Praxis

4/2013 - Medialer Habitus

Die Plattform Medienbiografie

Medienbiografie in der Aus-, Fort- und Weiterbildung von LehrerInnen

AutorIn: Christian Nosko

Wenn die eigene Medienbiografie Nutzungsmuster und Einstellungen gegenüber Medien in hohem Maß beeinflusst, dann stellt die Beschäftigung damit in der Aus-, Fort- und Weiterbildung von LehrerInnen ein unumgängliches Element dar. Christian Nosko präsentiert die Plattform "Medienbiografie".

Wenn die eigene Medienbiografie Nutzungsmuster und Einstellungen gegenüber Medien in hohem Maß beeinflusst, dann stellt die Beschäftigung damit in der Aus-, Fort- und Weiterbildung von Lehrerinnen ein unumgängliches Element dar. Der Beitrag präsentiert die Plattform "Medienbiografie", die umfangreiche Möglichkeiten zur Auseinandersetzung mit der Thematik bietet.

1. Mediennutzung und Medienbiografie

"Pädagogik muss gleichzeitig auch Medienpädagogik sein", stellt der Grundsatzerlass zur Medienerziehung 2012 unmissverständlich fest: Durch das Unterrichtsprinzip "Medienerziehung" sind LehrerInnen verpflichtet, auf dieses in allen Unterrichtsgegenständen fachspezifisch Bedacht zu nehmen. In den Lehrplänen gibt es genügend Abschnitte, die die Nutzung von Medien für Lehren und Lernen ("Werkzeug") sowie die Wahrnehmung von Erziehungs- und Bildungsaufgaben im Medienbereich ("Unterrichtsinhalt") fordern (vgl. Tulodziecki 2005: 368). Zahlreiche Studien und Publikationen (vgl. Krucsay 2009) lassen jedoch befürchten, dass sich der Einsatz von (digitalen) Medien in der Schule anders als erwünscht und höchst inhomogen gestaltet. Die Gründe dafür scheinen vielfach und können hier auch nicht annähernd vollständig diskutiert werden. Eine Ursache für diesen mangelnden  Medieneinsatz ist aber sicher in der persönlichen Medienbiografie der jeweiligen LehrerInnen zu finden.

Schoett (2009: 57) versteht Medienbiografie als den medienbezogenen Teil der Biografie.  Die Medienbiografie ist keine von der Biografie entkoppelte Lebensbeschreibung, sondern ein Teil davon. Hoffmann (2011: 273) betont die Bedeutung der Medien in der Biografie: "Medien spielen im Alltag der Menschen zumindest quantitativ eine große Rolle und haben als symbolisches Archiv, als Spiegel von Menschen und ihrer Zeit biografische Relevanz". Obwohl wir eine nicht zu unterschätzende Zeit mit dem Konsum von Medien verbringen (vgl. dazu etwa http://ard-zdf-onlinestudie.de), scheinen die Medien in der Darstellung der eigenen Biografie einen untergeordneten Stellenwert einzunehmen. Pöyskö (2009: 3) verdeutlicht das mit den Worten: "Der volle Rucksack an Medienerinnerungen, den jede/r von uns mitschleppt, ist den meisten zunächst nicht bewusst".

2. Bedeutung der Medienbiografie

Die Medienbiografie darf nie als abgeschlossen und erledigt in der Vergangenheit angesehen werden, sondern ist stets präsent und wirkt auch in die Zukunft. Dies hat nicht nur für das Individuum selbst, sondern auch für seine Umgebung Konsequenzen. Lehrende, die in einer bewahrpädagogisch geprägten Umgebung aufgewachsen sind, nutzen Medien oder beurteilen den Medieneinsatz anderer vermutlich völlig anders als Lehrende, die auf eine intensive, reflektierte Nutzung von Medien zurückblicken können. Kommer (2006: 168) bestätigt diesen Zusammenhang, indem er auf das Konzept des "medialen Habitus" in Anlehnung an den Habitusbegriff von Bourdieu (1982) verweist: Demnach werden Nutzungsmuster, Vorlieben, Abneigungen sowie Urteile über Medien als Ausdruck eines "medialen Habitus" interpretiert, der im Sinne eines subjektiven Systems verinnerlichter Strukturen Handlungsweisen und Einstellungen präformiert. Da nach Kommer (2006: 169) dieser Habitus den Umgang mit Medien manifestiert wird deutlich, warum Schulungen auf rein technischer Ebene nur selten Veränderungspotential in Hinblick auf den Medieneinsatz von LehrerInnen haben. Daher scheint es zur Lösung dieser Problematik wesentlich hilfreicher, sich mit der eigenen Medienbiografie auseinander zu setzen.

