Neue Medien

1/2014 - Display/Aktuelle Dynamiken und Herausforderungen kuratorischer und vermittelnder Praxis

Rezension: Godard trifft Truffaut

von Emmanuel Laurent

AutorIn: Julia Philomena Baschiera

Julia Philomena Baschiera berichtet von einer bemerkenswerten Dokumentation, welche die künstlerische und private Beziehung zweier Kino-Revolutionäre der Nouvelle Vague beleuchtet. Die Edition auf DVD macht diese Arbeit nun zugänglich.

Label: Arthaus
Erscheinungsjahr: 2010

"Was mir an Truffauts Filmen so gut gefällt, ist das Gefühl von Freiheit, von Wahrheit. Vorher bin ich nur ins Kino gegangen, um mich abzulenken und um Bilder vor meinen Augen vorbei ziehen zu lassen", erklärt der Schauspieler Jean-Pierre Léaud in "Godard trifft Truffaut", einer bewegenden Zeitreise in die Vergangenheit, produziert und inszeniert von Emmanuel Laurent. Für die dramaturgische Klammer zwischen den Film- und Dokumentarsequenzen, Fotos und raren Interviews, hat sich der Drehbuchautor Antoine de Baecque die Figur einer Archivarin ausgedacht: Sie begleitet den Zuschauer von Bild zu Bild und bezieht ihn stets ins Filmgeschehen mit ein. Die charmante Dame zieht so nicht nur einen roten Faden, sondern vermittelt de Baecques Wissen, der als Literaturhistoriker und Journalist bei den Cahiers du cinema wirkte, auf ganz unaufdringliche Weise.

Die Dokumentation führt zurück ins Jahr 1949, als Truffaut und Godard einander in einem von Eric Rohmer geleiteten Filmclub im Quartier Latin kennenlernten. Für Cineasten war das Pariser Künstler- und Studentenviertel wie ein zweites Wohnzimmer. Eric Rohmer hatte auch die Zeitschrift"La Gazette du cinéma" gegründet, die sich vor allem auf das US-amerikanische Kino spezialisierte und zu einer wichtigen Inspirationsquelle für die jüngere, intellektuelle Generation wurde. Der Kontakt zwischen Godard und Truffaut intensivierte sich ab April 1951, als sie begannen für die Zeitschrift Cahiers du cinéma Filmkritiken zu verfassen. Beide meinten später, dass André Bazin, einer der Chefredakteure, für sie der beste Film-Analytiker aller Zeiten, fast wie ein Vater, auf jeden Fall aber ein guter Lehrer gewesen sei. Truffaut gelang es schnell, mit seinen Artikeln Aufmerksamkeit zu erregen und sich den Ruf eines gefürchteten Filmkritikers zu erschreiben. Er verriss das französische Gegenwartskino, beschwerte sich über unflexible Studio-Drehs und empfand die meisten der sogenannten Qualitätsfilme als gekünstelt und plump."Das französische Kino krepiert an seinen falschen Legenden", lautete sein gnadenloses Urteil.

Aufgrund seiner vernichtenden Artikel wurde dem Journalisten Truffaut 1958 sogar die Akkreditierung für das Filmfestival in Cannes verwehrt. Der Regisseur Truffaut sollte sich aber schon ein Jahr später an der etablierten Kinowelt rächen. 1959 erhielt er völlig unerwartet den Regie-Preis für seinen ersten Langfilm"Les Quatre Cents Coups – Sie küssten und sie schlugen ihn". Cannes wurde somit zur Geburtsstunde der Nouvelle Vague und brachte auch gleich deren ersten Star hervor, den damals vierzehnjährigen Jean-Pierre Léaud, der die Hauptrolle spielte. Léaud gab der Nouvelle Vague nicht nur ein Gesicht, er schuf eine Figur, die Filmgeschichte schreiben sollte. Über 20 Jahre hinweg verkörperte er in Truffauts"Antoine Doinel"-Zyklus den ewig jugendlichen Träumer, der mit den offenen Augen eines Kindes durch die Straßen tanzt. Verliebt in das Leben, die Literatur, die Frauen – und von Truffaut mit eindeutig autobiografischen Zügen versehen."Für mich war das Kino stets etwas Großartiges, nur nicht aufrichtig genug. Man musste dasselbe besser machen", kommentierte Truffaut seinen Erfolg. Jean-Luc Godard verglich Truffauts Durchbruch später mit einer Bombe, die im Feindesland explodierte und es von innen zerstörte. Und der Feind war der Bourgeois, der den Film nicht als Religion, sondern nur als netten Zeitvertreib verstand.

