Neue Medien

1/2014 - Display/Aktuelle Dynamiken und Herausforderungen kuratorischer und vermittelnder Praxis

Rezension: Daten, Drohnen, Disziplin. Ein Gespräch über flüchtige Überwachung.

AutorIn: Valeska Ringhof

Ein Gespräch über Überwachung und Macht in unserer Gegenwart. Die Soziologen Zygmunt Bauman und David Lyon zeigen wie breit dieses Thema gefächert ist und beleuchten unterschiedliche historische Aspekte, aktuelle Tendenzen und mögliche Weiterentwicklungen.

Verlag: Suhrkamp
Erscheinungsort: Berlin
Erscheinungsjahr: 2013
ISBN: 978-3-518-12667-7

Als der NSA-Skandal publik wurde und Edward Snowdens Foto um die Welt ging, kam Daten, Drohnen, Disziplinen der beiden Soziologen Zygmunt Baumann und David Lyon wie gerufen auf den Markt. In ihrem Buch kann man ihnen bei einem E-Mail-Gespräch über die fortgeschrittene Technik der Überwachung folgen, über ihre Einbettung in die Gesellschaft sowie ihre sozialen und persönlichen Folgen in moralischen und politischen Zusammenhängen. Beide sind für dieses Gespräch wie geschaffen: Der emeritierte Soziologieprofessor Zygmunt Bauman beschäftigte sich mehrfach mit postmodernen Phänomenen und ihren politisch-historischen Implikationen, die er in Beziehung zu Überwachung, Macht und Herrschaft setzt. David Lyon, Professor für Soziologie an der Queen’s University in Kingston, leitet das Surveillance Studies Center, das zu den Gebieten Überwachung, Postmoderne, Religion und Privatsphäre forscht. Trotz – oder vielleicht gerade wegen – ihres Altersunterschieds gelingt es beiden, zentrale Fragen zur Verflechtung von Überwachung, Wirtschaft und Politik aufzuwerfen und sich auf der Grundlage eines gemeinsamen Nenners angeregt auszutauschen: Beide sind davon überzeugt, dass die Theorie einer flüchtigen Moderne den wichtigsten Aspekt zum Verständnis der heutigen Mediengesellschaft liefert. Momente des Ephemeren durchziehen auch die von ihnen diskutierten Themenfelder.

Den ersten Schwerpunkt legen beide auf die Drohne: Beide sind sich einig, dass die Drohne als Instrument seit 9/11 einen technischen Fortschritt erlebte, aber noch nicht auf dem Höhepunkt ihrer Entwicklung angekommen ist. Mit diesen kleinen libellenähnlichen Maschinen, die programmiert wurden, um selbstständig Daten zu erfassen und alles aufzuzeichnen, was ihnen begegnet, werden täglich bis zu 15000 Stunden Videomaterial gespeichert, die danach auszuwerten sind. Dabei ist es irrelevant, ob die Informationen zur nationalen Sicherheit beitragen oder nicht. Diese Entwicklung können wir anhand der Medienberichterstattung unserer Tage aktuell mitverfolgen. Die Weiterentwicklung der Drohnen kommentiert Baumann folgendermaßen: "Die Drohnen der nächsten Generation werden alles sehen, während sie selbst verlockend unsichtbar bleiben, und zwar im wörtlichen wie im metaphorischen Sinne. Niemand wird sich vor dem Beobachtetwerden schützen können – nirgendwo. Auch die Techniker, die die Drohnen in Marsch setzen, werden dann keine Kontrolle mehr über ihre Bewegungen haben."

Neben dieser heimlichen Art der Überwachung, gibt es – nach Ansicht von Baumann und Lyon – noch die offene, die freiwillige Do-it-yourself-Überwachung: Nur wenige Klicks im Internet reichen, um ein vollständiges Personenprofil über einen User zu erstellen. Vorlieben und Abneigungen, Hobbys und Beziehungen sind daraus zu lesen. Soziale Netzwerke, Datingseiten, Shoppingportale und Ortungsdienste am Handy speichern ein breites Feld der Informationen über den/die jeweilige(n) NutzerIn und bieten diese Daten an. Baumann schreibt, dass der Mensch durch seine Selbstversklavung zum Markenobjekt wird: "Letztlich aus diesem Grund muss er seine Tauglichkeit als Konsument nachweisen, die die unverhandelbare Voraussetzung für die Aufnahme in eine nach dem Muster des Marktes geformte Gesellschaft ist. Dieser Tauglichkeitsnachweis fungiert als vorvertragliche Bedingung aller vertraglichen Beziehungen, aus denen die Konsumgesellschaft ersteht."

