Neue Medien

3/2014 - Medienproduktion im Alltag von Kindern und Jugendlichen

Verhandeln in Briefen. Frauen in der höfischen Diplomatie des frühen 18. Jahrhunderts

von Corina Bastian

AutorIn: Paul Winkler

Paul Winkler rezensiert die jüngste Publikation von Corina Bastian "Verhandeln in Briefen. Frauen in der höfischen Diplomatie des frühen 18. Jahrhunderts", welche medientheoretisch die frühneuzeitliche Korrespondenz zwischen den Höfen von Paris und Madrid rekonstruiert...

Abstract

Corina Bastian wertet innerhalb ihrer äußerst anregenden Mikrostudie erstmals systematisch den Briefwechsel zwischen Madame de Maintenon, der morganatischen Ehefrau Ludwigs XIV., und der Ersten Kammerdame des spanischen Königspaares, Princesse des Ursins, inmitten des Spanischen Erbfolgekrieges aus. Der präzise Blick auf ein konkretes Beispiel einer höfischen Form der Diplomatie, das keine geschlechterbezogene Ausnahmeerscheinung darstellt, sondern in Synergie mit bürokratischen Kanälen stattfand, erlaubt der Autorin generelle Aussagen zur frühneuzeitlichen Diplomatie.


Verlag: Böhlau
Erscheinungsort: Köln
Erscheinungsjahr: 2013
ISBN: 978-3-412-21042-7


Cover: Bastian, Corina: Verhandeln in Briefen
Quelle: Amazon

Im vierten von bisher fünf Bänden der Reihe EXTERNA – Geschichte der Außenbeziehungen in neuen Perspektiven, herausgegeben von André Krischer, Barbara Stollberg-Rilinger, Hillard von Thiessen und Christian Windler, widmet sich Corina Bastian der elf Jahre andauernden Korrespondenz zwischen Françoise d’Aubigné, Madame de Maintenon (* 1635, † 1719) und Marie-Anne de la Trémoille (* 1642, † 1722), bekannt als Princesse des Ursins. Dauer und Regelmäßigkeit ließen den Austausch der morganatischen Ehefrau Ludwigs XIV. und der Camarera mayor – der Ersten Kammerdame – von Philipp V. und Maria Luisa von Savoyen, zu einer diplomatischen Konstante in den Beziehungen der Höfe Versailles und Madrid werden.

In ihrer exakt gegliederten Arbeit legt Corina Bastian einführend Ausgangspunkt und Forschungslage ihrer Untersuchungen, sowie Vorgehensweise und Methodik kurz und prägnant dar. Um die Korrespondenznetzwerke von Frauen in der frühneuzeitlichen politischen Kultur zu positionieren, werden im Kapitel eins die Rahmenbedingungen der Handlungsspielräume der weiblichen Akteure erläutert. ‚Die Korrespondenz‘ wird im zweiten Teil inhaltlich analysiert bevor sich Teil drei der politischen Funktion der Briefe widmet, die am Beispiel zentraler Verhandlungsmomente erläutert wird. Eine ‚Schlussbetrachtung‘ überführt die Ergebnisse in allgemeinere Aussagen.

Die Untersuchungen gehen der Frage nach, welche politische Funktion der Austausch der beiden Frauen einnahm. Dabei ergeben sich für Bastian drei zu berücksichtigende Themenkomplexe: Erstens die politische Kultur der Höfe und die Gestaltung ihrer Außenbeziehungen; Zweitens die Rollen der AkteurInnen und die Relevanz ihres Genders; Drittens das politische Potenzial von Korrespondenzen. Grundannahme ist, dass eine Integration adeliger Frauen in die Außenbeziehungen frühneuzeitlicher Höfe stattfand. Fokussiert wird dabei das "Wie" ihres Wirkens. So sollen Rückschlüsse auf die Funktionsweise frühneuzeitlicher Diplomatie und der in ihr geltenden Normen und geschlechterspezifischen Rollenvorstellungen gezogen werden, womit sich das Werk als Beitrag zur Kulturgeschichte der Außenbeziehungen versteht, das gleichsam Impulse aus der Geschlechtergeschichte und der Politikgeschichte aufnimmt. Dahingehend bettet die Autorin ihr Werk in eine Kulturgeschichte des Politischen ein und klärt wie eine Korrespondenz zwischen zwei Frauen eine politische Funktion innerhalb diplomatischer Außenverflechtung haben konnte. Die Arbeit wird ebenfalls innerhalb einer Diplomatiegeschichte verortet, wobei die Kategorie Gender nur als eine relevante Kategorie dargestellt wird. Anschließend werden Briefe – verstanden als politisches Instrument – als historische Quelle besprochen. Die Basisquellen, sowie der Blick auf parallele Korrespondenzen und verbundene Quellengattungen liefern einen vielschichtigen Blick auf Norm- und Wertevorstellungen diverser Akteure. Methodisch beleuchtet Bastian die Briefe, auf inhärente Topoi, auf ihre Semantik und Rhetorik, sowie auf ihre Anlehnung an zeitgenössische Diskurse.

