Neue Medien

3/2014 - Medienproduktion im Alltag von Kindern und Jugendlichen

Mode. Theorie, Geschichte und Ästhetik einer kulturellen Praxis.

von Gertrud Lehnert

AutorIn: Hanna Möller

Mode ereignet sich zwischen Alltagsleben, Konsumkultur und Kunst. Doch was ist Mode und wie konstituiert sie sich in unserer Gesellschaft? Gertrud Lehnert diskutiert diese Frage in ihrem Buch "Mode. Theorie, Geschichte und Ästhetik einer kulturellen Praxis".

Verlag: transcript
Erscheinungsort: Bielefeld
Erscheinungsjahr: 2013
ISBN: 978-3-8376-2195-2

Cover: Lehnert, Gertrud: Mode
Quelle: Amazon

Getrud Lehnert beschäftigt sich in ihrem Buch in erster Linie mit Kleidermoden. Sie diskutiert einerseits Kleider als Artefakte in einer materiellen Kultur, andererseits die diskursiven Praktiken rund um die Bekleidung. Kleider in ihrer Materialität oder die "vestimentären Objekte", wie Roland Barthes sie nennt, avancieren erst in einem Zusammenspiel von Kleid und Körper zum Modeobjekt. Es geht also um die Inszenierung von Gewand durch den Körper im Raum.

In Anlehnung an Watzlawiks These "Man kann nicht nicht kommunizieren" leitet Lehnert ein Diktum für die Mode ab: Mode kann nie nicht bedeuten. Mode fungiert als soziales Zeichensystem und wird zum Indikator für Status, Zugehörigkeit oder Geschlecht. Diese Funktion lässt sich bereits im späten 17. Jahrhundert ausmachen. In der okzidentalen Geschichtsschreibung beginnt das Phänomen Mode mit der gesellschaftlichen Moderne. Bedingt durch die einsetzende Industrialisierung, Verbürgerlichung und den globalen Handel entstehen neue Produktions- und Distributionsformen, die eine Selbstinszenierung durch Kleidung ermöglichen. In der bürgerlichen Mode lässt sich zum einen eine Imitation der aristokratischen Gewänder, zum anderen ein bewusster Bruch mit der adeligen Kleiderordnung beobachten. Mode wird spätestens im 18. Jahrhundert zum Bestandteil der Alltagspraxis und zum Konsumfaktor in einer kapitalistischen Gesellschaft.

Doch wie etablieren sich Moden? Welche Strategien werden wirksam, wenn Designerentwürfe vom Defilé und Kleidermoden einer Subkultur am Ende gleichermaßen an den Kleiderstangen der großen Warenhäuser landen? Lehnert beschreibt diese Zusammenhänge als komplexes "Modesystem" und argumentiert dabei weniger systemtheoretisch, sondern mehr in der Tradition der dichten Beschreibung à la Clifford Geertz. Es seien demzufolge eine Vielzahl an AkteurInnen daran beteiligt, Modetrends zu generieren: TrendforscherInnen, Modefirmen, ModemacherInnen, Modezeitschriften, Blogs, Einkäufer, Verkäufer. Es steht außer Frage, dass sich die Trendgenierung im Zeitalter der digitalen Medien stark verändert hat. Durch soziale Netzwerke können UserInnen weltweit Bilder von Kleidermoden teilen, mit Tags versehen und entsprechend verbreiten. Mode war schon immer, aber ist gerade in unserer mediatisierten Gesellschaft ein globales Phänomen, das keinerlei zeitlichen und regionalen Beschränkungen mehr unterliegt.

