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4/2013 - Medialer Habitus

Rezension: Julien Gracq: Aufzeichnungen aus dem Krieg

AutorIn: Katharina Kickinger

Katharina Kickinger rezensiert für die MEDIENIMPULSE zwei Texte von Julien Gracqs, die in seinem Nachlass gefunden wurden, 2011 in Frankreich erschienen sind und nunmehr auch auf Deutsch vorliegen. Die Texte bereichern das Genre des Kriegstagebuchs.

Abstract

Julien Gracqs schriftstellerisches und essayistisches Werk zählte in Frankreich bereits zu seinen Lebzeiten zu den Klassikern der Weltliteratur. Trotzdem lebte er weitgehend zurückgezogen und vermied das öffentliche Interesse an seiner Person. In seinem Nachlass wurden zwei Texte gefunden, die er über seine Kriegserlebnisse verfasst hatte. 2011 sorgte deren Publikation in Frankreich für Aufsehen, nun liegt die deutsche Übersetzung im Droschl Verlag vor. Die Schilderungen seiner Kriegserlebnisse stellen ein seltenes persönliches Zeugnis des Schriftstellers dar.


Verlag: Droschl          
Erscheinungsort: Graz
Erscheinungsjahr: 2013
ISBN: 978-3-85420-838-9

In "Aufzeichnungen aus dem Krieg" sind zwei autobiografische Zeugnisse des französischen Schriftstellers Julien Gracqs über den Zweiten Weltkrieg vereint: die als Kriegstagebuch gestalteten "Erinnerungen an den Krieg" und ein schlicht als "Erzählung" betitelter Prosatext. Beide Texte speisen sich aus den Kriegseindrücken Gracqs im Mai und Juni 1940, jener kurzen Zeit zwischen dem Ende des sogenannten "drôle de guerre" und dem Beginn von Gracqs Kriegsgefangenschaft im Juni. Die Texte behandeln mit weitgehender Übereinstimmung dieselben autobiographischen Episoden, die sich jedoch in der Darstellung durch die jeweilige literarische Form unterscheiden. Während der Ich-Erzähler der "Erinnerungen an den Krieg" die autobiografischen Erinnerungen in knappe Schilderungen fasst, erlaubt die interne Fokalisierung auf den Protagonisten der "Erzählung" eine stärkere Reflexion des Geschehens. Auf diese Weise erhellen und ergänzen diese beiden Zeugnisse einander.

Julien Gracq beschreibt kühl und unaufgeregt die Kriegstage, wie sie sich für ihn gestalteten und zeichnet dabei ein Bild vom Krieg, das in manchen Momenten fast surreal anmutet. In diesem Zeugnis seiner Erinnerungen beschreibt er die absurde Situation, dass der Krieg bereits verloren scheint, bevor er für ihn als Soldat überhaupt begonnen hat. Im ersten Eintrag, der mit dem 10. Mai datiert ist – jenem Tag also, an dem die deutsche Armee in Belgien einmarschiert und damit den "Sitzkrieg" beendet – bescheinigt er seiner Truppe Kampfunfähigkeit: "Meine Leute sind alle mit ihren MGs zugange, aber nichts liegt ihnen ferner als zu schießen. Das Feuer eröffnen nach acht ruhigen Monaten im Quartier. Und er wird noch deutlicher: Mein Zug ist nicht so bemannt, um ins Feld zu ziehen". Der Krieg gestaltet sich für Gracq als eine endlose erratische Wanderung durch Belgien und Holland, bei der körperliche Erschöpfung und die Langeweile des Wartens einander abwechseln. Überstürzte Aufbrüche, widersprüchliche Befehle und Versorgungsengpässe kennzeichnen den Kriegsalltag: "Wir haben das Meisterstück vollbracht, zehn Tage im Zickzack durch das besetzte Holland und das besetzte Belgien zu marschieren, ohne einen Schuss abzufeuern. Und jetzt werden wir eingesetzt, wo doch alles verloren ist, man spürt es. Aber werden wir überhaupt eingesetzt werden? Das fragen wir uns schließlich ernsthaft".

