Schwerpunkt

1/2014 - Display/Aktuelle Dynamiken und Herausforderungen kuratorischer und vermittelnder Praxis

Spielräume schulischer Displays

AutorIn: Antje Lehn

Antje Lehn zeigt in ihrem Beitrag, wie durch einen erweiterten Display-Begriff in der Schulklasse durch konkrete Projekte Frontalunterricht unterwandert und das Klassenzimmer zu einem ergebnisoffenen Handlungsraum umgestaltet werden kann. Auch Decken, Spiegel, Tische und Spinde sind Displays ...

12.000 bis 15.000 Stunden unseres Lebens verbringen wir in Schulräumen.
Für LehrerInnen kommt dazu noch ein ganzes Berufsleben.
Warum bringen wir den Klassenzimmern nicht das Fliegen bei
und suchen uns neue Räume zum Lernen und Lehren?
Raum als Werkstatt, als Bühne, als Dorfplatz, als "dritter Pädagoge".
(Zitat Ausstellungstext Fliegende Klassenzimmer)

In der Stadt begegnet einem der Andere grundsätzlich als ein Fremder,
als eine Erscheinung, die nicht sofort einzuordnen ist,
sondern erst wie ein Bild gelesen werden muss,
um Spuren der Identität oder Geschichte zu erkennen.
Die Dichte der Information, die in der Stadt gelesen werden kann,
um die Wahrnehmung in ihrer Gesamtbedeutung,
die sich erst durch die Zusammenhänge erschliesst,
bedarf einer Analyse der Zeichen.
Dies sind die Bedingungen,
die die Existenz des Flaneurs möglich und notwendig machen,
denn nun wird jemand in Bewegung verlangt,
sich die Stadt zu Fuß zu erschliessen,
um ihren Zeichen zu folgen und sie zu lesen.
(Manfred Russo, Die Strasse, Urbane Morphologie, Derive Nr 50)

Das Klassenzimmer ist in den meisten Schulen in Österreich ein stark reglementierter Raum, dessen Proportion und Einrichtung institutionell vorgegeben sind. Die in den Schulbaurichtlinien festgeschriebene Fläche des Klassenzimmers von 9m x 7m (vgl. Kühn 2010) leitet sich von historischen Rahmenbedingungen ab, die heute längst nicht mehr gelten. Statt 60 Kindern und einer Lehrperson, wie im 19. Jahrhundert, befinden sich heute 25–30 Kinder und manchmal bis zu 3 Lehrpersonen im Raum. Statt Frontalunterricht für alle finden Projektunterricht und selbstständiges Lernen – alleine oder in kleineren Gruppen – statt. Obwohl seine Funktionalität angezweifelt wird, prägt der standardisierte, frontal ausgerichtete Schulraum immer noch den Alltag vieler Lernender und Lehrender. Im folgenden Text will ich anhand einiger Beispiele der Frage nachgehen, wie man durch handlungsorientierte architektonische Interventionen Freiräume schaffen kann, um mit diesen stark reglementierten räumlichen Gegebenheiten in der Schule anders umzugehen.

In der Ausstellung Fliegende Klassenzimmer (vgl. Lehn/Stuefer 2011) machten Renate Stuefer und ich als KuratorInnen verfremdete Schulmöbel zum Gestaltungsprinzip, um einen anderen Blick auf Schule zu generieren. Ausgemusterte Schulmöbel mit Gebrauchsspuren wurden verdreht, gestapelt, auf Räder montiert, beklebt, beschriftet und so zu Trägern der Ausstellungsinhalte. Bei SchülerInnen, die die Ausstellung besuchten, stellte sich zunächst Verunsicherung, dann ein humorvolles Wiedererkennen ein. Die angebotenen Kaugummis wurden gekaut, Tischflächen und Wände beschriftet, Stühle und Tische gekippelt und durch den Raum gerollt. Die Ausstellung konnte mit einer rauhen Oberfläche eine Verbindung zu den SchülerInnen herstellen, und sie so einladen, auf dieser unfertigen Oberfläche die Frage nach einer anderen Schule aus ihrer Perspektive weiterzuschreiben.


