Neue Medien

3/2014 - Medienproduktion im Alltag von Kindern und Jugendlichen

Der unsichtbare Mensch

Wie Anonymität im Internet unsere Gesellschaft verändert - von Ingrid Brodnig

AutorIn: Christian Berger

In ihrem ersten Buch greift Ingrid Brodnig den derzeit aktuellen Diskurs über Anonymität im Internet auf. Christian Berger hat für "literadio" ein Gespräch mit der Autorin geführt und rezensiert hier das Buch für die MEDIENIMPULSE.

Verlag: Czernin
Erscheinungsort: Wien
Erscheinungsjahr: 2014
Print-ISBN: 978-3-7076-0483-2
e-book-ISBN: 978-3-7076-0484-9


Cover: Brodnig, Ingrid: Der unsichtbare Mensch,
Quelle: Amazon

Gleich vorweg: Die Lektüre dieses Buches ist zu empfehlen. Es ist angenehm lesbar, informativ und die Argumentation ist nachvollziehbar. Brodnig greift die derzeit aktuelle Diskussion über die Anonymität versus Klarnamennidentifizierung im Internet auf und beschreibt ausführlich und in die Tiefe gehend die komplexen Zusammenhänge und Pro und Kontras. Zuletzt bezieht sie jedoch selbst klar Stellung und beschreibt einige Möglichkeiten zur Lösung. Sowohl die Problemstellungen als auch die Lösungen werden nicht in einfacher schwarz-weiß Malerei sondern in der notwendigen Differenziertheit, die eben auch verschiedenste Grautöne hat, dargestellt.

Natürlich ist es bei dieser Thematik auch erforderlich auf technologische Rahmenbedingungen und Zusammenhänge sowie auf konkrete Programmbeispiele einzugehen. Brodnig schafft es diese Relevanz auch für LeserInnen ohne (programmier-)technische Vorkenntnisse aufzuzeigen und verständlich zu machen.

Das Buch beginnt mit einem Exkurs über die Geschichte der Anonymität (Kapitelunterschrift "Denkanstöße von Platon bis Foucault") wodurch bereits aufgezeigt wird, dass es im Diskurs um mehr geht als nur Datensicherheit und Überwachung und eine philosophische Auseinandersetzung direkt auch in eine politische münden muss.

Kapitel zwei zeigt Einblicke in die Versuche der staatlichen Überwachung und die damit zusammenhängenden Gefahren für ein demokratisches System. Die Anonymität ist wichtig als Schutz der freien Meinungsäußerung des Einzelnen vor der (diktatorischen) Staatsmacht, eröffnet gleichzeitig aber auch kriminellen und asozialen Akteuren geschützte Handlungsfelder. Hier unterscheidet sich die Online- von der Offline-Welt nicht wirklich, aber online gelten spezielle Regeln und Rahmenbedingungen, die es zu beachten gilt.

Kapitel drei widmet sich vorrangig der Psychologie im Netzverhalten. Anonymität fördert einerseits die Zusammenarbeit (vgl. Wikipedia) aber ebenso die Aggressivität (vgl. Trolle), manchmal beides (vgl. Anonymous). Die Aggressivität in den online Foren zerstört jedoch immer wieder die konstruktive Auseinandersetzung. Dies behindert den öffentlichen Diskurs und somit auch demokratische Prozesse. Beispiele dazu erläutert Kapitel 4.

Das letzte Kapitel bringt Beispiele und Vorschläge für konstruktive Lösungsansätze. Brodnig spricht sich für die Schaffung von Online-Identitäten aus. Im Gegensatz zu völliger Anonymität (dieohnehin nur sehr schwer erreichbar ist) sollten Poster zwar Pseudonyme verwenden können, sich jedoch bei der Registrierung nachvollziehbar anmelden. Untersuchungen zeigen, dass dies bereits viel zur Verbesserung der Gesprächskultur beitragen würde. Aber auch die Webseitenbetreiber und JournalistInnen werden in die Pflicht genommen. Die einen sollten doch auch überlegen, wie Forumsstrukturen auch technisch besser konzipiert und konstruktive Diskussionsbeiträge hervorgehoben bzw. Foren besser moderiert werden können, die anderen müssten mehr auf die mitdiskutierenden LeserInnen eingehen. Grenzen des Machbaren und vor allem Finanzierbaren erreichen allerdings größere Online Medien. Während die "Zeit-Online" (Positivbeispiel) pro Woche etwa 16000 Postings zu bewältigen hat und dafür bereits zwei RedakteurInnen und zwölf ModeratorInnen benötigt, gibt es bei derstandard.at bereits täglich soviele und ein globales Medium wie die Huffington Post hat an schwachen Tagen etwa 250000 Kommentare. Umso wichtiger ist es in die Communityentwicklung zu investieren und zu versuchen Lösungen zu finden,die die Selbstregulierung der Community fördern.

Brodnig berichtet unaufgeregt über die Problemstellungen und belegt ihre Analysen und Aussagen durch sauber zitierte Studien und wissenschaftliche Artikel. Zusätzlich hat sie mit zahlreichen ExpertInnen eigene Interviews geführt.

Ein Gespräch mit der Autorin zu ihrem Buch ist auf "literadio" nachhörbar: http://literadio.org/archive/1992 (letzter Zugriff: 16.09.2014).

Tags

netzpolitik, rezension, anonymität