Editorial

1/2014 - Display/Aktuelle Dynamiken und Herausforderungen kuratorischer und vermittelnder Praxis

Editorial 1/2014: Display. Aktuelle Dynamiken und Herausforderungen kuratorischer und vermittelnder Praxis

AutorInnen: Thomas Ballhausen / Alessandro Barberi / Ruth Sonderegger

Editorial 1/2014

Das Medium des Displays ist als Teil kuratorischer und vermittelnder Ansätze in den letzten Jahren zusehends diskutiert worden. Die Bedeutungszuschreibungen sind ebenso zahlreich wie die damit verbundenen Erwartungshaltungen: So kann das Display – abhängig von theoretischer Fundierung und gelebter Praxis – Installation, designte Gestaltung oder architektonischer Ausdruck gebauten oder gestalteten Raums sein. Zentral erscheint dabei das mit dem Display verbundene Moment der (medialen) Wahrnehmung. Denn nicht zuletzt durch die Möglichkeiten der Neuen Medien und durch die Transformationen kuratorischer Prinzipien zeichnet sich eine deutliche Veränderung im (ästhetischen und praktischen) Umgang mit dem Display ab.

Dabei erweist sich das Display auch als medienpädagogische Herausforderung, die als Option der Öffnung und der Entfaltung verstanden werden will. Es ist in seinen vielfältigen Funktionen bzw. Funktionszuschreibungen in einen medialen Verbund der Vermittlung, Sensibilisierung und Repräsentation eingebettet, der auch in pädagogischen Situationen dazu anregt, es nicht auf die Rolle der Oberfläche zu limitieren, sondern vielmehr auch im Sinne einer avancierten Mediensozioloige als Interface und Schnittstelle diskutierbar zu machen. Im Spannungsverhältnis von Aufmerksamkeit und Öffentlichkeit wird dabei auch im schulischen Kontext ein Spiel mit dem Display angeregt, ein ambitioniertes Ausstellen, das beispielsweise Positionierungsarbeit, die Reflexion von Präsentation/Repräsentation oder diskursstiftende didaktische Impulse befördert. Mögliche Fragestellungen, die im Vorfeld dieser Ausgabe gestellt wurden, waren deshalb:

  • Wie hat sich die klassische Vermittlungsarbeit im Feld der Kunst angesichts des Displays verändern müssen, um zeitgerecht und aktuell zu bleiben? Wie verschieben sich durch die Nutzung des Displays die klassischen Formen künstlerischer Repräsentation?

  • Wie hat sich die zunehmende Reflexion und Diskussion des Displays im Rahmen der Medienpädagogik und hinsichtlich des konkreten Unterrichts ausgewirkt? Welche medienpädagogischen oder theoretischen Verschiebungen hat das Display bewirkt?

  • Wie ist die Neubewertung eines sich verändernden Begriffs von Öffentlichkeit hinsichtlich des Displays einzustufen? Wie wird Interaktivität angesichts des Displays herausgefordert und welche Rolle spielt dabei der Bereich der Partizipation?

Fragen, die das Problemfeld des Displays in diesem Sinne umkreisen, stellten die Herausgeber im Vorfeld dieser Ausgabe zur Diskussion und können nun mit der Schwerpunktausgabe >Display. Aktuelle Dynamiken und Herausforderungen kuratorischer und vermittelnder Praxis< einige bemerkenswerte Antworten präsentieren. Dabei sind sich alle AutorInnen des Schwerpunkts darin einig, dass auch das Thema des Displays handlungsorientiert zu erfassen und zu diskutieren ist.

