Neue Medien

3/2014 - Medienproduktion im Alltag von Kindern und Jugendlichen

Kalifen und Assassinen. Ägypten und der vordere Orient zur Zeit der ersten Kreuzzüge 1074–1171

von Heinz Halm

AutorIn: Paul Winkler

Paul Winkler rezensiert die jüngste Publikation des Islamwissenschafters Heinz Halm, der mit "Kalifen und Assassinen" in das bunte Mosaik des Orients im 11. Jahrhundert entführt, indem er zahlreiche persische, arabische und lateinische Quellen präsentiert.

Abstract

In das bunte Mosaik eines pluralistischen Orients entführt Heinz Halm auf Grundlage zahlreicher Originaldokumente. Das tradierte Bild eines religiös-politisch homogenen Orients zur Zeit der ersten Kreuzzüge wird korrigiert und machtspezifische hotspots, politisch-religiöse big-player, als auch Lokalherrscher charakterisiert. Von Eurozentrismus befreit, kreiert der Autor mit der rechten Balance zwischen Geschichten und Geschichte eine lebendig wirkende Atmosphäre, die gegenwärtigen religiösen Konflikten, Terror und westlichen Eingriffen zum Spiegel wird.


Verlag: C. H. Beck
Erscheinungsort: München
Erscheinungsjahr: 2014
ISBN: 978-3-406-66163-1


Cover: Halm, Heinz:Kalifen und Assassinen
Quelle: Amazon

Ausgehend vom Machtzentrum der fatimidischen Dynastie – der Palaststadt al–Qāhira (Kairo) – spannt der Autor einen Bogen über 97 Jahre Hegemonie unter dem grünen Banner der schiitischen Kalifen aus dem Haus der Fatimiden, über ein Gebiet zwischen Nordafrika und dem heutigen Pakistan. Eine Zeit in der die Mördersekte der Assassinen aufblühte und fränkische Invasoren den vorderen Orient bedrohen. In sechs fein gegliederten Kapiteln wird mittels zahlreicher – westlichen Lesern zum Teil erstmals zugänglichen – Quellen ein breites Spektrum an Kernthemen behandelt. Damit schließt der deutsche Islamwissenschaftler Heinz Halm – international als einer der besten Kenner des schiitischen Islams anerkannt – im Rahmen seiner mehr als vierzigjährigen Beschäftigung mit den Ismailiten an seine vorangegangenen Werke Das Reich des MahdiDer Aufstieg der Fatimiden 875–973 (C. H. Beck, München 1991) und Die Kalifen von Kairo – Die Fatimiden in Ägypten 973–1074 (C. H. Beck, München 2003) an.

Abschnitt eins widmet sich Badr al-Ğamālī, der die Ordnung im desorganisierten ägyptischen Staatsgebilde wiederherstellt und das Sultanat begründet. Seinem Nachfolger al-Afal und den Auswirkungen des ersten Kreuzzuges nimmt sich Kapitel zwei an. Kalif al–Āmir wird im Zusammenhang mit dem Fall von Tyrus zum Hauptakteur bevor al-āfi und der zweite Kreuzzug näher beleuchtet werden. Abschließend wird Ägypten unter den drei Kinderkalifen als Spielball der Syrer und Franken dargestellt. Neun Themenkomplexe ziehen sich dabei als rote Fäden durch die einzelnen Kapitel: 1.) Die religiös-politische Opposition des abbasidischen Bagdads und des fatimidischen Kairos. 2.) Die Westwanderung von Turkvölkern 3.) Die Machtverhältnisse zwischen Kalif und Wesir. 4.) Der Aufstieg von Armeniern. 5.) Die Phasen christlicher und jüdischer Einflüsse. 6.) Die Beziehung der Sunniten zur schiitisch-ismailitischen Elite 7.) Die Schismen. 8.) Die ismailitische Strömung der Assassinen. 9.) Die Kreuzzüge und die Ausbildung der vier lateinisch-christlichen, fränkischen Fürstentümer.

In seinen Ausblicken bringt Halm schließlich historische Abschnitte und die darin eingewobenen Themenkomplexe in einem Abschlag der Ereignisse nach dem Untergang der Dynastie in Einklang. Halm führt im zeitlichen Abschnitt von 1074–1094 in die politisch-religiöse Umwelt des vorderen Orients am Vorabend der Kreuzzüge ein indem er die Karriere des Armeniers Badr al-Ğamālī verfolgt. Vom Kalifen al-Mustanir zu Hilfe gerufen, stellt dieser die Macht der Zentralregierung in Kairo wieder her, lässt die Stadt nach seinen Vorstellungen ausbauen und installiert das erbliche Sultanat unter dem Titel eines Wesirs im fatimidischen Kairo. Das syrische Mosaik von Lokalherrschern wird zu Gunsten der mächtigen Nachbarn beseitigt und während die ismailitische Mission – dawa – nicht nur im erweiterten Machtbereich, dem Jemen, sondern auch in Bahrain, im Oman und in Indien mit unterschiedlichem Erfolg vorangetrieben wird, macht eine neue ismailitische Strömung mit Zentrum in Alamut durch spektakuläre Attentate auf sich aufmerksam.

