Praxis

4/2013 - Medialer Habitus

Witz als fiktionale Textsorte

Methodenvorschlag fürs Radiomachen

AutorIn: Helmut Hostnig

Dieser Beitrag handelt von den Umsetzungsmöglichkeiten und der Gestaltung von Witzen – erzählt von Kindern und Jugendlichen – im Rahmen von Radioproduktionen. Helmut Hostnig erläutert die Struktur von Witzen und bringt praktische Beispiele zu ihrer Umsetzung.

Abstract

This contribution deals with the possibilities of implementing and shaping jokes – as narrated by children and young people – within radio production. Helmut Hostnig explains the structure of jokes and offers practical examples of implementation.


1. Grundsätzliche Überlegungen zur radiofonen Gestaltung von Witzen

Im Zusammenhang mit unserem Vorhaben interessiert nicht, unter welchen Bedingungen welche Witze von Jugendlichen erzählt werden, noch was Spracherwerb und Humorentwicklung miteinander zu tun haben, auch nicht, wie sich kindlicher oder jugendlicher Humor von erwachsenem unterscheidet. Wer sich dafür interessiert, findet Bücher im einschlägigen Fachhandel. Uns wird hier am Witz interessieren, wie ErzählerInnen ihn gestalten, oder andersherum im Zusammenhang mit dem Radiomachen: Welche Erzählfähigkeiten am Witz erprobt und geübt werden können.

Denn das steht fest: Jeder Witz kann so erzählt werden, dass seine Pointe verloren geht. Wie sicher jeder schon einmal feststellten konnte, ist an Witzen bemerkenswert, dass ein und derselbe Witz von zwei Personen erzählt, beim Einen befreiendes Lachen, beim Andern lähmende Peinlichkeit auslösen kann. Wie kommt das? Gleich vorweg: Wer Erwartungshaltungen nicht enttäuschen und gleichzeitig erfüllen, das heißt, diesen dramaturgischen Spannungsbogen nicht herstellen und halten, wer Witze nicht nur nicht folgerichtig, sondern auch nicht effektvoll erzählen kann, sollte es bleiben lassen. Natürlich kommt es auch auf den Witz und seinen Inhalt selbst an. Der Erzähler von Witzen weiß hoffentlich, dass er uns viel über sich selbst verrät.

Wer Political Correctness ernst nimmt, die von der Dudenredaktion als Einstellung definiert wird, "die alle Ausdrucksweisen und Handlungen ablehnt, durch die jemand aufgrund seiner ethnischen Herkunft, seines Geschlechts, seiner Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Schicht, seiner körperlichen oder geistigen Behinderung oder sexuellen Neigung diskriminiert wird", müsste z. B. nicht nur die Blondinenwitze, sondern überhaupt alle Witze aus seinem Repertoire streichen, die auf Kosten von Minderheiten gehen. Wie bei jeder Sprach- und Sprechhandlung kommt es darauf an, in welcher Situation sie stattfindet und welches Ziel mit ihr verfolgt wird. Feststeht: Die meisten Witze schrammen am Diktat der Political Correctness und ernten schon deshalb als Tabubrecher Lachen und Beifall, was u. a. auch der Erfolg vor allem österreichischer Comedians beweist.

2. Formale Merkmale

Die fiktionale Textsorte Witz hat eine meist nur skizzierte Einleitung, welche in die Situation einführt, die zu erzählende Geschichte vorbereitet; hat einen Erzählkern mit Dialog, der die Personen vorstellt, und endet mit einer Pointe, welche als letzte Information alle vorherigen über den Haufen wirft. D. h. sie kann daher wie jede short-story in diesem Dreierschritt dramatisiert werden. Damit aber am Schluss etwas wirklich Unerwartetes geschehen kann, muss dem Teil zwischen Einleitung und Pointe größte Aufmerksamkeit geschenkt werden, d. h. dem Witzhörer muss Information vorenthalten und nur in kleinen Dosen serviert, er muss irregeleitet werden, da nur so Hörererwartungen aufgebaut werden können, die mit der Pointe als Höhepunkt der Erzählung enttäuscht werden. Eigentlich eine double bind Situation.