Dies beginnt schon damit, dass Miriam Kathrein in ihrem Beitrag explizit die spezifische Handlungsmacht von Displays betont, die im Rahmen einer Ausstellung wesentlich an der Produktion und Repräsentation des sozialen Raums beteiligt sind und dabei nicht nur einen Informationsträger darstellen. Das Display verbindet sich dabei nicht nur mit der kuratorischen und vermittelnden, sondern vor allem mit der künstlerischen Praxis. Im Rekurs auf Pierre Bourdieus Praxeologie begreift Kathrein deshalb den Ausstellungsraum als einen sozialen Raum von Beziehungen, der aus individuellen Handlungsfeldern besteht, in dem jedoch nicht nur die menschlichen Akteure eine Rolle spielen: Denn nach Bruno Latour können auch Dinge und Displays als Aktanten im Raum begriffen werden. Kathrein untersucht deshalb wie KünstlerInnen, KuratorInnen, TheoretikerInnen, BetrachterInnen, aber gleichermaßen auch Raum, Architektur, Objekte, Dinge, Licht und Display zu miteinander interagierenden AgentInnen im Rahmen der Ausstellung werden. Der traditionelle White Cube – der leere, weiße, quadratische und starre Ausstellungsraum – wird so durch den Einsatz von Displays aufgebrochen und dekonstruiert, indem KünstlerInnen und BetrachterInnen ganz konkret in den ästhetischen (Handlungs-)Raum des Displays eingreifen und mit ihm interagieren. Aus all diesen Gründen greift es nach Kathrein zu kurz, das Display nur als Trägermaterial zu sehen. Es ist vielmehr ein Agent mit eigenem Handlungspotenzial, der auf räumlicher, inhaltlicher und soziopolitischer Ebene Beziehungen zu anderen AgentInnen herstellen kann. Dabei spielt das Display eine eminente Rolle beim Aufbrechen rein statischer (Re)Präsentationsformen nach streng musealischen Strategien und lässt die Kunsträume und das Feld der Kunst offen werden für (praxeologische) Experimente und den Austausch aller beteiligten AkteurInnen; und beteiligt ist eben auch das Display als Akteur im Feld der Kunst.

Der inneren Dynamik des Kunstfeldes ist deshalb auch das Interview gewidmet, das Thomas Ballhausen mit der Wiener Künstlerin Johanna Braun geführt hat, um dabei die inneren Dynamiken kuratorischer Praxis herauszuarbeiten, innerhalb derer Displays allererst erscheinen können: Denn Braun beschreibt eingehend die Rolle und Funktion der KuratorInnen als einflussreiche AkteurInnen der Kunstszene. Der/die KuratorIn ist dabei weder finanziell noch politisch unabhängig und begrenzt so auch die Freiheiten der Kunstausübung. Historisch ist seine Funktion mit dem Kirchenrecht verbunden, in dem er als "Vormund und Pfleger" bestimmt wird, der im Namen der Geistesschwachen und Geisteskranken handelt. Insofern wird auch heute noch der/die KünstlerIn durch die Abhängigkeit des Kurators "pathologisiert" und eingeschränkt. Dabei betont Braun, dass der/die Kuratorin sich mehr und mehr in das Feld der Kunst einschreibt und Kommandofunktionen übernimmt. So wird der Kurator auch zu einem Dompteur im Kunstzirkus. Eine Möglichkeit für die KünstlerInnen, sich ihre Freiheit zu bewahren besteht indes darin, die eigenen Displays selbst zu kuratieren. Braun beschreibt sich so als "kuratierende Produzentin", die den Repräsentationsraum der Ausstellungen als Momentaufnahmen eines Schaffensprozesses und als eine Ansammlung aktueller Fragestellungen und Auseinandersetzungen begreift. Das Interview mit Johanna Braun führt so das Bedingungsgefüge vor Augen, innerhalb dessen ein künstlerisches Display auftauchen und sichtbar werden kann.