Wenn man über Überwachung und deren Macht spricht, scheint es unumgehbar, dass man Foucaults Panoptikum erwähnt. Lyon und Bauman diskutieren, ob es nicht einer Neudefinition bedarf – so bewertet Bauman Foucaults Konzept etwa als post-panoptisch. Eine Überwachung, die heute noch im Sinne von Foucaults Beispiel heimlich beobachtet, ist für ihn nicht mehr möglich. Für Bauman gehört das klassische Panoptikum der Vergangenheit an: "Wie die Schnecke, die ihr Haus immerzu bei sich trägt, so müssen die Beschäftigten in der schönen neuen flüchtigen und modernen Welt ihr jeweils persönliches Panoptikum selbst hervorbringen und auf dem eigenen Buckel mitschleppen." Da die Menschen ihre persönlichen Daten heute freiwillig im Internet veröffentlichen und überdies gesehen werden wollen, sprechen beide von einem Wechsel zu einem Bannoptikum, das eigenwillig entscheidet, wer Teil der Gemeinschaft ist und wer nicht. Durch Aspekte der flüchtigen und allgegenwärtigen Überwachung im Netz, die ständige Auflösung sozialer Kontakte, die Entwicklung neuer Medien und die Zersplitterung der Macht, kommt es zu einer Verschiebung des Privaten in der Gesellschaft: Bauman betont, dass der Mensch in der virtuellen Welt Angst hat, übersehen zu werden. Auf Plattformen wie Facebook schreit man förmlich nach Aufmerksamkeit und lässt "Freunde" einen ständigen Anteil am eigenen Leben nehmen. Man gesteht dem Zuschauer Dinge, die man bei einem realen Gegenüber oft nicht erwähnen würde. Lyon und Baumann sprechen treffenderweise davon, dass wir in einer Geständnisgesellschaft leben, die vom Zuspruch der anderen Community-Mitglieder zehrt.

Mit dem Untertitel des "Konsumismus" schreiben  Bauman und Lyon ein ganzes Kapitel über direkte und indirekte Marktforschung von Anbietern wie Amazon oder Apple. Trotz negativ ausgeführten Aspekten dieser Portale, geben beide Analysierenden zu, dass auch sie den Link "das könnte Ihnen auch gefallen …" benutzen und die Freude größer wird, wenn sie das Paket geliefert bekommen. Durch solche Links werden nicht nur potenzielle Mehrfachkunden angeworben, sondern ebenso die weniger "guten" aussortiert. Ähnliche Strategien der Favoritenspeicherung werden beispielsweise auch bei Google und Facebook angewandt. Baumann hierzu: "Alles Private spielt sich heute potenziell in der Öffentlichkeit ab – und ist damit potenziell für den Konsum durch diese verfügbar; und bleibt auch weiterhin verfügbar, bis zum Ende der Zeit, da das Internet bekanntlich nichts vergisst, das einmal auf einem seiner zahllosen Server gelandet ist." Besagte Verbindung aus Voyeurismus und Exhibitionismus nutzen Anbieter und Firmen zur Umsatzsteigerung. Die User, so die Ansicht der Korrespondierenden, stoßen mit diesen Daten einen Hilferuf der Aufmerksamkeit aus und man kümmere sich fürsorglich um sie, indem man ihnen das gibt, was sie verlangen: Aufmerksamkeit, Fürsorge und das Gefühl verstanden zu werden – mit Hilfe von "Wunschzetteln" und Freundschaftsvorschlägen. Bauman: "Diese Art der ‚Fürsorge‘ hat nur ihren Preis – und der ist alles andere als moralisch unbedenklich."

Das Fazit von Bauman und Lyon bleibt etwas unklar, es werden keine Überlebenstipps für das Agieren im Netz oder für einen besseren Umgang mit den neuen Medien angeboten. Dies mag auch gar nicht das Ansinnen ihrer intellektuellen Unternehmung gewesen sein. Ihr letztes Kapitel "Was können wir tun, worauf können wir hoffen?" spricht zwar einerseits deutlich das Moment der "Hoffnung" an, macht aber andererseits klar, dass die Diskussionen der neuen Spielarten von Öffentlichkeit und Politik noch am Anfang stehen. In ihrer Analyse kommen sie deshalb auch eher zu einem ernüchternden Zwischenergebnis. Lyon hierzu: "Die digitalen Informations- und Bildströme, mit denen wir es im Bereich der Überwachung zu tun haben, verstärken allerorts den Verdampfungsprozess, durch den auch, wie manche meinen, unser kulturelles Gedächtnis gleichsam ausgekühlt wird. Die warmen, lebendigen Erinnerungen, die der Entwicklung einer Kultur ethische und moralische Schranken setzen könnten, werden von der Coolness verdrängt, mit der man eine eingehende E-Mail, ein Status-Update bei Facebook oder eine revidierte Umsatzprognose registriert, während sie einem durchs Bewusstsein huschen."

Durch den schmalen Umfang des Buchs konnten die diversen Fragestellungen von den AutorInnen nur angeschnitten und eben nicht vertieft werden. Doch gibt die Unterhaltung der beiden den LeserInnen einen ersten Einblick in das vielschichtige Thema der Überwachung und die dazu bereits vorliegende Forschung. Aufgrund der Komplexität der Themen stellen sich im Verlauf des Gesprächs der beiden Spezialisten Wiederholungen und Überschneidungen ein; auch bieten die beschriebenen Entwicklungen mitunter nur wenig neue Erkenntnisse für den modernen User des 21. Jahrhunderts. Fasst man Baumanns und Lyons positive Bezügen auf die neuen – von Vorteilen als auch Gefahren geprägten – Medienwirklichkeiten zusammen, so kann festgestellt werden, dass ein bewussterer, medienkompetenter Umgang heute als auch in Zukunft notwendig ist und sein wird.

 

Tags

drohnen, überwachung, überwachungstechnologien, facebook, geständnisgesellschaft