Seit jeher dienen Moden dazu, Selbst- und Gruppenidentitäten nach außen hin zu präsentieren. Im Sinne vom self-fashioning haben Menschen das Bedürfnis, sich von anderen abzugrenzen und drücken ihre Andersartigkeit durch vestimentäre Objekte aus. Gleichzeitig werden Kleider als verbindendes Merkmal von Gruppen und kodieren so eine Zugehörigkeit. Lehnert thematisiert an dieser Stelle ein immer wiederkehrendes Paradox der Modepraxis: es herrscht ein Drang zur Individualisierung durch Nachahmung. Die Nachahmung und geringe Modifikationen des Nachgeahmten werden zum wesentlichen Antrieb von Mode. Mode wird nur das, was viele Menschen tragen, doch wenn es zu viele tragen, geht die Illusion der Individualität verloren und Mode funktioniert nicht mehr. In anderen Worten: Das Individuum folgt der Mode, um seine Einzigartigkeit zu demonstrieren und folgt dabei einer allgemeinen Tendenz. Es macht, was die anderen machen, um anders zu sein. In diesem Sinn wird Innovation, Traditionsbruch und Avantgardismus als Merkmal der Mode diskutiert. Für den Philosophen Boris Groys ist die Distanzierung vom Vergangenen kein innovatives Charakteristikum von Fashion, sondern ein sich wiederholender Mechanismus moderner Kulturen. Spätestens seit dem postmodernen Paradigmenwechsel ist das Konzept von neuartiger Mode umstritten und es wird nach einem anderen Merkmal für Mode gesucht. Laut Lehnert gehe es heutzutage um ein kluge und phantasievolle Variation aus Alt und Neu, eine gezielte Kombination von Tradition und Innovation, die das Potenzial für neue Trends schüfe.

Lehnert konstatiert, dass Mode Lebensbereiche und Verhaltensweisen reguliere und Bedeutung generiere. Ihrer Meinung nach bringe Mode sogar eigenständige Modekörper hervor und etabliere neue Ideale. Das Korsett ist das wohl prominenteste Beispiel für dieses Phänomen. Das steife, eng am Körper anliegende Kleidungsstück formte den Torso der Frauen und konstruierte so ein neues Ideal von Weiblichkeit. Fraulichkeit wurde im Laufe der Geschichte mit einer zierlichen Büste und Wespentaille in Szene gesetzt, Männlichkeit hingegen mit breiten Schultern und strengem Tuch. Lehnert sieht in dieser historischen Wechselwirkung von Kleid und Körper die Ausprägung von Geschlecht und den damit verbundenen Machtverhältnissen verankert. Ab den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts verschwimmen die Grenzen der Geschlechter und Unisex wird modern. Im aktuellen Trend der Metrosexualität sieht Lehnert ein neuartiges Dekonstruktionspotenzial, welches die Dichotomie von Mann und Frau gänzlich in Frage stelle: "Sie (die Mode, Anm.) moduliert Identitäten und damit auch Geschlechtsidentitäten und gibt dabei (ungeachtet der Normativität, die gesellschaftlich den Geschlechtsidentitäten anhaftet) auch die Freiheit, die traditionellen Grenzen von Zweigeschlechtlichkeit zu überschreiten und viele Versionen und Nuancen zu erforschen."

Lehnert selbst beschreibt ihr Buch als Kaleidoskop, das unterschiedliche Aspekte der schillernden, sich in ständiger Veränderung immer neu formierenden Modewelt in den Blick brächte. Tatsächlich gelingt es ihr, grundsätzliche Positionen und Konzepte zu erläutern und in eine kulturelle Praxis einzubetten. Das Buch beschreibt Lehnerts Perspektive auf das Phänomen Mode auf eine sehr verständliche und eingängige Art. Sie betrachtet Zusammenhänge zwischen Trendgenerierung, Modesystem, Konsumkultur und Geschlechteridentitäten ohne dabei ihre kritische Haltung zu verlieren. Sie verfolgt einen multidisziplinären Ansatz und ordnet Moden in einen gesamtkulturellen Kontext ein, sodass es sich um ein gutes Einführungswerk für die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Mode handelt. Ihr Ansatz fokussiert sich jedoch lediglich auf das europäisch-moderne Konzept von Mode und lässt nicht-okzidentale Sichtweisen außer Acht. Das Buch nimmt sich nicht vor, das Phänomen Mode in seiner Globalität zu erläutern, repetiert und tradiert mit seiner Herangehensweise jedoch den noch immer dominierenden Eurozentrismus in der Modetheorie. Lehnerts Kaleidoskop eröffnet den modeinteressierten LeserInnen wie versprochen schillernde Elemente der Mode, nimmt aber etwas zu starr die nördliche Halbkugel in den Fokus.

Tags

mode, modesystem, körper, kleider