Fliegende Klassenzimmer im kunsthaus muerz
Foto: Johanna Reiner, 2009

Den Klassenraum, den Schulraum und das Schulumfeld aus Perspektive der SchülerInnen zu vermessen, ist das Ziel der – im erweiterten Sinne – kartografischen Projekte, von denen im Folgenden berichtet werden soll. Diese Arbeiten zielen unter dem Begriff „Vermessung unsichtbarer Räume“ darauf ab, SchülerInnen selbst zu ermächtigen, den Schulraum und seine verdeckten Agenden und auch seine Krisen kritisch zu hinterfragen. Zunächst analysieren SchülerInnen als ExpertInnen ihres Umfeldes physische, institutionelle und sozialen Räume der Schule. Im nächsten Schritt wird angeregt, sich mit künstlerischen Mitteln zu positionieren und eigene Darstellungsformate für Raumqualitäten und Atmosphären zu entwickeln. Auf Basis dieser Recherche entwickeln die SchülerInnen mit der Unterstützung von KünstlerInnen und/oder ArchitektInnen raumgreifende Installationen im Maßstab 1:1. Durch das emanzipierte oder auch gegenkulturelle Handeln als AkteurInnen wird Aneignung von (Schul)Raum möglich und Reproduktionsmechanismen räumlicher Handlungsmuster werden sichtbar (vgl. Löw 2001). Es stellt sich nun die Frage nach einem Display, das diese Sichtbarmachung unterstützt und die Erfahrung der handelnden Auseinandersetzung mit dem Raum abbildet und an die Institution Schule zurückspielt.

Als wichtigstes Display für den (frontalen) Unterricht gilt in Europa seit dem 19. Jahrhundert die Tafel. Die dunkelgrünen oder schwarzen an der Wand befestigten Holzplatten befinden sich meistens an der Stirnseite des Raumes. Ihre Oberfläche ist mit Kunststoff, Glas oder emailliertem Stahl beschichtet und wird traditionell mit Kreide beschrieben. Zusätzlich gibt es seit etwa 50 Jahren die Projektionsmöglichkeit mit Tageslicht-Projektoren. Neuere Display-Technologien, wie Beamer gehören bereits immer häufiger zur Standardeinrichtung, während beispielsweise interaktive Whiteboards (eine Mischung aus analogen und digitalen Medien) aus Kostengründen bisher nur in wenigen Schulen angeboten werden. In vielen Klassenzimmern werden auch die Wände, Fenster oder quer durch den Raum gespannte Schnüre zur Ausstellung von Materialien oder SchülerInnenarbeiten verwendet. Schulische Displays werden im Wesentlichen von den Lehrpersonen kontrolliert und zum Zeigen von Lehrinhalten und zum Abfragen von SchülerInnenwissen genutzt.

Im Klassenzimmer vorhandene Display-Elemente wie Tafel, Overheadprojektor, Beamer oder Pinnwände können den SchülerInnen leicht als Werkzeuge aufgeschlossen werden. Raumoberflächen und Schulmöbel dagegen sind als Displays meistens tabu – gerade diese werden aber von SchülerInnen gerne als alternative Kommunikationsplattformen zur Abbildung von Langeweile, Liebeskummer oder Kritik an der Schule verwendet. Zur Erweiterung des Handlungsfeldes habe ich im Rahmen verschiedener Kooperationen (Ausstellung Fliegende Klassenzimmer und Schulprojekte) Oberflächen wie Decken, Wände, Böden, Türen, Möbel, Spiegel, Fenster und Spinde jenseits der gewohnten Blickregime als Displays erschlossen, um die in Schulen beliebte Stellwandkultur zur Domestizierung von Schülerkunst zu vermeiden. Durch Verfremdung und untypische Verwendung banaler Gegenstände des Schulalltags entsteht Irritation, die aufmerksam macht auf das vonseiten der SchülerInnen eröffnete Gestaltungsfeld. Das verfremdete schultypische Display eröffnet einen ergebnisoffenen Rahmen, der einer institutionskritischen Raumvermessung auch in Zukunft als Hintergrund dienen kann.


Fliegende Klassenzimmer im kunsthaus muerz
Foto: Johanna Reiner, 2009

Die Methode der Vermessung unsichtbarer Räume setze ich unter anderem im Rahmen von Lehrveranstaltungen der Kunst- und Kulturpädagogik um, die ich seit einigen Jahren am Institut für das künstlerische Lehramt an der Akademie der bildenden Künste Wien gemeinsam mit Anna Pritz abhalte. Das Projekt findet mit wechselnden thematischen Schwerpunkten, eingebettet in vier bis sechs Unterrichtsblocks, im Fach Bildnerische Erziehung (BE) in der Unterstufe eines Wiener Gymnasiums statt. Vermittlungsstrategien werden in einer Art Kaskade, von uns Lehrenden an die Studierenden, und von den Studierenden an Gruppen von sechs bis acht SchülerInnen im Unterricht weitergegeben.

