Schwerpunkt

1/2014 - Display/Aktuelle Dynamiken und Herausforderungen kuratorischer und vermittelnder Praxis

Die Künstlerin als Produzentin – Johanna Braun im Gespräch.

AutorIn: Johanna Braun

Thomas Ballhausen interviewt die sehr erfahrene Künstlerin Johanna Braun hinsichtlich des Verhältnisses zwischen KuratorInnen und KünstlerInnen. Dabei wird deutlich wie prekär die "Autonomie" der Kunstproduktion ist und welchen Einfluss externe Machtfaktoren haben ...

Abstract

Die Wiener Künstlerin Johanna Braun ist eine der prononciertesten Vertreterinnen eigenaktiver, kuratorischer Tätigkeit der künstlerisch Schaffenden. Mit zahlreichen internationalen Projekten hat sie die Richtigkeit ihrer Haltung immer wieder bewiesen – und sich dabei nicht selten an den ihr fragwürdig vorkommenden Konventionen kuratorischen Selbstverständnisses kritisch abgearbeitet. – Freimütig und provokant hat sie auf Fragen des MEDIENIMPULSE-Redakteurs Thomas Ballhausen geantwortet.


MEDIENIMPULSE: "Künstler als Kuratoren" ist eine mitunter heftig attackierte Praxis der vermittelnden Arbeit. Wo siehst Du hier medien- und kunsthistorische Grundierungen, die immer noch die Vorteile und Nachteile eines solchen Zugriffs prägen?

Johanna Braun: Der Kurator mit seiner institutionellen Machtposition handelt, wie wir wissen und annehmen müssen, weder finanziell noch politisch unabhängig. Durch das Amt der ausführenden Hand einer öffentlichen Institution ist der Kurator diesem spezifischen Ort und dessen politischen wie ideologischen Prinzipien verhaftet und kann somit nicht als autonomer Akteur angesehen werden. Auch der immer weiter wachsende Einfluss und Starfaktor des Kurators ist natürlich jedem Künstler ein Dorn im Auge. Anders als der/die KunsthistorikerIn oder KunstwissenschafterIn, die ganz klar die künstlerische Arbeit ins Zentrum ihres scharfen Blickes stellen, stilisieren sich die Kuratoren mehrheitlich zu den alleinigen Drahtziehern der Kunstszene hoch. Doch wie wir ebenso klar wissen, gibt es ohne Künstler keine Kunst.

Es werden aber sehr wohl auch gute Ausstellungen ohne Kuratoren produziert – und das macht schnell klar wie die Hierarchien tatsächlich geordnet sein sollten. Hans Dieter Huber erklärt in "Künstler als Kurator – Kurator als Künstler?" die Genese des Kurators aus dem Kirchenrecht als "bestellter Vormund oder Pfleger", welcher im Namen der Geistesschwachen oder Geisteskranken handelt. In diesem Sinne wird der Künstler im wahrsten Sinne des Wortes vom Kurator bevormundet, im weitesten Sinne sogar entmündigt. Huber spricht hier von einer semantik ascent des Kurators und der semantik descent des Künstlers und kommt zu dem deprimierenden Schluss: "Mit jeder Stufe dieses ‚semantik ascent‘ wird der Künstler ärmer und bedeutungsloser." Dabei ist doch seit jeher bekannt dass es der Künstler mit seiner Autonomie besonders ernst nimmt und selbst das Sprachrohr seiner politischen wie ideologischen Botschaften verkörpert.

MEDIENIMPULSE: Können KünstlerInnen also etwas, das KuratorInnen nicht vermögen? Gibt es hier einen ideologischen Bias, der auch mit neuen Ausstellungskonzepten nicht zu überwinden ist?