3. Auseinandersetzung mit der eigenen Medienbiografie

Nach Hoffmann (2011: 274) heißt medienbiografisches Arbeiten, "über die eigenen Medienvorlieben und die eigene Art und Quantität der Mediennutzung nachzudenken. Das Nachdenken ist dabei eher rückwärts gewandt, beinhaltet aber eine Perspektive nach vorn." Nach Pöyskö (2009) soll diese Auseinandersetzung ermöglichen, die Funktion der Medien im eigenen Alltag besser und ganzheitlicher zu verstehen, die eigene Medienbildung zu hinterfragen und ein besseres Verständnis für das Mediennutzungsverhalten der Kinder und Jugendlichen zu entwickeln. Gerade in einer Zeit, in der die technische Entwicklung so rasant vorangetrieben wird, stehen Erwachsene schnell Medien gegenüber, die ihnen fremd, überflüssig oder bedrohlich scheinen: Ablehnung oder Feindseligkeit resultiert meist aus dieser Überforderung. Dieser Konflikt kann in der medienbiografischen Arbeit sichtbar gemacht werden: "Verständnis kann wachsen" (Hoffmann 2011: 275).

Für die Auseinandersetzung mit der eigenen Medienbiografie und zum Aufrollen der Ergebnisse beschreibt beispielsweise Pöyskö (2009) eine Fülle an Methoden, die von der Einzelarbeit bis hin zu Gruppengesprächen reichen. Da die Auseinandersetzung mit der Medienbiografie neben allgemeinen, oberflächlichen Aspekten eine stets auch sehr persönliche Sache ist, betont Pöyskö (2009: 3) als Grundvoraussetzung ein "Vertrauen und ein Klima des gegenseitigen Wohlwollens", was in Folge auch beitragen kann zur "Entstehung eines Gruppenklimas", das "das gegenseitige Vertrauen stärkt".

Pöyskö (2009) und Hoffmann (2011) ist in ihren Überlegungen eine Sammlung von Fragen gemeinsam, die von den teilnehmenden Personen bearbeitet werden soll. Diese Fragen fokussieren auf verschiedene Medien, Figuren, Gewohnheiten sowie Nutzungsverhalten in der Vergangenheit. Die Ergebnisse sollen in Folge erzählt, schriftlich festgehalten oder auch mit Bildern und Musik präsentiert werden. Zusätzlich schlägt Hoffmann (2011: 277) auch den Einsatz einer Zeitachse vor, die Stichworte zu chronologisch geordneten Medienereignissen enthält.

4. Plattform "Medienbiografie"

Die Plattform "Medienbiografie" entstand im Rahmen einer Blended Learning-Initiative von Vizerektorin N. Grosser an der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Wien/Krems und ist unter http://pro.kphvie.ac.at/medienbiografie frei zugänglich. Sie wurde für alle an der eigenen Medienbiografie Interessierten eingerichtet, wobei sie sich besonders an Lehramtsstudierende sowie LehrerInnen richtet: Die Studieneingangsphase, Lehrveranstaltungen zur Medienpädagogik (beispielsweise Mediendidaktik oder Medienerziehung) und EPICT-Kurse (European Pedagogical ICT Licence, http://epict.virtuelle-ph.at) empfehlen sich für den Einsatz der Plattform. Methodische Hinweise wurden bereits in diesem Beitrag diskutiert, exemplarisch sei nochmals auf Pöyskö (2009) verwiesen.