Mit "À bout de souffle – Außer Atem", dem nächsten bedeutsamen Film in der Geschichte der Nouvelle Vague, reüssierte Godard selbst bereits ein Jahr später. Der Streifen basierte auf einem acht Jahre alten Exposé von Truffaut über einen jungen Mann namens Michel Portail, der nach einem Autodiebstahl einen Polizisten erschießt und danach mit einer amerikanischen Journalistin die Stadt Paris in Aufruhr versetzt. Mit Jean-Paul Belmondo in der Hauptrolle war ein weiterer Star der neuen Kino-Ära geboren. Durch den gemeinsamen Erfolg stand der engen Freundschaft und Zusammenarbeit zwischen den Filmschaffenden Godard und Truffaut nichts mehr im Weg. Was sie verband, war die intensive Wertschätzung des Mediums Films. Eine größere Leidenschaft als die Cinephilie gab es zu jener Zeit wohl nicht: Man verschmolz mit den Filmen und lebte mit den Akteuren. Das Leben war die Leinwand. Beeinflusst von Vorbildern wie Hitchcock, Bergman, Rossellini und vielen weiteren Groß-Meistern, versuchten sich die Künstler der Nouvelle Vague vom alteingesessenen Kino zu befreien.

Man legte Wert auf leichtes Ton- und Licht-Equipment, neue Motive, unbekannte Schauspieler, die nicht älter waren als sie selbst. Die Drehbücher waren der eigenen Existenz gewidmet, dem Lebensgefühl der Jugendlichen, der Rebellion."Früher gab es nur eine Regel und eine Methode, die durchgesetzt wurden. Die beschützte man wie ein Patent. Aber jetzt wollen wir die Mythen der Vergangenheit zerstören", meinte Godard. Zerstört sollte auch bald die positive Aufbruchsstimmung der jungen Filmschaffenden sein. Als Henri Langlois 1968 als Direktor der Cinémathèque Française abberufen wurde, empfanden das die Vertreter der Nouvelle Vague als Affront. Im Rahmen der allgemeinen Studenten-Unruhen kam es zu Demonstrationen, die auch nach Langlois’ Amts-Rückkehr nicht verstummten. Im Gegenteil, die Revolte erreichte ihren Höhepunkt und Godard und Truffaut kamen einander zu dieser Zeit immer öfter in die Quere. Auf Grund der brisanten politischen Lagen wollte Godard alles ändern. Sein Leben, seine Freunde, den Film."Wenn man nicht mehr die gleiche Ansicht vom Kino hat, wenn man nicht mehr dieselben Filme liebt, kommt Streit, kommt Trennung. Die Freundschaft erlischt", sagte Godard.

Und so war es auch. Truffaut blieb sich und seinen Filmen treu, dachte nie an einen Wandel seines Stils und konnte die Politisierung in Godards Werken nicht gutheißen. Am Ende war es nur noch die Verbindung zum Schauspieler Léaud, der für die beiden gleichsam als Brücke fungierte. Um ihn stritten sie sich wie Eltern um das Sorgerecht ihres Kindes. Trotz der Querelen um seine Person, gelang es Léaud, seinen charmanten Humor bis heute nicht zu verlieren. Immer noch verzaubert er das Publikum mit dem rebellischen Grinsen, das an vergangene Zeiten erinnert. Die Dokumentation "Godard trifft Truffaut" lässt den Betrachter tief eintauchen in die Geschichte der Nouvelle Vague und zeigt, wie aus den beiden Freunden später erbitterte Feinde wurden. Ästhetisch gut aufgebaut und sehr informativ, neigt die Reportage zuweilen aber dazu, Erfolge und Niederlagen, und vor allem auch die schweren künstlerischen Verwerfungen und Konflikte etwas zu dramatisch darzustellen. Die überbordende Kreativität jener berauschenden Schaffensphase tritt dabei manchmal in den Hintergrund und lenkt die Aufmerksamkeit zu sehr auf die persönlichen Konflikte. Das Wiedersehen mit den legendären Protagonisten jener Filmepoche macht dennoch große Freude und vor allem auch Lust, sich ihre Meisterwerke erneut anzuschauen.

Tags

godard, truffaut, nouvelle vague, kinogeschichte, cahiers du cinema