Praxis

2/2014 - Potenziale digitaler Medienkunst

Medienarbeit in der Integrativen Lernwerkstatt Brigittenau

Katharina Sontag im Gespräch mit Rudi Schwarzenberger und Ingrid Passweg

AutorIn: Katharina Mildner (Sontag)

Medienpädagogik ist im Rahmen der Integrativen Lernwerkstatt Brigittenau (Wien) ein konstitutiver Bestandteil der täglichen Arbeit. Katharina Sontag hat zwei dort tätige Lehrerinnen interviewt und präsentiert in den MEDIENIMPULSEN die Ergebnisse.

Abstract

Die LehrerInnen an der Integrativen Lernwerkstatt Brigittenau, Rudi Schwarzenberger und Ingrid Passweg, geben Katharina Sontag in einem Gespräch Einblick in den Schulalltag und den darin vorkommenden Einsatz von Medien. Dabei kommt speziell die Einbindung des Theaters im pädagogischen Kontext in den Blick. Bei den beiden Interviewpartnern Rudi Schwarzenberger und Ingrid Passweg handelt es sich um ein eingespieltes Team: Beide sind bereits seit über zehn Jahren als Lehrpersonen tätig, davon arbeiten sie bereits geraume Zeit miteinander in den Mehrstufenklassen der Integrativen Lernwerkstatt Brigittenau (ILB).


1. Die Integrative Lernwerkstatt Brigittenau (ILB)

Bei der ILB, ursprünglich als Schulversuch initiiert, handelt es sich um eine Volksschule mit angeschlossener Hauptschule, die seit einem Jahr auch unter dem Titel Neue Mittelschule geführt wird. Die SchülerInnen werden hier nicht in fix bestehenden Klassen unterrichtet, sondern in durchgängig gemischten Altersgruppen, genannt Stammgruppen, wobei in jeder dieser Gruppen Integration stattfindet: "Was bei uns das Besondere ist, ist dass diese Schule durchgängig mehrstufig ist, durchgängig integrativ geführt wird und durchgängig auch mit dem Anspruch eines reformpädagogischen Hintergrunds arbeitet", erklärt Rudi Schwarzenberger. "Und gleichzeitig sind wir als Schulversuch im österreichischen Schulsystem eingebettet." Die Organisation der ILB folgt dabei einem dreigliedrigen System: In den Eingangsgruppen lernen die Kinder zusammen, die sich, der Einordnung des offiziellen Schulplans folgend, im 1. bis 3. Schuljahr befinden. In den Übergangsgruppen befinden sich die SchülerInnen der 4. bis 6. Klasse und in den Ausgangsgruppen jene der 7. und 8. Klasse. Den Kindern wird dabei auch die Option gegeben, ein Jahr in der jeweiligen Gruppe zu verlängern, sofern das Vorschuljahr beansprucht wird. "Sitzenbleiben im Sinn des klassischen Schulsystems gibt es hier nicht", schildert Rudi Schwarzenberger. "Es findet ein ständiger Wechsel statt, es ist eine ständige Durchmischung und es ist niemand ganz neu in der Klasse." Dadurch fällt, so die beiden Lehrer, auch die Stigmatisierung für das Schulkind weg, das ein Jahr länger in der jeweiligen Stammgruppe verweilt. "Wir haben nicht den Anspruch, dass wir die einzig gute Schule sind, aber prinzipiell haben wir die Erfahrung gemacht, dass Mehrstufenklassen in Wien grundsätzlich überlaufen sind und sich viele Eltern doch bewusst dazu entscheiden, ihr Kind in eine etwas andere Schule zu geben."

