Neue Medien

2/2014 - Potenziale digitaler Medienkunst

Ich schreibe, um herauszufinden, was ich denke. Tagebücher 1964–1980

von Susan Sontag

AutorIn: Thomas Ballhausen

Mit dem zweiten Band von Susan Sontags Notizbüchern wird die wichtigste Schaffensphase dieser streitbaren Intellektuellen neu erfahrbar. Thomas Ballhausen hat für die MEDIENIMMPULSE diese Dokumente einer Denkwerkstatt rezensiert.

Verlag: Carl Hanser Verlag
Erscheinungsort: München
Erscheinungsjahr: 2013
ISBN 978-3-446-24340-8

Es muss uns bei nachträglicher Betrachtung als paradoxer Glücksfall gelten, dass Susan Sontag ihren in den späten 1990ern erneut gefassten Plan einer auf ihren persönlichen Notizen basierenden Autobiografie schnell wieder fallen gelassen hat. Mit dem Erscheinen der auf drei Teilbände angelegten Edition der Tagebücher durch ihren Sohn David Rieff wird nach und nach deutlich, wie viel gewinnbringender der Einblick in die ungeschliffenen Aufzeichnungen ist. Schon das Erscheinen von "Wiedergeboren", des ersten Auswahlbandes, sorgte berechtigt für viel Aufsehen. Da artikulierte eine Jugendliche und junge Erwachsene ihre Wünsche, ihre Zweifel und ihren unbedingten Willen zu einem Werk und einem kulturerfüllten Leben. Die Leidenschaft und Stärke ist auch dem zweiten Band, der mit leichter Verzögerung zur englischsprachigen Veröffentlichung nun auch in deutscher Sprache vorliegt, deutlich anzumerken. Gemäß ihrem Diktum Wahrheit vor Gerechtigkeit ist Sontag erneut als aufmerksame, kritische Beobachterin der Geschichte, der Kultur und ihrer Szenen, vor allem aber auch ihrer selbst zu erleben. Hatte "Wiedergeboren" die Emanzipation der streitbaren Sontag sichtbar gemacht und auch noch den Zeitraum ihrer ersten Romanveröffentlichung "The Benfactor" abgedeckt, ist mit dem vorliegenden Band der Zeitraum zwischen 1964 und 1980 angesprochen – und damit eine für Sontag zentrale Schaffensphase.

In diesen produktiven Jahren entstehen Werke, die auch heute noch direkt mit ihrem Stellenwert als Denkerin und Schriftstellerin verbunden werden: Neben dem Erzählband "I etc." und dem eher gemischt aufgenommenen zweiten Roman "Death Kit" sind hier vor allem die Essaysammlungen "Against Interpretation" und "Styles of Radical Will" zu nennen. In zentralen, leidenschaftsbetonten Texten wie "Notes on 'Camp'" oder dem titelspendenden "Against Intepretation", die beide in das Jahr 1964 fallen, spricht sie sich deutlich gegen klassische Interpretationen und für bedeutungszuschreibende Auslegungsarbeit aus. An die Stelle wissenschaftlicher Traditionen tritt bei ihr das Erleben des Kunstwerks im Rahmen intensiver Auseinandersetzung und der als zentral erachtete Umstand, ein Kunstwerk nicht nur als Teil der Welt zu kategorisieren, sondern es vielmehr als Aussage über dieselbe anzunehmen. Dieses nicht zuletzt auch stark politisch aufgeladene Programm der von Sontag in jeder Hinsicht verkörperten New Sensibility hat deutliche Spuren in den Tagebüchern hinterlassen – wobei der Begriff angesichts der Texte stark verkürzend wirkt. Sontags Notizbücher, in denen auch die klassischen Cahier-Schreiber Cioran und Valéry ihren fixen Platz haben, scheinen in ihrer offenen Form eher Denkwerkstätten zu sein: Da finden sich Fragen nach einer sich zu erarbeitenden Poetik oder erste Ansätze zu vielen (auch unrealisierten) Projekten ebenso wie lange Listen mit Lektüren, Filmen und Anweisungen an sich selbst. Dass Sontag auf den sperrigen Begriff des Enchiridions, eines "Handbuchs oder Überlebensfibel" zu schreiben kommt, erscheint da wenig zufällig. Die Notizbücher Sontags sind nicht zuletzt Teil einer Selbstbildung und "systematischen Selbsterkundung", sie sind Ausdruck einer sich verändernden Haltung und einem spannend zu lesenden Ringen um ein von Widersprüchen und Wünschen zerrissenes Selbst. Der Faktor Arbeit ist für Sontag im schreibenden Abtasten ihrer "Verzweiflungsgewohnheiten" zentral: Die Motti reichen hier von "Ich muss arbeiten" bis "Ich will auch etwas Bedeutendes schreiben". Das Hinarbeiten auf den großen US-amerikanischen Roman, eine Form die sie modernisieren und "in filmischen Begriffen denken" wollte, war ihr mit "Death Kit" noch nicht vergönnt. Erst spätere Werke wie "The Volcano Lovers" und das mit dem National Book Award ausgezeichnete "America" sollten sie mit dieser Kränkung aussöhnen.

"Ich schreibe, um herauszufinden, was ich denke" ist eine Einladung in eine turbulente Werkstatt des Denkens und Fühlens, das Dokument eines Lebens und nicht zuletzt auch die zutiefst private Chronik einer kulturellen Ära aus der Sicht einer ihrer zentralen Protagonistinnen. Mit der Veröffentlichung von Sontags Tagebüchern wird eine bewundernswerte, doch nichtsdestotrotz problematische Untrennbarkeit von Schreiben und Leben zelebriert, die sich nicht mit der simplen Übertragung von Ereignissen in Schrift genügt. Vielmehr schält sich Seite für Seite eine radikale existenzielle Form heraus, die abseits aller Lustfeindlichkeit in der Kunst den "höchsten Zustand von allem" sieht und sich dem Wunsch nach "mehr sehen" unterwirft. Wenn Sontag in einem Nebensatz Wahnsinnige als "Menschen, die alleine dastehen + brennen" beschreibt, liegt die Vermutung nahe, auch hier eine ihrer zahlreichen Selbstdefinitionen vor sich zu haben.

Dass die Tagebücher nur sehr behutsam ediert und so gut wie gar nicht kommentiert sind, macht es mitunter etwas schwierig, alle Einträge immer den entsprechenden Ereignissen in Sontags Lebensverlauf zuzuordnen. Vielleicht ist diese Herausgeberentscheidung aber einfach auch schlicht anzuerkennen und – ganz im Sinne Sontags – als Aufforderung zur weiteren, intensiveren Beschäftigung mit dieser Schwierigen zu verstehen. Was mit "Wiedergeboren" schon angedeutet wurde, hat sich mit dem vorliegenden Band nun bestätigt: Susan Sontags Tagebücher sind ein wesentlicher Teil ihres Werks – und ein Lesevergnügen, das tatsächlich die Bezeichnung der Entdeckung verdient.

Tags

susan sontag, denkwerkstatt, tagebücher, ästhetik, poetik