Johanna Braun: Es ist im Moment besonders absurd zu beobachten wie Kuratoren in der Vermittlung und Präsentation von Einzelpositionen zum Einsatz kommen. Wo vor nicht allzu langer Zeit selbstverständlich der Künstler höchstpersönlich Regie führte, kommt jetzt der Kurator als Co-Autor ins Spiel oder versetzt die/den KünstlerIn komplett auf die Ersatzbank und katapultiert sich selbst in die Kommandozentrale. Ohne Kurator scheint zurzeit keine einzige museale Ausstellung eines Künstlers umsetzbar zu sein. Es macht den Anschein, als wäre der/die KünstlerIn schlicht unfähig, sein eigenes Werk appetitlich für die notorische Öffentlichkeit zu präsentieren. Somit nimmt der Kurator seine kirchenrechtliche Position wieder ein und übernimmt den Vormund des verstandesschwachen Künstlers. Ähnlich wie bei Charcots höchst öffentlichkeitswirksamer "Einrichtung" von Patientinnen, welche für die Langzeitbelichtungsphase der Fotoapparate brav die hysterische Stellung vor der Linse hielten, kommt nun der Kurator als Dompteur der wilden Künstlerpersönlichkeiten und als Zentralfigur im Kunstzirkus zum Einsatz. Doch wie wir mittlerweile belegen können, hätte ohne das aktive Mitwirken von Charcots Patientinnen die Salpêtrière nie zu diesem einzigartigen Spektakel avancieren können. Das sollte uns als Bild und Vergleich doch zu denken geben.

MEDIENIMPULSE: Wie würdest Du dann Deine eigene Position innerhalb dieses diskursiven Minen- und Mimenfelds beschreiben? Welche Prinzipien oder auch Vorbilder haben da Deiner Ansicht nach prägende Spuren hinterlassen?

Johanna Braun: Ich selbst verstehe mich weniger als Kuratorin, denn als Produzentin oder auch im Sinne John Millers als Meta-Künstlerin. Auch Sabine B. Vogel kommt mir in den Sinn – ich stimme nicht mit all ihren Ansätzen überein, aber man kann mich wohl problemlos in das von ihr definierte 3-K-Künstler-Prinzip einordnen. Damit sind Künstler beschrieben, die sich auch als Kritiker und Kuratoren sehen und in diesem Sinne agieren. Hier muss man natürlich höchst angespannt den Balanceakt zwischen schlichtem Wahnsinn und banalem Größenwahnsinn hinkriegen, ohne in die von Heinz Bude skizzierte Falle der "Selbstvergeudung, Selbstverzehrung oder Selbstüberschreitung" zu tappen und dann bestenfalls zwischen den verschiedensten Stühlen eine Verschnaufpause einzulegen. Ich meine, die Tätigkeit oder auch Beschreibung des Kuratierens ist gegenwärtig sehr großzügig oder auch viel zu großzügig gefasst.

MEDIENIMPULSE: Wie gehst Du bei Deiner Arbeit vor? Kann man hier noch von kohärenten kuratorischen Strategien sprechen oder schon von Überblendungen in den Bereich eigener künstlerischer Positionen und Prozesse?

Johanna Braun: Ich verstehe mich als kuratierende Produzentin. Beim Film hat jede Aufgabe eine ganz klare Bezeichnung, im Kunstbetrieb hingegen werden ziemlich wild Kraut und Rüben unter den Hut des Kurators geschoben. Hier ist schon lange eine Differenzierung fällig. Wie schon erwähnt produziere ich Ausstellungen. Unter anderem mit den Werken von anderen KünstlerInnen. Dabei fühle ich mich manchmal in meinem Arbeitszimmer wie Dr. Victor Frankenstein in seinem Labor. Jedes Mal wenn es daran geht, eine Ausstellung zusammenzustellen, hole ich mir aus meinen Notizheften und Zetteln Nachrichten an mich selbst heraus, in denen mich mein vergangenes Ich, sozusagen mein Retro-Ich, erinnert, die eine bestimmte Arbeit von XY auf gar keinen Fall zu vergessen oder doch noch YZ zu kontaktieren, da ich mir vorstellen kann, dass sie/er genau die passende Arbeit für mich auf Lager hat. Und falls nicht, bestimmt die perfekte Idee, die ohnehin nur noch darauf wartet, exekutiert zu werden.

In diesem Rahmen ist dieses Impulsgeben auch eine für mich extrem wichtige Sache. Vom Begriff der Auftragsarbeit will ich mich da aber ganz klar distanzieren, da hier weder die entsprechenden finanziellen Mittel noch konkrete Vorstellungen, im Sinne von Anweisungen, eine Rolle spielen. Ich sehe mich da mehr in der Aktion des Einflüsterns. Als Souffleuse bin ich kein aktiver Part der eigentlichen Produktion des Kunstwerkes, jedoch am Schaffensprozess nicht unbeteiligt. Darum ist es auch schwierig von einer kuratierten Ausstellung im engen Sinne zu sprechen. Schließlich beginnt die Arbeit jedes Mal mit einer ziemlich konkreten Vorstellung davon, wohin mich das aktuelle Abenteuer führt. Doch durch die enge Zusammenarbeit mit einer weitgestreuten Dichte von KünstlerInnen, DesignerInnen, ArchitektInnen, LiteratInnen usw. führt mich die Reise zumeist in unerforschte Landschaften.

