Editorial

3/2014 - Medienproduktion im Alltag von Kindern und Jugendlichen

Editorial 3/2014: Medienproduktion im Alltag der Kinder und Jugendlichen

AutorInnen: Alessandro Barberi / Christian Berger / Katharina Mildner (Sontag)

Editorial 3/2014

Die Medienproduktion, Medienkonsumtion und Mediendistribution wird durch die digitale Entwicklung zunehmend vereinfacht. Kinder und Jugendliche nutzen die mediale Artikulation im Alltag. Fotos, Videos, Audioproduktionen oder auch Texte werden im Unterricht und in der Freizeit erstellt und via Internet verbreitet. Die (Neuen) Medien stellen mithin eminente Produktionsbedingungen der schulischen Praxis von Lehrenden und Lernenden dar. Daher verbinden sich mit dem Thema der Medienproduktion eine Reihe von Fragen, welche die medienpädagogische Reflexion herausfordern. Deshalb widmet sich die Ausgabe 3/2014 der MEDIENIMPULSE mit dem Titel "Medienproduktionen im Unterricht" insbesondere folgenden Fragen:

  • Welche Formen der medialen Produktion werden im schulischen, welche im außerschulischen Bereich genutzt?
  • Werden die mediale Produktion und Publikation seitens der ProduzentInnen (medienpädagogisch) reflektiert?
  • Welchen Ansprüchen sollen die Produktions- und Distributionskanäle entsprechen?
  • Welche Faktoren/Rahmenbedingungen beeinflussen die aktive Medienproduktion in Schule und Freizeit? und
  • Welchen Einfluss hat das "Urheberrecht" auf die schulische und außerschulische Medienproduktion?

Den Einstieg in die Thematik der "Medienproduktion im Alltag der Kinder und Jugendlichen" liefert dabei Katharina Grubesic, die von der Erstellung einer Klassenzeitung im Unterricht einer reformpädagogischen Mehrstufenklasse berichtet und so einen analytischen Einblick in ihre konkrete Unterrichtspraxis gibt. Der Beitrag berichtet u. a. von der Planung, dem Layout und den Lerneffekten im Umfeld einer Zeitungsproduktion, die auf die Initiative eines interessierten Schülers hin gemeinsam mit einer Schulklasse gestaltet wurde. Das Projekt wurde in einer reformpädagogischen Mehrstufenklasse im 14. Wiener Gemeindebezirk umgesetzt. Dabei waren auch demokratiepolitische Aspekte von großer Bedeutung, da die SchülerInnen im Sinne der Partizipation immer an den nächsten Schritten des Projekts beteiligt waren. So wurde ein Redaktionsteam vom Chefredakteur abwärts bestimmt und das Erstellen der Zeitung konnte z. B. mit Verwendung von PowerPoint gestartet werden. Medienpädagogisch wichtig war dabei, dass die SchülerInnen die wichtigsten Textgattungen einer Zeitung kennenlernten: Vom Sportteil über das Horoskop bis hin zu den eigentlichen Artikeln. Insgesamt zeigt der Bericht zur praktischen Arbeit mit dem Medium Zeitung, wie breit gefächert Medienproduktion sich im Unterricht gestalten kann.

Philippa Plochberger berichtet dann als passionierte Medientrainerin bei Radio FRO in Linz von ihren Projekten mit Kindern und Jugendlichen. Dabei ist sie ständig auf der Suche nach neuen Trainings- und Vermittlungsmethoden für die sichere Verbreitung des Radiovirus. Radio FRO (Freier Rundfunk Oberösterreich) hat im ersten Halbjahr 2014 eine Vielzahl von Workshops mit SchülerInnen gestaltet, wobei die Autorin davon berichtet, was die konkrete Medienproduktion im Umgang mit dem Radio den beteiligten Jugendlichen bringt. Für die Autorin steht dabei vor allem das Problemfeld der Medienkompetenzvermittlung im Fokus ihrer Ausführungen. Dabei betont Plochberger, dass gerade Radioproduktionen die üblichen Abläufe des Unterrichts unterbrechen können und auch müssen, da sie etwa mit klassischen 50-Minuten-Einheiten und von einander unabhängigen Unterrichtsgegenständen stark kollidieren. Dabei ist hervorzuheben, dass gerade kollektive Radioproduktionen nicht nur die Medienkompetenz, sondern auch und gerade die Sozialkompetenz der Jugendlichen befördert: Wertschätzung und Respekt sind unabdingbare Voraussetzungen für das Gelingen einer solchen "radioaktiven" Medienproduktion. Solche Projekte sind dabei immer auch Medien der Selbstermächtigung, Orte des Lernens und Spielwiesen für Experimente von Lehrenden und Lernenden, die sich dabei auch in Partizipation und Meinungsfreiheit üben können, so Plochberger.

