Neue Medien

2/2014 - Potenziale digitaler Medienkunst

Besprechung des Films "Zeit der Kannibalen"

von Johannes Naber

AutorIn: Katharina Mildner (Sontag)

Katharina Sontag rezensiert für die LeserInnen der MEDIENIMPULSE den jüngsten Film von Johannes Naber, der uns auf unterschiedlichen Ebenen die Brutalität des Kapitalismus vor Augen führt und die Frage nach seiner Überwindung in den Raum stellt.

Originaltitel: Zeit der Kannibalen (Deutschland)
Erscheinungsjahr: 2014
Dauer: 93 Minuten
Regie: Johannes Naber
Drehbuch: Stefan Weigl
Hauptdarsteller: Sebastian Blomberg, Devid Striesow und Katharina Schüttler
Verleih: farbfilm
Weltvertrieb: Studio TV.Film. GmbH

Wie lässt sich in der heutigen Zeit, vor dem Hintergrund der hierzulande mehr oder weniger "gut" überstandenen Weltwirtschaftskrise von 2008, ein Film umsetzen, der sich dem modernen Kapitalismus widmet, ohne jedoch pseudo-aufklärerisch und mahnend mit erhobenem Zeigefinger daherzukommen oder dem Zuseher mit Bildern ausgebeuteter und hungernder Menschen in sogenannten Dritte-Welt-Ländern ein schlechtes Gewissen aufzuzwingen? Nun, Johannes Naber ist mit seinem Film "Zeit der Kannibalen" ein solcher unheimlich unterhaltsamer und extrem kurzweiliger Geniestreich gelungen.

In diesem wird der Arbeitsalltag des Unternehmensberaterteams Frank Öllers (Devid Striesow) und Kai Niederländer (Sebastian Blomberg) portraitiert, welches unter anderem Indien, Pakistan und Nigeria bereist, um für ihren Arbeitgeber, die Company, die größtmöglichen Profite herauszuholen. Die Menschen, deren Schicksale und die Folgen der am eigenen Gewinn orientierten Entscheidungen interessieren dabei nicht.

Als dem dritten im Bunde, Hellinger, der langersehnte Aufstieg zum Partner in der Firma gelungen ist, stößt die junge, engagierte und idealistische, nichtsdestotrotz aber auch ihre eigenen Ziele verfolgende Bianca März (Katharina Schüttler) zu dem bereits eingespielten und abgeklärten Männerteam dazu. Dies sorgt im Laufe des gegenseitigen Kennenlernens und Zusammenarbeitens für einige Reibungen und Spannungen zwischen den Kollegen Öller und Niederländer – bis hin zu dem eiskalten Versuch, sich gegenseitig auszubooten: nach Hellingers Fragen aufwerfendem Freitod entsteht ein Kampf um die wieder zu besetzende Stelle als Firmenpartner. Doch dann kommt plötzlich alles ganz anders und es sind nicht mehr nur die Existenzen der anderen, gesichts- und namenlosen Menschen in irgendwelchen fremden Ländern der Welt, die auf dem Spiel stehen, sondern es geht für die Unternehmensberater selbst um Leib und Leben.

Johannes Naber gelingt es, in "Zeit der Kannibalen" gängige Vorurteile und verkürzte Ansichten zu einem in jüngster Zeit sehr intensiv und kritisch beleuchteten Berufsfeld aufzugreifen und in eine intelligent und brillant-sarkastisch erzählte sowie großartig gespielte Komödie mit brisanten und dramatischen Wendungen einzuweben. Die Qualität des Films zeigt gerade in den Konfliktsituationen, im Aufeinanderstoßen der oft weit auseinandergehenden Verstehensweisen und Weltsichten die Eigenarten der drei Protagonisten: Dadurch werden die Figuren für die ZuseherInnen greifbar und gewinnen an Tiefe und Vielschichtigkeit – insbesondere die des Frank Öllers.

Tags

zeit der kannibalen, kapitalismus, film, gesellschaftsanalyse