3. Witzvorschlag

Tabubruch geschieht auch im vorgeschlagenen Witz, in welchem ein Mädchen seinen Eltern einen Brief hinterlässt, in welchem alle klischeebedingten und stereotypen Ängste von Eltern aufgelistet werden, bis ein PS (Post Scriptum) oder Notabene Entwarnung gibt. Dieser Witz dürfte auch in anderen Sprachen kursieren, da ich eine spannende Erweiterung von einem Freund in Frankreich erhalten und übersetzt habe. In diesem wird mit den Ängsten der Tochter gespielt, bis auch diese eine lustige Auflösung finden.

Ausgangssituation

Eine Mutter kommt eines Abends nach Hause und findet folgenden Brief ihrer Tochter.

"Liebe Mutter,

tut mir leid, aber ich muss dir sagen, dass ich das Haus verlassen habe, um mit meinem Freund zu leben. Es ist die Liebe meines Lebens. Du solltest ihn sehen, er ist so niedlich mit all seinen Tätowierungen, Piercings und seinem super Moped. Aber das ist nicht alles, liebe Mama. Ich bin endlich schwanger und Abdul hat gesagt, dass wir ein wunderbares Leben in seinem Wohnwagen mitten im Wald haben werden.

Er will viele Kinder mit mir, das ist auch mein Traum.

Ich habe auch festgestellt, dass Marihuana gut für die Gesundheit ist und Schmerzen lindert. Wir pflanzen es an in unserem Garten für unsere Freunde, damit sie nicht leiden müssen, weil sie heroinsüchtig waren, aber jetzt eine Entziehungskur machen.

Ich hoffe sehr, dass die Wissenschaft bald ein Heilmittel findet, weil Abdul leider an AIDS erkrankt ist. Er würde Dich und Papa auch gern kennen lernen. Mach dir keine Sorgen um mich, Mama, ich bin 15 Jahre, und kann auf mich selbst aufpassen … und die Erfahrung, die ich nicht habe, kann Abdul mit seinen 44 Jahren ausgleichen. Ich hoffe, dass ihr uns bald besucht, damit ihr Euer Enkelkind in die Arme nehmen könnt.

Aber zunächst bin ich mit Abdul und mit seinen Eltern in einem Wohnwagen auf Tour. Wir haben geheiratet. So wird es leichter für ihn, eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen.

Deine dich liebende Tochter.

PS: Unsinn Mama … Ich bin bei den Nachbarn! Ich wollte Dir nur sagen, dass es schlimmere Dinge im Leben gibt als das schlechte Zeugnis, das auf deinem Nachttisch liegt …"

Antwort des Vaters

"Auch ich habe Deinen an die Mutter adressierten Brief gelesen. Sie hatte einen Herzinfarkt und wir mussten sie ins Krankenhaus bringen. Die Medikamente halten sie am Leben. Mein Anwalt hat mir geraten, mich von Dir zu trennen.

Du bist nicht mehr unsere Tochter und wir haben Deinen Namen aus dem Testament gestrichen. Wir haben alle Deine Sachen auf den Müll geworfen und verwenden Dein Zimmer nun als Abstellraum.

Wir haben auch das Schloss an der Tür zur Wohnung ausgetauscht. Versuch nicht, die Kreditkarte zu benützen, weil wir sie gesperrt haben. Das von Dir angesparte Geld verwende ich für die medizinische Behandlung Deiner Mutter.

Versuche nicht, uns anzurufen oder gar um Geld zu bitten. Wir haben auch Deinen Handy-Vertrag gekündigt. Die Spielsachen, Deine Musikinstrumente, Deine CD-Sammlung und die Bilder haben wir dem Nachbarn verkauft. Dem, aus dessen Fenster Du zu uns hinüber geschaut hast, als Du den Brief geschrieben hast.