Hinsichtlich des Displays im konkreten Unterricht unternimmt Antje Lehn es dann in der Folge, die Spielräume, Rollen und Funktionen schulischer Displays näher unter die Lupe zu nehmen. Denn der Klassenraum ist immer noch in vielen Fällen im Sinne des Frontalunterrichts aufgestellt und wird selbst nicht als Medium begriffen, in dem Displays eine maßgebliche Rolle spielen. Lehn plädiert deshalb dafür, handlungsorientiert und unter der Verwendung von Displays in die Architektur des Klassenraums einzugreifen, um mit den stark reglementierten Gegebenheiten in der Schule anders umzugehen. So hat die Autorin im Rahmen der Ausstellung "Fliegende Klassenzimmer" den Versuch unternommen, verfremdete Schulmöbel zum Gestaltungsprinzip zu erheben. Schülerinnen konnten so gemeinsam mit ArchitektInnen und KünstlerInnen die Klassenräume nach den eigenen Vorstellungen gestalten und wurden unter der Verwendung verschiedener Displays zu AkteurInnen im sie umgebenden Raum. Welches "Display" kann aber nun diese praktische Aneignung des Raums darstellen und sichtbar machen? Seit dem 19. Jahrhundert stellt die Tafel ein wichtiges pädagogisches Display dar. Aber auch Pinnwände, Tageslicht-Projektoren, Beamer oder interaktive Whiteboards stellen inzwischen schulische Displays dar, mit denen Lehrende und Lernende umgehen müssen. Lehn plädiert deshalb dafür, die traditionellen Display-Möglichkeiten der Schule ganz konkret in der Unterrichtspraxis zu erweitern: Denn auch Decken, Wände, Böden, Türen, Möbel, Spiegel, Fenster oder Spinde können als Displays begriffen werden und dabei helfen, den Klassenraum zu einem ergebnisoffenen Handlungsraum werden zu lassen.

Ein sehr nützlicher Beitrag für weitere und eigenständige Forschungen liegt mit der Auswahlbibliografie "Displays" vor, die Thomas Ballhausen und Katharina Kickinger für die LeserInnen der MEDIENIMPULSE erstellt haben. Dabei haben sich die beiden der mühsamen Arbeit unterzogen, den Zeitraum zwischen 2004 und 2013 entlang von drei Fragestellungen zu durchforsten: So findet sich erstens zahlreiche Literatur zu den allgemeinen Themen des Kuratierens, der Displays und der Ausstellungsgestaltung. Zweitens steht so eine bibliografische Liste zu den Themen Neue Medien, Museum im Film und Film als Ausstellungsmedium zur Verfügung. Und drittens können Interessierte sich den Forschungsstand zu den Themen Sammlungspolitik, Aufbewahren und Konservieren bzw. "Sichtbarmachen" im Allgemeinen erarbeiten. Wer zu "Displays" forschen will, findet hier also zahlreiche Einstiegs- und Anknüpfungspunkte.

Aber auch in den anderen Ressorts findet sich die Frage nach dem Display wieder: so kümmert sich Anna Högner in ihrem historischen Beitrag um ein Display, das geschichtlich eine maßgebliche Rolle spielte, inzwischen aber obsolet geworden ist: Die kinematografischen Druckmatern, die bis in die 1970er-Jahre Bestandteil von Werberatschlägen für Kinofilme waren. Im österreichischen Filmmuseum findet sich eine Sammlung von Kinomatern, deren Archiv Högner ausdeutet. Druckmatern wurden neben Plakaten, Standfotos, kurzen Synopsen des Inhaltes und Schlagzeilen beim Release von Filmen mit ausgeliefert. Sie stellen eine mediale Hybridform dar und waren ein materieller Bestandteil des drucktechnischen Vermittlungsvorgangs bei der Bewerbung von Filmen in der Presse. Sie sind mediale Träger und Oberflächen der sozialen und ökonomischen Konfigurationen ihrer Zeit und insofern auch historische Quellen. Dabei rekapituliert die Autorin die Geschichte der technologischen Voraussetzungen der Matern im 19. Jahrhundert (Stereotypie) und zieht einen mediengeschichtlichen Bogen vom Manuskript oder Bild zum Letternsatz oder Klischee bis hin zur Formung der Maternmappe. Insgesamt stellt Högner die Displays der Druck- und Kinomatern als Medienkonzentrat einer bestimmten Zeit dar, weshalb sie auch archivarisch ein ganz besonderes Display darstellen.

