Praxis

4/2013 - Medialer Habitus

Abi gezint | Zeitreisepass

AutorIn: Christian Schreger

Christian Schreger berichtet von einem wunderbaren interkulturellen Projekt der M2 (VS Ortnergasse), in dessen Rahmen sich die SchülerInnen intensiv mit der jüdischen Geschichte und Kultur auseinandersetzten. Dabei wurden nicht nur jiddische Lieder gesungen: Abi gezint! Gesund sein!

Vorgeschichte

Als die VS Ortnergasse mit Beginn des Schuljahres 2010/2011 im wahrsten Sinn des Wortes sang- und klanglos aus dem Konzerthaus-Projekt "Vorlaut" herausfiel, waren viele Kinder sehr enttäuscht – besonders aus der M2 hatte eine große Gruppe am kostenlosen Musikunterricht mit professionellen Trainern teilgenommen, der sich musikalische Förderung von Kindern nach dem Vorbild von "La Sistema" aus Venezuela auf die Fahnen geschrieben hatte.

Viele Kinder hätten gerne weitergemacht, obwohl der "Musikunterricht" ausschließlich Gesangsunterricht blieb und letztendlich vor allem zur Rekrutierung neuer "Wiener Sängerknaben" zu dienen schien. Der Gedanke lag nahe, selbst ein Musikprojekt zu entwickeln, das jedoch mehr als "nur" Musik enthalten sollte. Dass das nicht mit Schulbüchern oder Eigeninitiative allein funktionieren würde, war von Anfang an klar: "echte" MusikerInnen sollten genauso eingebunden werden wie ExpertInnen für andere Bereiche. Die Klassenmediathek der M2 bietet eine stetig wachsende, breite Auswahl von Musik aus verschiedenen Kulturen und Zeiten. Im Vorfeld der Projektplanung wurde immer wieder Musikhören in den Vormittag eingebaut: so begann ein spannender Prozess mit dem Ziel herauszufinden, was die Kinder ansprechen würde. Letztendlich waren es die jiddischen Lieder, die ihnen besonders gut gefielen.

Damit war eine erste Entscheidung getroffen. Schon seit 2008 besuchte ein Kind die M2, dessen Eltern in verschiedenen Bands Musik machten, darunter auch in einer, die sich mit jiddischen Liedern beschäftigte. Dass die Mutter auch noch ausgebildete Tanzpädagogin war, die sich in der Jugendarbeit engagierte, ermöglichte den nächsten Schritt: nichts lag näher, als ein gemeinsames Projekt zu starten und mit Jahresende 2010 lagen schließlich Konzept und Name dafür vor:

"Abi gezint!"

"Abi gezint!" (dt: "Gesund sein!") sollte Lieder, Tänze, Instrumentenkunde, Geschichte, Kochen, Schrift, Sprache und die Begegnung mit den Regeln einer Kultur bieten, die die Menschheitsgeschichte geprägt hat. Ohne die aus dem Jiddischen übernommenen Wörter wäre die deutsche Sprache (und vor allem das Wienerische) heute sehr viel ärmer. Somit gab es kulturelle, musikalische, historische, kulinarische und sprachliche Schwerpunkte innerhalb des Projektes, das mit einem AKK Förderpreis 2011 "Kulturelles Erbe. Gestalte die Zukunft" ausgezeichnet und damit finanziell ermöglicht wurde.

Die Durchführung

An den Projekttagen von Februar bis Juni 2011 wurden 10 jiddische Lieder einstudiert, an 6 Instrumenten, die von Musikern erklärt und vorgestellt wurden, konnte probiert werden. Die verschiedenen Klangfarben und wie sich der Charakter der Musik durch unterschiedliche Instrumentierung verändern lässt, wie die Töne erzeugt werden und welche physikalischen Prinzipien zum Tragen kommen – all das ließ sich haut- bzw. ohrnah erleben.