2. Von SchülerInnen und LehrerInnen

Die SchülerInnen werden in der ILB grundsätzlich als lernbereit und interessiert angesehen. Ihre Selbstorganisationsfähigkeit wird sowohl gefordert als auch gefördert. Den jungen Menschen wird das Vertrauen sowie die Freiheit entgegengebracht, die Formen des Lernens selbst mitzubestimmen: "Wir gehen im Sinn der Freinet-Pädagogik eigentlich davon aus, dass die Kinder mit Interesse geboren werden und Interesse haben an der Welt. Und unser Ansatz ist es, von den Interessen der Kinder auszugehen. Das bedeutet, dass man den Kindern sehr viele Freiheiten zugesteht und dass man ihnen das Vertrauen entgegenbringt, dass sie mit dieser Freiheit etwas Sinnvolles anfangen." Dies sei, so Rudi Schwarzenberger weiter, aber nicht immer leicht und eine besondere Herausforderung für die Lehrpersonen: "Der Hintergedanke ist einfach der, dass die Kinder etwas wissen wollen und wir wollen sie dabei unterstützen, dass sie dieses Wissen auch kriegen. Wir versuchen mit den Kindern Wege zu finden, auf denen sie zeigen können ‚Ich kann was, ich weiß was!‘ – auch wenn dies Umwege bedeutet, über die die Kinder dann das lernen, was sie lernen sollen. Und meistens ist das noch mehr." "Wir schauen, dass die Kinder das bekommen, was sie brauchen. Das ist aber sehr individuell und deshalb auch manchmal ein hoher Aufwand", ergänzt Ingrid Passweg.

Dies verweist darauf, dass die Lehrpersonen sich an der ILB als LernbegleiterInnen verstehen und nicht so sehr als LehrerInnen im klassischen Sinne: "Diese Schulform braucht viele engagierte Menschen, denn ohne Engagement kannst du hier nicht arbeiten. Ohne zusätzliches Engagement, das über den Unterricht und auch die Unterrichtszeit an sich hinausgeht." Zugleich, so die beiden Lehrer weiter, wird dem Lehrerkollegium an der ILB aber auch in vielen Bereichen mehr Mitspracherecht und die Möglichkeit zur Mitgestaltung gegeben, als dies im klassischen Schulsystem der Fall ist. Ingrid Passweg erläutert weiter: "Man hat aber auch als Lehrer einen Arbeitsplatz, an dem man sich wohlfühlen kann, dass man hier gerne arbeitet. Also das was hier passiert und wie wir in den Klassen arbeiten, das ist dann auch so, dass es belohnt wird. Und es gibt sehr viele Arbeitskreise und die Mitarbeiter werden in sehr viel eingebunden. Dadurch kannst du auch mitgestalten, man wird auch dazu aufgefordert mitzugestalten, das hat aber auch seinen Preis." "Man hat einfach den Benefit, dass man das Gefühl hat, man macht etwas Sinnvolles", ergänzt Rudi Schwarzenberger.

3. Zum Mediengebrauch an der ILB

Danach gefragt, welche Rolle Medien allgemein im Unterricht in der ILB spielen, berichten die beiden InterviewpartnerInnen, dass im ganzen Lehrerkollegium eine grundsätzliche Offenheit für Medien im weitesten Sinne und deren Nutzung besteht, sofern diese ein sinnvolles Arbeiten ermöglichen: "Unsere Arbeitsform kann nur funktionieren, wenn man als Lehrperson offen ist für alles, was an Input möglich ist. Wenn an einer Schule so frei wie hier gearbeitet wird und an die Kinder das Vertrauen wie auch die Anforderung gestellt wird, selbstständig und selbsttätig zu arbeiten, dann muss man ihnen auch die Medienwelt eröffnen. Dazu ist unsere Schule geradezu prädestiniert. Und dazu gehört es auch, Dinge einfach auszuprobieren."

Neben diesem vielfältigen und offenen Zugang zum Einsatz von Medien im Unterricht haben die Lehrpersonen jedoch auch unterschiedliche persönliche Schwerpunkte in der Medienarbeit. So ist Rudi Schwarzenberger sehr erfahren im Bereich der Radio- bzw. Audioarbeit, das Lehrerteam veranstaltet jedoch auch einmal im Jahr ein Trickfilmatelier. "In Wirklichkeit geht es um die Frage, was die Kinder lernen sollen und wie wir dazu etwas beitragen können. Und da nutzen wir einfach das, was uns möglich ist." Damit verbunden ist auch der Anspruch, dass das jeweilige Medium grundsätzlich so unabhängig und selbstständig wie möglich von den SchülerInnen genutzt und eingesetzt werden kann, wobei die Lehrpersonen den Kindern stets zur Seite stehen und – wenn erforderlich oder gewünscht – unterstützen und Hilfestellung geben. "Uns geht es vor allem darum, dass die Kinder erkennen, es gibt nicht nur von anderen gestaltete Radiosendungen, sondern ich kann sie auch selber machen! Dadurch wächst auch das Bewusstsein zu sagen, ich lasse mir nicht alles erzählen. Und die Kinder merken auch ‚Da wird etwas gemacht!‘, denn an den Medienprodukten wird ja auch gearbeitet. Und sie sehen, manche Dinge kann man auch wegschneiden und dann wird es etwas ganz anderes." Dabei wird den SchülerInnen die Möglichkeit gegeben, im Zuge der aktiven Arbeit am bzw. mit dem jeweiligen Medium zu wachsen, sich selbst weiterzuentwickeln und sich hörbar bzw. sichtbar zu machen. Diese Form des Medieneinsatzes zielt zudem darauf ab, die Kinder für die Konstruiertheit von Medieninhalten zu sensibilisieren. "Wir machen das auch oft, wenn wir merken, im Unterricht hängt es grad, es geht grad nichts weiter" erklärt Rudi Schwarzenberger "dann probieren wir verschiedene Sachen aus. Ob die Kinder jetzt den Auftrag bekommen, mit einem Fotoapparat durch die Schule laufen, um etwas Bestimmtes zu fotografieren oder wenn wir eine Radiosendung machen, wo zu den Kindern gesagt wird, ‚Fragt die Leute, die ihr trefft, etwas zu einem bestimmten Thema!‘ und sie gehen eigenständig mit den Geräten durch die Gegend und bringen ihre Sachen daher."

