Kultur - Kunst

4/2013 - Medialer Habitus

Wissen im Sachcomic (im TibiaPress Verlag)

AutorIn: Eva Horvatic

Eva Horvatic nimmt sich der Sachcomicpublikationen des TibiaPress Verlags an, der nun schon seit geraumer Zeit Wissensformen aus Physik, Soziologie, Kutlurwissenschaften oder Ökonomie im Comicformat präsentiert und damit nachdrücklich auf mediale Wissensvermittlung setzt.

"Wer nichts weiß, muss alles glauben.“[1]

Diesen Aphorismus der österreichischen Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach hat der TibiaPress Verlag für seine erfolgreiche Reihe INFOcomics als Motto gewählt. Seit 2010 bringt der Verlag Sachcomics aus der britischen "Introducing …"-Reihe als deutschsprachige Ausgaben heraus. Dass eine Einführung in verschiedene wissenschaftliche Disziplinen (wie etwa Physik, Philosophie, Psychologie, Soziologie, Kulturwissenschaften und Ökonomie) und deren unterschiedliche Themengebiete (wie Relativitätstheorie, Quantenphysik, Logik, Ethik, Kapitalismus und Marxismus) leicht verständlich und lebendig sein kann, oder Gedanken und Werke bedeutender SchriftstellerInnen und DenkerInnen (wie William Shakespeare und Slavoj Žižek) leicht nachvollziehbar näherbringen kann, ohne dabei an Seriosität einzubüßen, beweist das Format der Sachcomics. Sachcomics bilden eine hervorragende Einführung in ein wissenschaftliches Fachgebiet und seine Fragestellungen, und geben einen profunden Überblick. Es sind Werke, deren Inhalte nicht einfach bloß durch Bilder aufgelockert sind, sondern in denen namhafte Künstler mittels ihrer Zeichnungen eine eigenständige inhaltliche Ebene schaffen, die "Perspektivenwechsel, Kommentare, erste Diskussionen und Distanzierung“[2] ermöglicht. Hierdurch eröffnen sie einen raschen, jedoch seriösen Einblick auch in schwierige Themengebiete, die Zeichnungen fungieren hierbei als eigenständige inhaltliche Ebene, die das Verständnis fördert.

Sachcomic-Reihen entwickelten sich im englischsprachigen Raum, aus den beiden spanischen Büchern Cuba para principiantes (1960) und Marx para principiantes (1972) des aus Mexiko stammenden politischen Cartoonisten und Schriftstellers Rius. Zehn Jahre nach Erscheinen von Cuba para principiantes wurde das Werk ins Englische übersetzt und erschien bei Leviathan Press of San Francisco und Pathfinder Press of New York, allerdings mit nur mäßigem Erfolg. Es sollte noch weitere sechs Jahre dauern, bis Richard Appignanesi sein Marx for Beginners für die London-based Writers and Readers Publishing Cooperative herausbrachte und damit kommerziellen Erfolg hatte.Bald schon war klar, dass Appignanesi und die anderen Gründungsmitglieder der Publishing Cooperative, unter ihnen Glenn Thompson, eine Marktnische entdeckt hatten. Sie gründeten die Reihe " … for Beginners", in der seriöse wissenschaftliche Informationen mit Comic Strips verbunden werden.

Anfang der 1990er-Jahre kam es jedoch zu einer Aufsplitterung: Appignanesi, der erste Herausgeber und Autor etlicher weiterer Titel dieser Serie, gründete gemeinsam mit anderen den Verlag Icon Books. In diesem Verlag wurden zahlreiche Titel neuerlich publiziert, und die Serie gleichzeitig erweitert. Zur selben Zeit gründete auch Glenn Thompson in Amerika einen neuen Verlag, Writers and Readers' Inc., der ebenfalls die " … for Beginners"-Reihe fortsetzte. Zudem wurden neue Autoren verpflichtet, welche etliche der Titel durch neue Werke ersetzten. Dies führte dazu, dass nun zwei verschiedene Bücher unter ein und demselben Titel auf dem Markt waren, beide als wissenschaftliche Comics. 1999 schließlich wurde die britische Reihe von " …for Beginners" umbenannt zu "Introducing …". Seit 2008 tragen die Ausgaben den Untertitel "A Graphic Guide".

Dennoch blieben beide Verlage dem Konzept verpflichtet, wissenschaftliche ExpertInnen als AutorInnen zu verpflichten und deren Werke von grafischen KünstlerInnen umsetzen zu lassen. (Nur in den seltensten Fällen illustriert ein Autor sein eigenes Werk.) Da sowohl die " … for Beginner"- als auch die "Introducing …"-Reihe großen Erfolg haben, wurden sie von verschiedenen Verlagen in andere Sprachen übersetzt. 2010 etwa brachte der TibiaPress Verlag die erste Übersetzung in deutscher Sprache auf den Markt. TibiaPress publiziert ausschließlich Werke der britischen Serie "Introducing …". Aber nicht alle Verlage müssen sich auf eine der beiden Serien beschränken. So gelang es etwa dem argentinischen Verlagshaus Era Naciente, sich die Rechte für die Übersetzung von Werken aus beiden Reihen zu sichern, die unter dem Namen Libros para Principiantes erscheinen.

Bei TibiaPress sind bisher folgende deutschsprachige Übersetzungen erschienen (in alphabetischer Reihenfolge):

Die Aufklärung

Autor: Lloyd Spencer
Illustrator: Andrzej Krauze

Verlag: TibiaPress Verlag GmbH
Erscheinungsort: Überlingen
Erscheinungsjahr: 2012
ISBN: 978-3-935254-36-6

"Sapere aude! – Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“ Immanuel Kants Aufforderung gilt als das Motto der Aufklärung, einer Epoche, entstanden im 18. Jahrhundert. In seinem Werk zeigt Lloyd Spencer, illustriert von Andrzej Krauze, dass das Projekt der Aufklärung bis heute nichts an Aktualität eingebüßt hat. Diese Epoche wird als Zeit des "Umdenkens“, als Ära der großen Denker, der Revolutionen, der bahnbrechenden naturwissenschaftlichen Erkenntnisse und der Menschenrechte näher gebracht. Neben den Positionen und Ideen von Vordenkern und Vertretern des Aufklärungsgedankens, wie etwa Locke, Voltaire, Rousseau, Kant, Franklin und Jefferson, werden auch die gesellschaftspolitischen Bedingungen näher durchleuchtet, die zu dieser Bewegung geführt haben, ebenso wie die Bedeutung und Auswirkungen, welche die Aufklärung in den westlich-zivilisierten Gesellschaften bis heute hat. Beispielsweise bezeichnet der zeitgenössische deutsche Gesellschaftswissenschaftler Jürgen Habermas Aufklärung als "das unvollendete Projekt der Moderne“. Aber auch kritische Stimmen wie jene des gebürtigen polnischen Soziologen Zygmunt Baumann kommen in diesem Band nicht zu kurz.

