Neue Medien

2/2014 - Potenziale digitaler Medienkunst

Musen und Sirenen – Ein Essay über das Leben als Spiel

von Martin Poltrum

AutorIn: Paul Winkler

Martin Poltrum begreift das Leben auf unterschiedlichsten Ebenen als Spiel, in dem es immer auch um Philosophie geht. Paul Winkler hat seine jüngste Publikation eingehend studiert und rezensiert sie spielerisch für die LeserInnen der MEDIENIMPULSE.

Abstract

Über das Leben als Spiel und den Wert der Philosophie reflektiert Martin Poltrum. Mit spielerischer Leichtigkeit widmet er sich Gedankenexperimenten zum Komplex Leben – Philosophie – Spiel und gibt daraus abgeleitete Ratschläge verpackt im philosophischen Essay seiner Tochter, der das Buch gewidmet ist, mit auf den Weg. Auf zwischenzeitlich sehr universalistische Weise wird das Spiel als zentrales Prinzip des Lebens dargestellt, wofür die großen Philosophen als theoretische Grundlage dienen.


Verlag: Pabst Science Publishers
Erscheinungsort: Lengerich
Erscheinungsjahr: 2013
SBN: 978-3-89967-838-3

In seinem bündigen philosophischen Essay stellt der Philosoph und Psychotherapeut Dr. Martin Poltrum, der sich vor allem mit Suchterkrankungen auseinandersetzt, bereits in der Widmung klar, dass ihm auf der Suche nach Antworten auf Fragen des Lebens die Philosophen, die schon ein Leben hinter sich gebracht haben, aber durch ihr schriftliches Erbe lebendige Gesprächspartner sind, als theoretischer Grundstoff dienen. Wie viele von ihnen misst auch der Autor dem Spiel besondere Bedeutung innerhalb des Daseins zu, was Grund genug zu sein scheint, es zum zentralen Prinzip des Lebens zu erheben. Ausgehend von Wortspielen zum Begriff "Spiel" spannt der Autor in neun Kapiteln einen Bogen über diverse Lebenssituationen vom Heranwachsen bis zum Tod, die er nicht immer ganz konsequent mit seiner Konzeption "Spiel" verknüpft.

So widmet sich Poltrum dem Ernst als Bedingung des Spiels und Voraussetzung der Kultur, der Schönheit, Freiheit und dem Wesen der Liebe als Lustspiel, dem Trauerspiel, das allem Schönen in dessen Ende bereits innewohnt, der Versöhnung am Beispiel der Phrase "Spiel’s noch einmal, Sam" und dem zugehörigen Filmklassiker, dem Heimspiel mit Fokus auf Schicksal und Freiheit sowie der Theorie des deus ludens und damit verwobenen philosophischen und psychologischen Religionszugängen. Auch widmet er sich innerhalb der Metaphern Musen und Sirenen der glücklichen Selbstvergessenheit im Spiel einerseits und dem Kontrollverlust andererseits, der Spielgefährten in Zusammenhang mit Machtstrukturen und der Übernahme von Verantwortung und zuletzt dem Endspiel als Synonym für philosophische Überlegungen zum Tod.

Seiner Konzeption von Spiel widmet sich Poltrum ausgehend vom darin enthaltenen Ernst als condicio sine qua non. Das richtige Verhältnis zwischen Freiheit und Ernst führe auch zu einem Leben als Spiel, welches in einem universalen Ausmaß alle Lebensbereiche vereinnahme. In Anlehnung an Freuds fragwürdiger Theorie, nach welcher Heranwachsende aufhören zu spielen, wird das Bild eines Menschen gezeichnet, der sich das Spielen verbietet und nur über Transformationen des kindlichen Spiels den – nach Nietzsche notwendigen, weil zwischen Tief- und Leichtsinn ausbalancierenden – Spielernst wiederfinden kann. Über Huizingas Theorie des heiligen Ernstes, der das Spiel tendenziell auf Lustvergessenheit ausrichtet, werden Phänomene des Zwanges aus dem Spiel begriffen und schließlich alle Kultur darauf zurückgeführt.

Die Schönheit – so Schiller – sorge für die nötige Harmonie zwischen ernsthafter Vernunft und lustvollem Spiel. Mit loser Verknüpfung zum zentralen Thema widmet sich der Autor in Abschnitt zwei dieser harmonisierenden Schönheit als Tochter der Freiheit und ihrem Widerhall in der Kunst als freies Spiel zwischen Einbildungskraft und Verstand. Ähnlich tritt der Eros als Dolmetscher zwischen Mensch und Transzendenz in Szene, wenn über das Wesen der Liebe reflektiert wird, bevor Platon folgend die Schönheit auf eine wahrheitsenthüllende Form der Erkenntnis bezogen wird.