Ein wesentlicher Punkt im Hinblick auf die Medienarbeit in der ILB ist, so erklären Rudi Schwarzenberger und Ingrid Passweg, dass die LehrerInnen die Bereitschaft mitbringen, sich nicht nur mit traditionellen Medien, sondern auch mit den sogenannten Neuen Medien, die oft einen stärkeren Bezug zur Lebenswelt der SchülerInnen haben, auseinanderzusetzen und diese in den Unterricht zu integrieren. "Es zieht sich durch die ganze Schule, dass Medien als wichtiges Arbeitsmittel in ganz vielen Bereichen genutzt werden, gerade weil Medien wie das Handy, Computer oder Internet auch ein wichtiger Teil unserer Welt und der Welt der Kinder sind. Die Prämisse beim Medieneinsatz generell lautet, dass alles, was dem Lernfortschritt nützt und Spaß macht, grundsätzlich eingesetzt werden kann", erklärt Rudi Schwarzenberger und Ingrid Passweg ergänzt: "Wir haben zum Beispiel eine Freinet-Druckerei, die wir im Unterricht nutzen, weil wir in der Arbeit damit viele Qualitäten sehen, die man sonst vielleicht nicht in der Form vermitteln kann." Zentral dabei ist es, so die PädagogInnen, dass man selbst an Medien und der Medienwelt interessiert bleibt und dieses Interesse auch an die SchülerInnen weitergibt bzw. in ihnen wachruft, oder sich von deren medialen Interessen inspirieren lässt.

Ziel der Medienarbeit, die sowohl in den Unterricht integriert, als auch im Rahmen von Projektwochen stattfindet, ist es folglich auch, dass den SchülerInnen ein umfassender Zugang zu Medien vermittelt wird und dass den jungen Menschen über diese Medien "neue Welten" sowie Möglichkeiten etwa des Sich-Ausdrückens eröffnet werden. Dies spielt, so die beiden LehrerInnen, vor allem in der Arbeit mit den sogenannten Integrationskindern eine bedeutende Rolle: "Gerade jene Kinder, die in irgendeiner Form ein Problem mit Sprache haben, können sich ausprobieren, sich aufnehmen und sich das Gesagte nochmals vorspielen – die Medien werden einfach an den Stellen und auf die Art eingesetzt, wie es gerade gebraucht wird und den Kindern im Lernfortschritt hilft. Da passiert etwas mit den Kindern." Der Sinn und Zweck des möglichst breiten, vielfältigen und flexiblen Medieneinsatzes liegt darin, dass es von den Kindern abhängt, mit welchem Medium sie mehr oder weniger gut arbeiten können: "Da versuchen wir viele unterschiedliche Zugänge zu schaffen und Angebote zu machen. Wie das dann funktioniert, kann man vorher oft nicht so genau sagen. Da muss man dann einfach viel ausprobieren, mitunter auch improvisieren", erläutern die PädagogInnen, "denn nur durch das praktische Tun und Gebrauchen ist es auch möglich, herauszufinden, wo jeweils die Grenzen des Medieneinsatzes liegen, wofür sie sich weniger eignen. Aber das kann bei einem anderen Kind und einer anderen Kindergruppe schon wieder ganz anders sein."