Dieser Sachcomic gibt einen umfassenden Einblick in die aufklärerischen Ideen und Errungenschaften, die politischen und philosophischen Vorbedingungen, sowie den Einfluss dieses Gedankengutes auf politische, literarische, künstlerische und philosophische Entwicklungen, und lässt dabei auch kritische Positionen zu Wort kommen.

Ethik

Autor: Dave Robinson
Illustrator: Chris Garratt

Verlag: TibiaPress Verlag GmbH
Erscheinungsort: Überlingen
Erscheinungsjahr: 2011
ISBN: 978-3-935254-24-3

Dass Ethik uns alle betrifft, ob wir nun wollen oder nicht, ergibt sich schon alleine aus der Tatsache, dass wir alle (unsere eigenen) Anschauungen von richtig und falsch besitzen. Wie aber können solche moralischen Haltungen begründet werden? Wer hat das Recht, festzulegen was "gut“ und was "böse“ ist? Kann man eine solche Festlegung überhaupt allgemeingültig vornehmen, sodass sie zu jeder Zeit an jedem Ort für alle Menschen gilt?

Warum soll man ein guter Mensch sein? Wie handelt man "gut“? Gibt es Handlungen, die immer schlecht sind? Hat überhaupt jemand das Recht, anderen zu sagen, was Gut- oder Schlechtsein heißt? Gibt es Unterschiede zwischen moralischen Geboten und staatlichen Gesetzen – und wenn ja, weshalb? Heißt Moral, bestimmten Regeln zu gehorchen oder bedeutet es, Folgen von Handlungen genau abzuwägen? Hat der Mensch einen freien Willen? Wie kann Moral begründet werden?

Ausgehend von zehn ethischen Kernfragen folgt das Sachcomic den ethischen Debatten großer Moralphilosophen, wie etwa Sokrates, Platon, Aristoteles, Hobbes, Hume, Kant, Bentham, Mill, Nietzsche, Sartre und Vertretern der Postmoderne. Hierbei werden auch Probleme mit Begriffsbestimmungen (wie etwa "gut“, "menschliche Natur“, "das Selbst“) diskutiert.

Auch der feministischen Ethik wird Raum gegeben (Mary Wollstonecraft, Julia Kristeva, Martha Nussbaum). Am Ende des Bandes werden im Kapitel Ethik und Tiere der tierethische Problemkomplex, sowie die Sterbehilfe-Debatte in Ethik und Sterbehilfe exemplarisch in leicht verständlicher Weise zur Darstellung gebracht.

Der gut aufbereitete, leicht verständliche Text zu "Ethik“ stammt von Dave Robinson, die Bilder von Chris Garratt, der mit seinen Illustrationen, Karikaturen und Fotomontagen eine perfekte Ergänzung und Gliederung zu diesem Themengebiet geschaffen hat.

Evolution

Autor: Dylan Evans
Illustrator: Howard Selina

Verlag: TibiaPress Verlag GmbH
Erscheinungsort: Überlingen
Erscheinungsjahr: 2011
ISBN: 978-3-935254-27-4

Ausgehend vom folgenden Statement des russisch-amerikanischen Genetikers Theodosius Dobzhansky: "Nichts in der Biologie ergibt einen Sinn, es sei denn, man betrachtet es im Lichte der Evolution“, entwickelt dieser Sachcomic die Bedeutung der Evolutionstheorie Darwins als Kerngedanke für die moderne Biologie. Das Buch legt einerseits die Theorien Darwins dar, andererseits thematisiert es die Betroffenheit, die Darwins Denken evozierte und bis heute auslöst, sowie die Reaktionen und Folgen dieser Betroffenheit innerhalb einzelner Bildungsinstitutionen – schließlich geht es in diesem Kontext auch immer um religiöse Überzeugungen und Weltanschauungen: Die Einzigartigkeit des Menschen und seine Vorherrschaft innerhalb der belebten Natur stehen durch Darwin nun zur Diskussion. Seit Darwin stehen die Annahmen, dass der Mensch sich vom Tier dadurch unterscheidet, dass er Seele, Geist einen freien Willen und natürlich auch eine Vorstellung über ein Leben nach dem Tod entwickeln kann, als Klassifikationskriterien zur Disposition.

Darwins Evolutionstheorie alleine wäre noch nicht so spektakulär, gekoppelt aber mit seiner Theorie der natürlichen Auslese lässt sie scheinbar keinen Spielraum mehr für Gott, für die Seele oder für ein Leben nach dem Tode: der Mensch ist für ihn nichts als eine weitere Tierart. Es wird gezeigt, dass sich "Darwins gefährliches Erbe“ (Daniel Dennett, geb. 1942) durch nahezu jede althergebrachte religiöse Vorstellung wie Universalsäure frisst. Daher erläutert Evans im ersten Teil des Buches die Evolutionstheorie, der zufolge der Mensch von nicht-menschlichen Vorfahren abstammt – und stellt damit theoretische Überlegungen zur Artkonstanz von Aristoteles infrage. Auch das Alter der Erde und des Universums wurden durch Fossilienfunde nun nicht mehr an die Beweisführungen aufgrund der Bibel gebunden, sondern neu interpretiert und berechnet. Dies steht in krassem Gegensatz zu den Kreationisten, nach deren Vorstellung Gott alle Lebensformen in ihrer derzeitigen Form vor einigen tausend Jahren erschaffen hat. Nach Darwin aber sind Reproduktionsprozesse von Wesen abhängig von Umweltfaktoren und laufen nicht immer perfekt ab, wodurch es zu Mutationen und Veränderungen innerhalb der Nachkommenschaft kommt. Diese Differenzen beeinflussen die Fähigkeit der Nachkommen zu überleben und sich selbst zu reproduzieren. Dies erteilt der Hypothese von einem "intelligenten Design“ (Schöpfung) eine Abfuhr.

