Neue Medien

1/2014 - Display/Aktuelle Dynamiken und Herausforderungen kuratorischer und vermittelnder Praxis

Rezension: Anna Hofmann, Martina Lassacher (Hg.): KINO erleben und begreifen Filmanalyse mit Kindern und Jugendlichen

AutorIn: Susanne Krucsay

Susanne Krucsay rezensiert eine Publikation, die sich dem Erleben und Begreifen von Film und Kino auf der Ebene der konkreten Unterrichtspraxis widmet. Anna Hofmann und Martina Lassacher führen dabei auch in die medienpädagogisch relevanten Grundlagen der Filmanalyse ein.

Verlag: Facultas
Erscheinungsort: Wien
Erscheinungsjahr: 2013
ISBN: 978-3708910666

Die Gestaltung der Titelseite des hier besprochenen Bandes fasst das ehrgeizige Vorhaben auf den ersten Blick sichtbar zusammen: Zunächst geht es um einen Ort, großmächtig herrscht das KINO über die übrigen Zielrichtungen. Geht es um das Erleben eines Filmes im Kino? Dass dieses Erleben ein anderes ist als in der Schule braucht nicht eigens erwähnt zu werden, die Herausgeberinnen verweisen zu Recht auf die emotionale Komponente bei einem Kinobesuch. Doch dabei bleibt es nicht – die anderen Wegweiser auf dem Titelblatt nennen gleich neben dem Erleben das Begreifen. Es geht also in diesem Leitfaden zur Filmbildung für Kinder und Jugendliche von 6–14 Jahren um eine wichtige Handreichung zu einem reflexiven Umgang mit dem Spielfilm als Text. Spielerisch, aber deshalb nicht weniger gründlich, werden den Kindern und Jugendlichen die wesentlichen Komponenten des Filmtextes, wie z. B. Licht, Ton, Farbe, Schnitt, Perspektive vorgestellt. Es bleibt nicht bei der Analyse, die spannende Befassung mit den Bausteinen wird so manche Filmbegeisterte verlocken, selbst tätig zu werden. Filmanalyse sowie professionell verfasste Filmkritik bieten sich an; bei fächerübergreifenden Projekten kann die Arbeit an einem Drehbuch zur Umsetzung zu einem Film führen. Also muss es nicht immer das Kino sein – zu Recht verweisen die Herausgeberinnen auf die stiefmütterliche Position des Films in der Schule, die unzureichende, ja, nicht existente Ausbildung der Lehrenden mit Filmsprachen, die neben organisatorischen Rahmenbedingungen die Hauptursache für das Ignorieren eines der wichtigsten Medien der Kinder und Jugendlichen ist.

Das Buch bietet neben einer Reihe von Werkzeugen zur Filmanalyse auch Beispiele aus Deutschland, den Niederlanden und Großbritannien. Besonders das letztgenannte Land begreift den Film als einen Text, eine Grundlage, die Lassacher in ihrem Beitrag zur Analyse verwendet, wenn sie vom Filmtext spricht. Es ist – das ist eine persönliche Anmerkung der Rezensentin – verwunderlich, dass es in den – salopp gesprochen – letzten 20 Jahren nicht möglich war, in den Köpfen der für Deutschdidaktik Zuständigen auf der Basis der Kulturwissenschaften den Textbegriff zu erweitern. „Bilder haben keine Inhalte, sie sind bloß Illustrationen von geschriebenen Texten.“ Diese flapsige Charakterisierung von Bildern ist nicht erfunden, sie fiel vor wenigen Jahren in einer hitzigen Diskussion mit SchulbuchproduzentInnen über die Auswahl von Bildern in Schulbüchern. Ist es da verwunderlich, dass Bilder – ob unbewegt oder bewegt – in der Bildungs- und Kompetenzdiskussion immer noch stiefmütterlich behandelt werden?

Während sich die Palette von Sprachtexten, mit denen sich SchülerInnen im Deutschunterricht reflektierend auseinandersetzen, erweitert hat und die Befassung damit zu einer verstärkten Rekonstruktion von Alltagspraktiken unter dem Begriff ‚linguistic turn‘ führt, hinkt die Anerkennung der Eigengesetzlichkeit von Bildtexten deutlich nach. Vergeblich sucht man in den Vorschlägen der Neuen Matura im Unterrichtsgegenstand Deutsch nach Bildtexten. Offenbar ist also auch in der Prüfungskultur, die sich den Nachweis von Kompetenzen als Ziel gesetzt hat, die vielbeschworene Medienkompetenz genauso ein Stiefkind, wie es ihr begrifflicher Vorläufer, die Medienerziehung war. Dass diese Kompetenz im Maturaprogramm fehlt, ist eigentlich logisch: Wie sollten SchülerInnen sich mit Bildern qualitativ auseinandersetzen, wenn systematische Bildinterpretation in der LehrerInnenausbildung, wenn überhaupt, einen marginalen Platz einnimmt? Also lässt der ‚iconic turn‘ trotz Bilderflut noch auf sich warten.

Umso wichtiger ist die Auseinandersetzung mit den in diesem Band versammelten Beispielen, die die Herausgeberinnen sorgsam ausgesucht haben. Darüber hinaus bietet dieses Buch zur Filmbildung auch Anregungen zur Abfassung einer Filmkritik. Und last but not least gibt es Tipps, wie man eigene Ideen in einem kurzen Film selbst umsetzen kann – der Mehrwert einer eigenen Filmproduktion und ihrer Reflexion ist für die Kinder und die Lehrenden ein nicht zu unterschätzender Zugewinn.

Im Anhang finden sich Arbeitsblätter, ein Glossar der Fachausdrücke sowie eine Empfehlungsliste von entsprechenden Filmen. Die Rezensentin kann die Lektüre nur wärmstens empfehlen.

Hofmann, Anna/Lassacher, Martina (Hg.) (2013): KINO erleben und begreifen. Filmanalyse mit Kindern und Jugendlichen, Wien: Facultas, 175 Seiten.

Tags

film, kino, filmbildung