> Trompete                            > Akkordeon                       > Kontrabass

 

 

 

 

 

 

 

 




Natürlich wurde dabei auch koscher gekocht und die Feste Purim und Pessach wurden mit traditionellen Speisen gefeiert und erläutert:

> Bezirksrundgang                   > Jiddisch kochen                  > Aufnahmen für die Projekt-CD

Wir lernten die Grundzüge der jüdischen Kultur und Geschichte kennen und in Zusammenarbeit mit Ali Zabransky (Projekt Herklotzgasse 21) wurde auch die jüdische Vergangenheit der Umgebung in einer Bezirksführung betrachtet. Der 15. Bezirk war schon immer Zuwandererbezirk mit verschiedensten kulturellen und religiösen Einflüssen gewesen: So lebten und arbeiteten vor 1938 auch zahlreiche jüdische Familien in diesem Grätzl. In direkter Nachbarschaft der Schule – quasi Rücken an Rücken – stand die "Storchenschul", eine kleine Synagoge, aus den Klassenfenstern der M2 direkt zu sehen. Diese war dem Naziregime zum Opfer gefallen und wurde nach langen Jahren des Leerstehens inzwischen in ein Wohnhaus umgebaut. Nur eine Gedenktafel an der als architektonisches Element erhalten gebliebenen Fassade erinnert heute noch an die ehemalige Verwendung.

Die österreichische Asylpolitik hatte immer wieder das plötzliche Verschwinden von Kindern aus der M2 zur Folge gehabt – eine erschreckende Ähnlichkeit zu den Ereignissen der Nazizeit, aber zugleich eine Realität, deren Aufarbeitung Platz in der Klasse haben muss. Mit Schuljahresbeginn 2010 waren plötzlich zwei tschetschenische Mädchen als Folge der österreichischen Flüchtlingspolitik aus der Klasse verschwunden – da die Familie wegen nachweisbarer Verfolgung inklusive Gefängnisaufenthalts nicht abgeschoben werden konnte, wurde sie nach sechs Jahren zumindest in einen anderen Bezirk verlegt, was einen Schulwechsel erzwang.

Doch nicht Xenophobie, tonnenschwere Trauerarbeit oder deprimierende Gegenwartsbetrachtung, sondern Spaß an Musik und kultureller Begegnung standen im Mittelpunkt von "Abi gezint!": die universelle Sprache der Musik wird überall verstanden, Menschen aller Kulturen tanzen und kochen – und Fragen zu den Regeln einer fremden Kultur offenbaren zumeist eher Verbindendes als Trennendes. Schließlich präsentierten wir beim Schulschlussfest mit den KlezmermusikerInnen von "Pallawatsch" die gelernten Lieder und Tänze. Die CD zum Projekt enthielt die Aufnahmen einmal gesungen und einmal instrumental.

Mit den Texten, die im Booklet abgedruckt waren, konnte zwecks Nachhaltigkeit jederzeit "jiddisch Karaoke" gemacht werden.

> Schlussfestvideo 1: http://www.youtube.com/watch?v=qBdSt9LiRSo
> Schlussfestvideo 2: http://www.youtube.com/watch?v=_JaPkhhzOag
> Projekt Herklotzgasse 21: Herklotzgasse 21 (http://www.herklotzgasse21.at)
> Projekt VORLAUT (http://konzerthaus.at/kh/media_all/up/PM_VORLAUT.pdf) (letzte Zugriffe: 11.12.2013).

Zeitreisepass

Durch das Projekt "Abi gezint!" im Schuljahr 2010/2011 kam es zur Begegnung mit Berichten alter Menschen, die z. B. die "Storchenschul" besucht hatten oder in der Herklotzgasse 21 im Kindergarten waren. Beim Fest und Ausklang der Aktionswoche zur Eröffnung des Gedenkortes Turnertempel im November 2011 waren auch die Kinder der M2 mit ihren jiddischen Liedern eingeladen. Dem berührenden Staunen mancher Gäste, dass es heute in Österreich erlaubt sei, jiddische Lieder zu singen stand die Ratlosigkeit der Kinder gegenüber, dass das jemals verboten hatte sein können. Mehrere Fragen lagen im Raum: Wie war das damals? Wie hat man gewohnt? Was hat man gespielt und gesungen? Was war "cool" und neu, als die eigenen Großeltern so alt waren wie ihre EnkelInnen gerade jetzt?