Während der Regierungszeit al-Afals von 1094 bis 1121, wird die Begründung des nizaritischen Zweigs der Ismailiten und der Abfall der ismailitischen Strömung rund um Alamut unter ihrem Führer asan-i abbā von Kairo thematisiert. Die Instabilität des seldschukischen Herrschaftsgefüges erleichtert währenddessen ein schnelles Eindringen des ersten Kreuzzuges nach Syrien und Palästina, sowie die Ausbildung der fränkisch-lateinischen Staatsgebilde. Der verzögerten muslimischen Wahrnehmung des religiösen Aspekts des Kreuzzuges, stellt der Autor auf muslimischer Seite eine kontinuierlich wachsende Bedeutung des Ǧihād gegenüber. Gleichzeitig dehnen die Nizariten – von den Franken Assassinen genannt – ihre Machtsphäre auch im syrischen Raum aus. In der Beschreibung des Wesirats von al-Ma’mūn al-Baāiī, belebt Halm die Umwelt am Hof des Kalifen al-Āmir von 1121–1130. Er thematisiert die störungsanfällige Vater-Sohn-Folge der Imame, die Eunuchen als leitende Beamte und die Konkubinen in ihrer Bedeutung als Kalifenmütter. Seine Gewichtung religiöser Zeremonien, sowie edler Textilien als Ausdruck der Stellungen zu Hofe tragen zur atmosphärischen Schilderung bei, während in einer weiteren Ebene das verdorbene politische Klima der Unsicherheit und Angst, ausgelöst durch die Aktivitäten der Assassinen, sowie den hektischen Sicherheitsmaßnahmen dagegen, illustriert wird. Über das Außerkraftsetzen von Freiheitsrechten zugunsten staatlicher Überwachung finden sich dabei unschwer zeitgenössische Parallelen. Aus militärischer Sicht wird der Sicherung des Jemens als Einflussgebiet, der Fall der Stadt Tyrus gegenübergestellt.

Die Krise, die der Beseitigung des Wesirs und dem Attentat auf al-Āmir folgt, nutzt der Sohn al-Afals – genannt Kutaifāt – um den Thronfolger a-ayyib zu beseitigen und das fatimidische Kalifat abzuschaffen, bevor es unter dem illegitimen Nachfolger al-āfi, dem sich Halm von 1130 bis 1149 widmet, reinstalliert wird. Die Dynastie hält sich um den Preis des ṭayyibitischen Schismas und dem Verlust der Einflussgebiete im Jemen und dem indische Subkontinent. Dem Wesirat des armenischen Christen Bahrām, der die christliche Bevölkerung auf Kosten der muslimischen fördert, folgen unter Riwān ibn Walašī heftige sunnitische Reaktionen. Derweil löst der turkmenische Emir von Mossul, Zengi ibn Aq Sunqur mit der Eroberung von Edessa, den wirkungslos verlaufenden zweiten Kreuzzug aus und die Nizariten etablieren sich im syrischen Küstengebiet, nachdem sie schon südlich des Kaspischen Meeres, sowie im ostiranischen Quhestān ideologisch verbundene Territorien beherrschen. Aus inneren Wirren nach al-āfi Ableben, tritt vorerst Ibn as-Sallār als starker Mann hervor.

Der Herr von Aleppo, Nūr ad-Dīn beseitigte in der Zwischenzeit die Reste der Grafschaft Edessa und die Assassinen geraten mit dem ersten Anschlag auf einen Franken ins Blickfeld der Kreuzfahrer, die 1153 Askalon erobern. Als schillerndste Gestalt jener Zeit beschreibt der Autor den Syrer Usāma ibn Munqi, der in der Intrige gegen Ibn as-Sallār zu Gunsten seines Stiefsohnes ‘Abbās und im Komplott gegen den Kalifen zwielichtige Rollen spielt. ‘Abbās muss dem herbeigerufenen alā’i‘ ibn Ruzzīk – legitimiert durch den letzten fatimidischen Kalifen al-‘Āid li-dīn Allāh – weichen, bevor er vom Gouverneur Šāwar gestürzt wird. Die folgende Agonie des fatimidischen Kalifats erlebt wie der vierte Großmeister in Alamut, al- asan II. die Endzeit ausruft und als Stellvertreter des Imams (alīfa) in offene Konkurrenz zum Kalifen in Kairo tritt. Šāwars Schaukelpolitik ruft dort zur gleichen Zeit abwechselnd Franken und Muslime ins Land,  bevor alā ad-Dīn – der spätere Saladin – der letzte Wesir der Fatimiden wird und den Übergang zur Sunna einleitet.