Die Darstellung des Zustands französischer Soldaten, ständig zwischen Langeweile und Nichtstun einerseits und äußerster psychischer Anspannung andererseits, und das Oszillieren zwischen Hoffnung auf und Angst vor der lang antizipierten Kriegshandlung nimmt viele spätere Charakterisierungen der Soldatenrolle im modernen Krieg vorweg. Ein Vergleich mit Anthony Swoffords Memoiren "Jarhead" (2003), die sich allerdings noch viel stärker auf die Situation des Soldatensubjekts konzentrieren, bietet sich an. Die Kriegserinnerung als literarisches Genre weist eine tendenzielle Entwicklung hin zur verstärkten Subjektivierung auf, weg von der umfassenden Darstellung des Geschehens hin zur Darstellung der Kriegssituation des einzelnen Subjekts, zur Rolle des einzelnen Soldaten innerhalb einer Kriegsmaschinerie, die immer automatisierter und anonymer wird. Diese Tendenz ist allenfalls bereits in Gracqs Kriegserinnerungen ablesbar. Ein anderes Thema der Schilderungen ist die Reflekxon darüber, wie (kollektive) Kriegserinnerungen zustande kommen. Diese Überlegungen sind nicht zuletzt deswegen herauszuheben, weil Gracq seine "Aufzeichnungen aus dem Krieg" nicht unmittelbar nach den Geschehnissen aufschrieb, sondern aller Wahrscheinlichkeit nach zwischen Herbst 1941 und Sommer 1942, also nach seiner Rückkehr aus deutscher Kriegsgefangenschaft. Er beschreibt, dass die kolportierten Bilder des Ersten Weltkriegs die Erwartungen an den aktuellen Krieg formen. Besonders in der "Erzählung" vergleicht Gracq die verklärten Bilder des Ersten Weltkriegs mit den neuen Kriegseindrücken: "(…) die Poesie eines Krieges, die wenn man ihn führt, Langeweile ist, braucht Jahrzehnte, um ihre reinen Essenzen abzusondern".

Als Absolvent der École Normale Supérieure ist Gracq Offizier und mit der mühsamen Aufgabe betraut, während der Wartezeiten die ständig betrunkenen Soldaten zusammenzuhalten. Sein Blick auf die eigene Truppe ist desillusioniert, seine Haltung frei von Kameraden- oder Soldatenromantik. Auch die höheren Ränge wirken in seiner (nie polemischen) Schilderung inkompetent – Gracq berichtet von der schlechten Kommunikation und Organisation innerhalb der französischen Armee, die immer wieder widersprüchliche Anweisungen ausgibt: "Um elf werde ich geweckt. Abmarsch. Sammeln um Mitternacht im Befehlsstand. Lebt wohl, ihr Polder. Eine Viertelstunde später kommt ein Schreiben vom Befehlsstand des Bataillons: 'Die Deutschen schiffen sich ein und schicken sich an, auf fünf Lastkähnen die Schelde zu überqueren. Alle Vorbereitungen treffen, um sie zu empfangen.' Sollen wir aufbrechen? Widerstand leisten? Mir wäre lieber, man würde sich auf höherer Ebene einigen".

Sein Zeugnis kann somit auch zusammen mit der Kriegsanalyse "Eine seltsame Niederlage. Frankreich 1940" des französischen Historikers Marc Bloch (1886–1944) gelesen werden. Dieser analysiert das militärische Versagen Frankreichs und prangert mit Trägheit und Desorganisation der französischen Armee jene Punkte an, die auch Gracq darstellt – im Kontext einer kontrastierenden Lektüre wirkt Gracqs Text stellenweise wie eine Illustration zu Blochs Argumentation. Auch der Vergleich mit anderen, zeitgenössischen literarischen Kriegszeugnissen liegt nahe. Besonders hervorzuheben wäre der Vergleich zu den Kriegstagebüchern Ernst Jüngers, die Bruce Chatwin in seinem Essay "Ernst Jünger: Ein Ästhet im Krieg" pointiert "fraglos das merkwürdigste literarische Werk, das aus dem Zweiten Weltkrieg hervorgegangen ist" nennt. Der Schriftsteller Jean Carrière thematisierte gar Jüngers Tagebuch in einem Interview mit Gracq als möglichen Einfluss auf dessen Roman "Ein Balkon im Wald". Gracqs sprach in ebendiesem 1986 geführten Interview von seiner Bewunderung für Jüngers Werk, insbesondere jedoch für dessen regimekritischen Roman "Auf den Marmorklippen" (1939). Er bekundete diese aber auch schon 1969 in einem Essay, der zu Jüngers 70. Geburtstag in der Zeitschrift "Antaios" erschien. Jünger nimmt im Kontrast zu Gracqs Haltung in seinem Kriegstagebuch "Gärten und Straßen" (Berichtzeitraum: April 1939 bis Juli 1940) eine verklärt-romantische Perspektive auf das Kriegswesen ein. Gerade in Hinblick auf das Bild vom Soldatenethos kontrastieren die beiden Darstellungen einander stark, auch im Verständnis von der eigenen Rolle als Aktanten im Krieg und hinsichtlich der Ästhetik des Krieges divergieren die Autoren. Der Vergleich dieser beiden Kriegstagebücher wäre ausgesprochen lohnend.

