Bildung - Politik

3/2014 - Medienproduktion im Alltag von Kindern und Jugendlichen

Wäre es Dir lieber, ich würde zu Recht verurteilt?

Sokrates Bund und die Frage der Kontrolle

AutorInnen: Katharina Kaiser-Müller / Wolfgang B. Ruge / Christian Swertz

Die Ablösung von zweifelhafter menschlicher Kontrolle durch eine zuverlässige Software bietet eindrucksvolle Möglichkeiten. Mit der flächendeckenden Einführung von Sokrates Bund zum Schuljahr 2014/2015 wird endlich die Identifzierung von Pisadurchschnittsverderbern möglich. Die AutorInnen diskutieren die Lage ...

Die Situation war dramatisch: Ungerecht angeklagt wegen Verführung der Jugend und Gottlosigkeit, sieht Sokrates dem Tod durch den Schierlingsbecher entgegen und antwortet auf die ob des Fehlurteils durchaus verständliche Klage von Xanthippe mit der titelgebenden Frage. Anschließend verweigert er die Flucht und zieht es vor, sich dem formal korrekt gefällten falschen Urteil zu beugen. Eine legendäre Entscheidung, in der Sokrates die Gesetzestreue mit der Begründung, man müsse schlechte Gesetze ändern, dürfe sie aber nicht übertreten, über das eigene Wohl stellt.

Damit erscheint Sokrates als gut gewählter Namenspatron für ein in Österreich mit dem Beginn des Schuljahres 2014/2015 eingeführtes Schulnotenverwaltungssystem. Das im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Frauen entwickelte System wird von der mit der Programmierung beauftragten Bitmedia, wenn auch ohne ausdrücklichen Rekurs auf Sokrates, dem Blick auf die gesetzliche Ordnung entsprechend gerühmt: "Und das Chaos hat keine Chance in der Schule! – SOKRATES Schulverwaltung". Und weiter: "Die innovative SOKRATES Schulverwaltung ist der starke Partner aller Schulen und Behörden. Durch die jahrzehntelange Erfahrung und die intensive Zusammenarbeit mit Bund und Ländern, wird Ihr Schulalltag erheblich erleichtert" (http://www.bitmedia.at/produkte/produkte-fuer-schulen/software-und-services/sokrates-schulverwaltung/). Eine Einschätzung, die nicht alle Betroffenen, die an der Testphase beteiligt waren, uneingeschränkt teilen (http://www.zauberfuchs.com/tirol/probleme-bei-der-zeugniserstellung/).

Wie auch immer die Benutzbarkeit und Qualität des Produkts zu beurteilen ist – dass damit Chaos beendet werden soll, ist durchaus vielversprechend. Das vor allem, weil das Chaos sicher nicht auf die Lagerung von Schulnoten bezogen ist, die bisher wohl recht unproblematisch und geordnet vonstatten gegangen ist, sondern wohl eher auf das pädagogisch zweifelhafte Verhalten von LehrerInnen und SchülerInnen, deren Gesetzestreue offenbar als nicht so konsequent wie die des Sokrates angesehen wird. Anders kann jedenfalls die Ausdehnung der Überwachung von BürgerInnen durch die lebenslängliche zentrale Lagerung nicht nur der Schulnoten, sondern etwa auch von Rügen und weiteren Daten (genaue Details sind nicht öffentlich zugänglich) kaum erklärt werden.

Entwickelt und eingeführt wurde das System dann auch eher unauffällig und diskret. Erst am Ende des Schuljahres 2013/2014 ist das Thema in den Medien aufgetaucht. Am 26. Juni 2014 berichtet Katrin Burgstaller im Standard, dass ab dem Schuljahr 2014/2015 eine Reform des Schulverwaltungssystems in Kraft treten soll. Waren es im Vorjahr einzelne Schulen die die neue Software getestet haben, so werden ab dem Herbst sämtliche Bundesschulen flächendeckend mit Sokrates Bund arbeiten. Zwei Tage später findet sich dann ein Artikel von Wolfgang Werth im Ressort Gesellschaft bei Ö1 online. Werth berichtet ebenfalls über die geplante Einsetzung von Sokrates Bund: "Mit dem kommenden Schuljahr startet an rund 500 Gymnasien und berufsbildenden Höheren Schulen eine einheitliche Schüler-Datenverwaltung unter dem Namen "Sokrates Bund". Das Programm dient unter anderem der Dokumentation von Fehlstunden und der Erstellung von Schulzeugnissen." (Werth 2014). Werth berichtet weiter, dass Matthias Hofer von der AHS-Lehrergewerkschaft dieser Erneuerung kritisch gegenüber steht, diese Umstellung nicht als sinnvoll erachtet und lieber die altbewährte lokale Speicherung beibehalten hätte. Zudem vermutet Hofer, "dass das Ministerium die Lizenz des alten Programms nicht verlängert und ein billigeres neues gekauft hat". (ebd.)

