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4/2013 - Medialer Habitus

Rückblick auf die Fachtagung "Filmbildung im Wandel"

AutorIn: Katharina Kaiser-Müller

Vom 03. bis zum 05. Oktober 2013 fand die Fachtagung "Filmbildung im Wandel" im Filmarchiv Austria statt. Katharina Kaiser-Müller berichtet von den intellektuell herausfordernden Diskussionen und fasst für die LeserInnen der MEDIENIMPULSE die vorgetragenen Positionen zusammen.

Abstract

The conference “Film Education in Transition” took place at the Filmarchiv Austria from October 3-5, 2013. Katharina Kaiser-Müller reports on intellectually challenging discussions and summarizes the presented positions for MEDIENIMPULSE readers.



Eine Filmrolle als Tagungsmappe

Vom 03. bis zum 05. Oktober 2013 fand die Fachtagung "Filmbildung im Wandel" im Filmarchiv Austria statt.  Katharina Kaiser-Müller berichtet von den intellektuell herausfordernden Diskussionen und fasst für die LeserInnen der MEDIENIMPULSE die vorgetragenen Positionen zusammen.

Da Filmerziehung und Filmbildung im Rahmen der Medienpädagogik eine lange Tradition haben, sind sie seit jeher fester Bestandteil erzieherischer Bemühungen um eine umfassende Medienkompetenzvermittlung. Längst sind Filmkulturen aber nicht mehr auf Kinofilme beschränkt, sondern in den unterschiedlichsten medialen Speicher- und Distributionskontexten gegenwärtig. Die medialen Entwicklungen der vergangenen Jahre haben zur Folge, dass nicht mehr allein erfolgreiche Produktionsfirmen Filme einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen können, sondern auch privat produzierte Bewegtbilder massenhaft verbreitet werden können. Videos werden mit Handys produziert und verschickt, im Internet heruntergeladen, rezipiert, präsentiert und kommentiert. Der Blick auf aktuelle Verwendungs- und Sinnkontexte des Mediums veranschaulicht, dass die Vermittlung von Filmkompetenz längst nicht an Bedeutung verloren hat, sondern vielmehr unter neuen Voraussetzungen zu denken ist.

Im Mittelpunkt dieser interdisziplinär angelegten Tagung – die vom Team der Zeitschrift MEDIENIMPULSE in Kooperation mit der Fachgruppe Medienpädagogik der Deutschen Gesellschaft für Publizistik und Kommunikation (DGPuK), dem Filmarchiv Austria, der Sektion Medienpädagogik der Österreichischen Gesellschaft für Forschung und Entwicklung im Bildungswesen (OEFEB) sowie der Wiener Medienpädagogik der Universität Wien und dem Zentrum für Medienbildung der Pädagogischen Hochschule (PH Wien), in Partnerschaft mit dem bm:ukk und dem Institut für Medienbildung der Universität Salzburg organisiert wurde – standen u. a. folgende Fragen: Was bedeutet Filmbildung unter den Bedingungen digitaler Medien? Inwiefern haben sich filmische Rezeptions-und Produktionspraxen im Zuge der Digitalisierung und Vernetzung von Lebens- und Erfahrungswelten verändert? Welche Ressourcen bilden Bewegtbilder in Produktion wie Rezeption, in Prozessen der Orientierung, der Sinn-und Identitätsbildung? Und mit welchen Ansätzen und Methoden können diese Prozesse in der medienpädagogischen Praxis angeregt und gefördert werden?

Mehr als fünfzig TeilnehmerInnen aus Österreich und Deutschland fanden sich drei Tage lang zusammen, um sich in diesem Sinne dem Thema "Filmbildung im Wandel" zu widmen. Sowohl TheoretikerInnen als auch PraktikerInnen haben sich der vorangestellten Fragen angenommen und Beispiele aus ihren Fachgebieten vorgestellt, sich ausgetauscht und – wie auch aus den Rückmeldungen zu schließen ist – gegenseitig inspiriert.

Die Tagung eröffnete Anja Hartung, erste Vorsitzende des Vereins 'GAM – Gesellschaft, Altern, Medien’ und Gastprofessorin am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien. Sie initiierte nicht nur mit Christine Wjinen die Fachtagung, sie kreierte dem Anlass entsprechend eine besondere Tagungsmappe.

