Neue Medien

2/2014 - Potenziale digitaler Medienkunst

Das Hohe Haus. Ein Jahr im Parlament

von Roger Willemsen

AutorIn: Raffaela Rogy

Im Jahr 2013 entstanden rund 50.000 Seiten Parlamentsprotokolle im Deutschen Bundestag. Diesen gesellen sich rund 400 lesenwerte Seiten hinzu, die nun in Buchform erschienen sind und aus der Feder des analysierenden Protokollanten Roger Willemsen stammen.

Verlag: S. Fischer
Erscheinungsort: Frankfurt am Main
Erscheinungsjahr: 2014
ISBN: 978-3-10-092109-3

Sitzungswoche für Sitzungswoche fuhr Roger Willemsen 2013 nach Berlin um dem Deutschen Bundestag beizuwohnen. Er beobachtete ein ganzes Jahr von der Zuschauertribühne aus das parlamentarische Treiben und vermied es, Interviews mit den Abgeordneten der deutschen Bundesregierung zu führen. Willemsens einziges Werkzeug war seine Beobachtungsgabe, denn er sah sich in der Rolle des Bürgers und nicht des Journalisten. Aus diesem einjährigen Parlamentsbesuch enstandt eine besondere Protokollschrift, die den Titel "Das Hohe Haus. Ein Jahr im Parlament" trägt und in der Roger Willemsen tagebuchähnlich jede seiner besuchten Parlamentssitzungen schildert. Willemsens neuestes Buch hätte genauso gut "Das Hohe Wort" lauten können, denn kaum ein anderer versteht es so gut wie er Beobachtetes in Worte zu transformieren, ohne dass dabei leere Worthülsen übrig bleiben. Diese Sprachakzentuierung verrät die Stärke des vorliegenden Buches, wenn der Autor beispielsweise über Angela Merkel schreibt: "Linguistisch würde man sagen, bei ihr wird der Sprechakt nur bezeichnet, nicht durchgeführt. Sie sagt, dass sie sagt, was sie gesagt hat. Auch in dieser elliptischen Form verrät sich ein politischer Stil." (S. 82f)

Dem Lesevergnügen, das auf Willemsens Beschreibungskunst beruht, steht stets ein ernüchternder Inhalt, der vom deutschen Bundestag ausgeht, gegenüber. Zwar erkennt Roger Willemsen in den verschiedenen Sitzungen etwa glaubwürdige Reden, Momente des gemeinsamen Engagements sowie zutiefst menschliche Gesten, diese bilden allerdings nur kleine Oasen in der sonst eher kargen Parlamentswüste. Die meisten Entscheidungen sind bereits getroffen, bevor sie im Plenarsaal diskutiert werden. Fraktionszwang, mangelnde Aufmerksamkeit und Ignoranz gegenüber MitgliederInnen anderer Parteien stehen ebenso auf der Tagesordnung wie ein deutlicher Verfall der Debattenkultur im Deutschen Bundestag. Gregor Gysi (DIE LINKE) ist beispielsweise einer der wenigen Universalisten, so Willemsen, der sich den schützenden Blicken der eigenen Partei entzieht und sich auch anderen Fraktionen zuwendet. Ebenso wird der Blick zur Tribüne – also zum Volk – von den wenigsten der ParlamentarierInnen gestreift. Der Kontakt zum Volk und das Verkünden von Entschlüssen habe sich vom Parlament in das Medium der Talkshow verlegt, stellt Roger Willemsen weiter fest, der in Anbetracht dessen auch Politcharakteren Tribut zollt, die ein starkes Auftreten im Bundestag haben, deren Ansichten jedoch Willemesen persönlich missfallen.

2013 war ein Politjahr indem es in Deutschland u. a. um den NSU-Unterssuchungsausschuss sowie um Steuererhöhung ging, eine neue Regierungsbildung stattfand und die FDP aus dem Bundestag ausziehen musste. Dank Roger Willemsen bekommt man ein Gefühl für die Stimmungslage des Parlaments im Jahre 2013 die zweifelsfrei einen langen Atem abverlangt jedoch mit Anekdoten und präzisen Wortbildern belohnt wird. Nicht nur ein Hinterraum der üblichen Parlamentsberichterstattung wird der Leserschaft von "Das Hohe Haus. Ein Jahr im Parlament" geöffnet, ebenso kann der Raum hinter den Kulissen des Buches betreten werden, ist es doch einem Mann gewidmet, der politische Aufklärung wie kein zweiter betrieben hat, in enger Verbundenheit mit dem Autor Roger Willemsen stand und 2013 verstarb: Dieter Hildebrandt.

Tags

willemsen, bundestag, politik, politische rhetorik, sitzungen