehen können. Damit jeder Tipp die Chance hat, interessierten und Inklusions-engagierten MedienmacherInnen aufzufallen, ihren Blick zu weiten und neue Zugänge sichtbar zu machen, wurden alle Statements als "Impulse um auf Augenhöhe zu berichten" zusammengefasst und unter einer Creative Commons Lizenz zur Weiterverwendung und Verbreitung freigegeben! http://www.medienbildung.info/alle/impulse-um-auf-augenhoehe-zu-berichten.pdf (letzter Zugriff: 17.12.2014)

Tags

inklusionspolitik, integrationspolitik, medienpreis, journalismus, respekt, behinderung