MEDIENIMPULSE: Kuratieren als medienkartografisches, künsteübergreifendes Konzept erscheint da doch als vertraute Weise des Zugriffs und der Vermittlung. Wo unterscheidest Du Dich in Deiner aktiven Positionierungsarbeit?

Johanna Braun: Vielleicht könnte man davon sprechen, dass ich eine Art Arche Noah zusammenstelle und die Produktion der Ausstellung die fürchterlich spannende Reise in unbekannte Gewässer darstellt. Kann man Noah als zoologischen Kurator bezeichnen? Apropos göttliche Beweggründe, hier fällt mir Justin Hoffman, der selbst in die Kategorie des sogenannten 3-K-Künstlers fällt, und sein Vortragstitel "God is a Curator" ein. In diesem übernatürlichen Sinne verstehe ich das Kuratieren wohl eher doch als Laborbetrieb des schon erwähnten Dr. Frankenstein. Das Erbgut der Moderne, die Idee des Victor Frankenstein, die Vorstellung, einen geflickten, einheitlichen Körper aus eigentlich autonomen Einzelteilen entstehen zu lassen, ist hierbei sicher keine unwesentliche Motivation.

Wie schon erwähnt, sehe ich Ausstellungen eher als Momentaufnahmen eines Schaffensprozesses, einer Ansammlung aktueller Fragestellungen und Auseinandersetzungen. Auch wenn die einzelnen Teile manchmal auf den ersten Blick diffus zusammengewürfelt erscheinen, ergeben sie doch gemeinsam eine konkrete, zeit- wie auch ortsspezifische Auseinandersetzung mit aktueller Kunstproduktion. Auch wenn dieses liebevoll fabrizierte Monster oftmals die anfänglich euphorischen Motivationen in Frage stellt. Ich verstehe meine künstlerischen, kuratorischen und wissenschaftlichen Produktionen ganz klar als Teil eines großen Ganzen, als zusammenspielende Zahnräder,die das Machwerk des Gesamtkunstwerkes vorantreiben. Auch wenn es mir etwas anders geht als Victor Frankenstein beim Anblick des zusammengesetzten Endergebnisses.

MEDIENIMPULSE: Mit dem mehr oder weniger unheimlichen Anblick drängt sich ja auch die Frage nach dem Ort auf, also nach dem sich so entfaltenden Raum. Wie schätzt Du das Gefälle zwischen etablierten Galerien und den sogenannten Off-Spaces ein? Welche Auswirkungen lassen sich hier auf Produktion, Präsentation und potentielle Rezeption nachweisen?

Johanna Braun: Die Raumfrage scheint mir eine nicht enden wollende Frage nach Autonomie zu sein. Wie schon Virginia Woolf treffend festgestellt hat, braucht es spezifische Produktionsorte, um konsequent arbeiten zu können. Im Falle des bildenden Künstlers erweist sich dies als zusätzlich schwieriges Unterfangen, weil wir nicht nur einen stillen Rückzugsort für die Produktion brauchen, sondern auch einen öffentlich sichtbaren Raum zur Präsentation. Diese für ein kunstaffines Publikum zugänglichen, einsehbaren Räume orientieren sich meist an finanziellen Parametern, die weder für junge KünstlerInnen noch für innovative Ausstellungskonzepte offen sind. Obwohl beispielsweise hier in Wien eine unglaubliche Dichte an international agierenden Galerien auf engem Raum zu finden ist, decken diese Einrichtungen doch nur einen geringen Prozentsatz der aktuellen Kunstproduktion ab. Dies wird natürlich noch durch den Umstand verschärft, dass es kaum Galerien mit einem ausschließlich jungen Programm gibt und auch Museen und Kunsthallen ohne Galerien-Gütesiegel ungern mit noch unbekannten KünstlerInnen arbeiten.