Das Unterrichtsministerium selbst verteidigt die Entscheidung der Umstellung aus technischen und eben aus monetären Gründen und wird in Zukunft dem Rechenzentrum des Bundes die zukünftige Speicherung der SchülerInnendaten übertragen, eine Dienstleistung, die bisher nicht erforderlich war, aber offenbar dennoch trotz der zu erwartenden bisher nicht bezifferten Kosten zu den beabsichtigten Einsparungen beiträgt. Das Ministerium beteuert auch, dass es keinerlei Zugriff auf die verschlüsselten Daten hätte. Diese würden nur den zuständigen Schulen zur Verfügung stehen, zudem würde es eine Empfehlung des Rechnungshofs umsetzen.

Dass sich diese Empfehlung des Rechnungshofes bei den Recherchen der Redaktion der MEDIENIMPULSE bisher als unauffindbar erwiesen hat, ist dabei wohl entschuldbar. Denn der Rechnungshof kritisiert sehr wohl die hohen Gehälter und Pensionen einzelner LehrerInnen, die Ausgliederung des BIFIE, die Zentralmatura und die Umsetzung der Neuen Mittelschulen. Dass die bisherigen Praktiken der Speicherung der Daten von SchülerInnen nicht in dieser Liste auftauchen, ist da schon nicht mehr so relevant, zumal das Versprechen von Einsparungen sich noch immer als schlagkräftiges Argument erwiesen hat.

Am 8. Juli erscheint dann nochmals ein Artikel im Standard von Katrin Burgstaller zum Thema Sokrates Bund (0online unter: http://derstandard.at/2000002782445/Neos-zweifeln-an-Rechtskonformitaet-von-Sokrates-Bund). Sie schreibt, dass der Wiener Neo-Abgeordnete Nikolaus Scherak die Rechtskonformität des Datenverwaltungsprogramms Sokrates Bund infrage stelle und mittels einer parlamentarischen Anfrage an Unterrichtsministerin Gabriele Heinisch-Hosek Details zur neuen Verwaltungssoftware in Erfahrung bringen wolle. Das Ministerium erklärt darauf hin in einer Stellungnahme, dass die Anonymisierung der Daten wie bisher durch die Statistik Austria erfolge und die personenbezogenen Daten ausschließlich für die jeweilige Schule abrufbar bleiben würden. Scherak sieht zwar angesichts zahlreicher Datenskandale die Gefahr, dass "die Barriere für Dritte, sich unrechtmäßig von außen Zugang zu den Daten zu verschaffen, geringer sei als bei der bisher praktizierten dezentralen Datenerfassung und kritisiert die "mangelnde Informationspolitik und Sensibiliät" der Unterrichtsministerin, muss sich aber zunächst mit der vorliegenden Stellungnahme begnügen.

Dabei muss man sich über das Unbehagen an der zentralen Speicherung von Daten durchaus wundern. Denn schließlich werden die Daten derzeit auf einem Server der bekannt zuverlässigen Telekom Austria gespeichert, womit die Verantwortung der Datensicherheit in stets verantwortlich handelnder privatwirtschaftlicher Hand liegt. Begründet wird die Datenspeicherung bei der Telekom Austria dann auch in Tirol nach einer Anfrage der Landesrätin Mag.a Dr.in Beate Palfrader damit, dass sich die landeseigene Datenverwaltung (Daten-Verarbeitung-Tirol GMBH, DVT) "technisch nicht in der Lage sah, die nach den Vorschriften des BilDokG zu erhebenden, verschlüsselten Daten weiterhin zu hosten" (http://archiv.tirol.gruene.at/fileadmin/tirol/benutzerinnen/Antraege_Anfragen/Anfragebe_386-08.pdf: 3). Die Verantwortung der bei der Telekom gespeicherten Daten liegt nun nicht bei der Telekom Austria, sondern bei Bitmedia. Die damit erforderliche Kooperation der beiden Unternehmen trägt ohne Zweifel zum Schutz der Daten und zur sachgemäßen Verwendung bei – vier Augen sehen bekannterweise mehr als zwei.