Als "klassisches Beispiel", wie dies praktisch im Schulalltag gelebt wird, erläutert Rudi Schwarzenberger die Situation eines zwölfjährigen Jungen: "Im Regelschulsystem würde der ganz schlechte Noten haben. Er kann nicht gut lesen und so weiter, aber als wir vor einiger Zeit ein Trickfilmatelier veranstaltet haben, war immer er sozusagen derjenige, der für dieses ganze Technische eingesprungen ist. Aber lesen – null. Rechtschreibung – ganz schwierig. Sozial mit anderen Kindern – ganz schwierig. Und er hat sich jetzt so entwickelt und hat mich offenbar als Coach für sein Projekt auserkoren, obwohl ich dort gar nicht arbeite. Und da ist mir aufgefallen, der hat so ein Spezialwissen, das ist sensationell! Ich habe ihn einmal per Audio aufgenommen und er hat Namen, Maße, Gewichte, technische Daten – egal was – im Detail geschildert, frei aus dem Gedächtnis. Da hab ich mir gedacht, das ist doch unglaublich, was dieser Mensch weiß! Und er bringt es einfach nicht auf das Papier. Und dann haben wir das gemeinsam mit den anderen KollegInnen besprochen. Und wir haben erst mal die Seitenanzahl reduziert und überlegt, denn er müsste das eigentlich anders präsentieren. Dann haben wir uns überlegt, er macht sozusagen als Bonus eine Aufnahme dazu, was er weiß und präsentiert so sein Wissen. Das ist sozusagen dann auch ein Weg für ihn gewesen, um zu zeigen, was er kann und weiß. Ohne dass es jetzt am Lesen, Schreiben, Rechnen hängen muss, denn das hat er ja zusätzlich dazugelernt, weil er muss es ja trotzdem richtig aufschreiben können und so weiter. Insofern ist da über diesen Umweg trotzdem alles auch mit drinnen und er hat eine Menge gelernt. Und er ist verdammt stolz darauf. Und für solche Kinder sind wir dann in erster Linie da. Und wenn ich dann das höre und sehe, was er wirklich gemacht hat, das sind dann die Belohnungen für mich. Und ich hab einen kleinen Teil dazu beigetragen."

In diesem Sinne liegt der Fokus der Medienarbeit auch nicht im schlichten "Abhaken von Bildungszielen", wie Rudi Schwarzenberger hervorhebt: "Natürlich ist es wichtig, dass Bildungsziele erfüllt werden, aber das ist gerade in der Medienarbeit nicht die Hauptsache." "Viele Kompetenzen lassen sich einfach nicht so gut durch den Unterricht mit Stift und Papier vermitteln, gerade Persönlichkeitskompetenzen der Kinder", stellt Ingrid Passweg fest und betont: "Diese lassen sich durch einen nicht-linearen, breit angelegten Unterricht, in dem Medien eine gewichtige Rolle spielen, ganz anders und quasi nebenbei fördern – ohne dass man bewusst den Finger darauf legt."

In diesem Zusammenhang wird von Rudi Schwarzenberger das Beispiel eines siebenjährigen Mädchens angeführt: "Wir haben ein Mädchen, das spricht nicht. Die ist aber momentan so gut drauf, seit dieser Radiosendung, da ist was passiert mit ihr. Wir hatten da dieses Projekt, in dem wir die Schulwege der Kinder kennenlernen wollten. Wir sind also zu jedem Kind nach Hause gegangen und haben dort angeläutet. Und es war nie jemand da. Aber bei diesem Mädchen war die Mutter zu Hause und diese hat uns dann eingeladen zu sich in die Wohnung. Die Familie kommt nicht aus Österreich. Und wir haben dann die Mutter gebeten, zu erzählen, was jetzt passiert. Und die Mutter hat auch über ihren Schulweg erzählt. Aber nicht auf Deutsch, sondern in ihrer Muttersprache. Und wie das Mädchen das dann in der Schule gehört hat – wusch! Und mein Eindruck war, dass das für sie so wichtig war, weil sie angefangen hat, mehr zu reden. Sie war immer ganz schwierig, zornig, weil sie sich nicht ausdrücken konnte. Und sie lässt auch keinen körperlichen Kontakt zu. Und das was die Mutter erzählt hat, hat das Mädchen gehört und man hat gemerkt, dass es sie total bewegt, weil sie auch verstanden hat, was die Mutter erzählt hat. Und irgendwas ist da geschehen mit diesem Kind. Seitdem sagt sie meinen Namen, das ist komplett neu, und sagt von Tag zu Tag mehr. Also sie ist da auf einen Weg gekommen." Ingrid Passweg führt dazu weiter aus: "Und die anderen Kinder, wie die mit diesem Mädchen umgehen, das ist so super. Gerade wenn uns als LehrerInnen manchmal die Kraft und Geduld ausgeht, bei den andern Kindern ist das nicht so. Wenn das Mädchen zum Beispiel manchmal einfach so weint, dann wird sie von den anderen Kindern, die einen Kreis um sie bilden, aufgeheitert. Die Kinder machen irgendwelche Späße mit ihr, so lange, bis sie wieder lacht. Und niemand dürfte gegen sie etwas sagen. Die Kinder wissen, sie versteht das nicht, sie kann nicht anders, da ist ganz klar für sie, dass bei dem Mädchen zum Beispiel etwas andere Regeln gelten, weil sie einfach andere Regeln braucht."