Ah! Du wirst sicher bald eine Arbeit finden, da wir nicht mehr für Dich aufkommen und weder die Schule, noch Deinen Musikunterricht bezahlen werden. Wenn Du keine Wohnung oder Arbeitsplatz finden solltest, geh zu Paulo. Das ist jemand, den ich in der Armee kennen gelernt habe. Was er heute macht, weiß ich nicht. Aber er hat gemeint, dass Du ruhig zu ihm nach Turkmenistan kommen könntest. Du könntest dort als Zweitfrau helfen, seine 8 Kinder zu betreuen. Ich hoffe, Du wirst glücklich in Deinem neuen Leben. Der Mann, den Du einmal Papa genannt hast.

PS: Mein Liebling. Ist ein Witz! Ich schaue gerade TV mit Deiner Mutter, der es sehr gut geht. Ich wollte Dir nur zeigen, dass es Schlimmeres gibt, als die nächsten 8 Wochen mit Hausarrest ohne Fernsehen zu verbringen, zur Strafe für Deinen kleinen Scherz."

Hier ein Beispiel für die Umsetzung zum Nachhören.

4. Witzanalyse

Dieser Witz macht als fiktionale Textsorte vielerlei textkritische Auseinandersetzung möglich, aber erlaubt auch eine Interaktion zwischen Kind/Jugendlichem und Erwachsenem im schulischen Rahmen. Wie jeder gute Witz hat er zwei voneinander unabhängige Bedeutungsebenen. Die erste listet alle Ängste von Eltern einer pubertierenden Tochter auf, die zweite wird erst mit Textende aufgedeckt und handelt von der Angst der Tochter, die wegen eines schlechten Zeugnisses die Strafe der Eltern fürchtet. Beide Bedeutungsebenen würden sich eignen, z. B. im Rahmen einer Radiosendung den Witz zum Teaser zu machen, der zum Thema hin- und zum Weiterhören verführt.

Vorschläge für eine Diskussion im Vorfeld der szenischen Gestaltung

  1. Könnte dieser vielschichtige Witz auch funktionieren, wenn ein männlicher Jugendlicher einen solchen Brief schreibt? Eher nicht. Woran liegt das?
  2. Wie könnte die Reaktion der Eltern auf die Eröffnung einer Jugendlichen ausfallen, dass sie (reduzieren wir den Brief auf diese 2 Aussagen) sich in einen Freund nicht österreichischer Herkunft verliebt hat … und/oder mit 15 schwanger ist?
  3. Übertragen wir die Beispiele auf die Situation einer Jugendlichen in einer nichtösterreichischen Herkunftsfamilie. Wie könnte z. B. die Reaktion muslimischer Eltern auf die Eröffnung einer Jugendlichen ausfallen, die sich in einen österreichischen Freund verliebt hat … und/oder mit 15 schwanger ist?

5. Aufgabenstellungen

5.1. Aufgabenstellung

Übertrage den Witz ins Medium Radio, indem Du bei seiner Dramatisierung so vorgehst, dass weder die handlungslogische Reihenfolge, noch die Pointe verloren geht! Überlege, in wie viele Szenen Du die Geschichte zerlegen willst, welche Personen vorkommen sollen, ob es einen Erzähler oder eine Anmoderation braucht und welche Geräusche notwendig sein könnten, um die Orte des Geschehens oder einen Ortswechsel akustisch einzuführen.

5.2. Weiterführende Aufgabenstellung

Natürlich spielen die kulturellen Rahmenbedingungen, unter welchen Jugendliche aufwachsen auch in Bezug auf Erwartungshaltungen und Ängste ihrer Eltern eine große Rolle. Wie könnten diese Ängste bei muslimischen Eltern ausschauen? Konkret: Wie müsste der Brief eines Mädchens mit migrantischem Hintergrund verfasst sein, welche Klischees und Stereotypen könnten dort fest- und hörbar gemacht werden?