Ganz in diesem Sinne nimmt sich dann Manfred Gilbert Martin in seinem Beitrag das Medium des Blogs vor, das er im Geschichtsunterricht zu nutzen begonnen hatte. Dabei war es Gilbert vor allem darum zu tun, im Projekt I-Museion Arbeitsanweisungen und Zwischenergebnisse ansehnlich und klar geordnet für jedermann/frau parat zu haben. So wurde denn ein faktenbasiertes historisches Wissensnetz für die TeilnehmerInnen zur Orientierung in der Geschichte angelegt. Dabei ging das Blog-Projekt davon aus, dass Geschichte sich nur über Orte und Menschen konstituiert. Die SchülerInnen erarbeiteten sich so anhand von (historisch wichtigen) Orten und unter Verwendung von Büchern, Zeitschriften und Lexika ein Wissen, dass dann vor Ort (etwa im Schloss Thurn oder im Winterpalais Prinz Eugen) in der Interaktion mit WissensträgerInnen (etwa ZeitzeugInnen) konkretisiert werden konnte. (Historische) Objekte wie Hallstattschmuck, Münzfunde oder Topfhelme wurden so auf ihre historischen Hintergründe überprüft. All diese Vorarbeiten wurden im Rahmen des Blogs multimedial dokumentiert und so auch archiviert. In Kooperation mit dem freien Lokalradio B138 wurden darüber hinaus Audiotracks, gleichsam Minihörspiele erstellt, die in den Blog eingebaut werden konnten. Neben der Umsetzung des Blogs, leistete dieser auch gute medienpädagogische Dienste beim Erleben unterschiedlichster Zugänge und Erschließungswege in Museen und an (historischen) Objekten.

Der Beitrag von Daniel Rode und Martin Stern stellt in ähnlicher Art und Weise ein universitäres Lehrveranstaltungsformat vor, in dessen Rahmen angehende Lehrkräfte digitale Videopodcasts erstellen können und skizziert dabei bildungstheoretische und mediendidaktische Anknüpfungspunkte. Dabei handeln die Autoren vor allem vom Sportstudium und berichten von einem innovativen Lehrprojekt am Institut für Sportwissenschaft der Johannes Gutenberg Universität Mainz, in dem Studierende sich sehr praktisch mit dem Erstellen von Videopodcasts beschäftigten. Dabei markiert gerade das Format der Podcasts einen Bereich, in dem die Unterschiede von User und Producer verschwimmen, weshalb auch in diesem Bereich oft von Prosumers die Rede ist. Damit stellt sich die Frage nach dem Einsatz digitaler Medien im Sportunterricht. Rode und Stern berichten eingehend von einer diesbezüglichen Lehrveranstaltung, in der aus sportpädagogischer, -soziologischer und -psychologischer Absicht die Nutzung von Videopodcasts im Sportunterricht thematisiert und umgesetzt wurde. Dabei stellte sich am Ende des Projekts unter anderem heraus, dass es den selbstständigen Umgang ohne Hemmungen und Vorbehalte beförderte, so dass die TeilnehmerInnen neuartige Kompetenzerfahrungen machen konnten, die sie auch dazu motivierte, neue Medien wie Videopodcasts als ernstzunehmende Unterrichtsmittel zu erkennen.