Auch das Team der MEDIENIMPULSE, Alessandro Barberi als Chefredakteur, Christian Swertz (Ressort Forschung) vom Institut für Bildungswissenschaft an der Universität Wien und Leiter der Wiener Medienpädagogik, Thomas Ballhausen (Ressort Neue Medien) Archivar und Leiter des Studienzentrums des Filmarchiv Austria zudem Tagungsgastgeber, Christian Berger (Ressort Praxis) von der PH Wien sowie Katharina Kaiser-Müller (Assistenz) und Organisationsbeauftrage der Fachtagung 'Filmbildung im Wandel', stellten sich kurz vor und begrüßten die Anwesenden.

Als erster Keynote-Speaker startete Ralf Vollbrecht von der TU Dresden mit dem Titel "Filmbildung im Wandel und der pädagogische Widerwille gegen den Seh-Sinn" und thematisierte u. a. wie filmschulische Bildung (nicht) stattfindet, wie Filmbildungskanons genutzt werden, um zwischen Trivial- und Hochkultur zu trennen, bzw. Spielfilme als pädagogisches Analyseinstrument dienen können.

Claudia Wegener von der Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) Konrad Wolf in Potsdam-Babelsberg zeigte dann in ihrem Vortrag "Vom Kino zum Social-Cinema. Neue Parameter der Bewegtbildnutzung" welche Faktoren 'Big-Screens' so attraktiv machen, wie Realität und Fiktion in Reality Games verschwimmen können und ließ zudem die Anwesenden Einblick in ihre aktuelle Studie gewähren. Sie bestätigte, dass der Trend zum Second Screen zunimmt, wenngleich diese Multinutzung von Jugendlichen selbst kritisch gesehen wird.

Der Frage "Filmbildung – Bildung?" ging auch Sven Kommer von der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) in Aachen als dritter Keynote-Speaker nach. Er rekapitulierte auf hohem theoretischen Niveau u. a. die Argumente der Cultural Studies und der Bildungssoziologie Pierre Bourdieus, um dabei im Umfeld der Debatten zum "medialen Habitus" herauszuarbeiten wie "Bildung" zwischen anerkannter Norm und Gegenkultur immer einer – ihrerseits mediensoziologisch in Frage zu stellenden – Kanonisierung bedarf.

Der zweite Tag startete mit zwei parallelen Panels. Panel 1 widmete sich den "Bildungspotentiale(n) des Films" und fand im Kino des Filmarchivs Austria statt. Zu Beginn referierte Wolfgang Ruge, Promotionsstipendiat der Landesgraduiertenförderung des Landes Sachsen-Anhalt, über "Filmische Bildungspotentiale am Beispiel der Darstellung von Robotern im SF-Film". Ruge ließ die Anwesenden Einblick in seine Forschungsarbeit nehmen, stellte sein Kategoriensystem vor und legte die Genealogie der Roboterdarstellung(en) im Film dar.

Julia Fraunberger, Leiterin der Abteilung Medien & Gesellschaft am Institut für Medienbildung (IMB) in Salzburg, berichtete über das Bubenprojekt "Manns.Bilder – Von Machos & Softies – Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Darstellungen von Männlichkeit in der jugendlichen Filmarbeit" und verknüpfte so das Tagungsthema mit den Diskussionen zu Feminismus und Gender.

Claudia Kutter und Nadine Jünger von der Universität Leipzig berichteten des Weiteren unter dem Titel "HOW TO … Bildungspotenziale nutzergenerierter Online-Videos", wie sich Jugendliche in der konvergenten Medienwelt bewegen und wie sie die Medien unter welchen Voraussetzungen für sich nutzen. Ein bemerkenswerter Beitrag zu den Diskussionen über Mediennutzung bzw. Medienrezeption.