Evans erläutert einerseits Darwins Theorien anhand von zahlreichen Beispielen, wie etwa der Ausdifferenzierung des Sprachvermögens oder das "egoistische Gen“, andererseits gibt er einen spannenden Einblick in die historischen Reaktionen bis hin zu unserem heutigen Verständnis von Evolution. Gleichzeitig aber geht er auch Fragen nach, wie etwa, ob sich Leben zuerst auf anderen Planeten entwickelt hat, bevor es auf der Erde entstand, oder warum es biologisch funktional ist, dass Sex Spaß macht, oder warum sich Eltern um ihre Kinder kümmern.

Darüber hinaus zeigt Evans auch die Grenzen der Naturwissenschaften auf, die zwar Fragen beantworten können, wie die Dinge und Sachverhalte sind und wieso sie so sind – aber nicht Fragen danach, wie sie sein sollen. Die Illustrationen, teilweise mit Fotomontagen verquickt, stammen von Howard Selina und tragen zur Verständlichkeit und Klarheit der Aussagen wesentlich bei.

Kapitalismus

AutorInnen: Dan Cryan, Sharron Shatil
Illustrator: Piero

Verlag: TibiaPress Verlag GmbH
Erscheinungsort: Überlingen
Erscheinungsjahr: 2010
ISBN: 978-3-935254-22-9

Ausgehend von der Tatsache, dass der Kapitalismus auf Handel, Privateigentum und Zahlungsmitteln basiert, wird in diesem Sachcomic seine Verquickung mit dem Handels- und Bankwesen auf leicht nachvollziehbare Weise historisch aufgearbeitet.

Beginnend mit der frühmittelalterlichen Feudalherrschaft, deren Bestreben es war, ein möglichst gleich bleibendes Produktionsniveau zu gewährleisten, werden die ökonomischen, politischen und sozialen Umwälzungen bis heute dargelegt, die diese wachstumsorientierte Wirtschaftsform hervorbrachten. Vom Aufstieg und Fall des Templerordens, als der bedeutendsten Handelsmacht, über die Erschließung neuer Seehandelsruten und der hiermit in Verbindung stehenden Umgestaltung des Handelswesens zur merkantilistischen Wirtschaft zeigen Cryan und Shatil, wie die Niederlande zur weltweit ersten kapitalistisch organisierten Nation werden konnten. Auch dass sich der Absolutismus in England nie durchsetzen konnte, führen die beiden AutoreInnen anhand handelspolitischer Gegebenheiten vor.

Thomas Hobbes wird in weiterer Folge als erster kapitalistischer Philosoph vorgestellt, der postulierte, dass die Macht des Individuums vor allem davon abhängt, "was der Mensch an Mitteln einzusetzen vermag“. Seiner Ansicht nach hat der Mensch das Recht, über seine Arbeit selbst zu bestimmen. John Locke geht noch einen Schritt weiter und spricht dem Menschen auch das Recht auf den Ertrag seiner Arbeit zu. Weiters fragte er nach dem Privateigentum: "Wie kann etwas, was allen gehört, in das Eigentum einer einzelnen Person übergehen?“ Im Gegensatz zu Hobbes stellt er sich gegen eine Regierung mit absoluten Machtbefugnissen. Für ihn hat eine Regierung die Aufgabe, die Interessen der Regierten zu schützen.

Der schottische Ökonom Adam Smith widerspricht Lockes Theorien bezüglich des Handels grundlegend. Er vertritt die Auffassung, dass man den Handel am wirksamsten fördert, indem man auf das Eigeninteresse und den Ideenreichtum der einzelnen Händler setzt. Er geht davon aus, dass sich der Markt ohne staatliche Intervention aufgrund von Angebot und Nachfrage selbst reguliert. Er trat für den Freihandel (keine Zölle und Beschränkungen) ein. Gewisse Aufgaben und Finanzierungen sind seiner Meinung nach allerdings vom Staat zu leisten, wie etwa die Investition in Bildung. Den Wert einer Ware setzte Smith nicht nur in Beziehung zu ihrer Knappheit sondern auch zur Arbeitsleistung, welche hinter der Produktion steckt.

Durch die Weiterentwicklung der Dampfmaschine durch James Watt kam es zu einem regelrechten Wirtschaftsboom in England. Der mechanische Webstuhl bescherte England ein gigantisches Wachstum, der industrielle Bergbau förderte für England die Bodenschätze Amerikas, Australiens und Afrikas zutage, die Arbeit in den Kolonien wurde mechanisiert. Die Ablösung des Merkantilismus durch den Kapitalismus vollzog sich nun vollständig, die europäischen Handelsvorposten in den Kolonien wuchsen zu wahren Wirtschaftsimperien heran. Die Ostindienkompanie wurde zu einem der größten Drogenkartelle, die es in der Geschichte je gegeben hat: Chinesische Waren wurden mit indischem Opium bezahlt, das Geld floss in britische Börsen. Nach dem zweiten Opiumkrieg, den China gegen England und Frankreich führte, musste China der Weiterführung des Opiumhandels und der Entsendung zwangsverpflichteter chinesischer Arbeiter nach Amerika zustimmen, wo diese Sklavenarbeit verrichten mussten.

Physik, Technik und Chemie gewannen als neue Quellen der Macht immer mehr an Bedeutung. Parallel zu den Naturwissenschaften begann man nun auch, gesellschaftliche Zusammenhänge wissenschaftlich zu ergründen: Soziologie, Psychologie und Ökonomie bildeten sich als neue Wissenschaftsdisziplinen heraus. Weiters werden die Theorien einer Reihe bedeutender Ökonomen und Theoretiker dieser neuen Ära erläutert (wie etwa Ricardo, Mill, Marshall, Marx, Keynes, Adorno, Friedman und Fukuyama) und deren Verschränkungen mit den gesellschaftspolitischen Entwicklungen dargestellt.

Unterstützt werden diese Inhalte durch die exquisiten Zeichnungen Pieros, die auf geniale Weise eine zusätzliche kommentierende Ebene darstellen.

Keynes

Autor: Peter Pugh
llustrator: Chris Garratt

Verlag: TibiaPress Verlag GmbH
Erscheinungsort: Überlingen
Erscheinungsjahr: 2012
ISBN: 978-3-935254-37-3

Winston Churchill charakterisierte die Bedeutung von John Maynard Keynes (1883–1946), dem einflussreichsten Ökonomen des 20. Jahrhunderts folgendermaßen: "Wenn ich zwei Ökonomen nach ihrer Meinung frage, erhalte ich drei verschiedene Antworten. Zwei davon sind von Herrn Keynes.“ Dennoch sind seine Theorien heiß umstritten, da für ihn die zentrale Frage war, wie der Kapitalismus gezähmt werden könne. Er gilt als Ökonom der Krise und der sozialen Marktwirtschaft, seine Bedeutung in der Ökonomie ist bis heute ungebrochen, nicht zuletzt deshalb, weil die meisten Theorien von selbstregulierenden Märkten an der Wirklichkeit gescheitert sind.