Der Beitrag von Katharina Sontag setzt dann mit Bernd Schorbs Erkenntnis ein, dass es angesichts der mediatisierten Wissens- und Informationsgesellschaft nicht mehr nur um die Rezeption von medialen Inhalten geht, sondern auch um deren aktive Nutzung, weshalb schon aus diesem Grund die Option für eine handlungsorientierte Medienpädagogik nahe liegt. Dabei geht es neben der partizipatorischen Einbeziehung der SchülerInnen auch und vor allem um ihr selbständiges und verantwortliches Handeln. Im Sinne Dieter Baackes werden dabei die Lebenswelten der Lernenden nachdrücklich als Medienwelten begriffen. Dabei stellt Sontag im allgemeinen Rahmen der handlungsorientierten Medienpädagogik zehn exemplarische Werke bzw. Beiträge vor, die für die diesbezüglichen Diskussionen grundlegend sind. Dabei geht es ihr vor allem darum, Inspirationen für die konkrete pädagogische Praxis in der Schule zu liefern und die Notwendigkeit der aktiven Einbeziehung und Nutzung medialer Angebote in didaktischen Settings zu unterstreichen. So wird die Nutzung des Handys im Unterricht, die aktive Radioarbeit in einer Hörfunkwerkstatt, die Selbst- und Fremddarstellung in den Social Networks genauso thematisiert wie die Problembereiche Cyber-Mobbing bzw. Cyber-Bulling. Sontag sondiert dabei auch das Thema lernprozessförderlicher Potenziale der Medien und stellt ein Handbuch zum Erstellen von Trickfilmen vor. Damit liefert ihr Beitrag auch eine sehr gute Grundlage zur weiteren Arbeit im Bereich der pädagogischen Medienproduktion.

Wolf Hilzensauer und Alex Naringbauer verlängern dann in ihrem Beitrag Sontags Plädoyer für eine handlungsorientierte Medienpädagogik im Bildungsbereich, indem sie von der SO!-Campusredaktion berichten, die vor allem darin besteht, die Verantwortung im medienpädagogischen Rahmen den Lernenden selbst zu übertragen. Dabei soll die Reflexion des Lernprozesses dokumentiert werden. In diesem Sinne wird auch das BYOD-Konzept (bring your own device) thematisiert und empfohlen. Innovative Möglichkeiten zur Sichtbarmachung von Lernprozessen werden dabei ebenso vor Augen geführt wie alternative Leistungsbeurteilungen. Auch der schwierig zu erfassende Wissens- und Kompetenzaufbau von Lernenden im Rahmen von Lernprozessen wird von den AutorInnen anhand des Problemfeldes der Medienproduktion eingehend diskutiert. Das Konzept "Medien als Lernform" steht dabei im Mittelpunkt der Analyse, da es die Reflexion von Lernprozessen seitens der Lernenden umfasst, und so zur ganzheitlichen Durchdringung eines gegebenen Themas beitragen kann. Die Folge einer solchen Voraussetzung ist ein Modell "expansiven Lernens" bei dem die spezifische Handlungsproblematik im Lernen in eine Lernproblematik verwandelt werden soll und muss. Dabei übertragen die AutorInnen das aus dem Journalismus bekannte Konzept der Trimedialen Redaktion (in dem Text-, Audio- und Videoinhalte verwendet werden) auf den pädagogischen Lernprozess. Auch verweisen sie auf die Medienproduktion in Community-Medien, die eine Vielzahl von kreativen Möglichkeiten des "expansiven Lernens" eröffnen.