Der Entstehungszusammenhang der Briefe wird an Rolle, Position, Vernetzung und Einfluss der Damen an den Höfen verdeutlicht. Die Einflussnahme über Nähe zum Thron ließ dort auch Raum und Zeremoniell große Wichtigkeit zukommen und private und politische Sphäre in den Zuständigkeitsbereichen der Akteurinnen verschmelzen. Nachdem die LeserInnen auf die Umstände der Erzeugung, das Publikum solcher Schreiben, die Kanäle über die versandt werden konnte und etwaige Codierungen aufgeklärt wurde,  werden die Korrespondenznetzwerke der Frauen dargelegt. Eine Unterteilung in die Kommunikation am Hof, die Netzwerke in Paris und Madrid, die landesweiten Korrespondenzen, die "Feldpost", sowie einen interhöfischer Austausch ist dabei sehr hilfreich. Bastian verortet ein "virtuelles Netzwerk", das bei Bedarf aktiviert werden konnte, wobei der Brief stets Mitteilung und Form des persönlichen Umgangs in Einem war. Verwiesen wird diesbezüglich auf die Rolle der Kategorie Geschlecht, die im zweiten Teil vertiefend fokussiert wird. Aufgrund ihrer Nähe zum Thron erkennt die Autorin in den Positionen der Akteurinnen Scharnierstellen mit weit mehr als bloßer Vermittlerfunktion. Die politischen Rahmenbedingungen und die Beziehung der beiden Höfe werden am Ende des ersten Kapitels dargelegt und die Damen darin exakt verortet. Schließlich wird Kontext, Anlass und Funktion des Briefwechsels erläutert, der parallel und in Abstimmung mit der Botschafterkorrespondenz eingerichtet wurde.

Bastian geht im zweiten Teil auf den Inhalt der Korrespondenz ein. Angelehnt an Niklas Luhmann trennt sie dabei sehr geschickt Information, also was mitgeteilt wird, und Mitteilung, also wie mitgeteilt wird. Punkt für Punkt geht die Autorin auf Kernthematiken des Briefwechsels ein. Es wird deutlich, wie Beziehungen ausgehandelt, Nachteile der schriftlichen Kommunikation, oder eine vermeintliche "weibliche Ohnmacht" strategisch eingesetzt werden konnten und wie sich die Damen in der Gesellschaft verorteten, darin interagierten und ihr Netzwerk pflegten. "Legitimation" wurde in den Beschreibungen sozialer Ereignisse, oder politischer Abläufe vor allem des spanischen Hofes gesucht. Es wird aufgezeigt wie Zuständigkeiten definiert und Zuschreibungen getroffen werden, wobei wieder ausführlich auf beide Damen eingegangen wird und den Ausführungen anschließend Fremdzuschreibungen gegenübergestellt werden. Im Allgemeinen bestanden die Nachrichten aus den Themenbereichen des Hofs oder aus den affaires. Immer mitverhandelt wurde dabei das Machtverhältnis zwischen den Akteurinnen. Selbstbilder wurden je nach Bedarf konstruiert, wobei Dreh- und Angelpunkt die Nähe zum Thron blieb. Explizit wird an dieser Stelle über performative und funktionale Aspekte der Korrespondenz nach der Rolle der Kategorie Geschlecht gefragt und die Ergebnisse in einen (mikro-)historischen, soziokulturellen und diskursgeschichtlichen Kontext eingebettet.

Im dritten Kapitel spricht die Autorin über die Funktion der Korrespondenz als "Ort der Verhandlung" innerhalb der französisch-spanischen Beziehungen. Dabei vereint der zentrale Begriff négociation das "Verhandeln" festgesetzter Topoi und das "Aushandeln" von Beziehungen. Verhandlungsmomente konkreter politischer oder militärischer Natur werden herausgehoben und in ein Verhältnis mit parallel geführten Briefwechseln gesetzt. Bastian akzentuiert drei "Highlights" der Verhandlungen: Erstens die Unterstützung der spanischen Krone durch französische Truppen von 1705 bis 1709, wobei die Damen stellvertretend für ihre Herrscher verhandelten; Zweitens die Problematik um eine Trennung der Interessen beider Höfe, welche sich im Abzug des französischen Botschafters und der Frage nach der Doppelloyalität und dem Verbleib der Princesse des Ursins im Jahr 1709 zeigt; Drittens die Verhandlung um den Verzicht Philips V. auf die französische Thronfolge von 1711 bis 1714. Eng damit verbunden, eine Zerstörung Barcelonas und der Herrschaftsanspruch der Princesse, wobei die Unterstützung Ludwigs XIV. stets als wichtigster Aspekt der Beziehung herausgehoben wird.

