Kultur - Kunst

2/2014 - Potenziale digitaler Medienkunst

Krieg der Bilder

Zur Zugänglichmachung österreichischer Filmquellen zum Ersten Weltkrieg

AutorIn: Thomas Ballhausen

Thomas Ballhausen fasst für die LeserInnen der MEDIENIMPULSE die aktuellen Aktivitäten zur Zugänglichmachung österreichischer Filmquellen zum Ersten Weltkrieg zusammen und informiert auch über diesbezügliche Publikationen und Online-Links.

Abstract

Schon in der Frühzeit des Films machten sich die Verantwortlichen und Produzenten Gedanken, wie Material dauerhaft bewahrt, sinnvoll archiviert und wieder zugänglich gemacht werden könnte: Der Wunsch nach der adäquaten Sicherung, Lagerung und weiteren Bearbeitung unter Achtung der dualen Verantwortlichkeit gegenüber den Beständen als auch der Öffentlichkeit – der Kernaufgaben eines jeden Archivs – ist bereits für das späte 19. Jahrhundert dokumentiert. Für eine zeitgemäße Erleichterung im seriösen Materialzugriff bieten wissenschaftliche Editionen und das Internet hervorragende Voraussetzungen. Insbesondere am Beispiel der österreichischen Filmquellen zum Ersten Weltkrieg lassen sich die Vorzüge beider Vermittlungsoptionen verdeutlichen.


EUROPEAN FILM GATEWAY

Nachdem sich europäische Filmarchive seit Jahren verstärkt der Digitalisierung sowie Verbreitung ihrer Filmbestände via Internet zuwandten, war es sinnvoll, diese Aktivitäten im Sinne der Benutzerfreundlichkeit zu bündeln. Wesentlich für die Bewältigung dieser Aufgabe ist das Portal EFG – EUROPEAN FILM GATEWAY, dessen Entwicklung mit EU-Mitteln des eContentplus-Programms der Europäischen Kommission unterstützt wurde. Im Zentrum dieses Forschungs- und Entwicklungsprojekts stand eben die Entwicklung eines Portals, das Zugang zum facettenreichen europäischen Filmerbe – vom Bewegtbild bis zum Zensurdokument – ermöglicht. Die unerlässliche Balance zwischen Verlebendigung der Bestände und konservatorisch einwandfreier Bewahrung des Materials kann dabei bestmöglich gewahrt bleiben. EFG als zentraler Ausgangspunkt ermöglicht die individuelle (Neu-)Erschließung der einzigartigen Bestände europäischer Filmarchive und ist in das strukturell übergeordnete Portal EUROPEANA eingebunden. Damit werden die Sammlungen der europäischen Filmarchive mit Beständen der Bibliotheken, Archive und Museen Europas vernetzt und in einen gesamt-kulturellen Kontext gestellt. EUROPEANA bietet derzeit Zugang zu mehr als 20 Millionen digitalen Objekten. Der Erfolg des EFG-Portals und das nachgewiesene Userinteresse an seriös aufgearbeitetem und zugänglich gemachtem Filmmaterial waren Mitgründe für eine thematische Weiterführung: Mit dem im Frühjahr 2014 erfolgreich abgeschlossenen Erweiterungsprojekt EFG1914 wird der ohnehin schon beachtliche Bestand des EUROPEAN FILM GATEWAY um Schwerpunktmaterialien zum Ersten Weltkrieg sinnvoll erweitert. Hier ist auch eine Auswahl aus österreichischen Quellen einsehbar. Deutlich umfangreicher wird der historische Bereich in der eben erschienenen Edition "Krieg der Bilder" erschlossen: Neben einem eigens produzierten Dokumentarfilm enthält die Edition zwei DVDs mit historischen Materialien, die zu nicht unwesentlichen Teilen erstmals wieder zu sehen sind.

 


Abb. 1: Flug über Triest – Ausschnitt aus dem Film "Die zehnte Isonzo Schlacht" © Filmarchiv Austria

Historische Kontexte

Die kriegführenden Parteien bedienten sich bei der Vermittlung des Ersten Weltkriegs der Massenmedien in einem bis dahin ungeahnten Ausmaß. D. h. die Propaganda wurde nicht über ein einziges Leitmedium transportiert, vielmehr kam es zu einer intensiven Nutzung des bestehenden bzw. eines noch zu installierenden Medienverbundes. Auch das österreichische Kriegspressequartier, das umfangreiche Aufgaben in einem großen geografischen Gebiet zu bewältigen hatte, arbeitete mit den bereits bestehenden Verflechtungen der unterschiedlichen Medien und etablierte somit eine frühe Form intermedieller, informationsbezogener Kriegsführung. Die Geschichte der österreichischen filmischen Kriegsberichterstattung im Ersten Weltkrieg lässt sich aufgrund der bisher vorliegenden Forschungsergebnisse in zwei größere Abschnitte unterteilen: eine Phase bis etwa 1916, in der vor allem die Präsentation von Technik von Bedeutung war, und der Zeitraum der letzten Kriegsjahre, in dem sich eine stärkere Einbindung narrativer Elemente in der filmischen Propaganda bemerkbar macht. Die Wochenschauen der ersten Kriegsjahre waren nach den Richtlinien und Ansätzen der zivilen dokumentarischen Berichterstattung konzipiert. Folglich findet sich in den Produktionen dieses Zeitraums die eindringliche Darstellung der Kriegsmaschinerie, die als Folge eines ebenso notwendigen wie positiven Fortschritts vermittelt werden sollte. Das detaillierte Zeigen von Abläufen und Gegenständen erfüllte einen zweifachen Zweck: die Begeisterung mit dem gezeigten Ablauf und die Faszination durch den Gegenstand selbst. Ab der zweiten Hälfte des Ersten Weltkriegs tritt die Reflexion der Technik zugunsten einer narrativen Gestaltung der Kriegswochenschaubeiträge zurück. Gründe dafür waren u. a. die Kriegserfahrung heimgekehrter Soldaten und die Erkenntnis, dass die Technik offensichtlich nicht den erhofften, schnellen Sieg gebracht hatte. Die mittels des Portals und der Edition zur Verfügung gestellten Quellen bieten nicht nur einen umfassenderen Einblick in eine historisch hochgradig relevante Zeitspanne, sondern laden sowohl die Forschung als auch die interessierte Öffentlichkeit zur weiteren Auseinandersetzung mit den Quellen und ihren Kontexten ein.


Abb. 2: Ein Heldenkampf in Schnee und Eis (A 1917) © Filmarchiv Austria


Literatur

Ballhausen, Thomas/Kaindelstorfer, Günter/Kieninger, Ernst/Leidinger, Hannes/Moritz, Verena/Moser, Karin/Wostry,Nikolaus (Hg.)

Krieg der Bilder. Der Erste Weltkrieg im Film

3-DVD-Box, Codefree, insgesamt ca. 250 min.
ISBN 978-3-902781-37-6
EUR 39,90


Weiterführende Links

www.europeanfilmgateway.eu

www.filmarchiv.at

Tags

film, österreichische filmgeschichte, erster weltkrieg