Neue Medien

3/2014 - Medienproduktion im Alltag von Kindern und Jugendlichen

Bericht am Feuer. Gespräche, E-Mails und Telefonate zum Werk von Christoph Ransmayr

von Insa Wilke (Hg.)

AutorIn: Johanna Lenhart

Christoph Ransmayr baut seine Bücher immer ausgehend von Gesprächen auf. Anlässlich seines 60. Geburtstags hat Insa Wilke einen Materialienband herausgegeben, den Johanna Lenhart für die MEDIENIMPULSE rezensiert hat …

Verlag: S. Fischer
Erscheinungsort: Frankfurt a. M.
Erscheinungsjahr: 2014
ISBN 978-3-10-062953-1-1


Cover: Wilke, Insa: Bericht am Feuer
Quelle: Amazon

Christoph Ransmayr ein Buch zum sechzigsten Geburtstag zu schenken war der Anlass für Insa Wilke, Literaturkritikerin und Publizistin, um im Auftrag des S.Fischer Verlags diesen "Materialienband" zusammenzustellen. In Gesprächen, E-Mail-Konversationen und Unterhaltungen am Telefon zum Werk Ransmayrs sowohl mit dem Autor selbst wie auch mit Übersetzern und WissenschaftlerInnen soll, so das Vorhaben Wilkes, der Raum, in dem Literatur entsteht, als eine "Wunderkammer der Wirklichkeit" zugänglich gemacht werden.

Das Gespräch ist, wie Ransmayr in dem an den Anfang gestellten, ausführlichen Dialog mit Wilke nicht müde wird zu betonen, auch die Arbeitsgrundlage für sein eigenes Erzählen. Dabei verhält es sich mit diesen Gesprächen, die er auf seinen Reisen mit den verschiedensten Menschen führt, wie mit "Flüsse[n], die erst im Unterlauf Treibgut anschwemmen, aus dem wieder etwas gebaut werden kann." Rund um Material, das zu etwas Neuem geformt werden kann, dreht sich auch die Unterhaltung: Ransmayrs Arbeitsprozess, seine "Materialseen" und "Faktenbergwerke", seine Reisen, Geräusch- und Fotonotizen, seine Bezüge zur Astronomie und dem All als "Rätselschauspiel", seine Vorliebe für optische Geräte und immer wieder das Erzählen Anderer, das sich in seinen Händen in eine eigenständige, neue Geschichte verwandelt. Dieses sich verwandelnde Erzählen ist ein Thema, das Ransmayr kontinuierlich beschäftigt, etwa in "Die Verbeugung des Riesen", Ransmayrs Essay-Band zum Erzählen: "Wenn einer zu erzählen beginnt, muß er […] länger, viel länger als er jemals antworten, sprechen und erzählen wird, […] wohl stillhalten und schweigen und den Menschen bloß zuhören und ihre Lebensläufe, ihre Wohnungen, ihre Wege, Felder und Schlachtfelder, Vorgärten und Müllhalden bloß betrachten, bis er sich endlich erheben und so etwas Ähnliches wie Es war… Es war einmal sagen kann."

Im Sinne dieses Beobachtens, das etwas Eigenes entstehen lässt, soll sowohl das Werk Ransmayrs als auch der "Materialienband" Lesenden als Material und Ausgangspunkt für die Erzeugung eigener Vorstellungswelten dienen. Dementsprechend ist der zweite Teil des Bandes dem Übersetzen als produktivem Lesen gewidmet. Das Paradox von Distanz und Nähe, das Ringen mit der "kulturellen Fracht" von Sprache und Inhalt gleichermaßen, ist für Übersetzer wie für Ransmayr selbst prägend, und lässt die Übersetzungsarbeit als eine Entschlüsselung von Lektüren erscheinen.

Die Gespräche und E-Mail-Unterhaltungen mit John E. Woods, Claudio Groff und Jean-Pierre Lefebvre, jeweils Übersetzer ins Englische, Italienische und Französische, drehen sich so um eben jene kulturelle Übertragbarkeit, um den übersetzerischen Kampf darum, dem Werk gerecht zu werden – es sind weniger "Lebensberichte", wie die Kapitelüberschrift diese Begegnungen nennt, als Leseberichte einer jahrelangen Auseinandersetzung mit Ransmayrs Schreiben.

In einem dritten Teil beschäftigen sich nun die Literaturwissenschaftler Christine Abbt und Thomas Wild, eingebettet in ein Gespräch mit Wilke, in zwei Essays mit Ransmayrs Roman "Morbus Kitahara". Auch diese Essays gehen von der eigenen Leseerfahrung aus, wobei sowohl Abbt wie auch Wild den Fokus auf die Bereiche Vergessen und Erinnerung sowie Krieg und Gewalt legen, sich aber wohltuenderweise nicht auf die Aufarbeitungsdiskurse des Nationalsozialismus beschränken. So erkennt Wild etwa im 1995 erschienen "Morbus Kitahara" nicht nur den Widerhall der Schrecken des Zweiten Weltkriegs, sondern auch das "Echo der Kriegsrhetorik" der Jugoslawienkriege der 90er Jahre, sieht im Dorf Moor das belagerte Sarajevo und in dessen Dolinen und kargen Hügeln die Landschaft von Kroatien und Bosnien-Herzegowina.

Begleitet wird diese Sammlung von Gesprächen von Fotografien von Ransmayr, von optischen Notizen seiner Reisen, und von am Rand eingeschobenen Zitaten aus seinem Werk, die kommentierend und hinweisend funktionieren und mitunter auch für den einen oder anderen komischen Effekt gut sind – so wird etwa eine kurze Erregung Ransmayrs über die österreichischen Finanzskandale der letzten Jahre begleitet von einem Ausruf des Hundekönigs Ambras, einem der Protagonisten von "Morbus Kitahara": "Das war nur ein Scherz, Idiot. Die Sache mit der Ehre war immer nur ein Scherz."

So unterschiedlich die hier versammelten Perspektiven auf das Werk Ransmayrs auch sind, das Dialogische bleibt als Konstante – wohl auch als Hommage an Ransmayrs Arbeitsweise – erhalten. Die freie Form der Gespräche lässt Platz für Widersprüchlichkeiten, Überraschungen und Andeutungen, die mitunter den Spielraum der Interpretation sehr produktiv erweitern können. Insa Wilke bündelt in diesem fein gearbeiteten Band Berichte über verschiedenste Leseerfahrungen vor verschiedensten Voraussetzungen und Hintergründen und erzeugt so Leselandschaften – ganz im Sinne des Jubilars: "Man muß das Material einer Geschichte lesen lernen wie die verschiedenen Schichten und tektonischen Verläufe einer Landschaft."

Tags

literatur, materialien, ransmayr