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4/2013 - Medialer Habitus

Besprechung des Filmes ‚Good – Das Gute bewahren, wenn das Böse immer stärker wird‘

AutorIn: Katharina Mildner (Sontag)

Katharina Luckner berichtet von Vincente Amorims Film "Good", der das Mitläufertum im Nationalsozialismus eingehend thematisiert und dabei grundlegend die Frage nach dem Guten und dem Bösen stellt. In der Hauptrolle brilliert Viggo Mortensen.

Originaltitel: Good
Produktion: Großbritannien, Deutschland
Jahr: 2008
Regie: Vincente Amorim

Deutschland in den 1930er-Jahren – der junge Literaturwissenschaftler Johan Halder wird von seinem Leben auf vielfältige Art und Weise gefordert: seine Frau Helene benötigt seine Unterstützung im Haushalt und schafft es nicht alleine, sich um die beiden gemeinsamen Kinder zu kümmern. Zudem pflegt er seine an Alzheimer erkrankte Mutter. Und an der Universität, an der er lehrt, stiftet das Aufkommen der Nationalsozialisten Unruhe unter seinen Studenten.

Als sich dann die junge Studentin Anne an ihm – sowohl als Lehrendem, als auch als Privatperson – interessiert zeigt und sich zwischen der naiven, von der Begeisterung der breiten Massen angesteckten jungen Frau und dem hingerissenen Halder eine anfängliche Affäre und spätere Beziehung entwickelt, werden die Zweifel am NS-Regime in ihm immer leiser. War Johan Halder bisher aus Überzeugung nicht der NSDAP beigetreten, so erscheint es ihm nun weniger problematisch und sogar förderlich, da nur Parteimitgliedern die Promotion ermöglicht wird. Mit dieser Entscheidung setzt er jedoch die langjährige Freundschaft mit seinem jüdischen Psychoanalytiker Maurice aufs Spiel, welcher Johan in seinem Wandel nicht mehr wiederzuerkennen scheint. So antwortet Halder auf Maurice’ Frage, ob er die Überzeugungen der Nazis teile, etwa: "Das spielt keine Rolle. Tatsache ist, dass sie an der Macht sind".

Dabei wird Halder jedoch keineswegs als 'der' überzeugte Nazi dargestellt, den er nach außen hin zum Teil gibt, sondern als typischer Mitläufer und Profiteur des Regimes, der – anfangs noch seine Familie schützend – nun lediglich noch auf seinen Vorteil bedacht zu sein scheint und sich in die SS aufnehmen lässt. Die von ihm erwartete Gegenleistung besteht in einigen Texten, welche das Euthanasieprogramm der Nazis als moralisch einwandfreie und menschlich wünschenswerte Praxis des Mitgefühls darstellen sollen. Obwohl er das von ihm Gewünschte hinterfragt und sich dahingehend abzusichern versucht, welchen Sinn sein Beitrag haben soll und nicht überzeugt davon zu sein scheint, dass der Zweck bzw. die Nutzung seines Beitrages ethisch und moralisch unbedenklicher Art sind, bringt er seine inneren Zweifel zum Schweigen und tut, was von ihm verlangt wird.

Auch auf die immer dringlicher werdenden Bitten seines ehemals engen Freundes Maurice, ihm bei der Ausreise aus dem nationalsozialistischen Deutschland zu helfen, reagiert er ausweichend und erklärt, dass ihm die Hände gebunden seien. Erst im Zuge der Reichskristallnacht, in der er die brutalen Ausschreitungen gegen jüdische Mitmenschen selbst miterlebt und nicht mehr leichtfertig wegsehen kann, bekommt er es regelrecht mit der Angst um seinen Freund zu tun. Nachdem der Versuch, Maurice in den Unruhen dieser Nacht zu finden und ihn in Sicherheit zu bringen, scheitert und er im Anschluss daran vom Verrat seiner Lebensgefährtin Anne erfährt, die seinen Hilfe suchenden Freund an die Nazis verraten hat, begibt er sich – vom schlechten Gewissen und vom Bewusstsein seiner eigenen Schuld gequält – auf die Suche. Die 'Mission', Maurice zu finden und zu retten, führt Halder schließlich ins KZ und konfrontiert ihn auf brutale Art und Weise mit den verbrecherischen Praktiken, an denen er sich als Nazi mitschuldig gemacht hat.

Auf eindrucksvolle Art und Weise gelingt es dem Film von Vincente Amorim – wesentlich dem hervorragenden Spiel des Hauptdarstellers Viggo Mortensen geschuldet – die Bedingungen aufzuzeigen, unter denen es möglich war, auch gebildete, vernünftig denkende Menschen zur Förderung eines menschenverachtenden Regimes zu bewegen, welches sie blind für ihr eigenes Moralempfinden machen und ihr Mitgefühl anderen Menschen gegenüber betäuben konnte. Halders Veränderung, seine 'Verführung' zum Nazi vollzog sich nicht auf Basis einer eindeutigen, von Überzeugung getragenen Wende hin zum NS-Regime und dessen Ansichten, sondern im Rahmen zahlreicher kleiner Entscheidungen und im Eingehen von Kompromissen, in denen er es vorzog, wegzusehen oder zu schweigen.

Dem Zuseher wird am Ende des Filmes keine Auflösung geliefert – sie bleiben mit Johan Halder am Ort des Schreckens und der Verbrechen zurück und werden regelrecht dazu genötigt, sich von Halders Bewusstwerdungsprozess überwältigen zu lassen.

Der Film 'Good' basiert auf dem gleichnamigen Theaterstück von Cecil Philip Taylor, welches 1981 in England uraufgeführt wurde.

Tags

nationalsozialismus, mitläufer, ethik, shoah