Abschließend weist Bastian noch einmal auf den exklusiven Informations- und Machtzugang der Akteurinnen hin und bezeichnet die Briefe als Instrumente der Information, der Selbstinszenierung und der Netzwerkpflege, wobei die Kategorie Geschlecht hinsichtlich Form und Inhalt der Schreiben nebensächlich war. Der Briefwechsel ergänzte die höfische Kommunikation um eine Ebene, die ordentliche Kanäle – canaux ordinaires – nicht abdecken konnten. Die Position der Camarera mayor, mit ihrem direkten Zugang zum Thron konkurrierte somit zwangsweise mit dem Amt eines Botschafters. Deshalb vergleicht die Autorin anschließend die Aktionsfelder dieser Akteure anhand ihrer Kernaufgaben Informieren (informer), Repräsentieren (représenter) und Verhandeln (négocier). Schließlich schafft es Bastian ihre Ergebnisse in sehr klare und allgemeine Aussagen zu überführen. Dabei spricht sie die Selbstdarstellung der beiden Frauen über die Nähe zum Herrscher an und eine – wenn es die Verhandlungssituation erforderte – Inszenierung der Bedeutungslosigkeit über die Kategorie Geschlecht oder den Verweis auf ordentliche Kanäle. Bastian zeichnet ein sehr wirkungsvolles Bild adliger Frauen, die innerhalb einer höfischen Kultur zwar von Ämtern weitgehend ausgeschlossen waren, aber innerhalb eines Systems, in dem informelle – also nicht amtliche – Wege funktionaler Bestandteil waren, eine generelle Integration in die Außenbeziehungen erfuhren. Dieses Bild gleicht die Autorin mit der "Diplomatie vom type ancien" nach Hillard von Thiessen ab, wonach sich Diplomaten in der höfischen Gesellschaft vor allem über standesspezifische Qualifikationen und höfischen Verhaltensstil auszeichneten. Andere Beispiele adliger Frauen an ähnlichen Positionen tragen zu einer weiteren Verallgemeinerung der Ergebnisse bei.

"Verhandeln in Briefen" von Corina Bastian ordnet sich zu Recht in eine Reihe von Geschichten der Außenbeziehungen in neuen Perspektiven ein. Der sehr spezielle Blickwinkel auf die Diplomatie des angehenden 18. Jahrhunderts ermöglicht eine Einordnung weiblicher Verhandlungsakteure und deren Integration in ein – über bürokratische Ämter – vorrangig männlich besetztes System, dessen nicht amtliche Wege auf Grund der Verschmelzung von privater und politischer Sphäre essentieller und funktionaler Bestandteil waren. Eine ganze Quellengattung – bisher vernachlässigt – muss folgerichtig in direkten Fokus politischer Betrachtungen gerückt werden. Der Autorin gelingt es sehr geschickt die diplomatischen Verwicklungen über die beiden Akteurinnen zu beleuchten, parallele Korrespondenzen und Berichte politischer Handlungsträger miteinzubeziehen, sowie Zusammenhänge nachvollziehbar darzustellen, ohne dabei in die Hergänge des Spanischen Erbfolgekrieges per se abzudriften. Durch die ausgiebige Arbeit der Autorin in diversen europäischen Archiven und Bibliotheken und die daraus resultierende, nicht nur äußerst breite, sondern auch sehr exakte und in die tiefe gehende Quellensondierung, stellt sich das Werk als äußerst fundiertes Stück Quellenarbeit dar. So wird eine mikroskopisch genaue Aufnahme der Diplomatie der Außenbeziehungen während des Spanischen Erbfolgekrieges geliefert, wodurch gleichzeitig allgemeine Aussagen formuliert werden können, die einen Perspektivenwechsel auf die frühneuzeitliche Diplomatie anstoßen. Eine sehr gut gelungene Arbeit, welche nicht nur die einschlägige Literatur zum Spanischen Erbfolgekrieg meisterlich ergänzen, sondern insgesamt als ein sehr wertvoller Beitrag zu einer Kulturgeschichte der Außenbeziehungen anzusehen sein wird.

Tags

höfe, diplomatie, geschichte, frühe neuzeit, frauengeschichte