Der kritische und reflektierte Umgang mit Medien spielt im Rahmen der praktischen Medienarbeit an der ILB eine wesentliche Rolle – und zwar sowohl auf Seiten der LehrerInnen, wie auch der SchülerInnen: "Gerade wenn unsere SchülerInnen in ein Alter kommen, wo sie immer mehr selbst entscheiden, ohne dass man das immer kontrollieren könnte, ist es umso wichtiger, dass sie bewusst mitbekommen und dafür sensibilisiert werden, was sie anrichten können, was ihnen passieren kann und wo sie auch profitieren können." Dabei werden Situationen und Umstände, in denen es zu missbräuchlichem Umgang der SchülerInnen beispielsweise mit dem Internet oder Handys kommt, bewusst als Anlass genutzt, um Aufklärungsarbeit zu leisten, zu sensibilisieren und eine kritisch-reflektierte Haltung bei den jungen Menschen zu fördern. "Wichtig ist, dass hier sehr genau und sehr schnell reagiert wird", erklärt Ingrid Passweg: "Wir versuchen hier alle Anlässe aufzugreifen und gleich, wenn etwas Problematisches passiert, dies aufzugreifen und aufzuarbeiten – da ist unser ganzes Lehrerteam und auch die Direktion dahinter. Nur so kann auch Veränderung bewirkt werden." Sie ergänzt: "Wir haben ganz viele Kinder die im Umgang schwierig sind, die schwierige Geschichten haben und es gibt in Wien ganz viele Schulen und Direktoren, die sagen, ‚Bei mir nicht!‘. Es gibt ganz viele Kinder, die von anderen Schulen verwiesen werden, wenn etwas passiert. Und es kommt einfach vor, dass etwas passiert, wenn man solche Freiheiten zulässt. Aber was unsere Schule schon auszeichnet ist, dass wir auch dann Kinder nicht einfach fallen lassen und sie so gut wir können betreuen und fördern. Wir wollen auch nicht eine Schule sein, wo einfach ausgesiebt wird."

4. Theater als Medium im Unterricht

Ein spezieller methodischer Zugang, mit dem in der ILB häufig und über das Schuljahr verteilt gearbeitet wird, ist das Theaterspielen. Dies meint sowohl, dass es zu größeren, umfangreicher geplanten Projekten mit anschließender Aufführung vor einem Publikum kommt, als auch, dass den SchülerInnen die Möglichkeit gegeben wird, sich im Rahmen des Unterrichts wie auch abseits dessen über das Theaterspiel auszudrücken. Dabei geht es in der Regel jedoch weniger darum, konkrete Unterrichtsinhalte aufzuarbeiten, sondern um die bewusste Einbeziehung der Kreativität und des Interesses sowie der Förderung der Sprach- und Persönlichkeitskompetenzen der jungen Menschen. Dies kann bedeuten, dass im Sinne des Stegreiftheaters konkrete Eckpfeiler einer Story vereinbart werden, es jedoch den SchülerInnen überlassen bleibt, daraus eine Geschichte zu konstruieren. Auch von Kindern in anderen (Unterrichts)Kontexten geschriebene Texte werden als Anlass genutzt, um darauf aufbauend ein Stück zu entwickeln.