In seinen Ausblicken rundet der Autor sein breites Spektrum thematischer Schwerpunkte und historischer Hergänge ab und knüpft an gegenwärtige Religionsgemeinschaften und ihr Erbe an. So gibt Halm einen Ausblick auf die Einigung der muslimischen Kräfte unter Saladin, der binnen eineinhalb Jahren die Herrschaft der Franken fast gänzlich verdrängt und die Herrschaft der Mamluken, welche die mongolische Expansion stoppen und die Kreuzfahrer endgültig aus Palästina und Syrien vertreiben. Mit der schwindenden Bedeutung Kairos als Machtzentrum schließt Halm den Bogen und lässt die Geschichte der Kreuzfahrerstaaten und Ritterorden, sowie der Ismailiten ausklingen, bevor er die Nizariten an die moderne Religionsgemeinschaft der Shia Imami Ismailis und ihrem Führer Aga Khan IV. anknüpft. Abschließend widmet er sich dem indischen Zweig der Tayyibiten, welche sich als die eigentlichen Nachfahren der Fatimiden verstehen und ihr materielles und ideelles Erbe zögernd der Wissenschaft öffnen.

Tatsächlich entführt Heinz Halm auf Grundlage zahlreicher persischer, arabischer und lateinischer Originaldokumente in eine faszinierend lebendige und bunte orientalische Welt, die er durch sehr allgemeine Einführung auch, mit der Materie unvertrauten, Lesern zugänglich macht. Halm betrachtet die historischen Hergänge auf multiplen Ebenen und belässt es nicht bei einer Aufzählung von Schlachten. So hebt er etwa das Zusammenspiel von Natureinflüssen und der Innen- und Außenpolitik immer wieder hervor. Der Autor scheut sich nicht, das politisch-religiöse Mosaik des vorderen Orients zu entwirren, indem er innerhalb seiner Erzählstruktur zwischen diversen Ebenen der Machtausübung wechselt und dabei seine Quellen sprechen lässt. Im Spiel der Mächtigen wird gezeigt wie auch Lokalherrscher – etwa die Assassinen – ihren Einfluss geltend machen. Der Autor deutet aber auch dorthin, wo ihre Macht endete und wo sie Stoff für Legendenbildung wurden, um diese Strömung schließlich geographisch, ideell und machtpolitisch fassbar zu machen. Schließlich werden auch die Kreuzzüge endlich in eine richtige Relevanz zu den allgemeinen Vorgängen im arabischen Raum gesetzt, wobei schnell klar wird, dass die Franken eben nur ein Faktor im Machtgefüge des vorderen Orients waren. Neben wirtschaftlichen Aspekten werden auch Stimmungsbilder der Bevölkerung wiedergegeben, deren Palette von einem Miteinander der Religionen bis zu Pogromen reicht. Sie werden ergänzt durch atmosphärische Schilderung des Hofes mit seinen so sensiblen Machtposition und dem Klima der Angst und des Schreckens ausgelöst durch die Mördersekte der Assassinen, sowie die Maßnahmen des Regimes dagegen. Innerhalb seines Werkes positioniert sich Halm immer wieder zu Diskursen der Forschung, was den unerfahrenen Leser auch diesbezüglich beinahe unbemerkt einführt.

Zentrale Phänomene werden aus vielfältigen Perspektiven besprochen, wobei diese Textstellen mit Verweisen untereinander verlinkt sind, womit der Leser schnell die diversen Bedeutungen und Wirkungen ein und desselben Ereignisses nachvollziehen kann. Bilder und Karten von Städten, Regionen oder Belagerungsszenarien lockern nicht nur auf, sondern tun ihr Übriges, um das Verständnis des Lesers zu vervollständigen. Trotz des fundierten wissenschaftlichen Inhaltes präsentiert sich das Werk als leichte und locker geschriebene Lektüre. Auch wegen der eingeflossenen Anekdoten und Kuriositäten die, abseits der historischen Haupterzählstränge Stück für Stück die Imagination des Lesers ergänzen. Dabei bricht Halm mit der Schubladisierung, lässt den blinden Eurozentrismus hinter sich und taucht in die religiös-politische und ethnische Diversität des Orients ein, wobei sich in der facettenreichen Darstellung dieses religiösen und ethnischen Pluralismus in Administration, Politik, Militär und Bevölkerung, das tradierte Bild eines religiös-politischen homogenen Blockes ganz natürlich aufzulösen beginnt. Unübersehbar sind zudem Parallelen mit der Gegenwart in der Angst und dem Schrecken ausgelöst durch Terrororganisationen, den Kämpfen zwischen Religionsgemeinschaften und im Einfluss des Westens in der arabischen Welt. Die historischen Inhalte von Halms Ausblicken könnten für sich allein wiederum Bücher füllen, doch lässt er seine Ausführungen damit ideal ausklingen und knüpft gleichzeitig, über Genealogien und das materielle und ideelle Erbe religiöser Gemeinschaften, an die Gegenwart an. Heinz Halms Absage an jeden Eurozentrismus in der lebendigen, bunten Darstellung eines kulturellen, ethnischen und religiösen melting pots ist kein weiterer trockener Geschichtswälzer, sondern eine fundierte wissenschaftliche Abhandlung mit breitem inhaltlichem Spektrum, die sich in – die Phantasie anregenden – atmosphärischen Schilderungen präsentiert. Ein mehr als empfehlenswertes, lesefreundliches Pionierwerk in Sachen Quellenarbeit mit brisantem Konnex in die Gegenwart.

Tags

orient, assassinen, geschichte, eurozentrismus