Nichts zur Sache tut dabei im übrigen die in den letzten Monaten in Deutschland intensiv geführte Diskussion zu Facebook. Die einzelnen deutschen Bundesländer haben – mehr oder weniger konkrete – Handlungsanweisungen für den Umgang mit Facebook gegeben, der föderale Flickenteppich bildungspolitischer Vorstellungen kennt sowohl Bundesländer, die Facebook erlauben, solche, welche die Nutung einschränken, als auch den Komplettverbot der Seite. Einen Überblick bietet der E-Learning-Arm der Bundeszentrale für politische Bildung PB21 (http://pb21.de/2014/08/facebook-der-schule-erlaubt-oder-verboten/). Insbesondere der lasche Umgang Facebooks mit dem Datenschutz ist immer wieder Gegenstand der Diskussion (https://www.datenschutzzentrum.de/facebook/JBOES-2012-2013-Sonderdruck-Weichert.pdf). Schleswig-Holstein verbietet etwa die "dienstliche Kommunikation" via Facebook (http://www.schleswig-holstein.de/Bildung/DE/Service/Schulrecht/Erlasse/Downloads/Facebook__blob=publicationFile.pdf). Das alles hat natürlich mit Bitmedia, der Telekom Autria oder der österreichischen Situation nichts zu tun. Daher ist es auch nicht erstaunlich, dass die nicht nur geografische, sondern auch juristische Externalisierung schulbezogener Datenspeicherung bisher keine intensive Diskussion in Österreich nach sich gezogen hat.

Dann wurde allerdings irritierenderweise am 1. Juli 2014 unter der Federführung der Abgeordneten Dr. Nikolaus Scherak und Mag. Nikolaus Alm von den Neos eine parlamentarische Anfrage eingebracht, die unter der Aktenzahl 1889/J unter: http://www.parlament.gv.at/PAKT/VHG/XXV/J/J_01889/imfname_356240.pdf nachgelesen werden kann. Gerichtet ist die Anfrage an die Bundesministerin für Bildung und Frauen betreffend der neuen Schülerdatensoftware Sokrates Bund. Sie beinhaltet 38 Fragen bezüglich der zentralen Datenspeicherung der SchülerInnendaten: unter anderem hinterfragen die Abgeordneten, welche Daten genau gespeichert, ob Familienstand und Religionsbekenntnis der Eltern erfasst werden, ob das Gewicht der SchülerInnen dokumentiert werden soll, auf welchen Servern diese Daten für wen einsehbar sind und auf welcher gesetzlichen Grundlage die zentrale SchülerInnendatenspeicherung basiert. Eine Antwort, für die das Ministerium zwei Monate Zeit hat, steht noch aus.

Die Anfrage überrascht schon, weil es doch wirklich einsichtig ist, dass an vielen Schulen die Technik veraltet ist – das darf man wohl sagen, ohne jemandem zu nahe zu treten. Vor wie vielen Jahren ist die Initiative "IT-an den Schulen" geboren worden? Wirtschaftlich erwünscht war damals die Etablierung von Computern und die Vernetzung der Schulen. Doch was soll nun getan werden, nachdem Hard- und Software veraltet sind und ausgetauscht werden sollten? Wieviel soll an den jeweiligen Schulstandorten nicht zuletzt im Verwaltungsbereich investiert werden? Eine gute Lösung bietet hier die zentrale Speicherdatensammlung. Daten werden dezentral gesammelt, aber nur an einem Ort gespeichert. Das hat schon den offensichtlichen Vorteil, dass keine Software mehr lokal an den einzelnen Schulstandorten installiert werden muss. Somit können Einsatzstunden der TechnikerInnen und SoftwarespezialistInnen eingespart werden. Die gewünschten bzw. erforderlichen SchülerInnendaten werden extern und zentral gespeichert. Auch das reduziert den technischen Aufwand an den Schulen. Die Erneuerung der Hardware ist damit verzichtbar. Es können ganz einfach die Daten an einen Server geschickt werden. Damit werden Zeit und Kosten gespart, zumal solche Server bekannterweise überall kostenlos zur Verfügung gestellt werden und daher nicht budgetiert werden müssen. Möglich wird sogar das im Unterricht erprobte BYO (bring your own) Konzept: Die LehrerInnen können die Noten gleich mit den eigenen Smartphones eingeben – am besten gleich in der budgetneutralen Freizeit. Kosten-Nutzen-Rechnungen machen eben auch dann, wenn sie nicht vorhanden sind, nicht vor der Bildung halt und die Externalisierung von Kosten hat sich noch immer als gewinnbringend erwiesen. Wirtschaftlich ist die globale Speicherung also erwünscht. So können Ressourcen und Arbeitsplätze eingespart werden.