Auch jene Galerien die junge KünstlerInnen ins Programm aufnehmen, legen selten das konservative Galerien-Ausstellungsformat beiseite. Das derzeitige Massensterben der sogenannten "Offspace"-Szene in Wien zeigt wie unbefriedigend die Arbeit von KünstlerInnen, die sich in Gruppen zusammenschließen, um Ausstellungen auf die Beine zu stellen, zu sein scheint. Es dürfte sich bei jeder Raumauflösung um ähnliche Gründe handeln: Der Offspace als Starthilfe für die eigene Karriere ging nach hinten los und man findet sich in einem unbefriedigenden, unbezahlten Bürojob wieder, der nicht mit den anfänglichen idealistischen Vorstellungen vereinbar ist. Oder die Sprunghilfe hat den gewünschten Effekt erzielt und die Beteiligten in die gewünschten Höhen hinaufkatapultiert. Dann hat man es ohnehin nicht mehr nötig, unter diesen schwierigen, entbehrungsreichen Arbeitsbedingungen weiter zu machen.

MEDIENIMPULSE: Was sind Deine eigenen Erfahrungen mit diesen Strukturen und Herausforderungen? Wie haben sich diese Umstände auf Deine eigenen Projekte und Arbeiten ausgewirkt? Wo stehst Du derzeit mit Deinen kuratorischen Ansätzen und der Praxis der nun auch international agierenden "Chic Boutique"?

Johanna Braun: Das Blockieren des eigenen künstlerischen Vorwärtskommens, die unnötig beengenden bürokratischen Abläufe, die Leerwege der Förderanträge und der  Sponsorensuche lähmen schnell den vorerst euphorischen Geist. Genau daran ist auch die "FondationHerz" zugrunde gegangen, die ich zwischen 2009 und 2011 mitgeleitet und kuratiert habe. Entstanden durch die eigene Not, Platz für Einzelpräsentationen zu finden und das Leid der Gleichgesinnten an den Kunstuniversitäten nicht mehr mitansehen zu wollen, war die Idee geboren, einen Raum zu öffnen, der ausschließlich als Labor für junge KünstlerInnen galt, die noch keine oder nur wenige Erfahrungen mit Einzelausstellungen sammeln konnten.

Doch – wie schon skizziert – fand ich mich schnell in der Position des simplen Veranstalters wieder. Schneller als man glaubt, wird man dann von den Eingeladenen mitunter auch als Handlanger für die lästigen bürokratischen Aufwände gehalten. Als ich dann von Michael Niemetz eingeladen wurde, in dem von ihm organisierten Ausstellungsraum "DieAusstellungsstrasse" eine Einzelausstellung zu präsentieren, bin ich bei den Vorbereitungen über eine Liste gestolpert, auf der ich all jene Werke festgehalten habe, die befreundete KünstlerInnen produziert haben und die ich im erweiterten Sinne im Zusammenhang mit meiner eigenen Werken sehe. Hier waren auch Werke aufgeführt, die konzeptuell schon Teil meines eigen-frankensteinschen body of works waren und eben von anderen umgesetzt worden waren. Also habe ich das Resultat all dieser wunderbaren Arbeiten, die im Kontext meiner Ausstellung höchstwahrscheinlich auch noch eine weitere Bedeutungsebene erhalten haben, in diese bestimmte Ausstellung inkludiert.

An diesem Ansatz waren die Herangehensweise von Elke Silvia Krystufek und John Bock – und im entferntesten Sinne auch Christoph Schlingensief – bestimmt nicht unwesentlich. Diese Neukontextualisierung anderer Werke und KünstlerInnen hat solchen Spaß gemacht, dass daraus wiederum "Die Chic Boutique" entstanden ist. Bei der "Chic Boutique" handelt es sich um einen Versuch neue Alternativen zu den ewig langweiligen Ausstellungskonzepten zu finden. Die weiße Wand, das brave Bild mit dem beengenden Rahmen, all das drückt mir die Kehle zu. Ich bin mir sicher, damit stehe ich nicht alleine. Gleichzeitig bezieht sich "Die Chic Boutique" mit ihrer salonartigen Ausrichtung ganz bewusst auf vorangegangene Ausstellungspraktiken, die unter anderem auch in Wien eine lange Tradition haben, wie beispielsweise die Wiener Werkstätte, die Secession oder auch das Bauhaus. Da "Die Chic Boutique" zurzeit keinen fixen Raum bespielt, sondern sich je nach Einladung an unterschiedlichsten Orten manifestiert, ist die Auseinandersetzung mit der vorgefundenen Architektur bzw. Ausstellungsarchitektur besonders spannend und intensiv.

Link: www.johannabraun.com

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kurator, kuratieren, kunstproduktion, autonomie