In der Folge kümmert sich Martin Rankl um die Medienkompetenzvermittlung im Fachgegenstand Musikerziehung. Die Österreichische Schule versucht, Medienbildung als Unterrichtsprinzip umzusetzen. Damit sollen medienbildende Inhalte in allen Fachgegenständen eingesetzt werden. In diesem Artikel wird der Frage nachgegangen, inwieweit der Fachgegenstand Musikerziehung dieses Unterrichtsprinzip abdecken kann. Dabei setzt der Autor beim ministeriellen Grundsatzerlass zur Medienerziehung an und definiert im Blick auf den Musikunterricht mit Dieter Baacke die Medienkompetenz über Medienkritik, Medienkunde, Mediennutzung und Mediengestaltung. In der Folge erläutert er die Möglichkeit eines solchen Verständnisses von Medienkompetenz anhand der konkreten Unterrichtspraxis im Musikunterricht und präsentiert Entscheidungshilfen bei der Auswahl von Open Source-Software für den Musikunterricht.

Auch im Ressort Forschung wird das Schwerpunktthema angereichert, wenn Kerstin Drossel und Birgit Eickelmann "Digitale Medien in der Schule" diskutieren. Denn der Umgang mit digitalen Medien gilt mit steigender Relevanz als zentrale Schlüsselkompetenz für Heranwachsende im 21. Jahrhundert. Studien haben allerdings Unterschiede hinsichtlich der Verfügbarkeit digitaler Medien zugunsten ökonomisch privilegierter Familien von Kindern und Jugendlichen identifiziert. Inwieweit sich dieser Zusammenhang vor dem Hintergrund der ökonomischen SchülerInnenkomposition von Schulen und u. a. in deren technologischer Ausstattung zeigt, ist Gegenstand des Beitrags. Mit einem auf den Primarbereich gerichteten Fokus, werden die Schuldaten von IGLU (Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung)/PIRLS (Progress in International Reading Literacy Study) 2011 herangezogen, um so mit einer repräsentativen Stichprobe deskriptiv den Zusammenhang der schulischen Ausstattung mit der ökonomischen Lage der SchülerInnenschaft zu erörtern. Dazu werden die Analyseergebnisse von Österreich und Deutschland miteinander verglichen und im internationalen Vergleich diskutiert, wobei ein Hauptaugenmerk auf Teilnehmerstaaten der EU gelegt wird.

In der Folge beschäftigt sich ein AutorInnenkollektiv – bestehend aus Henrike Friedrichs, Friederike von Gross, Katharina Herde und Uwe Sander – ausgehend vom Konzept des „medialen Habitus“ im Rahmen einer qualitativen Studie mit dem Zusammenspiel verschiedener Habitusformen im Kontext elterlicher Computerspielerziehung. Dabei geht es vor allem um die Computerspielnutzung aus Elternsicht, die im Rahmen eines Projekts an der Universität Bielefeld untersucht wurde. Die AutorInnen arbeiten heraus, wie wichtig Medienkompetenz im Hinblick auf Computerspiele bei der Medienerziehung durch die Eltern ist. So wird auch eingehend erläutert, was unter dem medialen, erzieherischen und medienerzieherischen Habitus verstanden wird und wie diese Ausschnitte des Habitus zueinander in Verbindung stehen. Die Tendenz, dass jüngere Eltern mehr Spielerfahrung besitzen als ältere konnte im Rahmen der Untersuchung mehrfach empirisch bestätigt werden. Insgesamt existiert ein Bewusstsein davon, dass NutzerInnen am PC mehr Aktivität zeigen können als etwa beim Fernsehen, das hinsichtlich der Mediennutzung auch negativer eingeschätzt wird als der Computer. Im Schnitt sehen die Eltern dabei eine Gefahr darin, dass ihre Kinder die Virtualität des Computerspiels nicht von der Realität unterscheiden können. Im Rahmen ihrer Conclusio betonen die AutorInnen, dass dem medialen Habitus der Eltern in Bezug auf den medienerzieherischen Habitus eine Schlüsselrolle zukommt, da der mediale Habitus als begrenzendes Element wirkt: In Abhängigkeit davon, welche medialen Kenntnisse und Erfahrungen als auch welche Vorstellungen und Beurteilungen mit dem Medium Computerspiel verknüpft werden, wird die medienerzieherische Praxis puncto Computerspiel ausgestaltet.