Wird Theater methodisch im Unterricht eingesetzt, so sind die Lehrpersonen bemüht, sich weitestgehend aus dem aktiven Tun der SchülerInnen herauszuhalten und diesen höchstens auf Nachfrage oder in organisatorischer Hinsicht Hilfestellung zu geben: "Hier zeigt sich, was essenziell für den Medieneinsatz hier an der Schule ist: Es kann sich nur etwas entwickeln, wenn Du die Kinder lässt", stellt Rudi Schwarzenberger fest. "Das geht oft auch mit dem Einsatz anderer Medien einher – zum Beispiel schreiben die Kinder auch eigenständig Drehbücher für Filme, die ja nicht weit vom Theaterskript entfernt sind. Wenn die dann aufgenommen werden, ist das gewissermaßen gefilmtes Theater." Folglich übernehmen die SchülerInnen im Rahmen dieser Medienarbeit eine sehr aktive, zentrale Rolle: "Sie denken sich die Stücke selbst aus, schreiben Texte und Drehbücher, überlegen sich Handlungen und Dialoge und Drehorte. Eine Zeit lang haben wir da jedes Jahr einen Film draus gemacht – Projekte, die sich oft über ein ganzes Semester gezogen haben, da wurde immer an einem Tag in der Woche dran gearbeitet. Beispielsweise gab‘s da ‚Marienkäfer berichtet‘. Und da berichtet ein Marienkäfer, dass etwas Schlimmes passiert ist. Ein Mutant, der auf die Menschen sauer war, weil sie seine Eltern ermordet haben, wollte die Menschheit vernichten. Und da das nicht gegangen ist, hat er sich gedacht, ‚Dann nehme ich euch was weg!‘ und hat gesagt, ‚Ich stehl die Donauinsel!‘ Und dann hat er die Donauinsel gestohlen und die war dann weg, aber leider ist er nicht über die Grenze gekommen, weil er keinen Pass gehabt hat, jetzt wurde die Donauinsel zurückgeschickt und jetzt ist sie wieder da. Und das sind so die Geschichten von den Kindern."

Hinsichtlich der Rolle der Lehrpersonen halten Ingrid Passweg, die selbst einige Theaterkurse besucht und im Bereich des Improvisationstheaters eigene Erfahrungen gesammelt hat, und Rudi Schwarzenberger fest, dass bei der Theaterarbeit ein pädagogisches Gespür dafür notwendig ist, zu differenzieren, wo man als LernbegleiterIn noch unterstützt und wann man die Kreativität der SchülerInnen schon zensiert: "Da muss man einfach dranbleiben, dabei helfen, den Handlungsfaden zu spinnen und als Lernbegleiter dafür sorgen, dass alle beteiligt sind, die beteiligt sein wollen und dass alle in die halbwegs gleiche Richtung gehen. Was man für die Arbeit mit dem Theater in der Schule braucht ist diese Freinet-pädagogische Sicht auf die Welt, dass man sich selbst sagt, lassen wir die Kinder mal, es wird schon etwas herauskommen dabei – denn es kommt etwas von den Kindern, wenn man ihnen auch den Freiraum dazu lässt. Und wenn du das schaffst als Lernbegleiter, dann kannst du die Kinder auch zufriedenstellen und sie profitieren dann dabei – und sie profitieren dann auch immer weiter davon."

Die Theaterstücke bzw. deren filmische Dokumentationen werden zudem schulintern veröffentlicht und bei Schulfesten gezeigt. Einige der auf Video festgehaltenen Theaterproduktionen werden zudem, wie auch andere mediale Produktionen der SchülerInnen, über den Klassen-Blog zugänglich gemacht, der über die Webseite der Schule erreichbar ist (http://www.lernwerkstatt.or.at/).

5. Resümee

Die Offenheit, mit der an der ILB die Ideen, die Kreativität und die Bedürfnisse der SchülerInnen – etwa im Rahmen des Theaterspiels – in den Unterricht integriert werden, bedeutet für die Lehrpersonen jedoch auch, so die beiden Interviewpartner, einen deutlich höheren Aufwand, als dies im herkömmlichen Unterricht der Fall wäre. Dass sie dies dennoch tun, erklärt Rudi Schwarzenberger folgendermaßen: "Unsere Aufgabe ist es, Erinnerungen zu schaffen für die Kinder – keine schlechten sondern gute. Und sie lernen beim Theaterspiel ja auch so viel mehr als man auf den ersten Blick sieht." Und Ingrid Passweg ergänzt abschließend: "Für die wichtigen Dinge schaffen wir eben Zeit."

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