Unter dem Titel Schattenräume entwickelten 14-jährige SchülerInnen eine kurze Geschichte, die pantomimisch in ein Schattentheater übersetzt und auf Video aufgenommen wurde. In der Vorbereitung wurde der Gangbereich mit Overhead-Projektoren und Projektionsrahmen zum Bühnenapparat umfunktioniert, der Klassenraum mit Theaterrängen aus Tischen und Stühlen ausgestattet, die Projektionsgeräte interaktiv manipuliert. Zum Abschluss wurde das Video per Beamer im Klassenraum projiziert und mit weiteren Ebenen aus projizierter Schrift und spontanem Schattenspiel performativ überlagert. Als Medien verwendeten die SchülerInnen gleichzeitig Beamer- und Overhead-Projektionen, Live-Performance und Musik. Alle Maßnahmen führten zu einem synästhetischen Gesamtwerk und zu ungewohnt atmosphärischer Verfremdung des Schulraumes. Obwohl die Inszenierung selber nur wenige Minuten dauerte, blieb für die SchülerInnen aber die Erfahrung des empowerment durch die autonome Veränderung eines gegebenen schulischen Settings prägend.

Im Projekt Das fliegende Klassenzimmer wurde der Klassenraum als Netzwerk von Bewegungen und Beziehungen mit Schnüren nachgezeichnet. Das Klassenzimmer wurde quasi zur „Karte des Reiches im Maßstab 1:1“ (Eco, 1990), und die SchülerInnen machten spielerisch die Erfahrung dass es keine Karte geben kann, die der Wirklichkeit entspricht, da die Abbildung der sozialen Räume auf die physische Umgebung umgehend zu einer Auflösung der Funktionalität des Klassenraumes führte. Nachdem vielfarbige Schnüre alle Bewegungen im Raum nachzeichneten und so sämtliche Wege einschließlich der Tür miteinander verwoben, konnte niemand den Raum betreten oder verlassen – die anarchische Vernetzung wurde in Zeichnungen dokumentiert und kurz vor Beendigung des Unterrichtes mit Hilfe von Scheren aufgelöst.


Beziehungsnetz im Klassenzimmer
Foto: Antje Lehn, 2013

Auch außerhalb des Lehrkontextes steht die Hinterfragung schulischer Räume im Mittelpunkt meiner Projektarbeit mit SchülerInnen: Eine gebaute räumliche Inszenierung war das Ergebnis des Projektes Nest, welches in Zusammenarbeit mit Johanna Reiner konzipiert und umgesetzt wurde. Aufgrund der Unzufriedenheit einer Klasse der 6. Schulstufe mit ihrem engen Klassenzimmer wurden wir eingeladen, Maßnahmen zur Raumverbesserung zu entwickeln. Nach einer Besichtigung vor Ort, beschlossen wir partizipatorisch mit der Klasse zu arbeiten. Zunächst wurden SchülerInnen mit historischen, künstlerischen und literarischen Karten und Welt-Bildern konfrontiert. Es folgte die zeichnerische Erforschung eigener Welt-Bilder vom Klassenzimmer durch Interpretation von Atmosphäre und Sozialraum als Landschaft mit Orten und Regionen.

Die Analyse des eigenen Klassenraumes auf Ebene von subjektiven Karten ermöglichte eine Folie zur Formulierung von Bedürfnissen der SchülerInnen und führte zu konkreten Wünschen an ihren Raum: Rückzugsräume, Eroberung der Vertikalen, sowie prägnante Möblierung und Klassenidentität. Mit entwerferischer und handwerklicher Unterstützung durch KünstlerInnen und die Nähwerkstatt der Akademie der bildenden Künste wurden diese Utopien in räumliche Variationen zum Thema Nest übersetzt, die die SchülerInnen an zwei Projekttagen selber herstellen und im Klassenraum installieren konnten. Die gebauten Objekte vergegenständlichten die Wünsche der SchülerInnen nach Aktivität, Identität und Rückzug, oder eben Schaukeln, Klettern und Verstecken. Im Rahmen der Projekttage konnten diese neuen Spiel-Räume im Klassenzimmer demonstriert werden und zeigten sofort Wirkung in der positiven Identifizierung der SchülerInnen mit ihrer Klasse.