Die Plattform "Medienbiografie" ist aus folgenden Bereichen aufgebaut:

  • Einleitung
  • Mediengeschichte
  • Meine Medienbiografie
  • Fernsehen
  • Bücher und Zeitschriften
  • Computerspiele
  • Kommunikation
  • Musik
  • Deine Medienbiografie

Die "Einleitung" führt in die Thematik ein und bietet Literaturhinweise, Links sowie eine Beschreibung der Plattform. Der Bereich "Mediengeschichte" enthält eine Zeitleiste zur Mediengeschichte: Beginnend mit der Keilschrift bis zur Gegenwart wird die Geschichte der Medien dargestellt, wobei besonderer Wert auf die Bedürfnisse der Zielgruppe gelegt und eine (sich oft aufdrängende) Techniklastigkeit vermieden wurde. Die Zeitleiste erhebt dabei keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern zeigt Meilensteine auf. Es liegt in der Natur der Sache, dass die Relevanz von Ereignissen unterschiedlich bewertet wird – dadurch mögen Meilensteine als fehlend oder auch als überflüssig bewertet werden. Die Zeitleiste wird regelmäßig aktualisiert und erweitert: So wurden mittlerweile auch der Grundsatzerlass Medienerziehung (2012) oder das erste OER (Open Educational Resources) Biologie-Schulbuch (2013) aufgenommen.

Der Zeitleiste kommen verschiedene Funktionen zu:

  • Sie soll zur Orientierung in der Mediengeschichte dienen.
  • Sie soll helfen, bereits Vergessenes oder nur mehr bruchstückhaft in Erinnerung gebliebene Ereignisse wieder ins Gedächtnis zu rufen.
  • Sie soll Interesse wecken und durch integrierte Links zu einer tiefergehenden Auseinandersetzung mit der Thematik führen.
  • Sie soll dazu beitragen, falsch in Erinnerung gebliebene Fakten – wie etwa Jahreszahlen, Funktionsbeschreibungen oder Zusammenhänge – zu beseitigen.
  • Sie soll die Frage nach der Aktualität in der Schule eingesetzter Medien ins rechte Licht rücken, wenn es darum geht, wie "neu" die Medien nun tatsächlich sind.
  • Sämtliche Fotos, die in der Zeitleiste zu sehen sind, stehen unter einer Creative Commons Lizenz. Zum einen sollen dadurch Urheberrechtsverletzungen ausgeschlossen werden, zum anderen soll auf dieses, besonders für LehrerInnen, hilfreiche Lizenzmodell explizit hingewiesen werden.

Der Bereich "Meine Medienbiografie" umfasst Fragen zur Medienbiografie, wie sie auch von anderen AutorInnen gestellt werden. Die Beschäftigung mit diesem Bereich stellt in den meisten Fällen die Basis der medienbiografischen Arbeit dar.

Als Weiterführung und zur vertiefenden Auseinandersetzung bietet die Plattform "Medienbiografie" fünf Kategorien: "Fernsehen", "Bücher und Zeitschriften", "Computerspiele", "Kommunikation" und "Musik". Diese Kategorien bauen nicht aufeinander auf und stellen keinen Anspruch auf eine vollständige Abbildung der Medienlandschaft, sondern beleuchten schwerpunktmäßig einzelne Aspekte der Mediennutzung und ermöglichen so einen ansprechenden Zugang. Eine Beschäftigung damit scheint nach der Auseinandersetzung mit dem Bereich "Meine Medienbiografie" sinnvoll, aber nicht unbedingt zwingend.

Jede dieser Kategorien beinhaltet folgende Punkte:

  • Arbeitsauftrag
  • Allgemeine Diskussionsfragen
  • Persönliche Fragen
  • Diskussionsfragen für Studierende und Lehrende
  • Material

Der "Arbeitsauftrag" bietet in aller Kürze Vorschläge zur Auseinandersetzung mit der jeweiligen Kategorie. Während die "Allgemeinen Diskussionsfragen" eine eher oberflächliche Auseinandersetzung und Diskussion zulassen, widmen sich die "Persönlichen Fragen" wesentlich stärker der individuellen Medienbiografie einer Person: Sollte es TeilnehmerInnen geben, die diese persönlichen Erinnerungen nicht vor der Gruppe reflektieren möchten, so wäre es auch denkbar (aber vermutlich nicht empfehlenswert), die persönlichen Fragen ohne Austausch alleine bearbeiten zu lassen.

