Neue Medien

3/2014 - Medienproduktion im Alltag von Kindern und Jugendlichen

Leistung. Das Endstadium der Ideologie

von Lars Distelhorst

AutorIn: Fabian Faltin

Der deutsche Sozialwissenschaftler Lars Distelhorst rechnet in seinem neuen Buch polemisch mit den Diskursen der Leistungsgesellschaft ab und kritisiert den Leistungswahn. Er vermag daraus jedoch keine konstruktive Gesellschaftskritik zu entwickeln. Fabian Faltin hat rezensiert ...

Verlag: transcript
Erscheinungsort: Bielefeld
Erscheinungsjahr: 2014
ISBN: 978-3837625974


Cover: Distelhorst, Lars: Leistung
Quelle: Amazon

Das Gefühl, sehr viel tun zu müssen, und dafür aber trotzdem nicht genug zu bekommen – wer kennt es nicht? Und so schuftet die Menschheit seit Jahrtausenden unermüdlich weiter, um Essen, Geld, und Anerkennung. Geht es nach Lars Distelhorst, steckt heutzutage aber ein fundamental neuer Antrieb dahinter: die Tyrannei einer "Leistungsgesellschaft", die sich nach dem Ende des kalten Krieges (dem berühmt-berüchtigten "End of History") rasend schnell ausgebreitet hat. Heute dominiert und "ökonomisiert" der Leistungsterror so gut wie alle Lebensbereiche. Prekäre Lebensumstände, Depression und Burnout sind die allgegenwärtigen Folgeerscheinungen, wer es sich leisten kann, kämpft dagegen mit Yoga, Bio-Essen und Wellnessurlaub. Oder mit oft nicht minder trendiger Gesellschaftskritik. Hiervon hebt sich Lars Distelhorst über weite Strecken sehr wohltuend ab, wenn er mit geradezu unverschämter Direktheit fragt: was ist denn überhaupt eine "Leistung"? Zu recht verweist er darauf, dass "Leistung" alles und nichts bedeuten kann. Ob Spitzenmanager oder Müllmann, wer wirklich "Leistungsträger" ist, das entscheiden weniger die pseudo-objektiven Messkriterien der Wirtschaftswissenschaften, sondern der ideologische Blickwinkel. Eine einfache Erkenntnis, die oft in Vergessenheit gerät – großartig, herausfordernd und durchaus schmerzvoll, wie konsequent einem das beim Lesen dieser umfassenden Abrechnung bewusst gemacht wird.

Hätte man als Individuum dann aber nicht auch die Freiheit, "Leistung" nach eigenem Ermessen zu definieren? Distelhorst möchte zwar explizit nicht als Kulturpessimist verstanden werden, doch für eine solchermaßen frivole "kreative Leistung" hat er bestenfalls ein müdes Lächeln übrig: "Was immer wir heute machen, machen wir, als wären wir kleine Unternehmer, die stets auf den größtmöglichen Gewinn aus sind und zu diesem Zweck unablässig an der eigenen Optimierung feilen. Jogging wird zur Leistung, ebenso wie Sightseeing und das verfügbare Repertoire an Sexpositionen. Das moderne Individuum leidet folglich unter Dauerstress, neigt zu Depressionen und Burnout-Syndrom. Trotz aller Errungenschaften hinsichtlich Arbeitszeiten, Freizeit und Wohlstand, leben wir in einer stärker ausgeprägten Leistungsgesellschaft als die Minenarbeiter des vorletzten Jahrhunderts."