Nest im Klassenzimmer
Foto: Antje Lehn, 2012

Abschließend möchte ich ein Schulprojekt vorstellen, bei dem sich die Vermessung unsichtbarer Räume in den städtischen Maßstab ausweitete. Ausgangspunkt des stadträumlichen Workshops Forschende Flaneure war die Tatsache, dass sich eine Schule im zweiten Wiener Gemeindebezirk auf zwei getrennte Gebäude verteilt und somit LehrerInnen und SchülerInnen im Schulalltag immer wieder über die Straße gehen müssen. Um die Verschränkung von Schulraum mit öffentlichem Raum sichtbar zu machen, entwickelte ich in Zusammenarbeit mit der Lehrerin des Faches Geographie und Wirtschaftskunde ein Konzept für eine kartografische Untersuchung der Schulumgebung. Einerseits sollten Jugendliche in der Rolle von Flaneuren zu einer aktiv-neugierigen Haltung zur Stadt angeregt werden, andererseits ging es darum, die Schulakteure als Stadtakteure sichtbar zu machen. Die Flaneure wurden auf Expeditionsrouten geschickt, mit der Aufgabe, gezielt Faktisches und scheinbar Beiläufiges zu sammeln. Die Notationen der SchülerInnen wurden in einen maßstäblichen Stadtplan übertragen, um daraus eine gemeinsame Dokumentationsebene der Schulumgebung zu konstruieren. Es bleibt kritisch zu hinterfragen, ob diese Karte als Abbild von Erfahrungen gelten kann oder diese Art des Displays den Fokus möglicherweise zu stark auf die Fähigkeit zu Abstraktion von Orientierung setzt. Wünschenswert wäre, im nächsten Schritt prozesshaftere Displays zu konzipieren, die abbilden können, in wie weit sich die SchülerInnen auf die Entdeckung von neuen Räumen und Lernprozessen in ihrer (scheinbar bekannten) Umgebung einlassen.

Zum Abschluss sollten die SchülerInnen eine öffentliche Aktion entwerfen, wobei das freie Format der Handlung im Stadtraum gut angenommen wurde. Drei Gruppen planten unterschiedliche Interventionen: Eine Gruppe von SchülerInnen suchte über Kreideschrift am Boden und Teilabsperrung der Gehwege das Gespräch mit PassantInnen. Andere gestalteten einen Haarlem Shake, einen Videoclip, bei dem durch Schnitt und Musikunterlegung eine anarchische Tanzaktion vor städtischem Hintergrund simuliert wurde. Die dritte Gruppe inszenierte mit Körpereinsatz sogenannte extreme plankings. Dabei wird versucht, in steifer Körperhaltung auf diversen Objekten liegend zu balancieren. Diese performativen Displays im öffentlichen Raum zeigten in der Gruppe identitätsstiftenden Effekt, da sich die Jugendlichen ihre Schulumgebung in selbst choreografierten Handlungen ein Stück weit eigenverantwortlich aneignen und dabei auch Grenzen ausloten konnten. Auch hier wurde von den Jugendlichen über die Ebene der Verfremdung alltäglicher Handlung ein spielerischer Freiraum geschaffen, in dem sie gesellschaftlich geregeltes Raumverhalten kritisch hinterfragen konnten.


Forschende Flaneure
Foto: Antje Lehn, 2013

Zusammenfassend möchte ich noch einmal auf die Rolle von Displays im künstlerisch begleiteten Projektunterricht zurückkommen. Allen vorgestellten Projekten ist eine Verwendung von Displays sowohl als begleitendes Kommunikationsmittel als auch als abschließendes Präsentationsmedium gemeinsam. Idealerweise werden von SchülerInnen aus den Zwischenschritten der Prozesse eigenständige Werkzeuge der Präsentation entwickelt, die gleichwohl durch die projekteigene Ästhetik geprägt sind. Durch die Vermischung von konventionellen mit verfremdeten Formaten wird immer wieder die Tauglichkeit der abbildenden Oberfläche als Transporter für die Inhalte des jeweiligen Projekts zur Disposition gestellt. Nach anfänglicher Irritation steigen SchülerInnen meistens schnell und humorvoll darauf ein, die zur Verfügung stehenden Objekte, Medien und Räume durch Verfremdung kritisch zu hinterfragen. Das versetzt sie in die Lage, aus ihrer Perspektive die Werkzeuge an den Inhalt anzupassen, anstatt sich von institutionell vorgegebenen zielorientierten Vorgaben der Werkzeuge einengen zu lassen. Es werden Bilder an die Decke projiziert, Fenster zu Rahmen und Tische zu Tafeln. Diese spielerische Erweiterung schulischer Displays schafft begleitend zum explorativen räumlichen Lernen einen ergebnisoffen Handlungs-Raum.


Literatur

Eco, Umberto (1990): Karte des Reiches im Maßstab 1:1, in: Eco, Umberto: Platon im Striptease-Lokal, Parodien und Travestien, München: dtv.

Kühn, Christian (2011): Neue Räume für die Bildung, in: Lehn, Antje/Stuefer, Renate (Hg.): räume bilden – Wie Schule und Architektur kommunizieren, Wien: Löcker.

Lehn, Antje/Stuefer, Renate (Hg.) (2011): räume bilden – Wie Schule und Architektur kommunizieren. Band 5 der Publikationsreihe Arts & Culture & Education, Wien: Löcker.

Löw, Martina (2001): Raumsoziologie, Frankfurt/Main: Suhrkamp.

Tags

displays, (fliegendes) klassenzimmer, frontalunterricht, aneignung