5.3. Weiterführende Aufgabenstellung

Wie bei jeder Textsorte sollte man sich nicht sklavisch an die Vorlage halten? Der Witz hat ja ein Vorspiel? Warum traut sich das Mädchen nicht heim? Da könnte ein innerer Monolog oder ein Gespräch des Mädchens mit seiner Freundin seine Sorgen und Nöte schildern, wenn es mit schlechten Noten aus der Schule kommt. Vielleicht entwickeln beide im Gespräch den Plan, einen Brief zu schreiben.

5.4. Weiterführende Aufgabenstellung

Um mehrere Personen in den Witz mit einzubeziehen, könnten nicht nur jüngere oder ältere Geschwister, sondern neben der Mutter auch der Vater/Onkel/Großvater/Vormund und die Schule ins Spiel kommen.

5.5. Weiterführende Aufgabenstellung

Auch könnte ja gefragt werden, wie die Geschichte ausgeht? Hat der Brief etwas bewirkt? Hat er die Eltern nachdenklich gestimmt?

Wie müsste der Witz gestaltet werden, wenn der Brief des Vaters mitverhandelt wird?

6. Andere Witzbeispiele

Der Witz beginnt mit einem Loch in der Hose. Der Vater möchte wissen, wie dieses Loch entstanden ist und erfährt so nach und nach alles, was sein Bub angestellt hat: Und diese Bubenstreiche beginnen harmlos (Streit mit Nachbars Kind, Einschlagen der Fensterscheibe des Nachbarn usw.), finden aber ihren dramatischen Höhepunkt im Totalschaden des kürzlich gekauften Autos.

Er spielt also mit den Ängsten seines Vaters, der stolz auf sein neues Auto ist. Er spielt nicht nur mit ihnen, er macht ernst. So hat er den Schaden auf der Kühlerhaube – ein mit Schlüssel eingeritzter Indianer – dadurch behoben, dass er mit dem Wagen gegen die Mauer gefahren ist. Nach der Logik des Knaben: Kühlerhaube weg, Indianer weg.

Hier ein Beispiel zum Nachhören.

7. Vorschlag

Als Einübung für die etwas komplexeren fiktionalen Witze sollte vielleicht mit Witzparodien oder noch besser mit Dialogwitzen begonnen werden. Diese haben ein leicht durchschaubares Schema …

7.1. Beispiel für Witzparodie oder Rätselwitze

"Kennst Du den Unterschied zwischen einer Taube? Es gibt keinen: Beide Beine sind gleich lang, besonders das linke."

Oder:

"Ich geb dir nun ein Rätsel auf! Das erste ist ein Vogel, das zweite ein Waffenstück, das ganze ein österreichischer Dichter. – Weiß nicht! – Ganz einfach. Denk nach! – Weiß ich nicht. Was? Wer? – Grillparzer. – Aber Parzer ist doch kein Waffenstück! – Schon richtig. Aber Grill ist auch kein Vogel, oder?”

Dieser Witz hat also folgende Erzählstruktur: Problemfrage – Antwort des Hörers (der allerdings kein Spielverderber sein darf, sondern raten muss) – Lösung

Und wie setzt man nun Witze für das Radio um? Witzesammlung anlegen – Witze auf ihre radiofone Umsetzbarkeit prüfen – kleine Dialogwitze in Szenen zerlegen – Geräusche aufnehmen oder lizensierte suchen – anmoderieren – Abspann … und fertig.

Viel Spaß!


Buchempfehlung

Marfurt, Bernhard: Textsorte Witz: Möglichkeiten einer sprachwissenschaftlichen Textsorten-Bestimmung, Berlin: Walter de Gruyter.

Tags

medienerziehung, radio, dramatisierung von witzen, methodenvorschlag