Neue Medien

1/2014 - Display/Aktuelle Dynamiken und Herausforderungen kuratorischer und vermittelnder Praxis

Rezension: Johann Holtrop. Abriss der Gesellschaft

von Rainald Goetz

AutorIn: Thomas Ballhausen

Rainald Goetz' jüngster Roman ist die kritisch-polemische Auseinandersetzung mit der Wirtschaft, ihren aktuellen Krisensituationen, politischen Implikationen und falschen Versprechungen. Thomas Ballhausen hat für die MEDIENIMPULSE rezensiert.

Verlag: Suhrkamp Verlag
Erscheinungsort: Berlin
Erscheinungsjahr: 2013
ISBN 978-3-518-42281-6

Aus dem lange erwarteten Roman des deutschen Autors Rainald Goetz zum Thema bundesdeutscher Politik ist, so lässt sein neues Buch nach erfolgter Lektüre vermuten, ein angriffslustiges Werk über die wenig erfreuliche Wirtschaftswirklichkeit jüngster Vergangenheit und aktueller Gegenwart geworden. Nichtsdestoweniger erweist sich "Johann Holtrop" aber als ein zutiefst politisches und vielschichtiges Buch – und nicht nur der entsprechende (und in diesem Sinne auch entsprechend zweideutige) Untertitel "Abriss der Gesellschaft" vermittelt dies sehr deutlich. Mit viel Gespür für Details und sprachliche Neuschöpfungen verdichtet Goetz in seiner titelspendenden Hauptfigur den gierigen, soziopathischen und sich schließlich immer mehr in kleine Fehler verstrickenden Machtmenschen, den Vertreter einer selbsternannten Elite: Johann Holtrop, das ist der hysterische, hyperaktive Vorstandsvorsitzende des verschachtelten, mit sich selbst im Krieg liegenden Medienkonzerns Assperg AG; er ist vor allem aber auch das literarische Spiegelbild eines glatten Typs der Menschenverachtung, eines Blenders und in letzter Konsequenz entlarvend Unwissenden. In drei Teilen schildert der Autor, der sich einmal mehr als genauer Chronist und unnachgiebiger Beobachter erweist, die letzten neun Lebensjahre Holtrops zwischen 1998 und 2010 und damit stellvertretend auch den potenziellen Niedergang aller "Chefs".

Zwei dem Werk beigefügte Textteile umrahmen diese panoramahafte Abrechnung: Da ist einerseits die "Schutzschrift", die die Fiktionalität des Texts und die literarische Verarbeitung des Realen betont, andererseits das Zitat aus Goetz’ Theaterstück "Krieg", das deutliche "Wütend schritt ich voran". Mit der Darstellung des Falls Holtrop, seinem Absturz in die Psychiatrie und seinen in letzter Konsequenz scheiternden Wiedereinstieg, erzählt Goetz anschaulich von der "Geistesverschlampung" und "Topfigurentraurigkeit" einer strukturell instabilen selbsternannten Führungsklasse. Holtrop, ein Zwitter aus Tatmensch und Täter, ist ein moralisch verkommener Macher, ein ständig mit sich selbst beschäftigter "Psychopath nur ohne Hitlerbart", der von der Ersetzbarkeit aller Untergebenen ebenso überzeugt ist wie von der eigenen Unübertrefflichkeit. Analytisch scharf und mitunter bissig legt Goetz die Mechanismen einer auch medial hergestellten Scheinwirklichkeit frei, enttarnt den getriebenen Typus Holtrop mit all seinen Strategien und Manövern als bluffenden, moralisch verkommenen Wirtschaftsfeldherrn.

Wenig überraschend ist Goetz’ Sittengemälde über den "Maschinenraum der Gesellschaft" und ihre Schaltzentralen durchzogen von leicht zu entschlüsselnden Hinweisen auf reale Größen aus Politik, Wirtschaft und Kunst. In seinem zornigen, bisweilen wenig zimperlichen Abgesang auf die Management-(Un-)Kultur zeigt sich aber auch eine kritische Reflexion der Angestellten in Zeiten von New Economy und Krise. Der umfassende Untergang, der sich im Dickicht des "organisatorischen Ungefährismus" abspielt, betrifft somit nicht nur den Typ Holtrop, sondern ebenso die ihn umgebenden, konspirierenden Chargen. Auch in der mitleidlosen Darstellung dieser dunklen Seite von Unternehmenskultur, den Momenten von Verschwörung, Neid und Nicht-Wissen im Rahmen fragwürdiger Systemerhaltung, wird der "Wahn totaler Gegenwart" von Goetz lächerlich gemacht und literarisch abgestraft. Der kritische Ansatz des Romans leidet darunter aber kaum: Mit "Johann Holtrop" wird jener hemmungslose, ja paranoisch deformierte Prototyp gezeigt, der zunehmend mit seinen Lügen identisch wird und der eigenen Hybris erliegt. Dass Holtrop sich im Moment seines Freitods noch für einen Sieger halten kann und vom Gedanken "das Leben war herrlich gewesen" erfüllt ist, erscheint dahingehend nur konsequent. Die Welt dreht sich aber auch danach unbeirrt weiter, "Timecode schaltete die Weltenlichter an und aus".

Tags

goetz, wirtschaftskritik, kapitalismus, new economy