Zeitgleich zu Panel 1 konnten TeilnehmerInnen im Lesesaal den Vorträgen des Panel 2 'Filmbildung und Cultural Studies' folgen. Alle Referierenden sind an der Universität Klagenfurt tätig. Hier startete Sebastian Nestler mit seinem Referat "Entgrenzungen ohne Limit. Zur Kritik posthegemonialer Subjektivierungspraktiken in Neil Burgers LIMITLESS", in dem er die Potenziale einer kritischen, philosophisch reflektierten Medienpädagogik vorstellte – und damit auch Diskussionsgrundlagen für die beiden anderen Sprechenden des Panels schuf:

Elena Pilipets demonstrierte in ihrem Vortrag "Julio Medems 'Room in Rome": Ein filmpädagogischer Nicht-Ort" anhand eines konkreten filmischen Beispiels die Möglichkeiten einer raumorientierten Annäherung an erzählerische Strukturen. Auch für Andreas Hudelist stand die Analyse und Vermittlung narrativer Phänomene im Zentrum. Mit "Episoden im Wandel? Filmbildung und Cultural Studies" ergänzte er das Panel um Einblicke in serielle Erzählprinzipien und die Notwendigkeit der Reflexion formaler Mediengegebenheiten.

Nach einer kurzen Kaffeepause ging es mit dem titelgebenden Panel 3: "Filmbildung im Wandel" weiter. Mona Linder von der Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Universität Wien brachte den TeilnehmerInnen mit ihrem Vortrag "Filmvermittlung im Wandel. Ein geistesgeschichtlicher Überblick über die Entstehung und den Wandel von Konzepten der Filmvermittlung für Kinder und Jugendliche in Österreich ab 1945" die österreichische Filmgeschichte etwas näher. Zudem kam sie auf die Wechselwirkung zwischen Angst und Euphorie des Films zu sprechen und stellte die Frage inwieweit Film als Kunst angesehen werden kann.

Franz Grafl, freier Wissenschaftler und Lehrbeauftragter am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Universität Wien, kam mit seinem Beitrag "Angst vor Bildern? … und vor Tönen müsste man hinzufügen" auf die ästhetischen und formalen Aspekte des Filmes zu sprechen. Grafl zeigte Perspektiven zur Filmbildung und stellte zudem die These auf, dass auch in der Medienwelt des Films Orientierung durch Entschleunigung stattfinde könne.

Im letzen Beitrag des dritten Panels berichteten Hannes Heller, Mitarbeiter des wienXtra Medienzentrums, und Felix Studencki, Medienbeauftragter des Wiener Stadtschulrates, unter dem Titel: "Vernetzte Medienarbeit mit Jugendlichen, Part II – das Mashup Videoprojekt" über ihre Erfahrung in der praktischen Medienarbeit mit Jugendlichen. Sie zeigten auf wie mit Zuhilfenahme von Smartphones – die mittlerweile in fast jeder Hosentasche zu finden sind – und kostenloser Software – relativ einfach – Videoclips erstellt werden können.

Der Nachmittag des zweiten Tages stand unter dem Motto: "Einblicke in die Praxis". Begonnen haben Markus Weisheitinger-Herrmann von FS 1 (Salzburg), Barbara Eppensteiner von Okto (Wien) und Gabriele Kepplinger von Dorf TV (Linz), um uns die "Aktive Medienarbeit im Community Fernsehen" in Österreich näher zu bringen. Sie berichteten wie wichtig ein niederschwelliger Einstieg ins Filmemachen sei und welche Aktivitäten und Schwerpunkte die nicht kommerziellen Sender setzen. Die partizipativen Möglichkeiten des Community Fernsehens wurden so eindringlich vor Augen geführt.

Anschließend konnten wir nochmals Einblick in "Aktive Medienarbeiten mit Kameras und Handys" gewinnen. Ulrich Tausend vom Institut für Medienpädagogik München stellte u. a. einen Handyclip-Wettbewerb vor, der sich seit bald zehn Jahren an junge Menschen richtet, um ihre Kreativität zu fördern. Christian Schreger berichtete über seine beeindruckenden Projekte mit den Kindern der Volksschule Ortnergasse aus Wien [Anm. der Redaktion: Das Welt ABC und die kleinen Bücher können in den MEDIENIMPULSEN nachgelesen werden] und Anu Pöskyö, Leiterin des medienzentrums wienXtra, legte dar, dass Medienbildung gelingen kann und wie wichtig es ist, das eigene Leben mit Medien bewusst und 'gut' gestalten zu können.

Auch an diesem Abend wurde das Rahmenprogramm zum informellen Austausch zahlreich genutzt.