Es ist ebenfalls einsichtig, dass man besser daran tut, eine so wichtige Software wie die Schulnotenverwaltungssoftware nicht in die Hand von bekannterweise nicht eben computeraffinem Schulpersonal zu geben, sondern in der Hand von ExpertInnen zu belassen, die entsprechend zuverlässig mit diesen Daten umgehen. Die methodische Qualität dieses Vorgehens wurde unlängst im Zuge der Einführung der Zentralmatura demonstriert. Dass Hunderdtausende von Testergebnissen österreichischer SchülerInnen in die Hände von Dritten gelangt sind, kann jedenfalls kaum auf die mangelnde Sicherheit der Daten oder Kompetenzprobleme bei privatwirtschaftlichen Anbietern zurückgeführt werden. So ist selbstverständlich zu erwarten, dass sich auch die Verlautbarung, dass die Schulnoten nur von den Schulen abgerufen werden können, als stabil und zuverlässig erweisen wird. Denn nur weil eine Software diese Daten zusammenführen kann, was für die Zeugniserstellung erforderlich ist, heißt das noch lange nicht, dass die Admins der Server auf diese Daten ebenfalls Zugriff haben – vermutlich werden die Server schlicht nicht administriert, was klarerweise am sichersten ist. Finanzielle Interessen können hier ebenfalls keine Rolle spielen, weil die billigen Server ja wohl nicht bezahlt werden müssen.

Vielversprechend ist die Assoziation mit den Daten der Zentralmatura jedenfalls im Blick auf die Zukunft. Während es sich im vorherigen Abschnitt nur um eine rhetorisch motivierte Assoziation handelt, bietet das Konzept handfeste Vorteile für die pädagogische Datenanalyse der Zukunft. So wird z. B. eine erhebliche Verbesserung der österreichischen Pisa-Ergebnisse ermöglicht. Um das zu verstehen, ist ein kurzer Ausflug in die Statisik erforderlich: Bei den Pisa-Ergebnissen handelt es sich um Durchschnitte. Genau genommen, um arithmetische Mittelwerte. Die sind aber anfällig für Ausreißerwerte. So ist in einer Klasse mit drei Schülerinnen sowohl bei den Noten 1, 3 und 3 als auch bei den Ergebnissen 1, 1 und 5 der Durchschnitt 2,3. Wenn ich im ersten Fall die schlechteste Schülerin entferne, bekomme ich eine 2, im zweiten Fall aber eine 1 als Durchschnitt. Anders gesagt: Wenn ich wenige schlechte Ergebnisse entferne, kann ich das Gesamtergebnis erheblich verbessern – und darauf kommt es schließlich an. Wie aber findet man die Quellen der schlechten Ergebnisse?

Während das Aufspüren von diesen Schwachstellen mit den Pisa-Ergebnissen nur sehr grob möglich ist, bieten die Daten, die mit der neuen Schulverwaltungssoftware erhoben werden, alle Optionen. Denn erforderlich sind dafür die bisherigen Noten der SchülerInnen, die Ergebnisse der Zentralmatura, die Namen der LehrerInnen, die diese SchülerInnen unterrichtet haben und die persönlichen Daten der SchülerInnen. Und alle diese Daten liegen jetzt endlich zentral vor. Da genügt eine kleine Datenbankabfrage – und schon ist klar, welche LehrerInnen die schlechtesten Ergebnisse erzeugen und welche SchülerInnen am besten aus der Statistik entfernt werden. Leider ist es im regulären Schulsystem schwer, ausgewählte SchülerInnen dem statistischen Zugriff der Pisastudie zu entziehen. Dieses Problem kann aber leicht durch die Einrichtung von privatwirtschaftlich organisierten und damit dem Pisa-Zugriff entzogenen Bad Schools gelöst werden – ein Konzept, das sich im schließlich in jeder Hinsicht vorbildlichen Finanzsektor mit den Bad Banks bereits unter umgekehrten Vorzeichen bewährt hat. Dass in diesen Schulen dann auch LehrerInnen unterrichten müssen, bietet nebenbei die Möglichkeit, das erste Problem gleich mit zu lösen.