Auf die eine oder andere Art und Weise betonen mithin alle Beiträge des Schwerpunkts die Notwendigkeit einer handlungstheoretischen Analyse des Displays, weshalb auch an mehreren Stellen auf die Theorie der Praxis von Pierre Bourdieu verwiesen wird. Insofern stellt der Beitrag von Alessandro Barberi im Ressort Forschung einen Versuch dar, die nicht nur in dieser Schwerpunktausgabe auftauchende Diskussion zur handlungsorientierten Medienpädagogik mediensoziologisch zu konkretisieren. Denn im zweiten Teil (vgl. Teil 1 unter Barberi 2013) seiner Untersuchung hebt der Chefredakteur der MEDIENIMPULSE im Zuge eines Close Readings der Schriften Bourdieus erneut den Umstand hervor, dass die Bourdieusche Bildungssoziologie als "praxeologische Medientheorie" gedeutet werden kann. War es im ersten Teil vor allem der Nachweis, dass Bourdieu Diskurse und Habitusformen als Medien begriffen hat, so handelt dieser Artikel vor allem von der Rolle technischer und institutioneller Medien im Rahmen seiner Kultursoziologie. Denn sowohl Fotografie als auch Fernsehen und Tonbandgeräte werden im Rahmen von Bourdieus Gesamtwerk praxeologisch und d. i. handlungstheoretisch reflektiert und analysiert, weshalb sie einen immensen Fundus für die Medienpädagogik darstellen. Den allgemeinen Abschluss von Barberis Deutung der Bourdieuschen Bildungssoziologie als "praxeologische Medientheorie" stellt dann der Nachweis dar, dass Bourdieu Institutionen wie den Staat oder die Universität als Maschinen und Apparate begriffen hat, die mit Diskursen, Habitusformen und technischen Medien buchstäblich verbunden sind. Damit schließt sich der Kreis und die Bildungssoziologie Bourdieus kann als (eine) Grundlage der sozialwissenschaftlichen Fundierung der Medienpädagogik begriffen werden.

Darüber hinaus freut sich die Redaktion der MEDIENIMPULSE im Ressort Forschung einen bemerkenswerten Beitrag zur österreichischen Film- und Mediengeschichte präsentieren zu können:

Denn Karin Moser führt in ihrem Beitrag vor, wie die Verwendung traditioneller Motive und moderner Mythen im österreichischen Reklamefilm der Milch-, Bier- und Margarineproduktion der 1920er-Jahre verschiedene Wahrheiten über manipulative Beweisführungsstrategien (nicht) nur in die Kinos brachte. Denn die formalen, dramaturgischen und rhetorischen Muster der frühen Werbung – man könnte sagen: der frühen public relations in Österreich –, die Moser eingehend analysiert, wurden auch in einem breiten sozial- und kulturgeschichtlichen Rahmen sichtbar: in Fabriken und Universitäten, öffentlichen Schulen, in Wanderkinos, in der Wiener Urania, bei Messen und Fachtagungen, in Geschäftslokalen und Auslagen oder in Vereinen und Gaststätten. Dabei betont Moser auch Fehlleistungen im Film und zeigt so, dass eine eingehende Beschreibung jeder einzelnen Szene für die Mediengeschichte historisch und methodologisch unabdingbar ist. In der Multifunktionalität des Industriewerbefilms sind – so Moser abschließend – vier zentrale Motive auszumachen, mit denen die Produktargumentation der untersuchten Werbefilme operiert: Technische Innovationskraft und natürlicher Ursprung, exaltiertes Konsumverhalten und gesundheitsfördernde Wirkkraft können so als "soziale Skripte" einer diskursgeschichtlich orientierten Sozial- und Mediengeschichte des Films beschrieben werden.

Zudem hat Christian Berger auch das Ressort Praxis wieder reich bestückt:

Denn Klaudia Mattern rekapituliert in ihrem Beitrag einen Medienworkshop, der vor 10 Jahren gegründet wurde und seitdem verschiedenste Ziel- und Altersgruppen begeistert: Es handelt sich dabei um einen WWWebgame-Workshop, bei dem gemeinsam mit den SchülerInnen ein Blick hinter die Kulissen von Websiten (HTML-Code und Java Script) geworfen wird, um mit diesem Basiswissen selbst in die digitale Welt des Internet einsteigen zu können. Praktisch wird dabei unter Verwendung von freier Software ein OnlineMEMO.Spiel erstellt, mit dem die SchülerInnen bei voller technologischer Unterstützung eigene Motive gestalten und dadurch ihre Medienkompetenz steigern können.