Keynes sah die politischen und wirtschaftlichen Folgen des Friedensvertrags von Versailles voraus. Bereits sein Buch "Die wirtschaftlichen Folgen des Versailler Friedensvertrages“ gehörte auf dem Sektor der Ökonomie zu den wichtigsten Arbeiten des 20. Jahrhunderts, sein bahnbrechendes Werk "Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes“ aber, das 1936 erschien, gilt bis heute als das einflussreichste dieser Epoche. Darin stellte Keynes die bislang vorherrschende ökonomische Theorie völlig auf den Kopf. Er erteilt der Idee eines sich selbst regulierenden Marktes eine klare Absage. In wirtschaftlichen Krisenzeiten, so Keynes, muss der Staat vermehrt Investitionen tätigen, um Arbeitsplätze zu schaffen, wodurch auch die Nachfrage wieder steigt. Nach Keynes wäre es völlig kontraproduktiv, ein umfassendes Sparpaket zu verordnen, da hierdurch kein neuer Wohlstand entsteht. Investiert der Staat hingegen, sichert und schafft er neue Arbeitsplätze, so steigen auch die Steuereinnahmen, sodass der Staatshaushalt wieder ausgeglichen werden kann.

Chris Garratts Illustrationen und Fotomontagen strukturieren und ergänzen dieses ausgezeichnete Buch, sodass auch komplizierte Sachverhalte leicht erfasst werden können.

Logik

AutorInnen: Dan Cryan, Sharron Shatil
Illustrator: Bill Mayblin

Verlag: TibiaPress Verlag GmbH
Erscheinungsort: Überlingen
Erscheinungsjahr: 2010
ISBN: 978-3-935254-23-6

Von der klassischen Logik der Syllogismen, wie sie von Aristoteles entwickelt wurde, über die Probleme des Zusammenhanges von Logik, Semantik und sprachlichen Strukturen, werden die Aussagenlogik, das Unvollständigkeitstheorems von Gödel, Wittgensteins Wahrheitstafeln, die Modellsprachen bei Turing oder die Paradoxien der Fuzzy-Logik in ansprechender Weise dargestellt. Induktion und Deduktion werden ebenso behandelt, wie Falsifizierbarkeitstheorien, und der Streit zwischen Quine und Davidson, wobei es um Fragen des Relativismus ging und dessen Abkoppelung von der objektiven Wahrheit. Der Zusammenhang zwischen Kognitionswissenschaft und Logik, der für die IT-Wissenschaften besonders wesentlich ist, versucht das menschliche Bewusstsein zu verstehen und dessen logische Verknüpfungen aufzuzeigen. Die symbolischen Gehirnmodelle wollen das neuronale Netz und seine Verknüpfungen zu erklären versuchen und dadurch die komplexen Mechanismen für Logik und rationales Handeln erklären.

Cryan und Shatil gelingt es, die trockene und teilweise in mathematische Symbolsprache ausufernde Logik in einer fesselnden und einigermaßen verständlichen Form auch für Laien darzustellen. Unterstützt werden ihre Ausführungen durch die Zeichnungen und Fotomontagen von Bill Mayblin, der es versteht, eine ausgezeichnete Unterstützung hinsichtlich der Strukturierung des Textes zu schaffen.

Marxismus

Autor: Rupert Woodfin
Illustrator: Oscar Zarate

Verlag: TibiaPress Verlag GmbH
Erscheinungsort: Überlingen
Erscheinungsjahr: 2011
ISBN: 978-3-935254-30-4

Zu einer Zeit der Überholtheit des in den Kommunismus und Realen Sozialismus gekippten Marxismus ist es nicht leicht, das Positive und das Negative der marxistischen Theorien darzustellen. Marxismus hat sich von Beginn an sowohl als eine philosophische als auch als eine wirtschaftliche und politische Theorie verstanden, sowie auch als einen Aufruf zur Revolution. Vor allem das "Kommunistische Manifest“ aus dem Jahr 1848, das aufgrund der elenden Lage und Ausbeutung der Arbeiter und auch der Bauern zu einer Revolution aufrufen wollte, zeigt die enge Verflechtung einer ökonomischen Theorie mit dem Bewusstsein sozialer Verantwortung.

Die Aufhebung der kapitalistischen Produktionsverhältnisse war eines der großen Ziele des Marxismus, da der Profit aus dem Kapital zwangsläufig zu einer Ausbeutung der Arbeiter führen musste: Kinderarbeit, 18-Stunden-Arbeitstage waren damals in Europa die Regel. Der Verkauf der Arbeitskraft der Arbeiter, zur Befriedigung ihrer Lebensbedürfnisse, hat in den Revolutionen (man denke an die Pariser Kommune und die Russische Revolution) zu einer Radikalisierung geführt, die vor allem in Russland zur Realität der Kommunistischen Herrschaft führte, mit den bekannten Folgen des Leninismus und des Stalinismus. Die Utopie einer aus der Entfremdung befreiten Menschheit, die Utopie des endlich zu sich selbst gekommenen Menschen pervertierte zu einer totalitären Herrschaftsform, in der der Parteiapparat und die Funktionäre der Kommunistischen Partei für eine neue Zweiklassengesellschaft sorgten.

Die dem Marxismus nahestehenden Vertreter der Frankfurter Schule (Adorno, Marcuse, Horkheimer und Habermas) versuchten, in ihrer Kritischen Theorie die Eindimensionalität des Menschen ebenso anzuprangern wie eine Kritische Theorie der Medien zu entwerfen, die in der Massenkommunikation die Konsumenten manipulieren und ein falsches Bewusstsein erzeugen. Die Neue Linke der 1960er und -70er Jahre verband revolutionäre Theorien mit postmodernen Vorstellungen und die Geschichtskorrekturen durch Bell oder Fukuyama haben marxistische Theorien weitgehend außer Kraft gesetzt. Die Postmoderne, vor allem in der Gestalt von Derrida, in ihrer dekonstruktivistischen Tendenz will die marxistische Dialektik durch eine dekonstruktivistische Linguistik ersetzen und landet in einer neuartigen Definition der Antagonismen, die nicht mehr in der Unterscheidung zwischen Kapitalist und Proletarier bestehen, sondern durch Geschlecht, Ethnizität, Alter usw. bestimmt werden. Die alt hergebrachten Klassen zerfallen und verlieren ihre Bedeutung, der agonistische Pluralismus, der die Konflikte in einer pluralistischen Zivilgesellschaft herausarbeitet, sorgt für eine Destabilisierung der Gesellschaft, deren weitere Entwicklung wohl jenseits des Marxismus nicht voraussehbar ist.