Mit kybernetischer Kontrolle und einer Unterordnung des Menschen unter die Steuerung durch Internetcomputer hat das natürlich nichts zu tun. Vielmehr geht es darum, die pädagogische und didaktische Qualität der Schule und Ausbildung im Rohstoffmangelland Österreich zu erhöhen – ein Ziel, dass als mindestens genauso ehrenvoll angesehen werden kann wie das im Zweifel vorzunehmende Leeren von Schierlingsbechern.

Langfristig sind die Perspektiven, nicht zuletzt im Blick auf Einsparpotenziale, ebenfalls günstig. So kann z. B. der Deutschtest bei der Aufnahme in die Polizeischule entfallen, wenn die erforderlichen Daten in Form der bekannt zuverlässigen Schulnoten gleich Online abgefragt werden können. Auch Unternehmen wird die Auswahl geeigneter KandidatInnen erleichtert – zumal nicht nur die Noten, sondern auch auffällig Fehltritte dokumentiert werden. Hier würde es sich sogar anbieten, die BewerberInnen gleich durch eine Software über ihre Chancen zu informieren, sie so im Zweifelsfall von der Bewerbung abzuhalten und auf diesem Wege den Unternehmen das Durcharbeiten großer Mengen irrelvanter Unterlagen zu ersparen.

Auch die Kontrolle von Schulen wird vereinfacht; ein Umstand, der schon jetzt Früchte trägt. Auf der Seite von "bildungsregion oberstmk ost leoben" ist jedenfalls zu lesen: "Durch das Schulbehörden-Verwaltungsreformgesetz 2013 hat der Gesetzgeber mit Wirksamkeit 01.08.2014 neue Verwaltungsstrukturen in der Bildungslandschaft geschaffen, in dem er die Bezirksschulräte aufgelöst hat." (http://www.bsr-leoben.at/) Und in der Tat – die Aufgaben der Bezirksschulräte können durch eine zentrale Steuerungssoftware sicher besser, zuverlässiger und objektiver übernommen werden.

Problematisch könnten in dieser wunderbaren Welt allerdings technisch versierte SchülerInnen werden: Sokrates Bund ist eine Schulverwaltungssoftware, die nicht mehr lokal – an den einzelnen Schulen – installiert werden muss, sondern auf einem Server eingerichtet wird. Dies ermöglicht Schulen, ihre Daten online zu verwalten. Anders gesagt: Die Daten werden über das Internet übertragen. Es ist also nicht erforderlich, die Server oder die lokalen Computer zu knacken – viel einfacher ist für SchülerInnen der Zugriff auf dem Übertragungsweg, der auch von internationalen Überwachungsbehörden gerne genutzt wird. Schon ein nicht verschlüsselt arbeitendes WLAN in einer Schule (was dem Vernehmen nach häufiger vorkommt) erlaubt es, in wenigen Minuten die erforderlichen Passwörter zu erhalten, die nötig sind, um allfällige Korrekturen an Noteneingaben selbstständig vorzunehmen – wohinter eine ganz unsinnige und unnötige Selbstständigkeit der SchülerInnen zu vermuten wäre. Es kann aber erwartet werden, dass solches Verhalten durch gute Gesetze, die entprechende Strafen vorsehen, verhindert wird, während nicht zu befürchten ist, dass die Zusammenführung der Daten durch die Bildungsverwaltung oder Unternehmen durch schlechte Gesetze behindert wird.

Um unter den gegebenen Umständen biografisch zu reüssieren, bleibt den SchülerInnen nun eine einfache Möglichkeit: Gesetzestreues und moralisch einwandfreies Verhalten. Und zwar unabhängig von der jeweiligen Lebenssituation. Pubertäre Anwandlungen sind für sich zu behalten – nicht nur in sozialen Netzwerken, sondern eben endlich auch in der Schule. Denn im Unterschied zu Daten in dezentralen Datenspeicherstrukturen ist es erfreulicherweise kaum möglich, einmal erzeugte Einträge wieder loszuwerden oder in Vergessenheit zu bringen. Unerwünschte Meldungen, wie die, mit denen Sokrates berühmt geworden ist, und die ihm schließĺich nichts anderes als den Schierlingsbecher eingebracht haben, erscheinen unter diesen Umständen jedenfalls wenig angebracht. Und so sollte das auch sein. Primärtugenden erhalten damit endlich wieder den Platz in der Erziehung, der ihnen gebührt.

Damit ist jedenfalls klar, dass die Sammlung der Daten mit der neuen Software auf jeden Fall eine Antwort auf die doch dringliche Frage liefert, wie der soziale Frieden unter der Bedingung neoliberaler Einkommensdifferenzen sicher gestellt werden kann.