Auch die Zeugnisse von Jean Paul Sartre ("Les carnets de la drôle de guerre"), Paul Léautaud ("Kriegstagebuch 1939–1945") und andererseits Felix Hartlaub ("Kriegsaufzeichnungen")  stellen mögliche Vergleichswerke dar. Neben den Kriegszeugnissen von Soldaten wären auch die Zeugnisse von ZivilistInnen wie von Simone de Beauvoir ("Kriegstagebuch 1939–1941") zu berücksichtigen. Als Randnotiz sei bemerkt, dass die Fülle an deutsch- und französischsprachigen Kriegszeugnissen aus verschiedenen Konflikten zwischen diesen beiden Nationen im Laufe der Geschichte bemerkenswert ist und ein weites Vergleichsfeld eröffnet. Johann Wolfgang von Goethes Kriegstagebuch ("Kampagne in Frankreich", 1822) hat, vor dem Hintergrund des deutsch-französischen Konfliktes von 1792, vorwiegend die Person und Reflexionen des Autors zum Gegenstand und wäre gleichsam zwischen zivilem und soldatischem Zeugnis einzuordnen.

Anders als die erwähnten Vergleichswerke hatte Gracq seine Aufzeichnungen aus dem Krieg nicht selbst zur Veröffentlichung bestimmt – denn dem vorliegenden Band liegt der unverhoffte Fund zweier Notizhefte in seinem Nachlass zugrunde. So gingen der Publikation weder nachträgliche Edierung noch Freigabe durch den Autor, der im Dezember 2007 verstarb, voraus. Dementsprechend kann sich bei der Lektüre auch der Eindruck einer Grenzüberschreitung einstellen: Denn es handelt sich um ein seltenes persönliches Zeugnis eines Autors, der den Literaturbetrieb und das Interesse der Öffentlichkeit an der Autorenperson hinter den Werken konsequent zurückwies und aus diesem Grunde den renommierten französischen Literaturpreis Prix Goncourt nicht annahm. Abgesehen von der naheliegenden, doch lohnenden Verknüpfung mit den Kriegstagebüchern anderer Schriftsteller muss diese posthume Veröffentlichung nun auch in Bezug zum weiteren Werk des Autors betrachtet werden. Innerhalb von Gracqs schriftstellerischem Werk lässt sich die "Erzählung" als frühe Vorstufe zu "Ein Balkon im Wald" (1958) lesen. Auch in seinem bekanntesten Werk, "Das Ufer der Syrten" (1951), zeichnet sich der Krieg durch Abwesenheit, die Kriegssituation vor allem durch Warten auf den Krieg aus. Während Julien Gracqs Werk in Frankreich große Bekanntheit erlangte und bereits zu Lebzeiten des Autors in die Bibliothèque de la Pléiade aufgenommen wurde, fanden seine Texte im deutschsprachigen Raum weniger Verbreitung. Die "Aufzeichnungen aus dem Krieg" bieten der Leserschaft eine gute Gelegenheit, sein hochinteressantes schriftstellerisches Werk für sich zu entdecken.

Tags

julien gracqs, nachlass, kriegstagebücher, kriegserfahrungen