Die "Diskussionsfragen für Studierende und Lehrende" laden darüber hinaus zur Reflexion von Fragen ein, die einen verstärkten Bezug zu Schule und Unterricht haben.

Zusätzlich enthält jede dieser Kategorien noch weiteres Material, beispielsweise Text, Audio, Bild und Video: Es soll nicht nur wegen seines Alters oder mittlerweile kurios anmutender Eigenheiten unser Interesse wecken, sondern auf vielfältige Weise einen historischen Rückblick ermöglichen. So ist es beispielsweise für Jugendliche mittlerweile nicht mehr nachvollziehbar, was das Wort Sendeschluss bedeutet: Wie kann es sein, dass auf einem Fernsehsender NICHTS mehr zu sehen ist?

Im Bereich "Deine Medienbiografie" erzählen Menschen Episoden medialer Natur aus ihrem Leben und laden zum Anhören ein. Die Audio-Vignetten regen zum Nachdenken, Schmunzeln und Diskutieren an: Ein Kindergartenkind, das ausführlich über seine Medienvorlieben und Berufswünsche erzählt, bietet Anlass zur Überlegung, mit welcher Medienbiografie Kinder in die Volksschule kommen könnten. Eine Studierende im 1. Semester, die während einer Hospitation von einem Volksschulkind nach ihrem Smartphone gefragt wird und sich sichtlich verblüfft tradierter Aussagen bedient, führt zu einer Auseinandersetzung mit der Frage, welche Handlungsalternativen möglich wären.

5. Abschließende Gedanken

Die Auseinandersetzung mit der eigenen Medienbiografie wendet sich in die Vergangenheit und blickt dabei in die Zukunft, sie schafft Verständnis. Die Beschäftigung mit der eigenen Medienbiografie sollte daher fixer Bestandteil in der Aus-, Fort- und Weiterbildung von Lehrerinnen und Lehrern sein ‑ die Plattform "Medienbiografie" kann dazu einfach eingesetzt werden und bietet vielfältige Möglichkeiten: Arbeitsaufträge, Reflexionsfragen, eine Zeitleiste zur Mediengeschichte, ergänzende Materialien und auch Audio-Vignetten sind hier vereint. Hinweise zur vertiefenden Auseinandersetzung mit der Thematik sind an mehreren Stellen gegeben.


Literatur

Bourdieu, Pierre (1982): Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Hoffmann, Bernward (2011): Medien und Biografie: "Sie sind ein Stück von Deinem Leben", in: Hölzle, Christina/Jansen, Irma (Hg.): Ressourcenorientierte Biografiearbeit. Grundlagen – Zielgruppen – Kreative Methoden, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 273–278.

Kommer, Sven (2006): Zum medialen Habitus von Lehramtsstudierenden. Oder: Warum der Medieneinsatz in der Schule eine so "schwere Geburt" ist, in: Treibel, Annette/Maier, Maja S./Kommer, Sven/Welzel, Manuela (Hg.): Gender medienkompetent, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 165–178.

Krucsay, Susanne (2009): Assoziationen zu Dokumenten und wohlklingenden Worten, online unter: http://medienimpulse.at/articles/view/105 (letzter Zugriff: 08.12.2013).

Pöyskö, Anu (2009): Medienbiographie – ein Leben voller Medien. Magazin erwachsenenbildung.at. Das Fachmedium für Forschung, Praxis und Diskurs, Ausgabe 6, online unter: http://erwachsenenbildung.at/magazin/archiv.php?mid=413 (letzter Zugriff: 08.12.2013).

Schoett, Silja (2009): Medienbiografie und Familie – Jugendliche erzählen. Theorie und Methode der medienbiografischen Fallrekonstruktion, Berlin: LIT Verlag.

Tulodziecki, Gerhard (2005): Schule und Medien, in: Hüther, Jürgen/Schorb, Bernd (Hg.): Grundbegriffe Medienpädagogik, München: kopaed, 367–374.

Tags

medienbiografie, lehrerinnenbildung