Die einfache Antwort lautete: Fragt sie!

In einigen Runden im Klassenkreis wurden die wichtigsten Fragen gesammelt und in einen "Zeitreisepass" verwandelt, den alle Kinder über die Weihnachtsferien mitbekamen. Die Chance, die eigenen Großeltern im Zuge der Weihnachtsfeierlichkeiten zu sehen war groß, auch bei jenen Kindern, die eigentlich kein Weihnachten feiern: die Ferien und Neujahr boten Gelegenheit zu Besuchen. Der Auftrag lautete: Findet möglichst viele Antworten! Fragt nach Fotos und Liedern! Lasst euch was erzählen und merkt es euch! Die Fragen an die Großeltern lauteten:

Als DU ein Kind warst ...

  • Was war modern, was war cool?
  • Was hat man damals angezogen, wie war die Mode?
  • Von welchen Erfindungen oder Entdeckungen hast du erfahren?
  • Was interessierte dich besonders?
  • Welche Hobbys hattest du und hast du sie noch immer?
  • Wie hast du gewohnt?
  • Gibt es Fotos von dir als Kind?
  • Welche Spielsachen gab es?
  • Welche Spiele hast du am liebsten gespielt?
  • Erinnerst du dich an ein Kinderlied oder einen Reim/Gedicht?
  • Wie war es in der Schule?
  • Wie haben deine Schulsachen ausgesehen?
  • Welche Bücher hattest du?
  • Was hast du am liebsten gegessen?
  • Welche Süßigkeiten gab es?
  • Welches Fest hast du am liebsten gefeiert?
  • War die Religion wichtig?
  • Hast du einen Krieg erlebt?
  • Was wolltest du werden, wenn du erwachsen bist?
  • Kannst du mir noch mehr erzählen aus deiner Kindheit?

Die Projekteinreichung wurde seitens der Jury des Förderwettbewerbes "Interkulturalität und Mehrsprachigkeit – eine Chance!" leider abgelehnt. Ohne finanzielle Unterstützung musste das Projekt umgestaltet werden. Die ursprüngliche Planung sah z. B. die Einbindung indischer Musiker vor – ein beachtlicher Anteil der Kinder der M2 stammte damals aus dem Punjab, sowohl aus dem indischen als auch dem pakistanischen Teil der Region, was politisch/religiösen Zündstoff bedeutet, musikalisch aber keinen großen Unterschied macht.

Ganz ähnlich würde es bei europäischen Großeltern aussehen, deren Leben teils durch den Weltkrieg und die Nachkriegsjahre bestimmt worden war – aber alle hatten schließlich ein Leben gefunden, das sie zu Großeltern der M2-Kinder machte. Gerade die Konfrontation mit den verschiedenen Kulturen, aus denen die Großeltern der Klassenkinder stammen, sollte einen breiten Bogen spannen – verbunden durch die allen Kindern gemeinsame Zuneigung zu den Omas und Opas. Im Jänner 2012 startete das Projekt ohne ExpertInnen, aber mit breiter Unterstützung der Eltern und Großeltern, auf eigene Kosten und reduziert auf Inhalte, die selbst zu stemmen waren – sowie einem Pappkoffer voller alter Sachen aus der Zeit der Großeltern –Kleider, Spiele, Schulutensilien und Spielzeug.

Dem folgte ein Besuch im Technischen Museum Wien, das gerade eine Ausstellung mit alten Dingen präsentierte: viele der von den Großeltern in den Zeitreisepässen erwähnten Gegenstände waren dort zu sehen und wurden in einer Rätselrallye gesucht und notiert. Gar nicht so einfach, denn z. B. eine Waschmaschine sieht heute ganz anders aus als vor 70 Jahren.