Dem Trauerspiel nähert sich Poltrum über die Tragik, die dem Schönen durch dessen Ende inhärent ist, es jedoch gleichzeitig bedingt. Ausgehend von dieser Überlegung nähert sich der Autor dem Liebesspiel, das im Liebeskummer, in der Sehnsucht, in der Eifersucht, durch Desinteresse, oder durch den Tod zum Trauerspiel verkommen kann, wobei sich die Ausführungen an den Erzählungen von Hölderlin und Susette, sowie Orpheus und Eurydike orientieren.

Dem teils kurz nacherzählten Plot des berühmten Filmklassikers Casablanca folgend bringt Poltrum seine beiden vorangegangenen Kapitel im Themenkomplex der Versöhnung zu einer Synthese. In diesem Zusammenhang wird die Thematik der hegelschen Tragik einer existenzbedingten schuldlosen Schuld aufgegriffen, die den Protagonisten durch äußere Umstände ein Ausleben ihrer Liebe verwehrt, um die echte ewige Liebe in ihrer Erinnerung bewahren zu können.

Über dieses Drama wendet sich der Autor in Kapitel fünf mit der antiken Tragödie Vorherbestimmtheit und Freiheit zu und fragt, wie man innerhalb dieser Sphären im Leben heimisch werden könne. Der Existenzphilosophie folgend, spare eine klare Trennung dieser Bereiche Lebensenergie ein. Ähnlich findet auch die Stoa in der hinnehmenden Haltung aufgrund des Wissens um eine göttliche planerische Ordnung eine Heimat. Der Initiativkraft widmet sich der Autor in Anlehnung an Hannah Arendt als Voraussetzung von Geschichte, wobei sich diese – so Schlegel – rückwärtsgewandten Philosophen erst in retrospektiver Erkenntnis offenbart, womit sich dem Autor der Kreis zur Tragödie schließt und er die Frage in den Raum stellt, ob es zeitweise sinnvoll wäre sich der Fügung zu beugen.

Dem ewigen Leben, sowie philosophischen und psychoanalytischen Religionszugängen nähert sich Poltrum über sein bevorzugtes Bild des deus ludens und dem sich selbst genügenden Spiel als vollkommene Anwendung für einen sich spielerisch erhaltenden Kosmos. Die historisch-materialistische Perspektive wird über Marx’ Theorie des Revolutionsnarkotikums und über Feuerbach beleuchtet, dem der Mensch dem Menschen ohne Umweg über Kirchen Gott sein kann. Nietzsche unterstellt christlicher und sokratischer Lehre schließlich suizidale Todessehnsucht, wogegen nur Kunst und Schönheit ästhetische Rechtfertigung des sich selbst gebärenden Kunstwerks Leben seien.

Der Bezug auf die im Titel erwähnten Metaphern Musen und Sirenen markiert das siebte Kapitel in welchem der Autor als Kernpunkt seines Werkes auf Suchtstörungen eingeht. Freuds Theorie der Ur-Sucht wird auf die Spielsucht als solche abgeändert und dem Attraktor Rausch zentrale Bedeutung zugeschrieben. Es bedarf pathologischer Reproduktion, wenn der Spielcharakter des Lebens abhanden gekommen ist. Wieder geht es dem Autor darum, die Bedeutung der Balance zwischen Vernunft und Kontrollverlust darzustellen. Rauschzwänge – dargestellt als Ruf der Sirenen – werden der Hingabe an museale Inspirationsmächte als kontrollierte Ekstase gegenübergestellt, die parallel zur Ästhetik der ontologisch mächtigeren Musen eine Wiederbelebung des substanzfreien Rausches herbeiführt und das Leben wieder Spiel werden lässt.

Ausgehend von den diversen Weisen zu lieben, nimmt Poltrum im achten Punkt auf Freunde als Spielgefährten Bezug, deren Verständnis erst über ein Entgegenkommen möglich wird. Dabei widmet sich Poltrum angesichts verschiedener Theorien der Machtstrukturen auch Hegel, Marx und Nietzsche, die eine Entfremdung von Gefährten in Herren und Knechte und von Menschen zu Arbeit und Leben thematisieren. Dabei wird auch die utopische Gesellschaft durch die Indifferenz von Arbeit und Spiel beziehungsweise Kunst und Leben beschrieben. Bis dahin wirke nach Nietzsche eine unehrlich gemeinte Moral als Rache der Unterdrückten an den Herren, die den Menschen in Verantwortungslosigkeit und Flucht in die Opferrolle zum Spielverderber mutieren lässt. Anerkennung und Respekt gegenüber dem Nächsten und dem was ihm heilig ist könne Machtspielen Einhalt gebieten.

