Neue Medien

2/2014 - Potenziale digitaler Medienkunst

Charlie Chaplin in Deutschland 1915–1924. Der Tramp kommt ins Kino.

von Norbert Aping

AutorIn: Günter Krenn

Norbert Aping legt ein weiteres, detailreiches Buch über Charlie Chaplin vor. Der renommierte Filmhistoriker und Romy-Schneider-Biograf Günter Krenn hat den Band für die MEDIENIMPULSE rezensiert und führt so ein wichtiges Stück Filmgeschichte vor Augen.

Verlag: Schüren
Erscheinungsort: Marburg
Erscheinungsjahr: 2014
ISBN: 978-3-89472-880-9

Filmkritiker und/oder -ästheten sind an reflexive Betrachtungen gebunden, ihre Arbeit setzt das Ansehen eines kompletten Films voraus. Dieser für jegliche komparative Betrachtungsweise notwendige Materialismus funktioniert in allen zeitgeschichtlichen Belangen, lässt sich allerdings bei weiter zurückliegenden Filmproduktionen oft nicht anwenden. Filmforscher und -historiker, die sich mit Vergangenem und Unauffindbarem beschäftigen, sind oft mit dem postmodern gemeinten Vorwurf der progressiven Musealisierung von Forschungsobjekten konfrontiert. Wie sich jedoch immer wieder zeigt, sind solche Studien nicht nur nützlich, sondern liefern bisweilen essenzielle Informationen. Filmgeschichte umfasst nicht nur belichtete Filmstreifen, sondern setzt sich aus verschiedenartigen Komponenten zusammen, von denen sich einige nicht im Endprodukt Film, sondern vor allem in Begleitmaterialien auf Papier manifestiert haben. In diesen reflektiert sich die Wirkung des Films auf die Welt und ein Widerschein jener Zeit, in der er entstanden ist. In der Spiegelung erkennt man, manchmal vage, manchmal deutlicher, das die Reflexion bedingende Original, und nicht selten mehr von den Zeitumständen als in manch anderer (film-)historischen Studie. Es empfiehlt sich somit, nicht nur rein ästhetische oder wissenschaftstheoretische Filmgeschichtsschreibung zu betreiben, sondern auch ökonomische, technische, soziale und regionale Komponenten zu untersuchen. Zu den Forschern, die diesem Credo folgen und denen dadurch wesentliche Beiträge zur neueren Filmgeschichtsschreibung gelingen, zählt der Deutsche Norbert Aping, der hauptberuflich das Amtsgericht von Buxtehude leitet. Sein akribisch recherchiertes Buch zur deutschen Rezeption des Phänomens Laurel & Hardy sorgte 2007 für Aufsehen bei Fans und in der Fachwelt. Vier Jahre später folgte mit "Liberty Schtunk!" eine Auseinandersetzung mit dem Phänomen Chaplin im Dritten Reich.

2014 erschien mit "Charlie Chaplin in Deutschland" ein weiterer Band, der den Zeitraum zwischen 1915 und 1924 genauer betrachtet. "Der Tramp kommt ins Kino", so der Untertitel, erzählt die faszinierende Geschichte, wie lange es gedauert hat, bis der britische Komiker am Ende des Deutschen Kaiserreichs und zu Beginn der Weimarer Republik wahrgenommen und akzeptiert wurde. Chaplins Filme erreichten Deutschland oft erst mit bis zu sieben Jahren Verspätung. Ein Grund für das jahrelange Warten des deutschsprachigen Publikum auf den Kontakt mit den im Ausland längst akklamierten Produktionen war eine rigide Einfuhrbeschränkung amerikanischen Filmmaterials nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland. Während Chaplin ab 1914 Filme in den USA drehte, dauerte es bis 1921, ehe seine Werke ihren ersten offiziellen Kinostart in Deutschland erlebten. Wie Apings Buch zeigt, warf das internationale Phänomen jedoch bereits in den Jahren davor seine Schatten auf Deutschland. Beispiele dafür findet man in der äußerst facettenreichen Zeitungs-Medienlandschaft jener Zeit, die vom Autor nach allen Spuren untersucht wurden, die Chaplins Ankunft vorbereiteten und begleiteten. Von dem "populären" und sogar "größten Filmkomiker der Gegenwart" hatte man in der Weimarer Republik immerhin mehrfach gelesen, ohne jedoch seine Filme zu kennen, ihn dabei unter anderem für einen Spanier gehalten. Den Anfang von Chaplins deutscher Filmkarriere machten 1919 importierte US-Zeichentrickfilme rund um seine Tramp-Figur, kurz danach erlebte man in Deutschland nationale und internationale Imitatoren seines Spielstils, was die Bedeutung des Komikers unterstrich und die Neugier auf eine Erstbegegnung schürte. Manche Imitatoren traten vor Kinovorführungen auf, gaben dabei sogar vor, das Original zu sein. Währendessen verlangten vor allem Künstler und Literaten in Deutschland längst nach den Originalfilmen. "Und wie wir erst vergnügt wären wenn Chaplin herkommt", schrieb Kurt Tucholsky unter seinem Pseudonym Peter Panther, "[…] er brächte frisches Blut und frischen Wind mit". Tucholsky nannte Chaplin denn auch den "berühmtesten Mann der Welt."

Norbert Apings Studie untersucht das Phänomen der frühen Chaplin-Rezeption in Deutschland mit Akribie, zeigt, wie ein bis dato unbekannter Star in den Fachzeitschriften langsam Kontur annimmt, man sich neben Künstlerischem zunehmend für Menschliches und Allzumenschliches zu interessieren beginnt. Plötzlich wird Chaplins Scheidung 1920 Zeitungsstoff, werden ihm freundliche und weniger sympathische Zitate zugeschrieben. Abseits des Pressespiegels forschte Aping nach den Kinos, in denen Chaplins Filme erstmals liefen, fragte nach den Publikumsschichten, auf die dort abgezielt wurde. "Charlie Chaplin in Deutschland" liefert somit vergangene Zeitgeschichte von innen her erzählt. Es berücksichtigt Reaktionen auf Zwischentitel, Zensurbedenken gegen den Welterfolg "The Kid", schildert die absurden Angriffe wegen angeblicher "Deutschfeindlichkeit" Chaplins in seinem Antikriegsfilm "Shoulder Arms", der 1918 entstand. "Nie wieder Filme, in denen Chaplin auftritt!" forderten die Bremer Nachrichten 1921 unter dem unausbleiblichen Beifall deutschnationaler Kreise. Im selben Jahr kam die erste deutsche Chaplin-Biographie auf den Markt, die allerdings nicht, wie der Titel versprach, "von ihm selbst erzählt", sondern von einem deutschen Journalisten nachgedichtet worden war. Mit einem Buchverweis in eigener Sache kann Aping sein Werk auch beschließen, er verspricht: "Fortsetzung folgt". Schließlich gibt es ja bereits das Sequel "Liberty Schtunk!" und es ist zu hoffen, dass Aping Chaplins Weg in Deutschland auch in den Jahren ab 1925 noch erforschen und belegen wird.

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charlie chaplin, film, filmgeschichte