Es grenzt schon an einen gewissen Zynismus, sich in die Minen oder ans Fließband zurückzuwünschen, nur weil dort wenigstens noch klare und kollektiv geteilte Ausbeutungsverhältnisse herrschten. Warum nicht gleich ins Arbeitslager? Distelhorst kritisiert inbrünstig, dass die Person eines Arbeiters und seine Arbeitskraft heute nicht mehr zu trennen sind, und wir auch zu nichts mehr gezwungen werden müssen, weil wir uns mit strahlender Visage am liebsten selbst ausbeuten – alles ist "Humankapital" und also paradox geworden, nicht zuletzt auch das alltägliche Überleben im universitären Betrieb. Aber ist das wirklich nur ein Verlust? Wenn Jogging und Sex heute von Arbeit und Kapitalismus nicht mehr so scharf abzugrenzen sind, dann gilt im Gegenzug wohl auch, dass Arbeit und Kapitalismus immer mehr wie Jogging und Sex sind. Wahrlich, es hätte schlimmer kommen können. Kommt es aber auch: der Autor beweist großes Talent darin, seine Polemik an exakt den richtigen Stellen mit entmutigenden Zahlen, alarmistischen soziologischen Zerfallsdiagnosen, und popkulturellem Flair wieder auf die Sprünge zu helfen. In der flotten, soziologisch fundierten Trendforschung ist er ganz in seinem Element, er oszilliert hier ziemlich genau zwischen Slavoj Žižek, Richard Sennet und Mathias Horx. Und wie die Altmeister seines Faches, beweist auch Distelhorst durchaus Mut zur Lücke. Dass ein fluider Leistungsdiskurs etwa auch das seine dazu beigetragen hat, die gesellschaftliche Rolle von Frauen neu zu verhandeln, tut die postmoderne Leistungskritik mit staunenswerter Leichtigkeit ab: "Im klassischen Kapitalismus war irgendwann schließlich auch der härteste Tag in der Fabrik vorbei und die Menschen gingen nach Hause, um im Kreise der Familie die Füße hoch zu legen und sich zu entspannen. Die Kehrseite [...] der Fabrik bestand in der häuslichen Ruhe, oft als Hausglück bezeichnet". Die Hausfrau am Herd, die hungernden Kinder, die im Schichtwechsel belegten Betten in ärmlichsten Verhältnissen, die gewaltsam erzwungene "Reproduktion der Arbeitskraft" erscheinen in diesem Bild gänzlich unwichtig – Hauptsache, die Diskurskritik sitzt! Wie das beschworene "Hausglück", erweist sich diese in letzter Instanz dann auch als ziemlich altväterlich: Retro-marxistische Exkurse ziehen sich gleich kapitelweise in die Länge, das kryptische "leere Zentrum" der Gesellschaft wird da beschworen, und mit dem "tautologischen Zirkel des Kapitals" gleichgesetzt. Mit solchen "Simulakren" fällt Distelhorst eher wieder hinter die Schärfe seiner eigenen Trend-Analysen zurück: wenn etwa nach all den aktuellen soziologischen Zerfallsdiagnosen erst recht wieder ausgiebigst von "Proletariat" und "Bourgeoise" die Rede ist.

So bleibt auch bis zum Schluss unklar, worin nun eigentlich der grundlegende Unterschied zwischen der materiellen Muskelkraft des Minenarbeiters und den immateriellen "Sozialkompetenzen" des Managers bestehen soll. Sind beide nicht trotz allem einfache Lohnarbeiter, wenn auch verschieden qualifiziert und unterschiedlich bezahlt? Und ist nicht auch die Unterscheidung zwischen Frust, Erschöpfung und Burnout eher eine graduelle, und individuelle? Manchmal wäre es wirklich besser, "das Kapital" nicht zwanghaft in alle noch so flüchtigen Befindlichkeiten und Gegenwartsphänomene hineinzuinterpretieren. Besser wäre es außerhalb der Diskurse, dort, wo es sich tatsächlich immer mehr konzentriert: etwa auf den Konten der 85 allerreichsten Erdenbürger, die nach jüngsten Berechnungen der englischen Entwicklungshilfeorgansation Oxfam zusammen soviel besitzen wie die 3,5 Milliarden ärmsten Menschen der Welt.

Distelhorst weiß wohl zu viel von den Raffinessen des Kapitals, um sich darüber zu empören oder gar nach Kapitalsteuern, Umverteilungsstrategien oder sonstigen Reformen zu schielen. Sein abschließender Ausblick bleibt wenig konkret und entsprechend unbefriedigend. Auf gerade mal zwei Seiten fordert die erschöpfte Leistungskritik, die "Produktivkräfte der Gesellschaft" in den "Dienst der Gemeinschaft" zu stellen, natürlich unter "demokratischer Steuerung". Was aber ist nun wirklich "produktiv", und was "demokratisch"? Und wer soll plötzlich wieder die "Gemeinschaft" herbeizaubern, deren Ausdifferenzierung in immer individuellere Lebensentwürfe eben so klug diagnostiziert wurde? Hier zeigt sich einmal mehr, dass es zwar gut und recht ist, den Leistungswahn mittels virtuoser Diskurskritik ab absurdum zu führen. Ob es aber gelingen kann, aus dem ahnungsvollen Ruinenwerk der Leistungsgesellschaft eine gangbare gesellschaftliche Alternative zu schmieden, das steht vorerst noch auf einem anderen Blatt.

Tags

leistungsgesellschaft, sozialwissenschaft, kritik