Dem sehr praktischen Schwerpunktthema gemäß finden sich darüber hinaus auch im Ressort Praxis zwei Beiträge, die in einem weiteren Sinne Medienproduktionen im Unterricht behandeln. So berichtet Udo Somma von der interessanten Praktik des Sunprinting: Mit lichtempfindlichem "Solar-Fotopapier" können nämlich mithilfe von Sonnenlicht Fotogramme erstellt werden. Gegenstände wie Pflanzenteile, Knöpfe, Papierfaltschnitte, aber auch Fotonegative werden auf das Papier gelegt und etwa mit einer Glasplatte fixiert. Setzt man das so geschützte Papier der Sonne aus, entstehen wunderbare Fotogramme. Udo Somma fasst mit einigen anregenden Links zu Materialbedarf und Bezugsquellen auch zusammen, was für die praktische Umsetzung des Sunprinting nötig und nützlich ist.

Last but not least kümmert sich Hannes Heller im Ressort Praxis um Medienbildung am Rande der Legalität und diskutiert eingehend die Auswirkungen des Urheberrechts und dessen Verwertung auf medienpädagogische Projekte in Bildungseinrichtungen. So ist schon die öffentliche Vorführung bestimmter von SchülerInnen verwendeter Medieninhalte oft problematisch, da sie sich beim Erstellen ihrer Videos oder MP3s im Vorfeld nicht eigens um die Rechte kümmern und dies im Rahmen der Veröffentlichung zu Problemen führen kann. Der medienpädagogische Spielraum von Lernenden und Lehrenden wird durch solche Rahmenbedingungen immens eingeschränkt, weil alles getan werden muss, um Projekte rechtlich abzusichern. Heller plädiert daher für rechtliche Freiräume im Rahmen von schulischen, nicht-kommerziellen Projekten, um die Kreativität der medienpädagogischen Arbeit nicht schon im Keim zu ersticken.

Im Ressort Bildung/Politik nehmen sich dann Katharina Kaiser-Müller und Christian Swertz eines sehr brisanten politischen Themas an: Den mit Sokrates Bund wurde in Österreich mit dem Beginn des Schuljahres 2014/2015 ein neues Schulnotenverwaltungssystem eingeführt, das die legistische Frage aufwirft, inwiefern SchülerInnendaten zentral gespeichert werden bzw. gespeichert werden dürfen. Nach einer Anfrage von Abgeordneten der Neos wird nun diskutiert, welche Daten der SchülerInnen genau gespeichert, ob Familienstand und Religionsbekenntnis der Eltern erfasst werden, ob das Gewicht der SchülerInnen dokumentiert werden soll, auf welchen Servern diese Daten für wen einsehbar sind und auf welcher gesetzlichen Grundlage die zentrale SchülerInnendatenspeicherung basiert. Dies wirft mit der Zentralisierung der Daten natürlich auch die Frage nach Möglichkeit und Legalität kybernetischer Kontrolle und Überwachung auf.

Auch das Ressort Kunst/Kultur kann ihnen einen kleinen Juwel präsentieren: denn Sabeth Buchmann diskutiert auf breiter Ebene die bedenkliche Schließung der Generali Foundation. Angesichts der Übernahme der Generali Foundation seitens des Museums der Moderne in Salzburg veranstaltete die Universität für angewandte Kunst Wien am 12. März 2014 eine Podiumsdiskussion. Bei dieser Diskussion trug die Kunsthistorikerin und Kritikerin Sabeth Buchmann ein längeres Statement vor, das die MEDIENIMPULSE in diesem Beitrag zur Gänze schriftlich publizieren. Buchman erläutert dabei anhand von Heimo Zobernigs Kunstwerk Ohne Titel aus dem Jahr 1994, welche Programmatik die Generali Foundation von Beginn an verfolgte: es ging immer um die ästhetische Darstellung, Verarbeitung und kritische Analyse der Funktionsmechanismen von Kunst und Institutionen innerhalb der zunehmend von kapitalistischen Verwertungsinteressen beherrschten Gesellschaftsordnung. Die Generali Foundation war so ein paradigmatischer Austragungsort der Spannungen und Konflikte zwischen Privatwirtschaft und Zvilgesellschaft, die von vielen KünstlerInnen auf komplexe Weise reflektiert wurden. Und so bedauert die gesamte Redaktion der MEDIENIMPULSE die Schließung dieses eminent wichtigen kulturellen Raumes in Wien.