Ökonomie

Autor: David Orrell
Illustrator: Borin van Loon

Verlag: TibiaPress Verlag GmbH
Erscheinungsort: Überlingen
Erscheinungsjahr: 2011
ISBN: 978-3-935254-31-1

Ökonomische Theorien und die Herausbildung des "homo oeconomicus“ in unserer Gegenwart haben dazu geführt, dass Wirtschaft und Ökonomie nahezu einen uneinholbaren Spitzenplatz in unseren sozialen und kulturellen Entwicklungen einnehmen. Noch nie stand die Wirtschaft so sehr im Mittelpunkt. Vor allem seit dem Aufbruch zur so genannten Globalisierung hat die wirtschaftliche Entwicklung eine Dimension erreicht, in der alles andere der Ökonomie untergeordnet scheint.

Schon Aristoteles sagt in seiner Nikomachischen Ethik, dass alle Dinge mit Geld gemessen werden, und der biblische Tanz ums Goldene Kalb zeigt, dass eben diese Interessen nicht unbedingt eine Erfindung der Neuzeit sind. Aber bereits bei den Philosophen und Wirtschaftsdenkern des 16. und 17. Jahrhunderts tauchen ökonomische Theorien auf, die bis in die Gegenwart fortbestehen. So ist etwa die "unsichtbare Hand des freien Marktes“, wie sie von Adam Smith vertreten wurde, nach wie vor ein Dogma liberaler Wirtschaftstheorien der Gegenwart.

Geldmengentheorien oder die von der Österreichischen Schule der Nationalökonomie entwickelte Grenznutzentheorie sind immer noch von Bedeutung, ebenso wie Konjunkturzyklustheorien, und die Diskussion zwischen den sozial orientierten Modellen von Keynes und der den schrankenlosen Kapitalismus befürwortenden neoklassischen Annahme von Friedman. Inflation und Stagflation werden ebenso verständlich erklärt, wie Kritiken am schrankenlosen Ökonomismus.

Die Banken- und Finanzkrisen der letzten Jahre haben aber auch die Bedeutung der Ethik für die Wirtschaft ins Licht der Öffentlichkeit gerückt. Dass ökonomische Theorien und wirtschaftliche Realität weit auseinanderklaffen können, wird nach der Lektüre dieses Bandes von David Orrell, unterstützt durch die Darstellungen von Boris van Loon, ebenso einsichtig, wie die Macht der Wirtschaft, die in der Lage ist, die Politik in Geiselhaft zu nehmen.

Philosophie

Autor: Dave Robinson
Illustratorin: Judy Groves

Verlag: TibiaPress Verlag GmbH
Erscheinungsort: Überlingen
Erscheinungsjahr: 2011
ISBN: 978-3-935254-28-1

Über die Frage "Was ist Philosophie?“ haben sich seit den antiken Kulturen bis in die Gegenwart große Geister zerstritten. Die Verschiedenheit der Antworten mag verwirren, stellt aber auch eine große intellektuelle Herausforderung dar. Der Band von Dave Robinson, illustriert von Judy Groves, versucht, von der Antike die Entwicklung der Philosophie zu einem in eine Vielzahl von Unterdisziplinen aufgespaltenen akademischen Bereich nachzuzeichnen. Nach Robinson gibt es in den USA beispielsweise an die 10.000 professionelle Philosophen, die sich mit allem und jedem auseinandersetzen.

Die Palette der Fragestellungen in der Philosophie reicht von ontologischen Fragestellungen der Metaphysik über Untersuchungen der Grenzen unserer Erkenntnis (wie bei Kant), bis zu Fragestellungen, unsere gegenwärtigen gesellschaftlichen und technologischen Entwicklungen betreffend. Fragen nach dem Sinn des Lebens, nach einer guten Gesellschaftsordnung, nach Gott und Welt stehen hier ebenso im Mittelpunkt wie Fragen der Logik, der Sprache und unseres alltäglichen Verhaltens.

Dieser Band ist sehr an den US-amerikanischen philosophischen Strömungen orientiert und stellt neben der in Amerika vorherrschenden logisch-analytischen Philosophie und dem Positivismus, der Philosophie Wittgensteins oder der Philosophie der "Normalsprache“ auch die neuesten Entwicklungen in Hinblick auf den Paradigmenwechsel in der Wissenschaftstheorie dar (Popper, Kuhn, Lakatos oder Feyerabend). Auch Heideggers Ideen und der französische Existentialismus und Strukturalismus werden bei aller Simplifizierung gut zusammengefasst. Neben einer Würdigung des sehr ambivalenten Denkens von Wittgenstein geht der Autor weiters auf die diffusen Strömungen in der Postmoderne ein und auf die Kritik an den "großen Erzählungen“, auf die Machtspiele Foucaults, sowie auf Baudrillards Kritik an einer hyperrealen Welt. Alles in allem ein gelungener Streifzug durch die Geschichte der Philosophie, ihre Holzwege, Irrtümer und Erkenntnisgewinne.

Psychoanalyse

Autor: Ivan Ward
Illustrator: Oscar Zarate

Verlag: TibiaPress Verlag GmbH
Erscheinungsort: Überlingen
Erscheinungsjahr: 2012
ISBN: 978-3-935254-36-6

Die Psychoanalyse ist inzwischen weit über ihren eigenen Geltungsbereich als Therapie für psychische Erkrankungen hinaus zu einem komplexen kulturellen Phänomen geworden. Von ihrem Anspruch Wissenschaft zu sein, bis zu jenem, eine Weltanschauung, eine Art Religion oder Religionsersatz, ein Instrumentarium für politische Theorien darzustellen, sind ihre Theorien durch das Eindringen in unsere Alltagskultur zu einem festen Bestandteil des Selbstverständnisses unserer Gesellschaft geworden.

Als Scharlatanerie und Humbug heute ebenso geziehen wie zu Zeiten ihres Gründers Sigmund Freud, als Heilmittel für eine Vielzahl von psychischen Erkrankungen, wie etwa Neurosen und Psychosen, bis hin zur Behandlung von Hysterie gepriesen, hat die Psychoanalyse wie keine andere die Psyche des Menschen untersuchende Methode unser Leben beeinflusst. Verdrängung, Traum, Triebverhalten, Sexualität, Libido, Ödipuskomplex, Über-ich sind in unser Alltagsverständnis eingedrungen. Freilich sind die Strömungen der Psychoanalyse, zersplittert in vielfache Schulen, ebenso komplex wie ihre Instrumentarien.