Angelika Hödl und Mirjam Winter berichten dann ganz in diesem Sinne von Radiosendungen, die von SchülerInnen gestaltet und in letzter Zeit mit einem Preis bedacht wurden. Dabei stechen vor allem die Radiofabrik Salzburg und das Kärntner radio AGORA 105,5 hervor, die 2014 mit dem Radiopreis der Erwachsenenbildung ausgezeichnet wurden. Die Produktion von Radiosendungen und -beiträgen von SchülerInnen können es dabei in ihrer Qualität ohne Weiteres mit professionellen Produktionen aufnehmen. Auch so zeigt sich, dass die Freien Radios als unabhängige, gemeinnützige und nichtkommerzielle Institutionen eine immense medienpädagogische Rolle einnehmen, da sie Kindern und Jugendlichen die Produktionsbedingungen im Sinne echter Partizipation zur Verfügung stellen und damit auch demokratiepolitisch von großer Bedeutung sind.

Auch Georg Lindner arbeitet die gewichtigen Vorteile partizipativer Medienproduktion heraus, wenn er hinter die Kulissen eines der wichtigsten Community-Fernsehsenders blickt, um dessen Mechanismen zu beschreiben und zu diskutieren. Seit 2005 setzt Okto auf professionell organisierte Partizipation und bietet dabei Aus- und Weiterbildungsangebote, strukturierte und organisierte Qualitätssicherung und eine professionell agierende Programmkommunikation. Dabei stellt Okto die technische Infrastruktur (Kameras, Schnittplätze, TV-Studio) sowie die Programmplätze bereit und ist so auch für medienpädagogische Belange relevant. Dazu bietet Okto eine Reihe von Workshops an, die auch den LeserInnen der MEDIENIMPULSE empfohlen sein sollen. Vielleicht sehen Sie sich ja selbst schon bald auf Okto?

Simone Mathys-Parnreiter berichtet dann von den Ergebnissen einer Arbeitsgruppe, die im Rahmen der Initiative Medienbildung Jetzt! einer Einladung der Europäischen Union folgte, und zu urheberrechtlichen Fragen Stellung nimmt. Die Diskussion zum Urheberrecht betrifft dabei die Bereiche der Konsumation, Bearbeitung und Verbreitung (nicht nur) in den Neuen Medien und betrifft uns daher alle. Nicht zuletzt unterliegen auch medienpädagogische Projekte wie Schulblogs, Videoreportagen oder Rapworkshops den gleichen Richtlinien wie kommerzielle Unterfangen. Der Initiative Medienbildung Jetzt! ist es dabei äußerst wichtig, dass UserInnen in ihrem Kommunikationsverhalten nicht kriminalisiert werden, weshalb klare rechtliche Rahmenbedingungen geschaffen werden müssen. Mathys-Parnreiters Artikel bringt zumindest ein wenig Licht in den fast unüberschaubaren Dschungel des Urheberrechts und fordert dabei die Verankerung der Auseinandersetzung mit dem Urheberrecht in den Curricula. Urheberrechtliche Medienbildung Jetzt! eben.

Katharina Sontag stellt dann das schöne Projekt Ohrenklick vor, in dessen Rahmen die Medienpädagogin und Radiojournalistin Doris Rudlof-Garreis den Versuch unternimmt, Kindern und Jugendlichen zwischen sechs und elf Jahren durch Radioarbeit Literatur nahe zu bringen. Diese Literaturvermittlungsarbeit entsteht in Kooperation mit Bibliotheken und Schulen und beginnt mit der Zusammenstellung einer Gruppe von Kindern und Jugendlichen, die gerne eine literarische Radiosendung machen wollen. Dabei kann die Medienkompetenz der SchülerInnen bereichert werden, da bei Ohrenklick drei Medien zusammenspielen: Bücher, Radio und Internet. Die Ohrenklick-Website erfreut sich übrigens eines regen Zugriffs: Bibliotheken, Verlage, AutorInnen und Schulen sind an dem Projekt sehr interessiert. Darüber hinaus spielt die medienrechtliche Frage der Nutzungs- und Urheberrechte auch im Beitrag von Sontag eine maßgebliche Rolle.