Literatur

Bildungsserver (2013): Rolloutkonzept Sokrates Bund – Digitale Schülerverwaltung, online unter: http://homepage.bildungsserver.com/spaw21/uploads/105/files/ELC_2013/ELC_SOKRATES-Bund_Rolloutplan.pdf (letzter Zugriff: 16.09.2014).

Bildungssserver (2013): Sokrates Bund. Das neue Schülerverwaltungssystem für Bundesschulen in Österreich, online unter: http://homepage.bildungsserver.com/spaw21/uploads/105/files/ELC_2013/ELC_SOKRATES-Bund_berblick.pdf (letzter Zugriff: 16.09.2014).

bit media (2014): Newsletter Sokrates Bund, online unter: http://www.bit.at/sokratesbund/ (letzter Zugriff: 16.09.2014).

Bitmedia (2014): Sokrates Bund, online unter: http://www.bitmedia.at/produkte/produkte-fuer-schulen/software-und-services/sokrates-schulverwaltung/ (letzter Zugriff: 16.09.2014).

Burgstaller, Katrin (2014a): Schüler- und Lehrerdaten werden künftig zentral gespeichert, online unter: http://derstandard.at/2000002347959/Schueler-und-Lehrerdaten-werden-kuenftig-zentral-gespeichert (letzter Zugriff: 16.09.2014).

Burgstaller, Katrin (2014b): Neos zweifeln an Rechtskonformität von "Sokrates Bund", online unter: http://derstandard.at/2000002782445/Neos-zweifeln-an-Rechtskonformitaet-von-Sokrates-Bund (letzter Zugriff: 16.09.2014).

Fry, Hannah/Mozingo Joe (2014): Corona del Mar High students expelled in cheating scandal. School officials and police say a tutor masterminded a scheme to steal teachers' passwords, change grades and access exams, online unter: http://articles.latimes.com/2014/jan/29/local/la-me-cheating-scandal-20140130 (letzter Zugriff: 16.09.2014).

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Parlamentskorrespondenz Nr. 504 vom 27.05.2014: BIFIE und Zentralmatura beschäftigen Unterrichtsausschuss. Zahlreiche Initiativen der Opposition sowie Bürgerinitiativen vertagt, online unter: http://www.parlament.gv.at/PAKT/PR/JAHR_2014/PK0504/ (letzter Zugriff: 16.09.2014).

Presse (2014): Rechnungshof kritisiert Neue Mittelschule. Bei dem Projekt komme es zu "Ineffizienzen, Doppelgleisigkeiten und Zielkonflikten", kritisiert der RH in einem Rohbericht, online unter: http://diepresse.com/home/bildung/schule/1501593/Rechnungshof-kritisiert-Neue-Mittelschule- (letzter Zugriff: 16.09.2014).

Standard (2014): Rechnungshof kritisiert Einführung der Neuen Mittelschule, online unter: http://derstandard.at/1385170212607/Rechnungshof-kritisiert-Einfuehrung-der-Neuen-Mittelschule (letzter Zugriff: 16.09.2014).

Standard (2014: Hitzige Bifie-Debatte im Rechnungshof-Ausschuss, online unter: http://derstandard.at/1395364217078/Hitzige-Bifie-Debatte-im-Rechnungshofausschuss (letzter Zugriff: 16.09.2014).

Standard (2014): Zu wenig Kontrolle: Rechnungshof kritisiert Ausgliederung des BIFIE, online unter: http://derstandard.at/1350260807798/Zu-viel-Budget-zu-wenig-Kontrolle-RH-kritisiert-Bifie-Ausgliederung (letzter Zugriff: 16.09.2014).

Werth, Wolfgang (2014): Debatte über zentralen Schülerdaten-Speicher, online unter: http://oe1.orf.at/artikel/380568, (letzter Zugriff: 16.09.2014).



Schulen mit Informationen zu Sokrates Bund auf ihren Webseiten

Bildungsregion oststmk leoben: http://www.bsr-leoben.at/ (letzter Zugriff: 16.09.2014).

APS-Portal. IT-Landesportal für Pflichtschulen, Salzburg: http://www.aps.it-betreuung.salzburg.at/index.php/schule (letzter Zugriff: 16.09.2014).

IT-Betreuung für Pflichtschulen des Bundeslandes Salzburg, Salzburger Bildungsnetz: http://www.similarsites.com/site/aps.it-betreuung.salzburg.at (letzter Zugriff: 16.09.2014).

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schule, administration, überwachung, kybernetik