Der Autor Ivan Ward, unterstützt durch die Illustrationen von Oscar Zarate, versucht einen Streifzug durch die Geschichte der Psychoanalyse mit ihren inhaltlichen Stationen von Freud bis in die Gegenwart nachzuzeichnen. Dies gelingt nicht immer überzeugend, zumal die Darstellung eine einseitige Schlagseite zugunsten der Entwicklungen in den USA enthält. Das Schwanken zwischen therapeutischen Zielen der Psychoanalyse und ihren theoretischen Fundamenten (zum Beispiel jenem der Bedeutung der frühkindlichen Sexualität) wird einerseits simplifiziert, andererseits aber unnötig kompliziert erörtert.

Einer der Kernpunkte der Freudschen Theorie, die Eingeklemmtheit des Ich zwischen den Trieben des Es und der moralischen Instanz des Über-Ich gerät zu kurz, ebenso die Darstellung der Metapsychologie, die für Freud enorm wichtig war. Die österreichischen Schulen, die von Freud ausgingen – wie jene von Adler, Frankl oder Ferenczi – werden nicht oder nur am Rande erwähnt.

Auch Narzissmus und Ich-Identität werden nur unzureichend dargestellt und erklärt. Freuds große Anstrengung, den Patienten dazu zu bringen, dass dort wo das Es beherrschend ist, das Ich gestärkt werden solle, geht in einer Fülle von nahezu kindisch anmutenden Versuchen unter, die orale, anale und genitale Phase unter einen Hut für die Identitätsstiftung zu bringen. Kläglich fällt auch die Darstellung des Verlaufs der psychoanalytischen Therapie aus. Alles in allem ein gutgemeinter Versuch, Psychoanalyse in ihrer Komplexität populär darzustellen. Ein Versuch, der aber im Wesentlichen misslungen ist.

Psychologie

Autor & Illustrator: Nigel C. Benson

Verlag: TibiaPress Verlag GmbH
Erscheinungsort: Überlingen
Erscheinungsjahr: 2011
ISBN: 978-3-935254-29-8

In der Psychologie geistern verschiedene Definitionen, was sie denn eigentlich sei, herum, wobei von der ursprünglichen Bedeutung, Psychologie sei eine Wissenschaft der Psyche (oder der Seele), nicht mehr die Rede ist. Freilich bezieht sich die gängigste Definition immer noch auf den menschlichen Geist, wenn sie sich als wissenschaftliche Erforschung des Geistes und des Verhaltens von Menschen und Tieren versteht. Im Sachcomicband werden die sechs wichtigsten Ansätze der Psychologie ebenso verständlich wie witzig dargestellt: Psychodynamische Theorie, Behaviorismus, Kognitive Theorie (einschließlich Gestalttheorie), Humanistische Theorie, Bio-psychologischer Ansatz, Sozial-kultureller Ansatz. Der Streit, ob Psychologie überhaupt eine Wissenschaft sei, wird meist zugunsten der Forschungsmethodik Experiment, Beobachtung, Befragung, Fallstudie und Korrelation beantwortet. Die mit der Philosophie verbundenen Hauptströmungen, von Descartes bis zu Darwin und Galton, werden zur Untermauerung der gegenwärtigen psychologischen Theorien herangezogen, die experimentelle Psychologie als eine der wesentlichsten Ansätze herausgestellt. Die Psychodynamik, den Theorien Freuds nahe, unterscheidet sich wesentlich vom Behaviorismus, der von Pawlows Experimenten bis zu den Auffassungen Watsons und Skinners eine völlige Determinierung des Menschen durch Erziehung und Dressur für möglich hielt. Der kognitive Ansatz, wie er in der Gestaltpsychologie prägend ist, hat nicht nur die Gestaltprinzipien der Wahrnehmung, sondern auch das kognitive Lernen in den Mittelpunkt gerückt. Freilich wird dabei auch der menschliche Geist als eine Art Computer betrachtet.

Die Humanistische Psychologie (Maslow und Rogers) versucht, eine Theorie der Selbstverwirklichung zu entwerfen. Im physiologischen Ansatz wird vor allem das Verhalten als Reaktion chemischer Stoffe im Körper, und von Gehirnfunktionen in den Mittelpunkt gerückt: Die heute äußerst populäre Hirnforschung versucht mittels verschiedener Techniken das Spiel der Neuronen im Gehirn für unser Verhalten haftbar zu machen. Innerhalb soziokultureller Ansätze wird das Verhalten als weitgehend durch die Umgebung beeinflusst interpretiert (Sozialisation, Familie, Kultur im Allgemeinen). Kurz dargestellt werden auch Entwicklungspsychologie und Soziale Psychologie.

Alles in allem bietet das Buch von Nigel C. Benson, der auch für die Illustrationen verantwortlich zeichnet, eine gut verständliche Übersicht über die Vielzahl der psychologischen Theorien und deren Nähe zu Psychiatrie und Psychoanalyse.

Quantentheorie

Autor: J. P. McEvoy
Illustrator: Oscar Zarate

Verlag: TibiaPress Verlag GmbH
Erscheinungsort: Überlingen
Erscheinungsjahr: 2011
ISBN: 978-3-935254-32-8