Im letzten Kapitel wird der Tod als Faktum und Übergang und die Frage nach dem Danach erörtert. Dabei könne der bewusste Umgang mit dem Tod als Ratgeber für ein verantwortungsvolleres Leben, oder als Therapeut gegen Leistungsdruck fungieren. Lebenssinn findet der Autor gerade in der Vergänglichkeit und dem einhergehenden Schaffenszwang, wobei er sich der damit verbundenen Suizidfrage aus Perspektiven wie Freiheit, Gotteswillen, Selbsterhaltungstrieb, Planungsmöglichkeit oder Trostmittel stellt. Den Themenbereich Inkarnation betretend, könne der Sinnfrage eines wiederkehrenden Lebens nur die (Lebens-)Kunst als Erlösung antworten. Dem Jenseits wird sich über Schwellenerfahrungen der Schönheit und Dankbarkeit im momentum des Entzugs angenähert, bevor abschließend noch einmal der Wert der Philosophie betont wird, wobei Martin Poltrum einige Verwirrung stiftet, indem er bereits verstorbene Philosophen als Gesprächspartner über ihr bereits gelebtes Leben ins Feld führt. Ihre schriftlichen Hinterlassenschaften entstanden jedoch zu Lebzeiten ohne noch hinter die Kulissen des Lebens geblickt zu haben, womit ihnen ein diesbezügliches background-Wissen entbehrt. Ausgehend von diesem missglückten philosophischen Kunstgriff hat der Autor jedoch einen eleganten Bogen über diverse Lebenssituationen vom Kindesalter bis zum Tod gespannt. Eher sprunghaft argumentiert, mit zuweilen sehr losen Verknüpfungen zu seiner zentralen Thematik und einer Neigung abzuschweifen, legt Poltrum einen dünnen Faden durch eine Vielzahl von Phänomenen, die den Komplex Leben – Philosophie – Spiel betreffen. Dabei hält der Autor aber nur das ein, was der Titel seines Werkes verspricht – denn es handelt sich um ein Essay (!) zu philosophischen Fragen des Lebens, zu denen weder definitive Antworten gefunden werden können noch sollen. Mag auch die eine oder andere Verknüpfung künstlich wirken und manches Argument Widerspruch herausfordern, gelingt es Poltrum immer wieder zu eigenen Gedanken zum jeweiligen Topic anzuregen, da sich der Leser in den zumal fremd wirkenden philosophisch-psychoanalytischen Zugängen oft wiederfindet.

Im Zusammenhang Leben und Spiel als zentrales Prinzip seiner Ausführungen bleibt Poltrum eingangs mehr als vage. Erst im Verlauf der Lektüre werden diesbezügliche Verlinkungen manchmal klarer, manchmal eher gekünstelt über Wortspiele hergestellt, wobei der lockere intertextuelle Umgang mit der Begriffsbeziehung Leben und Spiel sicherlich ungewollt an manchen Stellen an den Slogan eines Wettanbieters zu erinnern scheint, wonach das Leben ein Spiel sei. Des Öfteren kann sich der Leser während der Lektüre zudem schwerlich dem Gefühl entziehen elterliche Ratschläge – verkleidet im philosophisch-psychologischen Kostüm – vor sich zu haben, denen Anekdoten oder Phrasen großer Philosophen und Psychologen Wirkung verleihen sollen. Das belehrende Ziel lässt dem Prinzip Spiel universale Anwendung widerfahren, indem es synonym zu Schönheit, Kunst , Freiheit, Leichtigkeit, Musik oder Liebe und schließlich zum gesamten Leben verwandt wird. In diesem Universalismus beginnt sich der Begriff Spiel aufzulösen, was erklären könnte, warum der Autor zu Beginn seines Werkes erst gar nicht versucht, den Bezug zwischen Leben und Spiel herzustellen.

Martin Poltrums Werk Musen und Sirenen – Ein Essay über das Leben als Spiel präsentiert jedoch insgesamt auf positiv verspielte Weise ein buntes Bild diverser Facetten des Daseins. Mit etwas nötigem spielerischen Leichtsinn gelesen, kann es als das aufgenommen werden was es ist – ein Essay, das mit seiner locker geknüpften Argumentationsweise und seinen philosophischen und psychologischen Gedankenspielen auch mit der Leserschaft spielt, ihr im Gegenzug neue Zugänge dafür anbietet und insgesamt Lust auf eine vertiefende Auseinandersetzung mit eröffneten Topics zum Leben als Spiel macht.

Tags

leben, spiel, philosophie, philosophiegeschichte, homo ludens