Aber auch unser Ressort Neue Medien hat einiges zu bieten. Unser Ressortleiter Thomas Ballhausen hat sich erneut darum verdient gemacht, für die LeserInnen der MEDIENIMPULSE den aktuellen Buchmarkt zu sondieren und präsentiert mit sieben herausragenden RezensentInnen aktuelle Publikationen, die in keinem medianpädagogischen Handapparat fehlen dürfen:

So liegt eine Publikation vor, die direkt in den Geschichtsunterricht einfließen kann: Denn der deutsche Islamwissenschafter Heinz Halm entführt seine LeserInnen in das bunte Mosaik eines pluralistischen Orients im 11. Jahrhundert. In seinem von Paul Winkler rezensierten Band "Kalifen und Assassinen" präsentiert er zahlreiche Quellen, die bislang in Europa noch nicht zugänglich waren und führt dabei in die politisch-religiöse Umwelt des vorderen Orients am Vorabend der Kreuzzüge ein. Dabei führt er auf der Grundlage zahlreicher persischer, arabischer und lateinischer Originaldokumente in eine faszinierend lebendige und bunte orientalische Welt ein, die er den LeserInnen gekonnt zugänglich macht. Dabei entwirrt der Autor das politisch-religiöse Mosaik des vorderen Orients und analysiert unterschiedliche Machtdimensionen dieser Epoche jenseits eingefahrener Eurozentrismen.

Haben wir am Ende von unserer Leistungsgesellschaft genug? Dieser Frage geht der Sozialwissenschafter Lars Distelhorst mit seinem Buch "Leistung. Das Endstadium der Ideologie" nach, indem er die unterschiedlichen Leistungsdiskurse polemisch vor Augen führt. Fabian Faltin hat rezensiert. Dabei ist die Tyrannei der Leistungsgesellschaft nach Distelhorst vor allem seit dem Ende des Kalten Krieges ausgebrochen. Insofern leben wir in einer stärker ausgeprägten Leistungsgesellschaft als die Minenarbeiter des vorletzten Jahrhunderts. Doch was ist angesichts von prekären Lebensumständen, Depressionen und Burn-Outs nun wirklich eine Leistung? Wovon hängt ihre Bemessung ab? Wer ist denn nun wirklich ein "Leistungsträger"? Fragen die immer schwieriger zu beantworten sind, da mit den Bemessungen des "Humankapitals" unterschiedliche Arbeiten immer äquivalenter erscheinen.

Gertrud Lehnert geht in ihrem Buch "Mode. Theorie, Geschichte und Ästhetik einer kulturellen Praxis" dann der Frage nach, worin Mode eigentlich genau besteht und wie sie sich in unserer Gesellschaft konstituiert. Hanna Möller hat das Buch für uns rezensiert. Dabei geht es vor allem um Kleidermoden, wobei erst das Zusammenspiel von Kleid und Körper ein spezifisches Modeobjekt ergibt. Lehnert betont dabei, dass Mode als soziales Zeichensystem fungiert und so zum Indikator für Status, Zugehörigkeit oder Geschlecht wird. So wird Mode im Sinne von Clifford Geertz' "dichter Beschreibung" als ein Modesystem begriffen, das von einer Vielzahl von AkteurInnen getragen wird: TrendforscherInnen, Modefirmen, ModemacherInnen, Modezeitschriften, Blogs, EinkäuferInnen, VerkäuferInnen …

Um Performance und Geschichte(n) geht es dann bei Nina Tecklenburg, die zu narrativen Aufführungspraktiken um die Jahrtausendwende geforscht hat. In ihrer jüngsten Publikation stellt sie neben die klassischen Formen von Literatur, Epik und Dramatik vor allem das (Geschichten-)Erzählen als kulturelle und performative Praxis. In ihrer Rezension betont Denise Helene Sumi, dass Tecklenburg eine bemerkenswerte Theorie der "Erzählperformance" entwickelt hat, die sich stark an Michel de Certeaus "Kunst des Handelns" orientiert. Dabei geht es auch um die Aktualität der Performance, die erst in einem zweiten Schritt (nach)erzählt werden kann. Denn Tecklenbrug betont die spezifische Interferenz zwischen der Flüchtigkeit der Aufführung und der Logik der Erzählung.