Obwohl die Behauptung des Autors J. P. McEvoy, Quantentheorie wäre einem völligen Neuling einfacher zu erklären als einem klassischen Physiker, sehr hoch gegriffen ist, gelingt es dem Sachcomic – zumindest ansatzweise – dieses schwierige Gebiet auch Laien nahezubringen. Dabei hilft neben den Illustrationen von Oscar Zarate auch die Darstellung der Verquickung der historischen Vorgänge sowie der Quantentheorie des 20. Jahrhunderts, und ihre Abgrenzung von der Klassischen Physik, wie sie bereits von Galilei und Newton in wesentlichen Zügen grundgelegt worden war. Während man in der Klassischen Physik davon überzeugt war, dass das Universum einer riesigen Maschine in einem absoluten Raum-Zeitgefüge vergleichbar sei, dass jede Bewegung eine Ursache habe und diese die Wirkungen determiniere, dass die Ausbreitung von Licht entweder durch Teilchen oder durch Wellen geschehe, ist durch die Arbeiten von Theoretikern – etwa Einstein, Bohr, Planck, Schrödinger, Pauli und Heisenberg – gezeigt worden, dass Materie Licht nur in Energiebündeln, so genannten Quanten absorbiert und aussendet. Die Auseinandersetzung mit den Eigenschaften der mikroskopischen Welt, die Schrödinger-Gleichung, das Ausschließungsprinzip von Pauli, die Heisenbergsche Unschärferelation, das Atommodell von Bohr und schließlich die berühmte Gleichung von Einstein (E=mc2) haben die Klassische Physik durcheinandergewirbelt und die Grundlagen für die Quantentheorie gelegt. Davon hat sich auch die Atomtheorie inspirieren lassen, wie sie vor allem von Heisenberg weiterentwickelt wurde. Schließlich ist von Schrödinger die Wellentheorie der Teilchen entwickelt und später zu einer quantenmechanischen Wahrscheinlichkeitstheorie ausgebaut worden. Schrödingers berühmtes Beispiel von der Katze zeigt eine Paradoxie auf, die bis heute zu verschiedenen Versionen der Quantenmechanik geführt hat. Unschärferelation und Relativität sind inzwischen als fundamentale Bausteine der Quantentheorien in die Physik eingegangen.

Relativitätstheorie

Autor: Bruce Bassett
Illustrator: Ralph Edney

Verlag: TibiaPress Verlag GmbH
Erscheinungsort: Überlingen
Erscheinungsjahr: 2012
ISBN: 978-3-935254-33-5

Dem für Laien schwer verständlichen Thema der Relativitätstheorie widmet sich der Sachcomic von Bruce Bassett, illustriert von Ralph Edney. Ausgehend von Newtons Klassischer Physik und dem Gravitationsgesetz, in welcher Raum und Zeit eine unveränderbare Bühne des Universums darstellen, wird die Idee Einsteins, Raum und Zeit zu vereinen, zunächst in dessen spezieller Relativitätstheorie dargestellt, welche die Lichtgeschwindigkeit als eine Konstante betrachtet. Die Dauer der verflossenen Zeit aus der Perspektive von Beobachtern, die sich aufeinander zubewegen, wird unterschiedlich wahrgenommen. Einsteins berühmte Gleichung E=mc² hat nicht nur die Bewegungstheorie verändert, sondern auch das Verständnis der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit. Von hier aus entwickelt Einstein die Allgemeine Relativitätstheorie, die Raum- und Zeitdimensionen auf eine neue Basis stellt. Einstein hat gezeigt, dass es in Hinblick auf Erde und Universum verschiedene Typen der Krümmung gibt, und dabei unter Einbezug der elektromagnetischen Wellen sowie der sich verändernden Lichtgeschwindigkeit auch eine neue Theorie über das Universum aufgestellt. Dass das Universum expandiert und diese Expansion eine Art von Unendlichkeit aufweist, hat Einstein schließlich in seine Sicht des Kosmos mit einbezogen. Auch seine Gedankenexperimente bezüglich der berühmten schwarzen Löcher werden nachvollziehbar dargelegt und bis zur Stringtheorie verdichtet. Trotz aller Bemühungen, diese schwierige Materie leicht verständlich darzustellen, bleibt das Sachcomic für Nicht-Physiker eine gewisse Herausforderung.

Shakespeare

Autor: Nick Groom
Illustrator: Piero

Verlag: TibiaPress Verlag GmbH
Erscheinungsort: Überlingen
Erscheinungsjahr: 2011
ISBN: 978-3-935254-25-0

Der Comic von Nick Groom, mit Illustrationen von Piero zeigt Shakespeares Leben, die Mythen und Legenden, die sich um ihn rankten und sich bis heute fortsetzten, sowie viele der Rätsel und unaufgeklärten Details seines Lebens und Schaffens. Seine nahezu unerschöpfliche Produktivität, bis zu zwei Theaterstücke pro Jahr, seine Schauspielerkarriere und die bis heute im Dunkeln liegenden amourösen Verstrickungen werden ebenso dargestellt, wie die seine Biografie – wenn auch in verklausulierter Weise – am ehesten erhellenden Sonette.

Shakespeares Faszination durch die englische Geschichte, wie sie in den Königsdramen zum Vorschein kommt, seine Kunst, menschliche, existentielle Probleme nahezu überzeitlich darzustellen, hat ihn bis heute zu einem der meist gespielten Bühnenautoren werden lassen. Das Hauptgewicht des Sachcomic liegt allerdings auf der Editions- und Rezeptionsgeschichte, wobei Shakespeares Einfluss und die jeweilige Art ihn auf die Bühne zu bringen vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart in ihren zahlreichen Varianten dargeboten wird. Von Shakespeare beeinflusste Dichter und Dramatiker, von Byron und Keats bis Eliot und Joyce, Rezeptionen aus der Psychoanalyse, dem Dekonstruktivismus und der feministischen Philosophie fehlen hierbei ebenso wenig, wie modernistische Verfremdungen, Vertonungen und Verfilmungen. Schließlich kommt auch seine Rolle im Bildungskanon, vor allem im angloamerikanischen Sprachraum und seine Vereinnahmung durch diverse politische Richtungen nicht zu kurz. Aus literaturwissenschaftlicher Sicht liegt mithin ein gelungener Überblick vor.

Slavoj Žižek

Autor: Christopher Kul-Want
Illustrator: Piero

Verlag: TibiaPress Verlag GmbH
Erscheinungsort: Überlingen
Erscheinungsjahr: 2012
ISBN: 978-3-935254-34-2

Ob Žižek als postmoderner Heros, als Messias der Neuen Linken, als agent provocateur oder als clownesker Scharlatan gelten kann, ist nach wie vor umstritten. Sein postmodernes Puzzlespiel, das Verbinden verschiedenster Bereiche, von Politik und Ideologiekritik, ökologischen Manifesten und psychoanalytisch gefärbten Deutungen des Menschen und der Gesellschaft, das Irrlichtern zwischen Kapitalismus- und Marxismuskritik, Literatur, Kunst, Film, Unternehmensmarketing und virtueller Realität vermag zwar den Eindruck von Oberflächlichkeit erwecken, hat aber das Ziel zu einer neuen Theorie von Freiheit und Selbstbestimmung in einer unübersichtlich gewordenen Welt zu führen.