Der dritte und letzte Tag startete wieder mit zwei parallelen Panels. Panel 4 fand im Kino des Filmarchiv Austria statt und stand unter dem Motto: "Ansätze und Methoden der Filmbildung". Den ersten Beitrag leistete Verena Ketter von der PH Ludwigsburg, mit "Mediale Eigenproduktionen im Web 2.0 – Methoden für mobile Jugendmedienbildung". Sie berichtete anhand unterschiedlichster Medienprojekte mit Kindern, wie Lebensweltanalysen möglich sind, und wie im Zuge der Projekte eine interaktive Online-Landkarte erstellt wurde.

Barbara Maly vom Institut für Anglistik der Universität Wien präsentierte unter dem Titel "Coming Soon – Teasing, telling, selling movies. Kritische Medienkompetenz und Filmwerbung" einen Zugang zur kritischen Medienbildung. Maly zeigte den Anwesenden, wie es mittels Critical Media Analysis möglich ist, den Blick auf das – im Vorfeld Unwesentliche – zu richten und so einen weiteren Blickwinkel auf mediale Inszenierungen zu richten.

Dass Youtube als audio-visuelle Enzyklopädie genutzt wird, um Stoff nachzuholen, dies stellte Karsten D. Wolf von der Universität Bremen mit seinem Vortrag "Video-Tutorials und Erklärvideos als Gegenstand, Methode und Ziel der Medienbildung" eindrücklich dar. Anhand beeindruckender Beispiele – u. a. aus einem seiner Projekte "draufhabertv" – belegte Wolf die Faszination und Etablierung von partizipativen Videoportalen und zeigte zudem mögliche Perspektiven, sich diesem Phänomen medienpädagogisch zu nähern.

Neben den Panels im Kinosaal stand den TeilnehmerInnen auch die Bibliothek des Filmarchivs zur Verfügung. Und so moderierte Alessandro Barberi das Panel 5: "Neue Wege der Vermittlung – Herausforderungen und Perspektiven für Filmarchive". Dabei eröffnete Thomas Ballhausen mit seinem Vortrag "Janus lässt grüßen. (Film-)Archive im Dienste von Öffentlichkeit und Sammlung". Ballhausen war es dabei vor allem darum zu tun, die spezifische Medialität des Archivs im Sinne einer Verdopplung des Historischen hervorzuheben. Denn Archive bilden nicht nur den Gegenstand einer möglichen (Film-)Analyse, sondern besitzen eine eigene Geschichtlichkeit, die bei der Beschreibung der Filmbildung im Wandel zu berücksichtigen ist.

Den zweiten Vortrag des Panels bestritt Katharina Stöger, die Leben und Werk des bemerkenswerten Filmemachers Jörg Kalt rekapitulierte. Mit "'Living in a Box'. Jörg Kalt im Kontext historischer Diskurse und aktueller Forschung" präsentierte sie ihre langjährige Forschung zu einem "Underdog" des österreichischen Films, der dennoch – oder gerade deshalb – Teil des kinematografischen Feldes war und ist. Eben dieses Feld rekonstruierte Stöger und vermittelte so über die Biografie Kalts hinaus auch einen klaren Blick auf die Kontexte des (österreichischen) Films samt seiner Szene(n).

Als krönenden Abschluss fand eine Diskussion zum Thema: "Film und Video in Zeiten des Web 2.0 – Herausforderungen für die PädagogInnenausbildung" im Kino statt. Am Podium saßen Elfriede Windischbauer von der PH Salzburg, Christian Berger von der PH Wien, Horst Schäfer als freier Autor und Publizist sowie Bernd Schorb von der Universität Leipzig, Horst Niesyto von der PH Ludwigsburg und Irmgard Bebe von KulturKontakt Austria. Der Tenor war einstimmig: Die Rolle der LehrerInnen hat sich im Laufe der Zeit verändert und demnach bedarf es auch andere Ziele und Inhalte in der Ausbildung. Heutzutage ist es unerlässlich Medien nicht nur in den Unterreicht einzubinden, sondern bewusst die Reflexion mit und über Medien anzustoßen. Medienbildung fördert die Differenzierungsfähigkeit, Identitäts- und  Persönlichkeitsbildung und wirkt somit Bewusstseinsbildend. Medienbildung = Wertehaltung!

Im Tagungsband der 2014 erscheinen wird, können einige Vorträge im Detail nachgelesen werden. Selbstverständlich werden die MEDIENIMPULSE zeitgerecht über die Buchpräsentation informieren.

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tagung, filmbildung, medienbildung