Schließlich brachte Pascal vier Kinderlieder mit, an die sich seine koreanische Oma erinnerte. Gesungen hatte sie seine (koreanische) Mutter. Nach den Semesterferien besuchte Rosas Oma aus Vorarlberg die M2, um mit den Kindern Lieder aus ihrer Schulzeit zu singen, dann folgte Afras Vater mit schwäbischen Liedern. Alles wurde aufgenommen und diente als Material für eine Musik-CD, die die Kinder zu Projektende bekommen sollten. Im März wurde endlich das erste "Omablatt" fertig, jenes über Pascals koreanische Großmutter.

> Sechs Blätter aus der Zeitreisepassmappe

Dabei war es besonders schwierig Fotos zu bekommen, denn alles aus ihrer Kindheit war im Koreakrieg verloren gegangen. Die Dinge, die sie als wichtig erwähnt hatte, mussten also mit Fremdbildern illustriert werden: Stöckelschuhe, Fernseher und Minirock und der Koreakrieg. Jedes Blatt enthält auf der rechten Seite eine Zeitleiste, in der das Geburtsdatum des Großelternteils eingetragen ist, ein roter Pfeil markiert die bisherige Lebensspanne, die im Foto des Enkelkindes mündet. Die Weltkugel zeigt das Geburtsland an, ein kleiner Detailplan den Geburtsort. Die Angaben zur Person sind auf Vornamen, Geburtsdatum, Geburtsort sowie die Lebensorte der Kindheit und die Muttersprache beschränkt. Die Texte entstanden in intensiver Diskussion mit den Kindern auf Basis der Angaben, die die Großeltern selbst im "Zeitreisepass" gemacht hatten.

Die Zeitleiste beginnt im Jahr 1890: tatsächlich ist Syeds pakistanische Uroma 1898 geboren und bereits 115 Jahre alt. Im April besuchte Opa Dieter aus Deutschland die Klasse und erzählte als Zeitzeuge, wie das damals gewesen war, als die Schule von Bomben zerstört wurde. Durch den Krieg lernte er seine große Leidenschaft kennen, das CB-Funken. Tatsächlich hatte er sein Funkgerät mit und nahm Kontakt zu anderen Funkern auf, die ebenfalls die Fragen der Kinder beantworteten.

Natürlich erschienen die Berichte dazu im Tagebuch:

> Opa Dieter zu Besuch            > Opa Pankratz                       > Oma Winnie zu Besuch

Die Schluss-CD enthielt neben den Liedern der Großeltern einen Ausschnitt aus dem Auftritt beim Klassenschlussfest mit Trommlern, die übersetzten Texte der koreanischen Lieder, die Aufnahmesessions mit den Großeltern und den Inhalt der Projekt-CD.

> Die übersetzten Liedertxte        > Mit den Großeltern         > Der Inhalt der Projekt- CD

Zum Schlussfest 2012 kamen dann mehr Großeltern als je zuvor. Die 22 fertiggestellten Oma und Opa-Blätter hingen als Ausstellung im Schulhof und waren ein begehrter Lesestoff bei den über 100 Gästen. Das Projekt "Zeitreisepass" wurde von Vielen als das bislang schönste und berührendste Projekt der M2 empfunden, die Resonanz bei den Eltern (und Großeltern) war riesig. Dass es ohne finanzielle Förderung auskommen musste, hat zwar eine Adaptierung des Konzepts nötig gemacht, jedoch zugleich eine Reduktion auf das Wesentliche bewirkt und gezeigt, dass sich aus einer vermeintlichen Unmöglichkeit etwas ganz Wunderbares entwickeln kann.

Erst kürzlich hat eines der Kinder gemeint, wir könnten doch wieder einmal ein Oma- oder Opablatt machen …

> Schlussfestvideo 2012 | Zeitreisepass 1: http://youtu.be/Jg6Bk3Iqi9M
> Schlussfestvideo 2012 | Zeitreisepass 2: http://youtu.be/UH8fs7OkTBc

Tags

jiddische geschicht, jiddische lieder, interkulturalität