Um einem der größten österreichischen Autoren zum 60. Geburtstag zu gratulieren, hat die Redaktion der MEDIENIMPULSE darüber hinaus Johanna Lenhart um eine Rezension gebeten. Ransmayr baut seiner Bücher immer ausgehend von Gesprächen auf. Und Insa Wilke hat deshalb einen Materialienband zu Ransmayrs Œuvre herausgegeben. Dabei reakapituliert Lenhart die Vielzahl der Beiträge und betont, dass die Autorin Insa Wilke in diesem fein gearbeiteten Band Berichte über verschiedenste Leseerfahrungen vor verschiedensten Voraussetzungen und Hintergründen bündelt und so Leselandschaften erzeugt – ganz im Sinne des Jubilars: "Man muß das Material einer Geschichte lesen lernen wie die verschiedenen Schichten und tektonischen Verläufe einer Landschaft."

Paul Winkler rezensiert für die LeserInnen der MEDIENIMPULSE auch noch das letzte Buch von Corina Bastian, das sich mit Frauen in der höfischen Diplomatie des frühen 18. Jahrhunderts auseinandersetzt. "Verhandeln in Briefen" analysiert die elf Jahre andauernde Korrespondenz von Françoise d’Aubigné, Madame de Maintenon (*1635, †1719) und Marie-Anne de la Trémoille (*1642, †1722), bekannt als Princesse des Ursins. Anhand ihres Briefwechsels werden dabei Rückschlüsse auf die Funktionsweise frühneuzeitlicher Diplomatie und der in ihr geltenden Normen und geschlechtsspezifischen Rollenvorstellung gezogen, wodurch es immer auch um eine Kulturgeschichte der Außenbeziehungen der Höfe von Paris und Madrid geht. Dabei wird mit Niklas Luhmann durchaus medientheoretisch zwischen der Mitteilung und der Information unterschieden, wobei die Korrespondenz als "Ort der Verhandlung" begriffen wird.

Diese Ausgabe der MEDIENIMPULSE schließt dann Christian Berger ab, der Ingrid Brodnigs Buch "Der unsichtbare Mensch" rezensiert, welches das Problemfeld von Anonymitätsbewahrung versus Klarnamenidentifizierung im Internet auslotet und dabei eingehend die Pros und Contras referiert. Dabei gelingt es Brodnig auch LeserInnen ohne programmiertechnische Voraussetzungen die relevanten Zusammenhänge verständlich zu machen. Nach einer Geschichte der Anonymität von Platon bis Foucault geht es dabei vor allem um Fragen der (staatlichen) Überwachung. Aber auch die Analyse der Psychologie des Netzverhaltens kommt nicht zu kurz.

Darüber hinaus hat unsere mehr als verdiente Redaktionsassistentin Katharina Kaiser-Müller für die LeserInnen der MEDIENIMPULSE fünf Veranstaltungsankündigungen zusammengestellt, die alle für die Medienpädagogik von Relevanz sind. Blättern bzw. klicken Sie durch!

Insgesamt kann die Redaktion nur hoffen, dass auch für Sie Einiges in dieser Ausgabe dabei ist, und würde sich freuen, wenn die Beiträge sich auch in Ihrer eigenen pädagogischen Praxis niederschlagen. Verantwortlich für diese Ausgabe sind auf jeden Fall

Alessandro Barberi, Christian Berger und Katharina Sontag

die Sie abschließend herzlich grüßen wollen …

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