Neue Medien

4/2014 - Steuerung, Kontrolle, Disziplin/Medienpädagogische Perspektiven auf Medien und/der Überwachung

Rezension: Freie Bildungsmedien und Digitale Archive: Medien – Wissen – Bildung

von Petra Missomelius, Wolfgang Sützl. Theo Hug, Petra Grell, Rudolf Kammerl (Hg.)

AutorIn: Christian Berger

Christian Berger hat für uns den soeben von unseren Innsbrucker medienpädagogischen KollegInnen herausgegebenen Band 'Freie Bildungsmedien und Digitale Archive: Medien – Wissen – Bildung' gelesen und rezensiert hiermit für die LeserInnen der MEDIENIMPULSE ...

Verlag: innsbruck university press
Erscheinungsdatum: 2014
Erscheinungsort: Innsbruck
ISBN: 978-3639382419
Deutsch, 282 Seiten


Cover: Freie Bildungsmedien und Digitale Archive: Medien – Wissen – Bildung,
hrsg. von Petra Missomelius, Wolfgang Sützl. Theo Hug, Petra Grell, Rudolf Kammerl,
Quelle: Amazon

Der interdisziplinär ausgerichtete Sammelband bringt Einblicke, Ausblicke und Positionen in Bezug auf die aktuell wichtige Diskussion rund um Open Educational Ressources (OER) und Open Education (OE) allgemein. Der Diskurs um die Bedeutung von Archiven und eine Bewusstseinsbildung dahingehend, dass in einer "digitalisierten" Gesellschaft laufend alles "archiviert" wird, steht eigentlich gerade erst am Anfang. Umso erfreulicher ist der interdisziplinäre Zugang und die damit verbundenen differenzierten Sichtweisen auf das, was Archive sind, leisten können und sollen und im Speziellen deren Bedeutung im pädagogischen Kontext. Die drei Hauptkapitel 1. Theorie der Archive, 2. Digitale Bildungsmedien, und 3. Open Educational Ressources beinhalten Beiträge mit einer dem Thema entsprechenden Differenziertheit. Erfreulich ist, dass hier nicht esoterische Angstvorstellungen oder technologieverliebte Fortschrittsgläubigkeit aufeinander treffen, sondern aus unterschiedlichen Blickwinkeln Vor- und Nachteile der immer rascher voranschreitenden Archivierung von Informationen reflektiert werden.

Waren früher fast ausschließlich Bibliotheken und Facharchive mit langjährig entwickelten Metadatenstrukturen und Thesauri im Blickfeld der Wissenschaft bzw. des pädagogischen Alltags, so tummeln sich nun jede Menge Archive in der digitalen Welt, die auf solche Strukturen verzichten oder diesem Umstand schlichtweg keine Bedeutung zuschreiben. Im Zeitalter der "Einfeldsuche" via Google scheinen Metadaten und Thesauri entbehrlich. Umso wichtiger ist der Blick hinter die Kulissen und die Frage nach den Hintergründen von iTunes, Youtube und Co. Gibt es jemanden außer den VerfasserInnen der Nutzungsbedingungen, der/die diese Texte jemals gelesen hat, ehe das berühmte "Hakerl" der Zustimmung gesetzt wurde? Herbert Hrachovec beschreibt in seinem Beitrag die ITuning Universitäten. Welch Unterschied zu dem von Susanne Blumesberger vorgestelltem Langzeitarchivierungssystem der Universität Wien namens "Phaidra". Michel Balceris, Sandra Aßmann und Bodo Herzig zeigen in der Folge auf, wie beispielsweise mit Wikipedia Informationskompetenz gefördert werden kann.

Open Educational Ressources (OER) basieren auf dem Teilen von Informationen. "Was meint 'Teilen' in pädagogischen Zusammenhängen und speziell in der OER Diskussion?", fragt Theo Hug und geht davon ausgehend auch der Frage nach, ob OE nun endlich die "Bildung für alle" bringt. Petra Missomelius’ Frage "Wovon und wofür sind Lernende, Lernmaterialien und Lernszenarien frei?" führt mich direkt auch zu Überlegungen inwiefern Massive Open Online Courses (MOOCs) nicht auch eine zu den Kürzungen im Bildungssystem passende Entwicklung sind. "Freistellung" im Berufswesen führt auch zu mehr "Freizeit" und jedenfalls zum "Outsourcen" gesellschaftlicher Personalkosten. Wird der institutionelle Bildungsauftrag hier ebenso abgeschoben wie die Förderung von Kulturinitiativen in das moderne Mäzenatentum des "Crowd Founding"?

Der vorliegende Band informiert, regt an und provoziert zum Nachdenken. Erst mal eingelesen in die Welt der digitalen Archive werde ich weiter hineingetrieben in die Tiefen der einzelnen Aspekte und freue mich auch darüber auf alte Bekannte wie die Zusammenhänge von Libre Software and Free Culture zu treffen und gleichzeitig Neues wie das OpenLab ESEV kennenzulernen.

Geben Sie doch Einiges an Zeit für das Lesen der Beiträge her, aber Achtung: Das Lesen könnte Ihre Sichtweise auf populäre Trends verändern oder bestärken!

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