Des Weiteren kann die Redaktion der MEDIENIMPULSE auch im Ressort Bildung/Politik mit zwei kleinen Juwelen aufwarten:

Denn in der Fortsetzung unserer letzten Schwerpunktausgabe stellt Ursula Dopplinger nachdrücklich die Frage, welche Rolle der "Mediale Habitus" in den sozialen Feldern des Unterrichts spielt. Dabei rekurriert sie auf Norbert Elias' Prozesstheorie, um den Antrieb von normiertem Verhalten zu diskutieren. Sie betont dabei aber auch mit Niklas Luhmann, dass die Schule immer Teil der sie umgebenden sozialen Systeme ist. Es ist ihr dabei insbesondere darum zu tun, im Sinne des Rational-Choice-Ansatzes eine verhaltens- und handlungsorientierte Theoriebildung in den Vordergrund zu rücken. Dabei betont Dopplinger nachdrücklich, dass es in jeder pädagogischen Situation auf die Beteiligten selbst ankommt, weshalb auch ein gesellschaftlicher (und medialer) Habitus gefordert ist, der sich Regeln und Normen widersetzen kann.

Karl H. Stingeder widmet sich dann in seinem englischsprachigen Beitrag sehr politisch den inneren Widersprüchen eines total(itär)en Regimes: Wie hält sich eigentlich das post-leninistische Nord Korea? Und wie stützt es seine Macht durch ein eng geknüpftes Netz sozialer Kontrolle? Diesen Fragen widmet sich Stingeder eingehend und geht dabei von der Tatsache aus, das ein von Nord Korea ausgehender bewaffneter Konflikt die gesamte Region destabilisieren würde. Dabei stabilisiert sich das Regime vor allem durch die Kontrolle der Medien. So ist die Einführung von Mobiltelefonen bis dato noch nicht erfolgt, auch wenn manche "Reformer" sie fordern. Zusammenfassend hebt Stingeder hervor, dass die Ökonomie Nord-Koreas aus einer Planwirtschaft ohne Plan besteht: Nord-Korea benötigt ausländische Investitionen, es fehlt an Infrastruktur und es dreht sich eine immense Inflationsspirale.

Katharina Stöger und Valerie Dirk kommen dann in ihrem Beitrag für unser Ressort Kunst/Kultur auf allgemeiner Ebene auf die österreichische Filmgeschichte zurück und präsentieren ein Ergebnis des im Filmarchiv Austria angesiedelten Projekts Shooting Woman, das sich um das weibliche Filmschaffen in Österreich zwischen 1969 und 1999 bemüht. Dabei ist ihnen das Gesamtwerk von Mara Matuschka, der bekannten Vertreterin des österreichischen Experimentalfilms, ein eindringliches Beispiel für die Eigendynamik des Produktionsfeldes Film und der weiblichen Filmgeschichtsschreibung, die – so die AutorInnen – eine eigene Sprache und einen spezifischen Ausdruck besitzt. Die AutorInnen analysieren deshalb Matuschkas Der Einzug des Rokoko ins Inseelreich der Huzzis (1989) eingehend, weil dieser Film intermedial Performance und Film geschickt verknüpft und im Schaffen Matuschkas einzigartig da steht. Dabei findet Judith Butlers Theorie des Unbehagens der Geschlechter und des performativen Akts eine konkrete empirische Ausdeutung im Bereich der österreichischen Frauen-Filmgeschichte.

Last but not least hat unser verdienter Redakteur Thomas Ballhausen für die LeserInnen der MEDIENIMPULSE vier äußerst lesenswerte Rezensionen zusammengestellt:

Valeska Ringhof rezensiert Zygmunt Baumanns und David Lyons "Daten, Drohnen, Disziplin" und rekapituliert die Einschätzung der beiden Soziologen hinsichtlich der Überwachung in unserer Wissens- und Informationsgesellschaft. Dabei ist es für die beiden Autoren entscheidend, dass angesichts von Facebook und Co. aus Foucaults Panoptikum ein "Bannoptikum" wurde, das in der digitalen Welt darüber entscheidet, wer Teil einer gegebenen Gemeinschaft ist und wer nicht.