Der Autor Christopher Kul-Want zeichnet Žižeks Weg vom kommunistischen Dissidenten und späteren Parteimitglied in Slowenien bis zum Professor an verschiedenen Universitäten in seinem unkonventionellen Stil nach. Unterstützt wird diese Reise durch die genialen Karikaturen und Illustrationen von Piero. Žižeks Ideologiekritik kommt dabei ebenso wenig zu kurz wie seine Angriffe auf Kapitalismus und Liberalismus, sein "Manifest für die Erde“, das sich fernab von sentimentaler Ökologie versteht, oder sein Appell an eine antikapitalistische Konsumhaltung.

Ungewöhnlich, aber auch durchaus differenziert fällt Žižeks Kritik am amerikanischen Imperialismus aus, die Taliban versteht er ebenso wie den September 2011 als Reaktion auf das Machtstreben der USA und als Anlass für Amerika, über seine eigene Machtpolitik nachzudenken. Dass er den Stalinismus im Gegensatz zum Nationalsozialismus eher für rechtfertigbar hält, aber das Über-Ich, den großen Anderen als die Gefahr schlechthin darstellt, zeigt seine ambivalente Stellung zur Politik, die er ohnehin im Rahmen einer symbolischen Ordnung interpretiert. Nahezu nichts kommt bei Žižek zu kurz, weder unsere Fun- und Spaßgesellschaft noch die Scheinheiligkeit der Kirchen, oder der Realitätsverlust in unserer digitalisierten Welt.

Žižeks "Amoralische Ethik“, die er in Form der Treue zu den eigenen Entscheidungen als einzig authentische Form der Ethik anerkennt und deren Vorbilder Antigone, Don Giovanni oder Carmen sein können, aber auch Robespierre und die Revolutionäre, die bis zum bitteren Ende gehen, gründet in der tiefen Überzeugung, hierdurch eine neue Dimension der Verantwortung eröffnet zu haben. Wie auch immer, der Sachcomic gibt – wohl ganz im Sinne Žižeks – eine gelungene Übersicht über die Fragmentierung des vielschichtigen Denkens dieses Philosophen wider.

Statistik

Autorin: Eileen Magnello
Illustrator: Borin van Loon

Verlag: TibiaPress Verlag GmbH
Erscheinungsort: Überlingen
Erscheinungsjahr: 2013
ISBN: 978-3-935254-39-7

Statistik als mathematische Disziplin ist für Nicht-Mathematiker im Allgemeinen ein nahezu unübersichtliches Gebiet. Wir ersticken in Zahlen und sind aufgrund der von der Politik, der Wirtschaft und gesellschaftlicher Gegebenheiten getroffenen Entscheidungen dennoch auf diese Analysen angewiesen. Der Band von Eileen Magnello, versehen mit Illustrationen von Borin van Loon, versucht, das schwierige Gebiet der Datenerfassung und -auswertung von Statistiken, sowohl in ihrer historischen Entwicklung als auch in systematischer Hinsicht einigermaßen verständlich darzustellen. Dabei geht es sowohl um die Statistiken zugrunde liegende Unterscheidung von Mittelwerten und Variationen, die bereits in den Theorien des 18. und 19. Jahrhunderts verwendet wurden. Ausgehend von Theorien wie jener von Malthus bezüglich des Bevölkerungswachstums – von Darwin übernommen und ausformuliert zu einem wichtigen Teil seiner Evolutionstheorie –, bis zu Wahrscheinlichkeitstheorien wird versucht, die Bedeutung der Statistiken in mathematischer Hinsicht darzulegen. Mittelwert und Meridian, standardisierte Häufigkeitsverteilungen und Stichprobenauswahl, das sogenannte sampling, werden in ihrer Bedeutung für ökonomische oder politische Entscheidungen interpretiert. Nicht immer gelingt es der Autorin, mathematische Theorien oder Begriffe wie "Korrelation“ oder auch Streudiagramme für Laien leicht verständlich zu erklären.

Einen besonderen Platz nehmen die von Galton entwickelten Methoden ein, die Korrelation und Regression miteinander verschränken. Anhand der Qualitätskontrolle durch Statistik im Auftrag der Guinness-Brauerei zeigt Magnello die Grenzen statistischer Erhebungen für Labortests und Experimente auf Anbauflächen. Dass statistische Informationen über Wahlausgänge, medizinische Behandlungen, aber auch über das Konsumverhalten immer mehr an Einfluss für Entscheidungen gewinnen, wird im vorliegenden Buch bei aller Schwierigkeit, die Fachsprache der Statistik verständlich zu machen, dennoch deutlich. Alles in allem ein empfehlenswertes Buch.

Zeit

Autor: Craig Callender
Illustrator: Ralph Edney

Verlag: TibiaPress Verlag GmbH
Erscheinungsort: Überlingen
Erscheinungsjahr: 2013
ISBN: 978-3-935254-38-0

Nach der Lektüre des Bandes "Zeit“ von Craig Callender mag es einem gehen wie seinerzeit dem Theologen und Philosophen Augustinus: Unbefragt wisse er, was die Zeit sei, auf die Frage danach, habe er keine Antwort. Denn trotz allen Bemühens um nachvollziehbare Erklärungen, gelingt es Callender kaum, das Dickicht der verschiedenen Zeitauffassungen zu lichten. Von der aristotelischen Zeitauffassung, in der Bewegung und Veränderung entscheidend sind, über Newtons absolute Zeit und den Zeitbegriff der Relationalisten, bis zu den Gesetzen der Thermodynamik und Entropie sowie der Relativitätstheorie Einsteins und der Raumzeit Gödels werden unsere alltäglichen Vorstellungen von Zeit und ihrer Messbarkeit durcheinandergewirbelt. Die geläufigen Dimensionen der Zeit (Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft) erweisen sich als Konstrukte und auch die Irreversibilität der Zeit gerät ins Wanken.

Viel Platz nehmen die sogenannten Zeitreisen ein, nicht erwähnt werden die zeitliche Verfasstheit unseres menschlichen Daseins und die darauf beruhende Geschichtlichkeit. Interessant wäre beispielsweise auch eine Konfrontation mit der religiös gefärbten Vorstellung von Ewigkeit gewesen.  Alles in allem: Die zu starke Konzentration auf die Physik macht das Buch einseitig und nicht immer leicht verständlich, daran können auch die hilfreichen Illustrationen von Ralph Edney nicht viel ändern.


Anmerkungen

[1]Ebner-Eschenbach v., Marie: Aphorismen. Aus: Schriften. Bd. 1, Berlin: Paetel. 1893, 21.

[2] Vgl. http://www.tibiapress.de/pressetexte/pressetext_INFOcomics_ethik_ein_sachcomic.pdf (letzter Zugriff: 21.12.2013).

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