Medienpädagogisch relevant sind immer – wie auch mehrere Beiträge dieser Ausgabe belegen – die Geschichte(n) des Kinos. Deshalb rezensiert Julia Philomena Baschiera den von Emmanuel Laurent vorgelegten Band "Godard trifft Truffaut". Dabei lebt das Quartier Latin der 50er-Jahre des 20. Jahrhunderts als Treffpunkt der Pariser Cineasten wieder auf, wenn sich Godard und Truffaut im Umfeld von André Bazins "Cahiers du cinéma" kennenlernen und in der Folge mit ihren ersten selbstgedrehten Filmen zu den Gründungsvätern der Nouvelle Vague werden.

Einer herausragenden Filmgeschichte widmet sich auch Raffaela Rogy in ihrer Rezension von Günter Krenns bemerkenswertem "Romy & Alain. Eine Amour fou", das 2013 im Berliner Aufbau-Verlag erschienen ist. Krenn rekapituliert dabei in seiner jüngsten Publikation nicht nur die Lieb- und Freundschaft von Romy Schneider und Alain Delon, sondern lässt auch sehr gut recherchiert und anekdotenreich europäische Kinogeschichte Revue passieren. Krenn erzählt so in elaborierter Art und Weise die Geschichte einer (Liebes-)Beziehung, deren Symbolcharakter die beiden AkteurInnen übersteigt und dadurch zur Metapher von (filmischer und realer) Freundschaft insgesamt wird.

Thomas Ballhausen sichtet dann den jüngsten Roman von Rainald Goetz: "Johann Holtrop. Abriss der Gesellschaft" stellt eine kritisch-polemische Auseinandersetzung mit der aktuellen Wirtschaftswirklichkeit der Bundesrepublik Deutschland dar. Johann Holtrop, so der Name des Protagonisten, ist der Vorstandsvorsitzende eines Medienkonzerns, der diesen als purer Machtmensch und mit Verachtung für seine Angestellten führt. Er ist das literarische Spiegelbild eines glatten Typs der Menschenverachtung, eines Blenders und in letzter Konsequenz entlarvend Unwissenden. Goetz liefert so einen Abgesang auf die Management-Kultur der Gegenwart und unser Rezensent stimmt in diesen Abgesang ein.

Den Abschluss im Ressort Neue Medien macht dann die langjährige Chefredakteurin der MEDIENIMPULSE, Susanne Krucsay, die eine rezente Publikation rezensiert, die sich dem Erleben und Begreifen von Film und Kino auf der Ebene der konkreten Unterrichtspraxis widmet und für unsere LeserInnen sicherlich von großem Interesse ist. Denn Anna Hofmann und Martina Lassacher führen mit >KINO erleben und begreifen. Filmanalyse mit Kindern und Jugendlichen< in die medienpädagogisch relevanten Grundlagen der Filmanalyse ein und beklagen dabei die nach wie vor nicht einsetzende medienpädagogische Auseinandersetzung mit (bewegten und unbewegten) Bildern in Theorie und Praxis des Unterrichts.

Darüber hinaus berichtet Katharina Kaiser-Müller – diese Ausgabe abschließend – vom 3. Barcamp der Initiative Medienbildung Jetzt!, das jüngst in den Räumen des Wienxtra-medienzenturms stattgefunden hat. Dabei trafen sich viele MedienpädagogInnen, um die aktuelle Lage und Zukunft der Medienbildung in den Blick zu nehmen. Eine Vielzahl von Projekten wurde präsentiert und eingehend diskutiert. Die Redaktion der MEDIENIMPULSE kann ihren LeserInnen dahingehend nur empfehlen, aufmerksam zu sein: Denn das 4. Barcamp sollten Sie nicht verpassen!

Abschließend können wir nur hoffen, dass Sie, liebe LeserInnen, in die vielfältigen Displays dieser Ausgabe eintauchen wollen und dabei u. a. mehr über die aktuellen Dynamiken und Herausforderungen kuratorischer und vermittelnder Praxis erfahren. Eines ist dabei sicher: Kuratiert und vermittelt wurde diese Ausgabe der MEDIENIMPULSE praktisch von

Thomas Ballhausen, Alessandro Barberi und Ruth Sonderegger

Und wir drei wünschen Ihnen im Namen der Redaktion viel Spaß und Freude mit der aktuellen Ausgabe der MEDIENIMPULSE!

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